Nassauische Allgemeine Leitung.
W' «- Montag heu 20. MLy 1884.
Bestellungen auf die Nassauische Allgemeine Zeitung für das 2. Quartal l. I. werden baldigst erbeten.
Dit,,Nassauisch« Allftrmeine Zeitung" mit btm btUetriflifdim Beiblatt „Der Wanderer" erscheint, Sonntags ausgenommen, täglich und beträgt der PränumerationSpreiS für Wiesbaden und , nach dem neuen Postregulativ nunmehr auch fit den ganzen Umfang des Thurn- und LariS'fchen iiterwaldungSbezirkS mit Inbegriff des Postauffchlag« 2 fl., für die übrigen Länder des deutsch-österreichischen PostvereinS, wie für daS Ausland 2 st. 24 tr. — Inserat« werden bie vierspaltige pentieile oder deren Raum mit 3 kr. berechnet. — Bestellungen beliebe man in der Buchhandlung von W. Friedrich, Langgasse 42 , auSwârtS bei den nächstgelegenen Postämtern, zu machen.
Die religiöse Seite der orientalischen Frage.
I.
Graf Ficq uelm o nt'S neueste Schrift: Die religiöse Seite der orientalischen Frage geht von dem Grundsatz auS, daß die Duldung in Glaubensachen die einzig mögliche Grundlage deS Friedens unter den Menschen sei. Der Hauptzweck dieser kirchengeschicht- lichen Studien besteht nicht sowohl darin, den Antagonismus zwischen der orientalischen und der lateinischen Kirche zu zeigen, als vielmehr den Beweis zu liefern, daß, was immer für eine christ liche Macht ihren Sttz zu Constantinopel aufschlagen möge, die Geschichte des byzantinischen Reiches unfehlbar wieder von vorn beginnen würde, wenn dieselbe Regierungsweise wie ehemals die geistliche Gewalt der weltlichen Macht dienstbar machen würde. Es sind dies Sätze, deren Wahrheit ergreift, die in ihrer engen Be- ziehung und Anwendbarkeit auf andere uns näher liegende Verhältnisse um so größeren Eindruck machen und die Aufmerksamkeit rechtfertigen , die allenthalben der Schrift des als Diplomat wie als Schriftsteller gleich achtenswerthen Mannes geschenkt wird. Seine Betrachtungen über die politische Seite der Frage führen den Verfasser, der die Türkei wie Rußland aus eigener Anschauung kennt, zu dem Resultat: Wahrung der selbständigen Stellung Oesterreichs und Deutschlands gegen den Norden wie gegen den Westen. Rußland aber wird von ihm vor Kriegssucht und Intoleranz gewarnt, die ihm in seinem eigenen Gebiet, wo es unermeßliche Schätze erheben könnte, lange nachblutende Wunden schlagen würden. Im Leben (wird dabei bemerkt) hat alles seine Zeit. Die Arbeiten des Herkules hätten nicht solche Berühmtheit erlangt, wenn der Heros, nachdem er die Ungeheuer erlegt hatte, seine Kraft noch fortwährend auf Kosten derjenigen geltend gemacht hätte, welchen ihre Vertilgung zu gute kommen sollte. Diese Anspielung auf Rußlands Hilfe in Ungarn ist leicht verständlich. Der Graf hält die möglichst lange Dauer einer Verbindung mit Rußland für wünschenswerth, er- klärt jedoch, daß gegen eine bleibende Besetzung der Donaufürstenthümer durch Rußland Oesterreich zum Kampf zu schreiten hätte. Rußland, fährt er fort, hat nach der langen Heldenperiode seiner Geschichte jetzt ganz andere Aufgaben vor sich, Werke des Friedens, deren Vollbringung es der Intelligenz, der Duldung und der G erech ti g k e it anvertrauen muß. Der Verfasser mahnt daran, daß ein Mißgriff mit der Höhe dessen der ihn begehe, sich steigere, und richtet an die Mächte die schwer wiegende Warnung: „nicht um Eventualitäten willen einen Weltkrieg zu beginnen." „Wir tragen", sagt er, „kein Bedenken, offen zu erklären: es ist ein Verrath au der Menschheit, diesen Krieg heraufbeschworen zu haben, bei welchem man niemanden die Neutralität zugestehen zu wollen scheint, als ob die Stürme, die man so zu sagen zum Zeitver- treib heraufführt, nicht in dem Maße gefährlicher würden, als sie allgemeiner werden, und als ob man glaubte, daß die Größe dieser Gefahren plötzlich jeder- mann die Waffen entwinden und mitten aus diesen Stürmen einen wunderbaren Frieden hervorzaubern werde. Wäre es dagegen nicht einfacher und vernünftiger mit aller Sorgfalt neutraler Stimmen sich zu versichern, welche geeignet wären, im rechten Augenblicke ein Wort des Friedens und der Versöhnung zu sprechen?
