Di, «ossauisL« Allg-Mtint Zeitung ertoetnf. Sonn, ausgenommen, täglich. Preis: viertel,ahn» für Wiesbaden unb benotn nnbS«^Mfn Postbez.rk
Nassauische Allgemeine Leitung.
vesteNungkn nehmen an in WieSLaden bie ffxprbifion (2ßiI6. Frikdrich'scke Buckhandlung, Langgaffe Nr. 42,) auSwâriS alle Postanstallen. — Inserate: bie vier- spaltige Petitzeile oder beten Raum 3 kr.
Wiesbaden. 1834 Nr. 88. Donnerstag, 13 April.
£ Kranke Zustände I.
In Kaden, dem so schönen und von der Natur so reichlich gesegneten Lande, will es immer noch nicht recht woimlich werden. Jahrzehnte lang vor der letzten Revolution blühten dort der Alles zersetzende^ s. g. französische Constitutionalismus und der trostlose in Kirche und Staat zerstörende Rationalismus in größter Ueppigkeit, und beide ernährten an ihren vergiftenden Brüsten eine „Bureaukratie" und ein „gebildetes" Philisterthum, deren schädliche Einwirkung auf das Staatsleben sich nur zu bald und unausgesetzt bethätigte. Ein großer Theil dieser Bureaukratie und dieser „Gebildeten" bat nun Anno 1849 die Probe bestanden, welche aber leider darin bestand, baß sie dem edlen Großherzog Leopold theils schmählich die beschworene Treue brachen, theil« diesen ihren Fürsten in seiner Noth feig im Stiche ließen, und mit der Revolution Hand in Hand gingen.
Die unglückliche Behandlung der Kirchensrage, bei welcher die Demokratie offenbar die beßten Geschäfte macht, bietet jenen Treulosen — nun eine günstige Gelegenheit dar, sich wieder weiß zu brennen, und die scheinbar zahm, royal und loyal gewordene Demokratie stößt nun mit ihnen in das Horn : „katholische Freischärler." Diese „katholischen Freischärler" sind nun aber der größte Theil derjenigen Badener, welche, al« 1849 Alles wankte und wich, ihrem Fürsten allein die Treue bewahrten und sich der Verfolgung und Mißhandlung der Revolution mannhaft aussetzten. Jenes Feld- geschrei gegen die Katholiken wird nun auch über die Marken des tief aufgeregten badischen Landes hinaus von dem jetzt wieder tapfern Troß jener erhoben, welche gleiche „Gc- finnungstüchtigkeit," wie ihre badischen Genossen, seiner Zeit bewiesen haben. Es ist in der That ein evidenter Beweis der Charakterlosigkeit der Zeit, wenn man hört, wie auch außerhalb Baden geistliche und weltliche Zionswächter sich dermalen ein eifriges Geschäft daraus machen, bei protestantischen Fürsten die katholischen Unterthanen , welche in der Zeit der- Prüfung — 1848 und 1849 — offenkundig in ihrer Treue nie gewankt haben, bezüglich ihrer Treue zu verdächtigen, während jene ZionSwächter vor dem demokratischen Pöbel da. malS in den Staub sanken oder mit ihm und seinen Führern gemeinschaftliche Sache machten. Mit widerlicher Frechheit behauptet man von Seiten dieser Helden sogar: Der Katho- licismus sei 'seinen Principien nach revolutionär. Es kann uns nicht einfallen wollen, die katholische Kirche gegen einen solchen politischen Irrsinn — wenn die perfide Behauptung vielleicht bei irgend Jemand zu seinem eigenen Nachtheile ein williges Ohr finden sollte — zu vertheidigen. Die achtzehn- sipndortjäLrige. L^sLiâ der- lâoUfchLw-Kikche-imd chte-Ka- Millionen lehren ein Anderes und jeder urtheilsfähige kann sich aus beiden leicht eines Bessern belehren. Für die Leser dieses Blattes wird jedoch die Ansicht des großen englischen Geschichtschreibers Macaulay über diesen Gegenstand um so interessanter sein, als aus dessen Schriften mit Evidenz hervorgeht, daß er, der, — zur englischen Kirche zählend und ein Whig — die katholische Kirche sehr häufig, politisch und confessionell befangen, unrichtig beurtheilt, sicherlich kein Kryptokatholik ist, wie man diejenigen protestantischen Schriftsteller Deutschlands dermalen so gerne bezeichnet, welche die katholische Kirche unbefangen zu beurtheilen sich bemühen.
