Nassauische Allgemeine Zeitung.
N' 57. Mlmch hcu 8. Mây 1S34.
Die,,!kaffau>s»' AUgkMtink Zkiiiink" mit dem dellemftischen Beiblatt „Der Wanderer" ersannt, Sonntag» ausgenommen, täglich und beträgt der Prânumerati»n«piei« für Wiesbaden und, nach dem neuen -ogregutanv nunmehr oeâ 5r »en ganzen Umtang des Lburn» und ZanU'faen BerwattungSbeurkS mit Inbigritl des Poltautschlag« 2 fl., für die übn gen V ander reS deutich»bsterreich>schen PoitvereinS, wie für da« Ausland 2 ft. 21 fr. — Inserate merden die oersxaligi Peiltieile oder deren -Raum mit 3 tr. berechnet. — Bestellungen beliebe man in der Buckdandlung von W. Friedrich, banggastr 42, auSwartS bei den nächstgelegenen Postämtern, tu machen.
Jur Situation
* Dcr „Jndependance Belge" wird aus Wien, 5. März, lelegraphirt: „Nicht Serbien, wie eS hieß, so» der» Bosnien und die Herzegowina sollen von den öiler- reichischeu Truppen in der Absicht, jede aufständische Bewegung gegen die Türkei zu verhüten, besitzt werden. Man erwartet eine diesen Gegenstand betreffende Pro- clamation des Kaisers von Oesterreich."
Gestern brachten wir nach der „Times" eine Depesche gleichen Inhaltes. Dasselbe wird auch der „A. Allg. Ztg." berichtet. Den Fr. Bl. schreibt man ans Wien daß im Laufe der nächsten Tage, (vielleicht schon am 6.), eine Kundmachung in Betreff der u ii- anSweichllch gewordenen B e s e tzung einiger türkischen G ra » zpr ov i u z e n, namentlich Bosniens, der H e r z e g o w i» a u n d v e r m u t b - lich a n ch einiger nördlichen Provinzen Albaniens erfolgen werde. Daß der Beschluß über eine so hochwichtige Maßregel jedenfalls nur im Einvernehmen mit den Cabinelen von Paus, London und Berlin gefaßt worden , scheint selbstverständlich. Nach der „Lcipz. Ztg." ist zwischen den vier Mächten Frank- reich, England, Oesterreich und Preußen (wie wir gestern nach der „Würzb. Ztg." angedeutet haben) eine Uebereinkunst getroffen worden, in welcher folgende drei Runcie festgestellt sind: 1) daß von keiner Macht eine Territorialveränderung beabsichtigt wird; 2) daß die Pforte anfgefoiderl werden toll, die Lage ihrer christlichen Unter lhanen in einer den Anforderungen der Humanität entsprechenden Weise festznüeUen, und 3) daß in den europäischen Provinzen der Türkei keine Imurrection grduldet werden soll. Mit Rücksicht auf diesen letzteren Punct soll man übcreuigefonimen sein, von der griechischen Regierung eine bestimmte Erklärung zu verlangen, ob sie die Macht habe, die Bewegung im Königreiche zu dämpfen. Fällt die Antwort verneinend aus, so würden Frankreich und England cS übernehmen, die Ruhe in den griechischen Provinzen der Türkei wieder herzustellen und die Bevölkerung deS Königreichs zu überwachen; andererseits hat Oesterreich sich verpflichtet, über die Ruhe in Serbien, Bosnien und Montenegro zu wachen, und wird im Nothfalle etwaige Versuche einer revolutionaireu Schilherhebung mit der Gewalt der Waffen unterdrücken. Nach Dalmatien sind neue Verstärkungen abgegangcu; ebenso wird bas Ob- servationscorps an der Südostgränze demnächst vollzählig sein. Eine Besetzung Serbiens stände wohl erst dann zu erwarten, wenn die Rube in diesem Fürsteuthum gestört werden sollte, eine Eventualität, die übrigens jetzt um so weniger eintreten dürfte, als Herr von Foulon, der die unteren Donangegeuken bereist, Aufträge des russischen Cabinels mitgenommen haben soll, die Serben zur Aufrechtballung der Ordnung und ihres bisherigen NeutralitätSsystemS zu eimahnen. Oesterreich hat die gewichtigsten Gründe zur Ergreifung so umfassender Vorsichtsmaßregeln, denn es ist kein Geheimniß mehr, daß die Verschwörung sich auf Serbien, Bulgarien und Montenegro ausgedehnt hatte, und daß der Ausbruch in diesen Ländern gleichzeitig erfolgen sollte. Die f. k. Regierung hat die entsprechende» Beweise - in Händen unb die in Belgrad versuchten Demonstrationen, sowie der Einfall der Montenegriner in das türkische Gebiet, ohne Wissen und wider den Willen des Fürsten Danilo bestätigen nur neuerdings das Vorhandensein dieser Verschwörung, die weniger einen religiösen, als einen politischen Ebaracter an sich tragt. Oesterreich ist aber fest entschlossen, in den an den Kaiserstaal angrenzende» Ländern keine revolutionären Bewegungen zu dulden.
