Nassauische Allgemeine Zeitung.
X' -S. Montag den 27. Mây 1854.
Bestellungen auf die Nassauische Allgemeine Zeitung für das 2. Quartal l. I. werden baldigst erbeten.
D>k „Nassau,sche Allgemeine ätitunfi“ mit dem heUetriiiiftbkir Beiblatt „Der Wanderer" ers-beint, SonntaflS au-qenammen, tifflMi und detrâgl der PrânumerationSpreiS für Wiesbaden und , nach dem neuen Postregulaiiv nunmehr auch für den ganzen Umfang deS Ldurn. und TariS'schen B-rwaltnnxSbezirkS mit Indigriff re? Aoftaufscklag« 2 fi., für die übrigen Länder deS deutscheösterreichischen PostvereinS, wie für das Ausland 2 ft. 24 tr. — Anferate werden die »erfpaNige Petilleile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. — Bestellungen beliebe man in der Buchhandlung von W. Friedrich, Langgasse 42, auSwäriS bei den nächssgelegenen Postämtern, zu machen.
Preußen und Vesterreich.
* Der Absagebrief des preußischen Wochenblattes und . der in diesem Organ vertretenen altpreußischen i Partei hatte bereits überraschende Mittheilungen in Bezug auf die von Seiten des preußischen Cabinets statt- gehabte Behandlung der orientalischen Frage gebracht. ; Mit einer weit größeren Jndiscrction äußerte sich über diese Angelegenheit ein Artikel der Gränzboten unter der Aufschrift: „Die letzte Woche preußischer Politik." Dieses Artikels wegen erfolgte die kürzlich erwähnte Be- schlagnahme der Gränzboten. Nach den „Enthüllungen" derselben hat Graf PourtaleS, der in Berlin vorzugsweise mit der Führung der auf die orientalische Frage bezüglichen Geschäfte beauftragt gewesen ist, in dieser seiner Stellung sich zur Aufgabe gemacht, auf Preußens Politik in der orientalischen Verwickelung eine entscheidende Einwirkung auszuüben, namentlich die principielle Uebereinstimmung Preußens mit den andern bei der Wiener Konferenz betheiligten Mächten durch den Anschluß an deren diplomatische Acte zu bekunden. Er sei sich bewußt gewesen, daß, falls die FriedenSver- Handlungen scheiterten, Preußen früher oder später be« rufen wäre, als europäische Großmacht und Mitglied der großen Quadrupelallianz daS europäische Recht mit den Waffen zu vertheidigen. Dann heißt es wörtlich: „Preußens actives Vorgehen würde ganz Centrateuropa in die Kriegöbahn reißen; und ehe man diese Verant- Wörtlichkeit übernahm, war vor Allem vonnöthen, daß die alliirlen Mächte dem europäischen Kriege ein großes Ziel gesteckt hatten : den definitiven Sturz der russischen Präpouderanz, das Zurückwcrfe» Rußlands in seine mittelalterliche Bedeutungslosigkeit." — Die Münchener „historisch politischen Lläiter" haben dieses Project, wonach Rußland wieder zur uransâug- lieben Moskowhorde, oder lieber gleich, wie Anno 1 zum uiwcillichen Binnensee werden soll, wie der Antheil, den Ritter Bunsen daran hatte, (in dem, gestern mitgetheilten Artikel) ebenfalls besprochen. An dem Bestehen desselben ist wohl nicht zu zweifeln. Es ist wohl zu beachten, schreibt ein Corresp. des Dresdener Journals, daß man in Berlin von diesem Projekte keine Abnung hatte, bis ein diplomatischer Bericht über diese Pläne ein sehr unerwartetes Licht verbreitete, und zwar ein solches, welches mit den neuesten Pariser Nachrichten von einer Revision der Karte Europas sich so ziemlich begegnet. Mit dem Bekanntwcrdcn