nicht selbst wählen kann, sondern es — oft sehr gegen seine Wünsche und in störendem Wechsel — von der Regierung hinnehmen muß.
Wenn der Commissionsbericht hingegen bemerkt: „cs sei nicht einzusehen, warum die Anstellung von Acces- Men im Staatsdienste einer guten Erledigung der Arbeiten entgegen stehen solle? Faulheit und Nachlässigkeit würden nicht ungeahndet bleiben ; auch sei nicht nachge- wiesen, daß die Accessisten ihrer Pflicht nicht entsprochen hätten": so übersieht er hier den höchst wesentlichen Unterschied, welchen öffentliche und private Anstellung von HülfSarbeitern, auch wenn mau. keine Nachlässigkeit und Pflichtwidrigkcit voraussetzt, doch bezüglich der Art und des Erfolgs der Arbeit auSübt. In andern Ländern hält man den Staat nicht für verpflichtet, auf seine Kosten für die Beschäftigung und Existenz der Candidaten irgend einer Wissenschaft zu sorgen. Das mag Jeder so lange selbst thun, bis ihn der Staat wirklich braucht. So überläßt man es z. B. in Preußen den Referendaren, auf ihre Kosten bei den Landgerichten zu prakticiren; so sungiren in Baiern die Candidaten als Privatgehülfen der Landrichter.
Diese letztere Einrichtung ist es, welche mir für uns am passendsten zu sein scheint, um von jetzt an den noch nicht'angestellten Candidaten Beschäftigung und Unterhalt zu gewähren und so allmahlig die Beseitigung der Acccssistcnanstcllungcn mit allen ihren großen Nachtheilen für den Staat anzubahnen. Gäbe man daS, was der Staat jetzt an die Accessisten bezahlt, nur zur Hälfte den Beamten und Sccrrtärcn, so würde man nicht nur die fast trostlose Stellung dieser älteren Staats- diener sondern mit solchen weniger zahlreichen, aber sorgenfreieren und zuverlässigeren Beamten auch die Ar- beiten des Staatsdienstes selbst wesentlich verbessern. Und will man einmal im Staatshaushalte zu sparen anfangen, waS bei der jetzigen Lage der Steuerpflichtigen so dringend nothwendig ist, so kann man es gewiß nicht leichter und vortheilhafter, als indem man — nächst Vereinfachung des Geschäftsganges — die Zahl der Staatsdiener auf die »»gedeutete Art verringert und dieselben zugleich bester besoldet.
Man hat gegen meinen Antrag eingewendet: derselbe verhindere die tüchtige Ausbildung künftiger Beamten ; die Accessisten müßten bei den Aemtern, namentlich in UiitersuchungSsachen, wo sie z. B. als Acluare den Richter zu controlircn hätten, eine selbstständige Stellung haben; als Privatgehülfen eines einzelnen Beamten, welcher auch ihre Leistungen nicht so würdigen und für ihre Beförderung nicht so sorgen würde, wie die Regierung , kämen sie dagegen in eine abhängige, ja leicht in eine unwürdige und geknechtete Leige; ein und der andere egoistische Beamte könne seine Gehülfen so accordiven^daß ffe wl^ Bediente
und zu Augendienern gemacht würden ;., der Beamte werde sie am Fortstudiren hindern, damit nur recht viel für das Amt gearbeitet (geknifft) würde; ja er könne wohl selbst an der Zahl seiner Hülfsarbeiter sparen und z. B. nur einen solchen »»nehmen, während er doch für 2 eine Vergütung (von 000 fl.) bezöge.
WaS den letzten Einwand betrifft, so erledigt sich dieser mit allen daraus gezogenen Folgerungen von selbst durch meinen Antrag, nach welchem sich die Größe der den Beamten zu verwilligenden Vergütung nach der Zahl der wirklich angenommenen Gehülfen richten soll; cs wird also weder eine allzu große Ueberbürdung mit Amtsarbeiten, noch dadurch eine Abhaltung vom Fortstudiren statt finden. In einer von ander» abhängigen Lage bringen nicht nur fast alle unsere Geschäftsleute, sondern auch sehr viele Stubirte (z. B. als Hauslehrer, Kapläne re.) ihre Jugendzeit zu: und es ist dies für den Character, wie für die ganze künftige Lebensstellung der meisten jungen Leute gewiß weit besser, als wenn sie allzu früh einer Selbstständigkeit genießen, welche sie über ihre realen Verhältnisse hinauSlrcibl und dadurch nicht wenigen nur zum größten Verderben gereicht. Auch ist es unzweifelhaft besser, von einem Herrn, als von vielen abzuhängen.