DetttschUmd
H Herschbach, 17. März. Der hiesige Bürgermeister D. . . ist plötzlich, seine Familie zurücklassend, gestern nach America geflüchtet, um, wie man sagt, einer Untersuchung wegen Unterschlagung zu entgehen. In der dienstlichen Wirksamkeit der Bürgermeister bieten sich häufig Gelegenheiten zu Untreue, es gilt also den Gemeinden eine Garantie zu haben, daß nur Männer von Redlichkeit m,b festem Character zu diesem Dienst be- rufen werden. Das Gemeindegesetz vom I. 1848 hat sich, in dieser Beziehung nicht bewährt, eS hat bei seiner radikalen Färbung eine radicale Aenderung nöthig gemacht, mit welcher auch alle einverstanden sind, die uicht der Principienreiterei huldigen oder Sonderzwecke verfolgen und auf eine Lockerung des socialen Bestandes systematisch Einarbeiten.
Zweibrücken, 17. März. (Pf. Ztg.) Beiden nächsten Asfisen wird wieder ein Preßprozeß zur
Verhandlung kommen, da dem Vernehmen nach auf den 16. Mai nächsthin Dr. Hengstenberg, Redacteur der in Berlin erscheinenden Evangelischen Kirchenzeitung, auf Betreiben des k. GeneralstaatSprocuratorS vorgeladen werden soll, um sich zu rechtfertigen wegen eines in der Nummer 6 der genannten Kircheuzeitung enthaltenen Aufsatzes, der die Grundlagen, Lehren und Einrichtungen der protestantischen unirten Kirche in der Pfalz verachte und verspotte.
Freiburg, 17. März. Wie die „Bad. Landesz." berichtet, soll von Seite hiesiger Universität ein Ruf an den berühmten Chemiker Fresenius, zur Zeit in Wiesbaden, ergangen sein, als Lehrer der Chemie an die Stelle des verstorbenen Professors Fr omherz zu treten.
Aus Baden. Die Regierung beabsichtigt, den deutschen Höfen von den Aufträgen, welche sie ihrem Bevollmächtigten nach Rom mitzugeben entschlossen ist, be- tai Hirte Kenntniß zu geben und dieselben aufzufordern, ihrerseits zur Herbeiführung einer 'Verständigung mitzu- wirken.
In dem Streit der Regierung,Welmehr der Bureaukratie gegen die katholische Kirche in Baden, nimmt jene, wie bekannt, zur Entschuldigung ihrer Gewaltmaßregeln gegen den hockwürdigsten Herrn Erzbischof von Freiburg und die Priesterschaft seiner DiöcH auf das landesherrliche Edict über die kirchliche StaatSverfassung des Groß- herzogthums Baden Bezug, welches die Regierung am 14. Mai 1807 erlassen habe, und bezeichnet die hiergegen von dem Herrn Erzbischof und seinem CleruS unternommenen Schritte als Auflehnung gegen die Staatsgewalt. — Dieses Edict wird nun von der „D VH." seinem ganzen Wortlaute nach einer eingehenden Besprechung unterzogen, um aus dem Inhalte der einzelnen Artikel dieses EdictS zu zeigen, wie die katholische Kirche hierin noch schlimmer als eine Dienstmagd des Staates herabgewürdigt wird.
