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Nassauische Allgemeine Zeitung.

TV? 54. Samstag den 4. Mây 1S54.

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Antwort de." Kaisers von Außland an Louis Napoleon.

* Durch das Journal de St. Petersburg ist jetzt der Wortlaut deS Schreibens bekannt geworden, durch wel­ches Kaiser Nikolaus das Schreiben des Kaisers Louis Napoleon vom 29. Jänner beantwortet bat. Da der Boniteur dem bestehenden Gebrauche entgegen den Jn- Halt dieses Schreibens gebracht hat, um die öffentliche Meinung zum Richter über das von dem Kaiser der Franzosen in der orientalischen Frage und gegen seinen bon ami^ beobachtete Verfahren zu machen, so bringt auch das erwähnte Hofjournal zur Vervollständigung der Akten die darauf ertheilte Antwort.

Das Schreiben des Kaisers Louis Napoleon hatte große Sensation erregt, die ganze russenfreundliche Presse wußte nicht genug die Würde, die Klarheit, Ent­schiedenheit dieses Schreibens, die Ehrenhaftigkeit der Gesinnung, die aus demselben spreche, hervorzuheben und den Eindruck, den es auf die öffentliche Meinung gemacht habe, als den günstigsten zn schildern. Wir glauben, daß der Brief des Kaisers Nikolaus diesen Eindruck gänzlich verwischen und durch die Loyalität der Darlegung des Sachverhaltes einen Rückschlag der Ge­sinnung zu Gunsten Rußlands bei allen jenen Hervor­rufen werde, die durch die Sprache Louis Napoleons geblendet, einen Augenblick in der Ansicht wankend wer­den konnten, daß die Haltung Rußlands in der unseren Welttheil so mächtig bewegenden Angelegenheit nicht eine von seinem Standpunkt aus zu rechtfertigende war. Die Unverbesserlichen nehmen wir natürlich aus.

Es ist nicht zu leugnen, beide Schreiben gehen von Parteiffandpuncten aus , beide sind der Ausdruck von persönlichen Ansichtii, deren jede irrig sein, zwischen bei­den die Wahrheit in der Mitte liegen kann. Selten war jebodr ein Aktenstück mit größerer Klarheit und Bestimmtheit abgefaßt, selten verband eines mit der­gleichen diplomatischen Glätte der Form gleich gelungene und gewandte, jeden weiteren Einwurf auSschließeude Widerlegungen, als die Antwort des Kaisers Nikolaus. Dieses Schreiben enthält in gedrängter Kürze Alles, was sich für das Vorgehen Rußlands nur immer an­führen läßt, sowohl was den materiellen Theil der Frage aubelangt, als auch was den Gang der Verhandlungen und die für dieses Reich daraus entstandenen Vcrhält- nisse und Nöthigungen betrifft. Einzelne Sätze, welche dieses Schreiben aufstellt, sind geradezu unwiderlegbar, andere basiren auf den Grundsatz:Was dem Einen recht, ist dem Andern billig." Das Schreiben Louis Napoleons war mehr eine öffentliche Entschuldigung, das Schreiben des Kaisers Nikolaus ist aber eine Ap­pellation an die öffentliche Meinung im wahren Sinne des Wortes.

Wer, der nicht absichtlich sich dem Gewicht der Wahrheit-entzieht, kann die Richtigkeit des Satzes läug- nen, daß der Zwist, der Europa in der Ungewißheit hält, längst ausgeglichen wäre, wenn man die Pforte sich selbst überlassen hätte. Man sagt, die Gewährung der Forderungen Rußlands sei gleichbedeutend mit der Vernichtung der Türkei, und die Integrität dieses Reiches müsse aufrecht erhalten werden. Rußland, sagt man, will das Schirmrecht über die morgenläudischc» Christen nicht au^ Mitgefühl für die bedrängte Lage derselben, sondern aus politischen Zwecken. Rußland bat nach unserer Ansicht vor den Westmächten den Vortheil eines plausiblen Vorwandes für seine Handlungsweise voraus, während diese nur durch das bloße Interesse geleitet werden. Abgesehen von Allem wird wohl Niemand in Abrede stellen, daß die Geschicke der Pforte sich über kurz oder lang dennoch erfüllen, daß der natürliche Zustand dieses Reiches unhaltbar sei und daß dieseSchutzmaner der Civilisation" vor dem langsam aber unwiderstehlich an­drängenden Element christlich-europäischer Bildung end­lich zusammenbrechen müsse. Die Intervention der Mächte ist für die Selbstständigkeit derhohen Pforte" weit compromittirender, sie wird und muß die ange- deutete Katastrophe nur beschleunigen.