Wird ferner schon der geschickte Amtsscribent, Land, oberschultheißengehülf« im ganzen Lande gesucht und gut bezahlt; so ist nicht einzusehen, warum dies bei einem studirten guten Accssisten (Candidaten) als Pri- vatgehülfe minder der Fall sein sollte. Gerade der Beamte, unter dessen unmittelbarer Leitung und Ver- antwortlichkeit ein solcher arbeitet, wird dessen Verdienste weit eher richtig erkennen und ihn zur Beförderung empfehlen, als es die fern stehende Regierung vermag. Außerdem wird sich zwischen dem Beamten und dessen selbstgewâhlten Privatgehülfen weit leichter ein freundschaftliches und dem Dienst förderliches Verhältniß bilden, als zwischen jenem und einem aufgedrungenen. Amtsaccessisten, der sich in jugendlichem Ucbermuih gleich selbstständig, ja wohl über seinen Chef weit erhaben dünkt. Während dort ein Wechsel des Personals leicht, aber doch nur dann flatifindet, wenn eben eine mit dem Dienst unverträglich gegenseitige Entfremdung eilige- treten ist, muß hier der Beamte gegen seinen Willen den Aceessisten bald behalten, bald verlieren.
Außerdem ist es offenbar gefährlich, jeden Acces- sisten selbstständige Handlungen, Untersuchungen vorneh men zu lassen: er kann und soll dies im allgemeinen Interesse nur unter Verantwortlichkeit des Beamten
thun: waS nicht möglich ist, wenn diesen die Wahl seines Personals nicht frei steht. Endlich ist nicht abzu- sehen, weshalb aus der in einer solchen Schule gebildete Privatgehülfe nicht eben so gut, ja im Ganzen noch weit eher brauchbare, tüchtige und charactervolle Beamte hervorgehen sollten, als aus den durch vorzeitige Selbstständigkeit oft in ganz zerrüttete Verhältnisse gerathenen Accessisten. Wer nicht erst selbst gehorchen gelernt hat/der kann später auch nicht befehlen: gleich wie der, welcher eine Bedientenscele hat, auch in der höchsten Stellung nichts als ein Bedienter und Augen- dietwr sein und bleiben wird." (Forts, folgt.)
□ Winkel 27. Febr. In der heutigen Nummer der „N. A. Z." wird der Tod des am 24. d. M. dahier verstorbenen Herrn Professors Müller berichtet. Jrrthümlicher Weise aber heißt es von ihm, er sei eine Zeit lang Redacteur der deutschen Volkshalle gewesen. Der Verstorbene wird also verwechselt mit dem Prof. Herrmann Müller, welcher zu Erbach sich aufhält.
Der hier verstorbene Professor Martin Müller war eine allgemein geachtete und in weiten Kreise» bekannte Persönlichkeit, obschon er nie als Schriftsteller ausgetreten war. — Zur Zeit des Ausbruches der franz. Revolution stand er im Jünglingsalter, und entschloß trotz der Gewaltthaten gegen die Hirche und ihre Diener, sich dem geistlichen Stande zu widmen. Nachdem er einige Jahre Hofmeister bei der freiherrlichen Familie von GreiffeMau zu Vollraths gewesen, wurde er als Kooperator an die Leonhardskirche zu Frankfurt berufen, und wirkte daselbst als ausgezeichneter Kanzel- redner, und Professor an dem katholischen Gymnasium mit vielem Segen. Dort stand er mit den berühmtesten Männern seiner Zeit, Fürst Primas von Dalberg, Goethe, NiclaS Vogt und vielen andern im innigsten Verkehr. Als aber bei der neuen Organisirung der Schulen die eingeführte ReligionSmengerei ihm gegen die Grundsätze einer wahren Erziehung zu verstoßen schien, gab er seine Stelle auf, verzichtete auf die ihm gebührende Pension, und zog sich auf sein Bencficium, die Frühmesscrei zu Winkel, zurück, welche ihm durch die Freigebigkeit der freiherrlichen Familie von Greiffen- clau verliehen worden war. Hier beschäftigte er sich mit großer Aufopferung und mit vielem pädagogischen Tacte mit der Vorbereitung talentvoller Kunden zu den höheren Studien. Drei seiner Schüler, welche er zum geistlichen Staude erzogen hatte, feierten heute bas Hochamt bei seinem Exequien. Nebenbei machte er sich um alle Gemeinden der Nachbarschaft verdient, indem er mit größter Bereitwilligkeit überall predigte und in der Seelsorge auShalf. Ein besonderer Verdienst ist es noch, daß er viele Jahre mit wahrer Aufopferung sich der Armenpflege alS Mitglied der AmtS-Armeu-Com- ' mistion annahm (solange seine Kräfte eS erlaubten. Seit 8 Jahren siechte sein sonst so rüstiger Körper dahin, er starb am 24. d. M. nachdem er die Schmerzen seiner Krankheit mit Geduld ertragen hatte. Sein Leichenbegnuguiß war ein wichtiges Ereigniß für die ganze Umgegend. Außer 38 Geistlichen hatte» sich Freunde und Verehrer ans allen Ständen von nah und fern eiugefuuden, und sich mit den Bewohnern von Winkel zu dem imposantesten Leichenzng vereinigt, den man hier noch gesehen. Er hatte sein Leben auf, 77 % Jahr gebracht und davon 37 in Winkel als Frühmesser verlebt. An ihm hat die Kirche einen treuen, eifrigen Diener, die Gemeinde ein fleckenloses Muster der Biederkeit, und jeder RbeiÜgauer einen achlenswerthen Freund verloren. Sein Andenken wird noch lange im Segen fein.