Tie Unterhandlungen, welche gegenwärtig zwischen Oesterreich, Preußen und den Westmächten schweben erstrecken sich, nach dem „Rülub. Corr.", voizugswme auf Auffindung einer sicheren Basis für einen zukünftig abzufchließenden allgemeinen Friede,isveilra^ Oest mich und Preußen stimmen mit d- n Westmächteu darin über- ein, daß die Zukunft der Türkei von dem Volum der vier Mächte abhängig zu machen fei und die Verhältnisse der Pforte destuilw und auf die Dauer babin geregelt werden müssen, daß die Türkei in die europäische Völkerfamilie ausgenommen und die Wahrscheinlichkeit für baldige Wiederkehr eines Confl cleS beseitigt werde, ^urz, Oesterreich und Preußen billigen durch ihre Haltung den Grund der Schritte der Westmächte vollkom- Ulen, sehen sich aber wenigstens im Augenblick zu einem activen Vorgehen noch nicht veranlaßt.
Ein Berliner Correspondent der „N. C." berichtet: ES steht in Bezug der Haltung Oesterreichs io viel daß die SelbAenthüllaugen der russischen Politik,
welche in dem Orloff'scheu Anerbieten und besonders in dem Inhalt des von ihm vorgele^teu Vertrages enthalten waren,, Oesterreich zu einer Annäherung an den Westen veranlaßt haben. Ein Vetlragseutwurf, der von den westlichen Cabiueten in Wien vorgelegl worden , hat fort bis jetzt keine Zuiückweijuug erfahren; es sind vielmehr öiterreich.schelselts Modisicationeu beantragt und inzwischen die Unterhandlungen mit dem preußischen Cabinet fortgesetzt woibdi. Die freundlichen Verhältnisse zwischen den beiden deutschen Mächten sind auktrerjellS unverkennbar. Auf eine Anfrage der andern deulschen L thaten erfolgte ein preußiich - österreichliches Cireular vom 9. Febr. an die bei den dlUijchen Höfen beglaübigssu vulandten, in welch.m die Zurückweisung der Orloff'scheu Anerbieten sowie der Eulichluß, sich die freie Activ« zu wahren, mitgeihellt und, wie es scheint, auch das Versprechen hlnzugefugl wurde, die andern S aalen von dem Gang ker Ereinuifse in Kenntniß zu halten. Man betrachtet das Circular als den ersten diplomalischen Act, durch welchen die Annäherung der beiden Cabliiete bekundet wurde. Was sonst noch von Diiorgauiwnoa der Bundesverfassung verlautet scheint mit großer Vorsicht ausgenommen werden zu müssen. Hier in Berlin end- lich sind -wir zwar bis zu einem weiteren Anschluß an die wlstliche Politik noch nicht gelangt; aber es l.egl zu der AnuDme, daß die russische Allianz irgendwelche Chancen gewonnen, kein Grund vor. Die Ereignisse des bevolstehenden Frühlings werden ein Wort ruilzu- Iprecheu haben, und sie können nur zur Beseitigung der Majorität des Ministeriums beitragen. — Las neueste Auftreten Schwedens soll Rußland vernuluBt haben, feinen Ton herahzustimmen und sich in die au» gekündigte Neutralität zu fügen.