dieses Projectes fällt die neueste „Wendung der preußischen Politik" zusammen , und finden jetzt auch die Andeutungen der „N. Pr. Z." über den eigentlichen Zweck der Sendung des Grafen v. d. Gröben nach London ihre Erläuterung. — Die preußische Regierung hat, wie man von unterrichteter Seite vernimmt, schon im Lauf dieser Woche mehreren benachbarten deutschen Regierungen und derjenigen Frankfurts durch ihre diplomatischen Vertreter directe Eröffnungen über ihr Verhältniß zur orientalischen Frage machen lassen, welche mit denjenigen der bekannten Ministerialerklärung vom 18. März überein stimmen, hoffentlich aber klarer sind. Voraussig tltch dürften sich dieselben dem Kommentar anschließen, den ein officiöser Artikel in den alten städtischen Journalen über die ministerielle Erklärung gebracht hat. Dieser Artikel, schreibt man, der A. A. Z., gesteht dem Publicum mehr ein, als das. Cabiuet der zweiten Kammer gesagt hat. Der Artikel sucht die Konsequenz der preußischen Politik nach- zuweisen, die zu keiner Zeit Verpflichtungen gegen die Seemächte eingegangen sei, gemeinschaftlich mit ihnen gegen Rußland vorzugehen und schließt mit folgenden Worten, welche zur Kenntniß der herrschenden Strömung wehr beitragen, als irgendwelches diplomatisches Acten- stück: „Die Regierung Sr. Majestät ist sich der Schwierigkeiten sehr wohl bewußt, mit denen die Durchführung ihres Entschlusses, eine souveräne Neutralität zu bc- baupten, zu kämpfen haben wird. Aber sie ist stark im Bewußtsein, nach keiner Seite hin Illusionen über ihre dereinst,ge Stellung verschuldet und die Nation vor der Verantwortung und den Uebeln eines Angriffs auf einen Staat bewahrt zu haben, mit dem Preußen durch Erinnerungen gemeinsamer Leiden und Siege und einer vierzigjährigen Allianz verbunden ist, u nd d e r P r e u ß e n k e i u e n A u - l sß zum Krieg gegeben hatte. Sie sieht in diesem Bewußtsein ruhig etwaigen Versuchen entgegen,
zur Aufgabe der selbstgewäblten Stellung der Neutralität zu zwingen, mögen sie kommen, von welcher Seite
sie wollen, und weiß, daß die Nation gern und freudig das Schwert in dem einzigen jetzt möglichen Krieg, dem Krieg der Vertheidigung gegen ungerechte Angriffe, ziehen wird." Damit ist so ziemlich alles gesagt, was man die innersten Gedanken der jetzigen preußischen Politik neu. neu könnte. Bis heute hat sie noch keinen offen erklärten Feind, und wenn Geld zu Rüstungen gefordert wird, so gelten diese Rüstungen dem unbekannten Feind, der Preußen aus seiner neutralen Stellung in den Krieg drängen will. — Nach dem „F. I." enthält das Expose nebst den Ausführungen über die preußische Neutralitätspolitik auch die bestimmte Versicherung, daß es unter keinen Umständen in der Abrcht liege, eine Allianz mit Rußland gegen die Westmächle cinzugeben. — Preußens S t e l l u n g läßt sich also nach Allem, was an glaubwürdigen Angaben vorliegt, in Folgendem präcisireu. Preußen geht nicht mit R u ß l a n d, aber ebensowenig m i t den West- m ächte n gege n Rußl a u d. Es wahrt in Gemeinschaft mit Oesterreich und dem Bund seine eigenen und Deutschlands Interessen, so lange cö angcht in friedlicher Neutralität, sobald es zum Streit kommt, im Kampf gegen den, der diese Interessen bedroht oder be- eintrâchligt.