Das Schreiben des Kaisers Nicolas weiset nach, daß die Absendung der französischen Flotte der Besetzung der Donausürstenthümer voranging, und daß diese ver­letzende Demonstration die Türken anreizen und von vorn herein den Erfolg der Unterhandlungen zu nichte machen mußte, indem sie zeigte das Frankreich und Eng­land bereit wären, die türkische Partei in jedem Falle (â tout événement) zu unterstützen. Das Schreiben des russischen Kaisers führt den Beweis, daß man an­statt die Pforte zur Annahme der vereinbarten Wiener Note zu verhalten, derselben gestattete, Modifikationen

vorzuuehme» und die Verständigungj auf's Neue in un­absehbare Weite zu rücken, daß die Commcnlirung der Wiener Note erst nach deren Richtannahme erfolgte und daß man auf die seinerseits zu Ölmütz angebotene und von Oesterreich wie von Preßen genügend erachtete Lösung der dadurch veranlagten Schwierigkeiten nicht einge­gangen sei.

Der Kaiser von Rußland zeigt, daß er durch die noch vor den« zur Eröffnung der Feindseligkeiten be­stimmten Termin" erfolgte Invasion der Türken auf russisch-asiatisches Gebiet, auf die von Seite der Türken erfolgte Unterstützung der tscherkessischen Stämme rc. gezwungen war aus seiner Defensive herauszutreten, welche er vor Ausbruch des Krieges und nur so lange seine Ehre und seine Interessen es ihm erlauben wür­den, so lange der Krieg auf gewisse Grenzen beschränkt wurde, beobachten zu wollen erklärt habe.

Treffend bemerkt der Kaiser:Wenn die Rolle des Zuschauers oder selbst die des Vermittlers Ew. Majestät nicht genügte, und wenn Sie sich zum bewaffneten Bun­desgenossen meiner Feinde machen, dann, Sire, würde cs loyaler und Ihrer würdiger gewesen sein, mir dies von vorn herein offen zu sagen, indem Sie mir den Krieg erklärten. Jeder würde dann seine Rolle gekannt haben." Der Erinnerung an die durch die Schlacht von Sinop e gekränkte militante Ehre Frank­reichs setzt Kaiser Nikolaus die einfache Frage entge­gen , ob die militärische Ehre des russischen Volkes durch die Anwesenheit der 3000 Feuerschlünde am Ein­gang des Bosporus durch das Einlaufen der verbün­deten Flotten in das schwarze Meer und durch das au Rußland gerichtete Verbot der freien Schifffahrt auf demselben wie durch Untersagung des Rechtes, die eigenen Küsten zu verproviantiren, weniger ver­letzt sei? Sire! frägt der Kaiser von Rußland, 28eiin Sie an Winer Stelle wären, würden Sie eine ähnliche Stellung annehmen? Würde Ihr Nativ- nalgefühl es erlauben, die mir gemachte» Vorschläge an - zunehmen? Ich werde rreist Nein antworten. Lassen Säe mir also auch meinerstits das Recht, zu deuten wie Sie selbst. Was auch Ew. Majestät entscheide, vor der Drohung wird man mich nicht zurückweiche» sehen. Mein Vertrauen ist auf Gott und aus mein Recht, und Rußland, dafür verbürge ich mich, wird wissen, sich im Jahre 1854 so zu zeigen, wie cs 1812 gewesen.