Die „Preuß. Corr." vom 7. d. enthält eine offM eie lle Erklärung über Preußens Politik l» ter orientalischen Frage. „Preußen, wird darin gesagt, habe seine Stellung zu den streitenden Parteien (Rußland und der Türkei rc.) durch Mitwirkung an den Wiener Conferenzen klar bezeichnet, und dürfte au derselben auch fern: festhatlen, aber keine Verpflichtungen zu bewaffneter Einmischung eiugehen. Preußen werde eine neutrale, z uwartende Stellung bewahren, um dem Mittleren Europa den Frieden zu erhalten und später versöhnend nach beiden Seiten wirken zu können."
Unter den gegenwärtigen Umständen und gegenüber den seit einiger Z it umlaufenden Gerüchten ist ein Artikel über die orientalische Frage in der „N. Münchener Ztg." (das offtcielle Organ Bayerns) bemerkenswerth, worin es u. A. heißt: „Mir fcheiut, die Rolle, welche Rußland in der neuesten Periode unserer Geschichte Deuischlaud gegenüber gespielt, ist nicht geeignet gewesen, sonderliche Shmpalhlen für diese Macht in unserem Valerlande zu erwecken. Es bedarf nur des Hinblickes auf Schleswig Holstein, wo die nationalen Hoffnungen der deutschen Fürsten wie des deulschen Volkes au dem Einschleilen Rußlands scheitelten, des Hinblickes auf das hemmende Eiugrcljeu Rußlands bei der in den letzten Jahren )0 ernstlich erstrebten naturgemäßen Umbubuug des deutschen StaatenorgarusmuS, wie bei dem großartigen Plaue einer burchgieifeuden Einigung der geiammt- dcuticheu Zoll- und Hanbelsiiittreffen. Rußland inipo» nirt dem konservativen Manne durch Die Fülle und Macht seiner monarchischen Autorität. Andererseits darf sich auch der deutsche conservalive Politiker nicht ver. hehlen, buß die staatsrechtlichen Grundlagen des deutschen und des luifUdwu politischen Lebens ganz ver-» schledenarligè Größen sind, die sich gar nicht mit einander vergleichen und messen lassen, daß bie gesell schaftlicheu Gebilde des deutschen und des ruf tischen Volkes auf grundverschiedenen geschichllicheu und nationalen Voraussetzungen beruhen. Die wahrhaft couser- valive Poliuk in Deutschland ist ein garrz anderes Ding wie die conservalive Politik in Rußland."
Der Wiener Lloyd ve>öffenlllchl abermals eine der in den i unlieben Slaalsichnfl-n über die orientalische Frage aus dem Recueil des documens pour la plu- part secrèts et inédils etc. und zwar die „Deo-ich« des Grafen Reffelrode an Se. Lils. Hob. den Großfürsten Konstantin", batnt PelerLburg, 12. Februar 1830. „Obwohl diese Dep-sche, bemerkt der Lloyd, großentheils bereits bekannte Zhalsachen enthält, so finden wir anderseits doch noch manche interessante Stelle in derselben, welche einen weiteren beachlenswerthen Beitrag zur Kennzerchnuug jener Politik und jener Pläne Rußlands liefern, die es bezüglich des Orients
feit einer Reihe von Decennien mit so großer Festigkeit und kluger Berechnung, immer näher dem gesteckten Ziele rückend, verfolgt. Graf N.ffelrode sagt in der nachfolgenden Depesche klar und deutlich, daß man eine nur von Rußland abhängige Türkei dulde» könne; eine solche sage russischen Interessen besser zu, als wenn man die Psorie stürze. Auch damals bat mau sich auf die „von ganz Europa anerkannte Mäßigung des Kaisers" viel zu gut gethan, und wird bemerkt, daß sie dennoch das Ueb<rgewicht Rußlands in der Levante zur Folge halte; wie jetzt, warb man auch damals Verbündete in bet Presse, deren Dienste zu solchen Zeiten nicht ver schmäht werden, und luß „Berichte in den Zellungen einschallen". Daß Rußland seiner lradition. Uen Politik biS heute treu' geblieben, bedarf hincS Beweises. Wir heben folgende Stellen derselben H.rvor. Graf Nesselrode theilt dem Großfürsten den Friebcnsveilrag mit, „der eben den ruhmvollsten und rechtmäßigsten Krieg krönte, den Rußland gegen die