Die Mission des Generals V. Li n dH ei m nach Petersburg kann, da das Ultimatum abgelehnt ist und d c Westmächte keinen Grund haben, die Kriegserklärung zu verzögern, wohl keinen andern Zweck haben, als die preußische Neutralitätspolitik, ihre Ausnahme im ei neu Lande und an den westlichen Höfen, und ibre voraussichtlichen Folgen auf den weilern Verlauf des Kriegs in St. Petersburg darzulegen. Sckon die Wahl einer dem Czaaren so befreundeten Persönlichkeit deutet darauf hin, daß man bemüht ist, die Unverträglichkeit der eigenen Pflichten mit der sonst nie verleugneten Sympathie für den langjährigen Aliirten in der mildesten Form darzulegen. General v. Lä nbch e i in überbringt dem Vernehmen nach ein Schreiben deö Königs au den Kaiser Nikolaus, in welchem nach Versicherungen aus guter Quelle, dem Kaiser anS Herz gelegt wird: aus Rücksichten sowohl auf den europäischen Frieden, als auf das eigene Interesse Rußlands die Hindernisse einer gütlichen Beilegung des Streites beseitigen helfen, und namentlich zur baldigen Räumung der Donaufürsten- tbümer schreiten zu wollen. Ein Korrespondent der „Allgemeinen Zeitung" meint sogar, daß die preußische Regierung auch nach der Ablehnung der von Oestereich mitgetheilten und modificirtcn Convention der West- mächte (betreffend die Zustimmung zur Rechtsanschauung dieser Mächte) nicht umhin können wird, die Verhandlung darüber noch einmal aufzunehmen und das früher Abgelchnte in veränderter Form zu acceptiren. Statt der Convention, werde ein Protocoll anzufertigen sein, das, anknüpfend an die Arbeiten der Wiener Conferenz, für die Anschauungen der vier Großmä ; te in Betreff des russisch-türkischen Rechtsstreits eine Formel enthält, deren Unterzeichner für die Zukunft eine sichere Parteistellung garantiren, wenn sie auch keine Verpflichtung übernehmen, sich activ am Kampf zu betheiligen. Die Ablehnung der Convention sei in London und Paris deßwegen mit so geringer Empfindlichkeit ausgenommen worden, weil man durch ein' fßiotocoll dasselbe zu erreichen hoffen kann, und daraus bezügliche Zusagen er- halten hat. Es fragt sich nur, was in dem Protocoll zu lesen, und ob cö schließlich anzuuehmen sein wird. Mit der Convention verglichen, biete eS den Vortheil, daß es der Form nach nicht abgeschlossen ist, stets nach den Verbältmsien erweitert werden kann und der königlichen Ratification nicht bedarf.
DaS „C.-L." präcisirl den Standpunkt Oesterreichs zur orieutalischen Frage wie folgt: Oesterreich wünscht unb beabsichtigt nicht, Rnßlaud zu demüthigen oder seine Macht zu schwächen, cs kann und wird niemals die Hand dazu bieten, die c$dufive Suprematie im Orient, welche Rußland beanjvrucht, zu sanctioniren; eS har speciell in der Occupation der Donaufürsten- thümer eine Verletzung des Völkerrechts und der Traktate erkannt, und eS hat es an den dringendsten Vorstellungen nicht fehlen lassen, Rußland wenigstens dahin zu vermögen, daß eS sein Vorgehen in dem Sinn einer thunlichen Schonung der deutschen Interessen begränze. Diese Vorstellungen sind erfolglos geblieben, die Han- dtlsoerbältnisse Deutschlands fühlen schon jetzt den Druck, der mit jedem Tage der fortschreitende» Verwickelung schwerer auf ihnen lasten wird, daS europäische Gleich
gewicht ist gefährdet und das öffentliche Recht verletzt: eS ist kaum denkbar, daß, nachdem England und Frank- reich mit ihrer ganzen Macht Partei genommen, Oesterreich noch länger zögern sollte, seinerseits sein Gewicht in die Wagschaale zu werfen. Oesterreich ist entschlossen, jenen Schritt zu thun und aus seiner blos beobachtcnden Stellung hcrau^zutrcten, und die Specialmission nach München und Wien hängt eng mit jenem Entschluß zu- sammen. Wir haben Grund zu vermuthen, daß sie die Bedingungen formulirt, unter welchen für die nahe Eventualität einer in solcher Weise veränderten Stellung Preußen derselben den ganzen Nachdruck verleiht, welcher in dem Zusammengehen der beiden deutschen Gioß- mächte gegeben ist. Sobald diese beiden Mächte sich vollständig verständigt haben, wird der Augenblick gekommen sein, wo sie unter offener Darlegung ihrer Zwecke und Absichten am Bundestage, ihre deutschen Bundesgenossen einladen, ihnen diejenige moralische und materielle Unterstützung zu gewähren, welche die Umstände erfordern möchten.