Diese für Louis Napoleon wie für jeden Franzosen so verständliche Andeutung wird nicht verfehlen, die tiefste Sensation in Frankreich hervorzurufen. Sie ist die Antwort auf den provocirenden Schluß des Schrei­bens Louis Napoleons, daßim Falle einer Weigerung Frankreich wie England genöthigt sein würden, dem Loose der Waffen und den Zufällen deS Krieges an. heimzustellen, was heute durch die Vernunft und die Gerechtigkeit entschieden werden konnte." Sie erinnert ihn daran, daß die Geschicke des Krieges sich lenken lassen und fordert ihn auf, an dem aboptir- te» Programm, wie eS Vernunft und Gerechtigkeit ge­bieten , festzubalten und bestehende Verträge zu re- spectiren.

Der Schluß deS Briefes enthält in Kürze dic An­deutung der einzig möglichen und durch die Lage der Dinge gerechtfertigten Lösung: diiccie Unterhandlungen mit der' Pforte auf Grund der in Wien gemachten Zu­geständnisse. Der Kaiser von Rußland ist im Streit mit dem Sultan und mit diesem will er ihn beilegen oder ausfechten. Er will keine Vermittler oder Untcrhänd ler, aber er scheut auch keine Bundesgenossen des Gegners.

Ventschland

Vom südlichen Taunus, 1. März. Das eben von den Stäudekammeru acceptirte Gemeindegesetz ist denn doch wieder eine arge Beeinträchtigung der Volkswohlfahrt! Die beifällige Begrüßung der Auf- Hebung jener Gesetzesbestimmungen, welche die Geistlichen und Staatödieuer in den Gemeindeverband und dessen Wohlthate» hineinzogen , kann nur auS einer blinden Verkennung des Glückes hervorgeben, welches auf die Nichtexistenz aller StandeSunterschiede sich gründet. Zu denen, welche eine solche Hemmung des in schönster Ent- Wicklung begriffenen allgemeinen Besten willkommen hei- ßen, zählen,' wie ich glaube, wenigstens die beiden Geist­lichen in dem Flecken E. nicht. Seit der wonnereicken Zeit derErrungenschaften" bis anher hat dieselben der dortige Gemeinderath mit seinem Takte ihrer Stellung angemessen gar ehrend und würdiglich behandelt. Schon gleich, als die widerlichen Schranken derUngleichheit" fielen, wurde der katholische Pfarrer der Bedienung der

Feuerspritze, der evangelische derRettungsmWnschast" beigesellt. War das nicht für einfache, nicht sonderlich erfahrene Leute schon ein recht löblicher Act richtigen Verständnisses der die Verbesserung der menschlichen Zu­stände bezweckenden neuen Ideen? Diesen Ausdruck und Gestalt zu geben, zeigte sich in E. in Hinsicht aus die Geistlichen ein so entschiedenes Streben, wie nirgends weit umher. Bei den Frohnten am Weg- und Straßen­bau sollten dieParrer" keine Zurücksetzung erfahren; weil sie aber in dieser Beschäftigung nicht geübt zu sein erklärten, durfte es geschehen, daß der katholische Pfarrer, indem er sich die Schüppe als Symbol vorantragen ließ, mit einem Buche in der Hand erschien, der evan­gelische aber seinen Substituten sandte. Die amüsante Unterhaltung des Steinklopfens wollte man sie dann auch genießen lassen, und citirte öfter den einen und den andern zu abgesonderten Steinhaufen; noch im Vor­winter aber wies man ihnen gemeinschaftlich ein O-uan tum zum Kleinmacheu an. Nächtlicher Weile den Wäch­ter durch die einsamen Straßen zu geleiten, und ihn zu rügen, wenn er sich verbläst, dazu trifft die zwei Geistlichen circa vierteljährlich die Reihe. Die Einladung zu dieser Bürgerpflicht erfolgt durch einen Zettel; steht deS Pfarrers Name voran, so hat er seinem Nachbarn die zu leistendeBeiwache" anzukünden. Einen »ehr günstigen Eindruck macht es auf die Wachtgenoffen des Pfarrers, wenn sie ihren Collegen Sonntags am Altare und auf der Canzel sehen. Die beiden Pfarrer ent­richteten freiwillig auch immer ihre Gemeindesteuern, deßhalb aber konnte man sie doch nicht, ohne gegen die modernen Begriffe von Recht, Billigkeit und Schicklich­keit zu sehr zu verstoßen, von den übrigen Communal- lasteii befreie». Und nun sollen für alle Pfarrer (also auch für die zn E.) und Staatsdiener die herrlichen bürgerlichen Beziehungen aufhören? Heißt daS nicht nebst dem Wohle deS Volkes auch die Poesie des Lebens vernichte»? O edle, preißliche Zeit der lieben Brüder­lichkeit ! L