Ueber das irr Deimeld — âstenlhums Lippe — unter dem 9. März erschienene Edict, die gesetzliche Gleichstellung der katholischen Kirche mit der evangelischen betr., worin ausgesprochen ist, daß die Gleichheit zur Cultusberechtigung der drei christlichen Konfessionen schon durch den Beitritt deS fürstlichen Hauses zur Rheinbundsacte, so wie durch Art. 16 der deutschen Buudesacte als bereits gesetzlich feststehend anerkannt werden müsse; und daß das Edict deshalb nur noch die zur Vollziehung dieser gesetzlichen allgemeinen Bestimmungen dienlichen Anordnungen zu treffen beabsichtige, äußert sich ein aus einer allem Anscheine nach aus höchst beachtenSwerthen Quelle stammender Artikel in der „Fr. P.-Z." in sehr anerkenuenswerther Weise. Die (obenerwähnten) Vollziehungsanordnungen, die auf der Anerkennung deS Diöcesan- und Jurisdictionsrechts des Bischofs (von Paderborn) beruhen, sagt derselbe, find mit eben so gründlicher Kenntniß des KirchenrechtS, als einsichtsvoller Anwendung des Staatsrechts, nach den Grundsätzen wahrer Gleichberechtigung (Parität) getroffen, und verdienen in einer Zeit der gänzlichen Verwirrung der Begriffe in einzelnen deutschen Staaten über den RechtSzustand der katholischen Kirche und bei den bedenklichen Maßnahmen vieler Bureaukraten gegen diesen RechtSzustand ganz besondere Anerkennung und Berücksichtigung. Der Herr Geheimrath, Dr. L. G. Fischer, ohne Zweifel der Urheber dieser Maßregel der Gerech tigkeit und wahren ritaalsweisheit, hat dadurch zugleich den Beweis geliefert, wie leicht die höchsten Beamten der Fürsten diesen die Liebe und das Vertrauen der Unterthanen sichern und erhöhen können, und wen in Deutschland die Schuld trifft, wenn die sichersten und alleinigen Träger des Glücks der Fürsten und ihrer Unterthanen immer mehr untergraben und schwankend gemacht werden. Fischer'S Edict in einer Zeit so allgemeiner Verkommenheit muß vielen Bureaukraten lauten, wie der biblische Ruf: „Weh euch Gesetzgelehrten! Ihr habt den Schlüssel der Erkenntniß weggenommen; ihr selbst aber gehet nicht hinein, und denen, die hinein gehen wollen, wehret ihr."
München, 17. März. Aus Hannover erfährt man, wie der „A. A. Z." berichtet wird, daß bereits neunzig Aussteller für die Münchener Exposition sich gemeldet haben. Nach dieser Betheiligung hätte man die Bevölkerungszahl als Maßstab genommen, jetzt schon auf 3500 bei den eingeladenen 70 Millionen sich gefaßt zu machen. Nun ist aber Hannover mehr ein ackerbautreibendes als industrielles Land, und der letzte
AnmeldungStermin lange noch nicht da. Nach der Berliner Ausstellung glaubte man auf etwa 4000 Aussteller rechnen zu können, aber diese Zahl wird in München bedeutend überschritten werden, ja man hat eher Ursache eine Ueberzahl von Anmeldungen zu besorgen. Von Seite BaiernS wird eine sehr umfassende Sammlung an Rohprodukten aus den Gebieten des Forst- und Hüttenwesens und von Bausteinen unter Mitwirkung der betreffenden königl. Behörden in Aussicht gestellt. — Aus Baden laufen Klagen ein, daß die Ausschreibung zur Beschickung der Münchener Ausstellung verspätet, ja, daß die Wahl zur Bildung von Prüfungsausschüssen theilweise noch gar nickt stattgefunden habe. Auch wünscht man lebhaft die würtemberglscke Regierung möchte hinter der sächsischen Reg. nicht zurückblei- ben, und mit gleicher Liberalität den nicht einheimischen Objecten bei ihrem Transit nach der Münchener Ausstellung einen Frachtenrabatt zur Benutzung der württem- bergischen Verkehrsmittel gewähren. — Merkwürdig ist es, daß sich von allen deutschen Staaten Nassau bi# jetzt am wenigsten zu regen scheint, da eS doch dort nicht an Gewerbssinn fehlt und das Land viele, namentlich mineralische Schätze auözubeuten hätte. Möchte doch kein Staat ein Versâumniß später zu bereuen haben ! Denn industrielle Siege dienen, verwöge ihrer Publiciiät, dazu C apitale in daS Land zuziehen.