Doirtichlattd.
^2 Dernbach, bei Montabaur, 24. März. Erlauben Sie mir, daß ich Ihnen einige Notizen über den sich immer mehr in unserer Gegend entwickelnden Bergbau zuseude. Wir haben hier mehrere Brauncisen- steingrubeu, die seit neuerer Zeit unter der Leitung deS eben so tüchtigen als thätigen Directors, Heern Ncu- b r e n 11 cr aus Koblenz, in ganz besonderem Flore sieben. Die Gruben gehören der Gesellschaft „Pbönix", deren Mitglieder in der preuß. Rbeinprovinz wohnen. Auf diesen Gruben finden über 200 Personen Beschäftigung und Verdienst; der geringste Tagelohn beträgt 36 kr. Vierzig bis fünfzig der Gesellschaft gehörige Pferde — ihre Zahl soll auf 100 vermehrt werden — und die hiesigen lustlragcuben Fuhrleute schaffen den Eisenstein nach Valleüdar, von wo er dann rdcinabwärtS geht. Die Gesellschaft^ läßt bedeutende Stall-- und NeuLfcu» bauten aufführen und vor Kurzem hat der Direktor auch die nahe Ritzmüble, welche eine bedeutende Wasseikrafl besitzt, um 15,000 fl. gekauft. Ihre bereinftuje Bestimmung ist noch nicht bekannt. Wir haben ferner ganz in unserer Nähe, in dem Walde zwischen hier und Ransbach, eine Grün- und Weißbleierzgrube. In die- sem Bergwerke, zur „Schönen Aussicht" genannt, arbeiten 50—60 Personen. Die Inhaber dieser Grube — Tellemaque - Michels — lassen im Laufe des kommenden Sommers, so wie ich höre, eine Schmelz mit Dampfmaschine bauen, welche die Erze aus dem Schachte hebt und das Gebläse treibt. Die genannten Gesellschaften besitzen inzwischen noch viele Gruben in unserer Nähe, wie der überhaupt zum Ankäufe von Eisenstein- Gruben jetzt unzählige Geiegenheiten hier sind. Alles schürft. Auch wurde mir gesagt, daß demnächst in dem nahen Montabaur, von den aus den Gruben von Steinefranz , Hundsangen rc. gewonnenen Eisensteinen ein großes Lager gebildet werden soll, das die Bauern dann gelegentlich an den Rhein befördern sollen. An Gelegenheit zu Verdienst würde es somit nicht mangeln. Wenn sich die Sachen wirklich so entwickeln, wie man erzählt, so will ich Ihnen seiner Zeit Nachricht geben. Für heute will ich nur noch berichten, daß bei dem nahen Würzeiiboru sich ein dem Herrn Stadtrath A. Cron in Montabaur gehöriges Silbcrbcrgwerk befindet. Der Ccntncr E>z gibt sechSzig Pfund Blei und sechs Loth Silber. Dieses Bergwerk hat einen 90 Lachter tiefen Stollen. Schade nur, daß eS nicht ausgedehnter betrieben wird.
AuS der Vorderpfalz. 24. März. DaS Erwachen der Pflanzenwelt wlid durch die jetzige rauhe Witterung zwar ziuückgchalten, doch sind sonst keine Nachtheile für die Vegetation zu besorgen. Die fiüheren sonnigen und trockeuen Tage waren der Sommersaat, welche bei uns größthcilS schon bestellt ist, sehr günstig. Bei dem ausgcsroreutn Boden baut sich das Feld ungewöhnlich gut, und da auch die Winterfinchie durchgehends schön stehen, so dürfen wir immerhin auf ein fruchtbares Jahr hoffen. Es darf jedoch ein sehr frucht» bares werden, um die ökonomischen Schäden ciniger- maßen zu heilen, welche die anhaltend mageren Jahre verursacht haben. Im Tabakhandel ist eS sei( einigen Wochen sehr lebhaft, die Vorrälhe sind fast sämmtlich aufgekauft.
Mannheim, 24. März. Der 23jährige Friedrich Oberembt von Köln, der, wie vielleicht noch erinuer-