In seiner Rede vom 19. Febr. 1844 über den Zustand Irlands sagte Macaulay im Unierhause: „Besteht irgend eine natürliche Verbindung zwischen der katholischen Glaubenslehre und den politischen Grundsätzen der Whigs und derjenigen Reformer, welche noch demokratischer als die Whigs sind? Es besteht nicht nur keine natürliche Verbindung, sondern so
Aus dem Tagebuch eines Malers.
cSmlnß.>
Ich entfernte mich unbemerkt aus dem Gemach und entsandte den Diener mit einer Bleistiftnotiz an den mir befreundeten Luzerner Arzt, dessen ich schon gedachte. — Als ich das Zimmer wieder betraf, hatte sie die Augen geöffnet und sah mit Befriedigung, daß ich nicht ganz fortgegangen war. „Es läßt sich," fing sie wieder an, „aus meiner Lebensgeschichte gar nichts lernen, renn eS ist eine reine Schicksals- geschichte; ich weiß selbst keinen Schritt meines Lebens, den ich, wie« verholten sich die ganz gleichen Verhältnisse, anders thun könnte als ich ihn gethan. Und doch möchte ich gern zu Ende erzählen; es thut mir wohl, einmal zu beichten. Haben Sie noch etwas Geduld? - Ich bat sie fortzufahren, aber alles bei Seite zu lassen, was sie erregen und ihren Zustand verschlimmern könnte. „Wenn Sie erst ganz wieder hergestellt sind," setzte ich hinzu, „will ich schon ans Ihnen herauslocken, was Sie mir jetzt etwa verschweigen müssen."
Sie lächelte ungläubig, dann sprach sie: „Darum sagte i: , Ihre parallele treffe nicht zu. Sie waren frei - ich bin verhci-athct." \iclt einige Minute inne, als lasse sie die folgende Abschnitte ryres Lebens im Geist vorüberzieheii; ihre Stirne trübte sich und sie kort: „Ich hatte über die Ehe imitier nur von dem einen Gesichtspunkt aus nachgedacht, daß sie ein Mittel fei , bem Elende in ber gewöhnlichsten Bedeutung des Worts zu entgehen. Ich mache mir keinen Vorwurf darüber, denn die Armuth hatte mich überfallen ctn ^tc® 111 6er Nacht, unb durch die Sorge um meine kleine Soester war ich dahin gekommen, den Mangel, die wirkliche Dürf« f $t£tf?^e Gespenst zu betrachten, bad alle andern
überlebt hat und überleben wird. Mein Herz hatte niemals gespro- niemer ersten Kindheit waren zu stark gewesen, nicht über bte ersten Iugendjahre hinaus hätten Vorhalten wuhte ich denn nicht was Liebe war, viel weniger kam ben kan^^" ^i"" in abnen, wozu ein ganzes Dasein ohne sie wer«
raum^^nn Hochzeittag war festgetzi und bis dahin nur noch ein Zeit- erlanatm .^^" J’^Vimaiben. Ich freute mich des plötzlich ni ben bS^ ^ b^un Muth zu fassen und von der
watbTÄ zu einer fast krankhaften Heiterkeit über«
zugehen, wie sie plötzlicher Wechsel nicht selten in seinem Gefolge hat.
gar ein natürlicher Gegensatz Unter allen christlichen Secten *) stellen die Katholiken die Autorität des Alterthums, der Ueberlieferung, des unvordenklichen Gebrauchs am Höchsten. Ihr Geist ist außerordentlich cou scrvativ, ja nach der Meinung aller Protestanten bis zu einem unverständlichen und verderb lichcn Grad coiiservativ. **) Ein Mann der von Kindheit an gelehrt worden ist, jede Neuerung in Glaubenslehren mit : Abscheu zu betrachten, ist gewiß weniger geneigt, als ein anderer in der Politik ein kühner Neuerer zu sein. Es ist wahrscheinlich, daß ein eifriger Katholik , wenn keine störende Ursache dazwischen träte, ein, Tory sein würde, und die Katholiken waren alle Tories, bis sie durch ihre Verfolgung dem Whigismus und Radicalismus zugetrieben wurden. Wie viele Katholiken gab eS im Bürgerkrieg im Fairfaxbeer? Ich glaube nicht Einen. Sie standen Alle unter dem Banner Karls I. Als auf Karl II., lebend oder todt, ein Preis von fünftausend Pfund gesetzt wurde, als ihn verbergen die höchste Gefahr, gehängt zu werden, herauSfordern hieß, da war es unter den Katholiken , wo er Schutz fand. So ist es auch in andern Ländern gewesen. Als in Frankreich alles Andere vor den Jakobinern im Staube lag, da standen die Bauern in der Bretagne und von Poitou noch für das Haus Bourbon auf. Ohne Unterstützung verfochten die Bauern von Tyrol die Sache des Hauses Habsburg gegen Napoleons riesenhafte Macht. Diese Beispiele ließen sich leicht vervielfältigen.