+ Aus dem Gelbachthale. Vor einige» Wochen brachte die Nass. Allgemeine Zeitung einen der Deutschen Volkshalle entliehenen Aufsatz, worin der protestantischen Presse partheiische und ungerechte Beurtheilung der kirchlichen Streitfragen zum Vorwürfe gemacht wurde. Diese Beschuldigung scheint mir nicht begründet, da bekanntlich die größern und bedeutenden von Protestanten redigirten Zeitungen fast ohne Ausnahme für die Rechtmäßigkeit der Ansprüche der kalhol. Kirche ausgesprochen. Ich nenne nur: bas Hnl- lische Volksblatt von Nathusins, die freimüthige Sach, senzcitmig, Wolfgang Wenzels Literaturblatt, der von Superintendent Hahn (auch zu Wiesbaden von der Versammlung des Gustav-Abolph-VereinS her bekannt, A n m. d. Red.) zu Breslau herauSgegebene „Protestant", die Augsburger Allgemeine Zeitung, die Neue Preußische (Kreuz-) Zeitung und die von Hengstenberg redigirte Berliner K,rchenzeituiig. Blätter von dieser Gediegenheit wiegen die Angriffe der liberal-ratioualisti. schen Tagespreise gegen t;e Kirche unendlich auf, und für die Rechtmäßigkeit der kirchlichen Forderungen scheint ein stärkerer äußerer Grund kaum denkbar, als die Zustimmung jener gewichtigen Protest» »tischen Stimmen einer- und die die maßlosen Angriffe und Beschuldigungen der frühern osficieüen Organe des Aufruhrs, des Frankfurter Journales und Blätter ähnlichen Ge- lichterS andererseits, deren Beifall allein schon genügen müßte, Zweifel an der Gerechtigkeit einer jeden Sache zu erwecken. Ueberhaupt gebe man nicht so leicht Täuschungen Raum; die Stimmung des Volkes ist nicht so, wie man sie wünscht, und deßhalb gerne glaubt, es fehlt nicht an einsichtigen Protestanten, welche in dem Kirchen-Conflicle etwas mehr als eine confessi-
onelle Streitigkeit erblicken , die darin einen Kampf um das Princip dcrSclbstständsgkeit der Kirche erkennen, und überzeugt sind, baß, ohne Jene für die evengelischc Kirche so wenig wie für die katholische eine segenbringcnbe Eutfattnug ihrer Thätigkeit möglich ist. Die ärgste und zugleich unseligste Täusübring aber wäre, an Gleichgültigkeit und Thcilnahmlosigkeit her katholischen Bcvölkerung in dem Kirchenstreile zu glauben. Dieser Theil der Bevölkerung, in welchem der Keim des Mißtrauens durch die Einziehung der geistlichen Güter und durch so manchen ungeschickten, katholische Sitte und Glauben rücksichtslos verletzenden Schritt der Bureaukratie gepflanzt wurde, ist durch Alles das, waS in neuester Zeit gegen katholische Priester und Bischöfe unternommen worden, bis in sein tiefstes Innere aufgeregt, und geneigt, sich den schwärzesten Besorgnissen für die Zukunft seiner Kirche und seines Glaubens zu überlassen. Pflicht der Presse scheint cs, dieß laut und offen auszusprechen, da hier Wahrheit allein from- men kann, jede Täuschung aber Unheil bewirken muß. (Wir haben dieß wiederholt, aber wie es scheint leider vergebens gethan.)