^ Königstein In einigen Nummern Ihres ge- schätzten Blattes wurde unser Städtchen theilweise her- vorgehoben, theilweise herabgcwürdigt (?), ersteres mit letzteres aber ohne Grund; besonders erwâhnenswertb ist der Artikel in Nr. 36 d. Bl., der nicht ohne Ent­gegnung bleiben kann. Königstein ist schon seit außer, ordentlich langer Zeit durch seine höchst interessante Lage und herrliche Umgebung bekannt, verdient aber jetzt um 'so mehr hervorgehoben zu werden, da durch die von Herrn Dr. Pin gl er gegründete Kaltwasserheilanstalt unser Städtchen einen bedeutende» Rus sich erwarb. Es ist nicht zu läugnen, daß Kranke, welche in der Kaltwasserkur ihre Genesung suchen, nicht allein hier einen angenehme» Aufenthaltsort, sondern auch Linde- rung und Heilung ihrer Leiden finden, indem die Kuren des Herrn Dr. Pingler bisher nur auffallend glück­lichen Erfolg hatten. ' Daß die Bewohner Königsteins benanntem Ärzte Vieles zu danken haben, sowie daß dieser sich das Wohl unseres Städtchens angelegen sein läßt, ist keine Frage, daß aber jene mit lahmem, theil» nahmlosem Geiste ihm für diese Sache zur Seite stehen, kann mit Recht in Abrede gestellt werden. Der Verf. des beatmten Artikels hat jedoch durch seine Aeußerung, daß der hiesige Gemeinderath nach Kräften der «tadt- casse sich bemüht habe, mitzuwirken, uns diese Mühe erspart, indem Jeder wohl einsehen und wissen wird, eine Stadtcasse keine Gemeinderaths-, sondern eine Ge- meindecassc ist, und also Jeder sein Schärflein ^dazu beigetragen hat und ferner noch beitragen wird. Schon längere Zeit sieht man dahier mit Spannung dem Er­scheinen eines Werkchensder Beschreibung Königsteins" entgegen, woraus übrigens Nichts zu werden scheint, da,' wie vernommen wird, die sterblichen Ueberreste der verblichenen Subscriptionsliste bereits dem Feuer über- geben sein sollen.

Frankfurt, 3. März. Wie die F. P. Z. meldet, soll demnächst der langjährige Conflict zwischen der Stadt und der katholische» Gemeinde über die Ansprüche au die ehemaligen Kirchengütcr durch einen von der aus Mitgliedern des Senates und des katholischen Kirchen- vorstandes gebildeten Commission vorgelegte» Vertrag beigelegt werden. Die Hauplbestimmuugen dieses Ver­trages'sind: die Stadt zahlt außer der festgesetzten Do­tation an die katholische Gemeinde weiter die jährliche Summe von 1500 fl. zur Anstellung einiger Caplane, und 1000 fl. für Kirchengerälhschaste» und stellt den ersten Lehrer der katholischen Volksschule alsOber­lehrer" in jeder Hinsicht den protestantischen Oberleh­rern gleich rc.; dagegen nimmt die katholische Gemeinde ihre bei der deutschen Bundesbeschwerde zurück. Die-