ottomanijche Pforte zu bestehen hatte." Dieser Krieg, säurt der Graf fort, der vom Kaiser erst dann, al6 er unvermeidlich geworden, ausgenommen warb, und trotz der feindlichen Thätigkeit Oesterreichs und der geheimen Cpvofitwu Groß- blilannienö zu einem glücklichen Ende geführt wurde, ließ Rußland in einer zu impouirenöeu und zu hohen Stellung, als daß es nothwendig narr, deren Vortheile zu entwickeln. Etnerseils ließ die einhellige Stimme Europäö der Mäßigung des Kaisers Gerechligkeit wider, fahren^ andererseits befestigten dennoch die Bedingungen deS TraclateS von Adrianopel das Ueberge wicht Rußlands in der Levante. Durch diej-lbe» wurden feine Grenzen verstärkt, sein Handel b. fielt, feine Rechte gewährleistet und seine Interessen gesichert. . . Die beiden Fragen, wovon ich eben sprach bezogen sich die eine aus das Schicksal Griechenlands, die andere auf die Vollziehung uâb auf die Art und Weise dec Gewährleistung der Geldverbinblichkeite», welche die tür- kische Regierung gegen Se. faif. Majestät cingegange» ist. Die zweite Frage, die gegenwärtig die Sorgfalt deS Kaisers in Anspruch nimmt, umfaßt andere Artikel deS Vertrag» von Adrianopet und die Gesammtheit unserer Bezichuug zur Türkei. Der Zweck dieser Beziehungen ist eben jener, welchen wir uns durch den Vertrag von Adrianopel selbst und durch die WiderhersteUung des Friedens mit den Großherrn vorsetzten. In der Macht unserer Aimee stand es, nach Coustantiiiopel vorzudringen und das türkische Reich umzustürzen. Keine Macht hätte sich dem widersetzt, keine unmittelbare Gc- fahr hätte uns bedroht, wenn wir der oltomaiiischen Monarchie in Europa den Gnadenstoß gegeben batten. Alle.« in der AttschaunngSweise des Kaisers sagte diese Monarchie, wenn sie dahin gebracht würde, nur unter der Protection Rußlands zu existiren und künftighin nur seinen Wünschen Gehör zu geben, unseren politischen und Handelsinterkssen bester zu, als jede neue Combination , die uns bemüssigt hätte, entweder unsere Gebiete durch Eroberungen zu sehr zu erweitern, oder an der Stelle des ottomanischen Reiches Staaten binzusieUen, die nur zu bald mit uns um die Macht, Civilisation, Iiidlistrie und Reichthum rivalifirt halten. Eben nach diesem Grundsätze Sr. kaiserl. Majestät werben heut zu Tage unsere Verhältnisse mit dem Divan eingerichtet. Da wir die Vernichtung der türkischen Regierung nicht wollten, so erforschen wir die Mittel, sie in ihrem ge- geuwärligen Zustand zu erhalten. Da diese Regierung uns nur durch ihre Nachgiebigkeit nützlich sein kann, so fordern wir von ihr die gewissenhafteste Beobachtung ihrerZnsagkn und die rasche Verwiik.ichung unserer Wünsche. Es bleibt uns noch eine ernste Unterhaltung zu beenden übrig. Sie hat zum Gegenstände die Art und Weise der Einrichtung der Kriegseilischädigungen, welche durch eine nachträglich dem Terctate vom 2./14. September 1829 hinzugesüM Convention st-pulirt wurden. Die Beictzung der Fürsteulhüiner Walachei unb Moldau, die während zehn auf einander folgenden Jahren zu dauern hätte, sollte ursprünglich zur Gewährleistung der der Zahlung dieser Enljchädigungen dienen. Allein der Kaiser erachte, daß diese Besetzung zahlreiche Hindernisse nach ziehen, sowie auch bedeutende Auslagen vetau- lasten nnd einer Besitzergreifung dieser Provinzen gleich, kommen würde, d.reu Eroberung ihm stets um io weniger nützlich schien, als wir in Friedens- und Kriegs zeit beliebig darüber verfügen, ohne Truppen darin zu^erhalte». T-r Kaiser wir geruhen, der Pforte einen .Lb<il der Kriegsentschädigung zu erlassen; allein uui unsere Ideen über' den Saldo M Restes und über die V.rgniuug s.stzüsetzen, die wir statt des baaren Geldes anmbmen könnten, dessen Mangel im oltomanischcu Reiche lebhaft