0 Vom Taunus. Ihr Correspondent aus dem „Schöffengrnnd" hat in Nr. 44 Ihres geschätzten Blat. tes neben andern ehrlichen Handwerken der Usinger Landbewohner auch der sogen. Landgängerei der E «- p a e r und W e i p e r f e l d e r Erwähnung gethan. Was sind daS für Leute, diese sogen. Landgän^er? fragt vielleicht mancher Leser der AUg. Zeitung'. Nun, diese Laudgänger sind ein ganz eigenes Völkchen; und um ein richtiges Bild von ihnen zu erhalle», muß man etwas in ihr Treiben hi»ci»geschank-hcchew_Noch ehe die ersten Lerchen schwirren, erwacht in dieseHuteil vius unbändige Reiselust. Den Eiücn ziehl's nach New- Nork, den andern in die deutschen Bundesstaaten, die meisten aber nach England. Die Vorbereitungen zur Reise sind bald getroffen. Die 2 bis 3 Accker werben dem Vetter Kunz zur Bestellung übertragen, der Bünbel geschnallt, die Läden und bie Hausthüren geschlossen und nun gchl'S mit Sang und Klang zur nächsten Eisenbahnstation. Wer noch einen alte» Vater oder eine alte Mutter zur Besorgung Der „Erwel" (Arbeit) hat, zieht mit ganz besonders leichtem Herzen in das Land seiner Träume. Wie an einem schönen Herbstmorgen Plötzlich alle Schwalben auf und davon sind, so verschwinden auch diese Landgänger. Urplötzlich sind sie von dannen gerückt, und eS ist als flögen sie davon. Bis man den einen oder andern vernicht, macht er bereits in den Straßen Londons Musik, oder segelt auf dem großen Weltmeer nach einem amerikanischen Hafen. — Was treiben aber diese Leute in den fernen Länder? Der Eine spielt
treibt Korbhandel, der Dritte verkauft werthlose Schnitzereien, der Vierte tritt in Dienste als Knecht oder Aus- lâufvr u. s. w. So geht der Sommer dahin, und während die Zurückgebliebenen im Schweiß ihres Angesichts ihr Brod verdienen und mit ihren Verdiensten kaum die nöthigen Abgaben zu decken wissen, kommen im Spälherbst diese Landgänger zurück und haben die Säckel voll Geld, wenigstens genug, um den Winter fibel zu leben, haben aber keine Schwielen an den Händen. In der That, die Verdienste Einzelner sind oft unglaublich. Wenn ein gewürfelter Landgänger 5—600 fl. baares Geld mitbringt, so schlägt Niemand die Hände über dem Kopf zusammen. Dem hat's gebuttert, Heißi's baun , und man faßt de» Entschluß, die Sache auch einmal zu versuchen. So haben einzelne Familien in Cleeberg (wo ebenfalls die Landgängerei im Schwange ist) die noch vor wenig Jahren' arm und verschuldet wäre», jetzt statt Schulden Activa. — Doch sind das AusUahmen. Genau betrachtet, bietet das Bild der Landgängerei mehr des Gräuelhaften als des Lieblichen. Was die Hauptsache ist, — die meisten Landgänger gehen ihrem totalen sittlichen Ruin entgegen. Sobald die Kinder (Knaben und Mädchen) confirmirt sind, müssen sie mit in's Land. Da fällt von selbst aller weitere christliche Unterricht weg. WaS ihuen der Geist' liche mit Mühe beigebracht hat, ist bald verdampft, und so kommen sie zurück und haben wohl, um mich des technischen Ausdrucks zu bedienen, „Condnilen" im Kopf, aber kein Christenthum im Herzen. Wie unbescholtene Mädchen oft zurückkommeu, davon wollen wir ganz schweige». Viele gehen aber auch leiblich zu Grunde. So ist im vorigen Herbste ein ESpacr Mädchen in einem Zustande heimgcbracht worden, daß wohl nie wieder eine völlige Genesung zu hoffen ist. Reisen die Eltern mit, dann geht eS für die Kinder wohl noch an, wenigstens in leiblicher Hinsicht. Allein das geschieht nicht immer. Die Kinder müssen allein fort. Sie werden an einen spekulativen Landgänger verhandelt. Ein solcher Mann kauft sich oft 10 — 12 solcher Kinder, und bezahlt, wen., er heimkehrt, für's Stück 30, 40—50 fl., je nach dem der Aecord lautet. Diese gedungenen Kinder müssen nun daS Geld verdienen und zwar per las aut nefas. Stelle» sie sich schlecht an, so gibt's Prügel oder Abzug von der Kost. Daß dabei unkluge Eltern jämmerlich übertölpelt werde», versteht sich von selbst. So hat ein Cleeberger Mann voriges Frühjahr seinen Sohn an einen solch feinen Geschäftsmann verdungen. Der Aecord jedoch hatte die Claiisel: wenn der Bube unterwegs fortläuft, wird nichts für ihn be-