Das „Morning-Chronicle" hat dieser Tage insinuirt, „daß Baiern nicht verfehlt haben könne, auf die Regierung in Athen einzuwirken" (d. h. wohl im Sinne der Jnsurrection.) Die Allgemeine Ztg. kann nun bestimmt versichern, daß die baicrische Regierung seit dem Beginn der Bewegung Mittheilungen nach Athen gerichtet hat, die gerade daS Gegentheil von Dem find, was das „Morning Chronicle,, zu verstehen geben will.
Schweinfurt, 16. März. Vorgestern wurde mit Legen der Schinen auf der Bahnstrecke vom hiesigen Bahnhof an (gegen Würzburg) begonnen.
Hanau, 18. März. Die Eröffnung der Hanau- Aschaffenburger "Menbahn wird fron Vernehureu oach, am 15. Mai künftig stattfinden.
Coblenz, 17. März. Die eine Stunde von hier so reizend am Einfluß der Lahn in den Rhein auf dem rechten Rheinufer, dem königlichen Schloß Stolzenfels gegenüber gelegene Ruine Lahneck ist in den jüngsten Tagen von einem Engländer angekauft worden. Ob dieser Ankauf im Zusammenhang steht mit dem Bau der Eisenbahn von Biebrich nach Lahnstein, wie mehrfach vermuthet wird, kann ich nicht angeben. Die Burg Lahneck war seither Privateigenthum deS KreiSgerichtS- raths v. Laffaulx aus Dierdorf. (D. VH.)
Hannover, 16. März. In der vorgestrigen Ver- sammluiig der Offiziere und Obermänner der Bürgerweh r erklärte man sich für Fortbestehen der Bürgerwehr.
Lübeck, 16. März. Das Dampfschiff „Malmö", welchen gestern von Kopenhagen abfuhr, bringt die Nachricht mit, daß gestern auf der Rhede von Helsingör 22 e n g l i s ch e Kriegsschiffe und auf der Rhede von Kopenhagen ein großes englisches Kriegsschiff gelegen habe. — Ein schwedischer Schiffer, der aus Carls- Hamm heute hier eingetroffen ist, versichert, daß mit der Ueberschiffung der schwedischen Truppen von CarlShamm nach der Insel Gothland bereits der Anfang gemacht sei.
Schwerin, 16. März. DaS heute ausgegebene Regierungsblatt enthält eine Bekaniitmackung, betreffend den Beitritt zu dem Vertrage zwischen Preußen rc. und den vereinigten Staaten von Nordamerika wegen Auslieferung flüchtiger Verbrecher.
Stettin, 16. März. An heutiger Börse machte es Sensation, baß Londoner Häuser verlangen, daß nach dort zu sendendes Getreide, Zink rc. nicht in preußischen Schiffen verladen wird.
Berlin, 17. März. Der Oberpräsident v. Kleist- Retzow hat sich, kein Vernehmen nach, vorgestern Abend, nachdem er zuvor noch von dem König empfangen worden war, nach Pommern begeben, wollte jedoch gestern Abend wieder hierher zurückkehren und heute Morgen bestimmt auf seinen Posten nach Coblenz abgehen. — Der „BreSl. Z." zufolge ist von der obersten Kirchenbehörde des Landes ein besonderes Kirchengebet dieses Inhalts angeordnet worden: „Gott wolle die Gefahren des Kriegs von Preußen abwenden, wenn sie aber unabwendbar sein sollten, so möge er in seiner Barmherzigkeit uns den Sieg verleihen."
Die „Ztg. f. Norbd." bringt die plötzliche Verab-