Und können wir trotz aller Vernunft und trotz aller Geschichte glauben, daß die Katholiken des vereinigten Königreichs , wenn man sie erträglich gut regiert hätte, nicht An Hänger der Regierung gewesen sein würden? Nach meiner Meinung begingen die Tories nie einen größern Irrthum, als sie die Katholiken von sich wegstraften und wegtraten. ' Burke ***) sah dieß wohl ein. Das Gefühl, welches gegen i den Schluß seines Lebens von seiner Seele vollständig Besitz ; genommen batte, war ein Abscheu — zuletzt wurde es ein \ krankhafter Abscheu — gegen den JakobinismuS und gegen i Alles, was ihm zu JakobinismuS zu neigen schien, nur als i großer Staatsmann und Philosoph — denn das war er selbst : in seinen Irrthümern noch — erkannte er und ließ Pitt erkennen, daß in dem Krieg gegen den JakobinismuS die Katho- ; liken die natürlichen Verbündeten des Königthums und der Aristokratie wären." So Macaulay, nach seiner politischen und religiösen Anschauung, sonst ein entschiedener Gegner der katholischen Kirche.
ZUS der Zweiten Kammer.
--—
t* Wiesbaden, 6. April. Bericht über die Berathung ^er -Gesetzvorlage über Ce» ke a iorg a n tsar eo n in der Sitzung der zweiten Kammer am 1. und 4. d. M. Forts.
Reg.-Cvm. Schepp: Im Mittelalter haben die cano- ; nischen Gesetze das römische Recht in Beziehung auf Ehe- : fachen verdrängt. In neuerer Zeit habe sich das geändert:
*) u. **) Dit katholischen Leser dürfen an diesen Aeußerungen Macaulay'S keinen Anstoß nehmen. Dergleichen kommen viele in fei« ; nen Schriften und Reden vor und bekunden, daß häufig selbst ein gro- ■ ßer Mann sich nicht von Irrthümern und Borurtheilcn, die er mit der : Muttermilch eingesogcn hat, losringen kann. Macaulap's Schriften können überhaupt nur mit großer Vorsicht von denjenigen gelesen wer- i den, die nicht ein eignes Urtheil in der Religion und den Staats' i Wissenschaften zu bilden vermögen.
Es ist der berühmte Engländer Edmund Burke (geb. 1730, : + 1797), der Verfasser des fulminanten Werkes über Lie französische Revolution gemeint. In diesem ausgezeichneten Buche, auf welches Macaulay offenbar anspiclt, kommen zwar Irrthümer vor; krankhafte , Uebertreibungen gegen die Revolution wird nur ein Whig, schwerlich aber ein Tory darin finden. Burke war übrigens mehr praktischer ; Staatsmann, als Philosoph.
Zugleich mit dieser wiedererlangten Spaimkraft und mit Lcbenssrischc stellten sich aber Gedanken ein, die mir früher fremd gewesen waren. Ich fing an, dem Leben gegenüber Ansprüche zu machen; cs war mir zum erstenmal, als sei etwas in meiner Existenz lückenhaft, das aller Reichthum nicht auszufüllen vermöge. Es kam mir zum erstenmal ein Schauder an, wenn ich an sie nahe Veränderung meiner Lebensweise dachte, und ich schlief ganze Nächte - echt, immer von den wunderbarsten Bildern der Phantasie umgankelt und bestürmt."
„In dieser Zeit mußte ich im Hause meines Verlobten fast täglich bem jungen Verwandten desselben begegnen, dessen ich bereits erwähnt. Er war nicht viel älter als ich, und dieses Altersverhältniß, mc r noch ber halbe Verwandtschaftsgrad zwischen uns beiden machten uns, ohne daß ich's bemerkte, zu halben Vertrauten und führte uns näher zusammen, als ich und mein Verlobter in monatlanger Bekanntschaft gekommen waren. Auf einem Spazirgang, wo mein früherer Bewer« ber mich am Arm führte kam unsere gegenseitige Stimmung — ich weiß nicht wie — zum offenen AuSsprechen, und als ich AbendS mein einsames Zimmer suchte, glaubte ich zum erstenmal namenlos und unaussprechlich glücklich zu sein Am folgenden Tag erst übersah ich den Weg, auf den ich abgeirrt war. Mein Herz und mein Verstand waren in heftigstem Streite; ich glaubte im einen Augenblick alle eingegan« genen Verpflichtungen zerreißen, nur drr plötzlich erwachten Stimme des Herzen folgen zu bürfen, und holte alles an Gründen zusammen, was meinem plötzlich beredt und reif gewordenen Gemüthe zu Gebot stand; im nächsten Augenblick widerlegte mein Gewissen alles, was ich an Einwänden zusammgetragen hatte; ich rekele mir ei», der HiiNmcl wolle mich nur versuchen und werde mir das Gut, nach dem ich jetzt noch kaum die Hand auszustreckcn wage, plötzlich entreißen, wenn ich darnach greife. Ich sagte mir, bie Dankbarkeit binde mich schon jetzt für Lebenszeit, und fand wieder ein sichbares Zeichen des Himmels in meiner früheren Blindheit, da mir zweimal freie Wahl gelassen worden - unter welchen unfreien Verhältnissen, das kam mir kaum in den Sinn."
„Eine ganze Woche hindurch bestand ich ren furchlbarsten innern Kampf, den nur Jugendkraft bestehen, Herzens- und GcwiffenSzwie. spalt veranlassen kann, bis ich matt unb erschövft in jene thatenlose, ruhcbedürftige Abspannung verfiel, welche daS Gcschcbculassen für das Unvermeidliche und das Märtyrthuni für caS Gottgefälligste bält und wo der kranke, unterliegende Geist sühnen , immer sühnen zu müssen glaubt. — Acht Tage später war ich Brothertons Ehefrau.
die bürgerliche Gesetzgebung habe sich dieser wichtigen Sache angenommen, die so stark in das Leben eingreife, und es seien Gesetze erlassen worden in Bezug auf die Ehe nicht blos in Staaten, wo die Civilehe gelte, sondern auch in andern, die nicht zu den „religionslos" genannten gehören. (Rau: ich bin mißverstanden worden!) Das preußische Landrecht unterscheide auch zwischen bürgerlichen und kirchlichen oder geistlichen Ehehindernissen und gestatte die Ehe blos dann, wenn die weltliche Behörde von den bürgerlichen Hindernissen dispensirt habe. Ebenso das österreichische Gesetzbuch, welches auch die bürgerliche Ehe schütze gegen allerlei Belästigungen von katholischen Geistlichen in Fällen, wo eine Dispensation von den kirchlichen Behörden nicht eingeholt worden sei; das österreichische Gesetzbuch verweise (in Art. 69) Beschwerden über verweigerte Aufgebote an die Landesstellen, gleichwie dieses auch in Preußen geschehe. Auch bei uns habe die Gesetzgebung bürgerliche Ehebindernisse bestimmt und es sei eine höchste Entschließung darüber im Jahr 1816 dem erzbischöflichen Vicariate zu Limburg wie den Herzog!. Aemtern mitgetheilt worden. Das Stempeledict vom Jahr 1828, welches unter Zustimmung der Landstände erlassen worden, verweise auch alle Dispensationen vom Aufgebot u. s. w. an eine von der weltlichen Behörde anzusetzende Stempeltaxe. UebrigenS komme eS auf dieses Alles nicht an; es fei bestehendes Gesetz, das die weltlichen Behörden von bürgerlichen Ehehindernissen zu befreien hätten: und dieses werde selbst dann, wenn der beantragte Strich der Dispensation hier angenommen würde, nicht aufgehoben.
König: Es sei zu unterscheiden zwischen Dispensationen vom Aufgebot und wegen Verwandtschaftsnähe. Bei letzteren fei der Staat beteiligt, welcher in der Gesundheits- und Sittenpolizei Gründe zum Verbot der Ehe zwischen nahen Verwandten fände. Anders verhalte es sich bei der Dispensation vom dreimaligen Aufgebot,, weil dieses eine rein kirchliche Bestimmung sei und die Regierung ein Gesetz bis jetzt nicht nachgewiesen habe, wonach sie ihr Recht zu solchen Dis- pensationen rechtfertigen könne.
Braun: Die ganze Gesetzgebung über Ehesachen liege im Argen, besonders weil der Staat mit der evangelischen Landeskirche so eng verwachsen sei! Daher ließe sich eine Grenze zwischen der Befugniß des Staats« und Kirchenbehörden oft gar nicht ziehen. Daher seien auch die Dispensationsgelder mißbräuchlicher Weise in die Staatscasse, statt in den evangel. Kirchenfond geflossen: ein Umstand, über den sich wohl die Protestanten zu beschweren hätten. Aehnliche Beschwerde bestehe auch für die Katholiken, indem die Bestimmung, daß bei kirchlichen Ehehindernissen auch noch vom Stmtt Dispensation eingeholt werden müssè, doppelten Verlust an Zeit und Kosten herbeiführe. Drei Dispensations- gründe in pos. 11 seien auch bei Katholiken als weltliche anerkannt unb daher hier nicht zu ändern, sondern die Regierung um eine besondere Gesetzvorlage zu ersuchen. Aber bezüglich des Aufgebots der Katholiken habe er keine gesetzliche Bestimmung vernommen; hier fei das Dispensationsbefugniß der Regierung nur auf die Evangelischen zu beziehen, bei den Katholiken aber als mißbräuchlich abzustellen. Daher sei er für den Strich der Worte: „vom öffentlichen Aufgebot der Katholiken." Aber auch die Dispensationsgelder evangelischer Einwohner gehörten nicht in die Staatscasse.
Rcg.-Com. Schepp: Der Staat dispensire nur von bürgerlichen Ehehindernissen. Die Verordnung vom Jahr 1836 ordne das bürgerliche Aufgebot an, daher die Dispensation davon auch ben bürgerlichen Behörden zustehe.
Braun bittet, die Stelle, woraus das hervorgehe, vorzulesen; er habe sie nicht finden können.
Die Stimme versagte ihr von neuem; sie trank mit brennendem Durst das Wasser, welches ich ihr reichte, hielt lange Zeit beide Hände vor die Augen unb sank dann wieder in Die Klien zurück. — Ich trat, von Wort und Gebcrde mächtig ergriffen, an das offen stehcnde^ Fenster. Da lag die Natur so friedlich auögcbrcitet, so gesund und erfrischst nach dem kalten Morgenregen. Die ietztcn Wölkchen vcrflat- terten und heiter, als habe fie nie Thränen und Gewitter gesehen, beschaute sich die Sonne im klaren Secspicgel. Mir fielen L enaU'S Worte ein:
Klar blickt der alte Mörder Ocean
Dem Himmel zu, als hab'er nichts gethan.
Und Drinnen im Gemach ging doch ein junges Leben zu Ende und unzählige Geschöpfe im Weltall verhauchten in dieser selben sonnigen Minute ihren letzten Athemzug. Wunderbares Durcheinander von Lachen und Weinen, Leben und Sterben, Blühen und Verwelken! Wohl denen, .welche der Glaube an das Wiederänknüpscn des hier zerreißenden Fadens das Uiivcriiicidliche erleichtert! Ich will Die Fortdauer nach dem Tode glauben, und ständen die Todten selber auS ihren Gräbern auf, um Zeugniß dagegen abzulegen! Nur diejenige Philosophie, welche daS Leben erträglicher und das Sterben leichter macht, hat ihren Zweck erfüllt.
Als ich wieder an daS Bett trat, sah ich, wie sie eine gewallame Anstrengung machte, um weiter zu sprechen. Mit matter Stimme sagte sie: ,jJch glaube, Freund , es geht zu Ende - Hören Sie noch Eins — keine Jungfrau möchte den Kranz auf ihrem Sarg entbehren — eS ist nicht Dünkel, es ist' ein anderes Gent hl — eine Heilighaltung ber eigenen armen Hülle — eS ist der Stolz der Scham^— das Verlangen, den Unentweihten zugezählt zu werden. - Hören Sie mich zu Ende!"
Aber ein heftiger Husten unterbrach hier ehre Worte. „Ich bitte, gönnen Sie sich Ruhe," sagte ich und fügte langsam hinzu: „Miß Lucy. ' Sie schien noch zu hören was ich sprach. Ein Lächeln spielte um ihre Lippen, als ich das Wort nannte, daß ihr der Gatte im täglichen Umgang — wer weiß aus welchen Gefühlsrücksichten? — bei« ' legte. — Sie schlug die Augen noch einmal nach mir auf, und als ich ! der suchend umhergreifenven Hand die meine rntgegenreichte, wurde j der Athem kürzer und kürzer, der Blick starrer und glanzloser, der i Druck ihrer Hand fester, kälter — und sanft war sie entschlafen.
Zwei Jahre später führte mich mein Weg wieder nach Luzern. ! Es widerstand meinem Gefühl, dem Hause nahe zu kommen, in wel«
Ab' Wegen des Charfreitags erscheint morgen kein Blatt.