Nassauische Allgemeine Zeitung.
A> 40. Donnerstag den 16. Mo« 1834.
Die „Naffallische Allgemeine Zeitung" mit dem belletristischen Beiblatt „Der Wanderer" erscheint, Sonntag« -»«genommen, täglich und beträgt der PränumerationSprei« für Wiesbaden und , nach dem neuen Postregulaiid nunmehr auch für den ganzen Umfang des Tburne und TariS'fchen Verwaltungsbezirk« mit Inbegriff deS Postaufschlag« 2 fl., für die übrigen Länder de« deutsch-österreichischen Postverein«, wie für da« Ausland 2 fl. 24 kr, — Inserate werden die vierspaltige Petitzeileoder deren Raum mit 3 kr.berechnet. — Bestellungen beliebe man in der Buchhandlung von W. Friedrich, Langgaffe 42, au«wärtS bei den nächstgelegenen Postämtern, zu machen.
i>r. Hirscher über den Kirchenstreit.
Von dem Professor und Domdecan Dr. Hirscher ^Li Freiburg ist kürzlich ein Schriftchen: „Zur Ori- entirung über den derzeitigen Kirchenstreit erschienen, welches zwar von geringem Umfang, aber von desto kräftigerem und gehaltreicherem, Kerne ist. Das Büchelchen ist in einfacher, gemeinverständlicher und lies zu dem Herzen und Verstände gehender Sprache geschrieben und wird schwerlich verfehlen, den größten Eindruck auf jeden Leser, namentlich aber den sogenannten gemeinen Mann zu machen, der noch eines religiösen und ethischen Eindruckes fähig ist. Für denjenigen, welcher auf dem Gebiete des Kirchen- und Staatsrechtes zu Hause ist, wird Hirsch er's Schrift nichts Neues enthalten, aber zugestehen wird er gerne, daß er das Alles noch nicht so kurz und kräftig, auf so wenigen Blättern und in einer so gemüthlichen und ergreifenden Sprache gelesen habe.
Dieß Büchlein wird schwer, sehr schwer, namentlich in Süddeutschland, wo auch das gemeine Volk den durch sein Alter, seine versöhnende Milde und seine große Gelehrsamkeit gleich ehrwürdigen Hirscher kennt und hochachtet, in die Wagschaale fallen. Wir glauben das Schriftchen nicht zu überschätzen, wenn wir der Ansicht sind, daß es mehr wirken wird, als Alles, was bis jetzt über den leidigen Kirchenstreit bis zu dem Buche des Tübinger Professors Warnkönig herab geschrieben worden ist.
Hirscher will mit seinem Büchlein versöhnen. Wir wünschen dem würdigen Greise aus ganzem Herzen den besten Erfolg! „Der Kirchenstreit—" so sagt unser gemüthlicher Hirscher— „fängt nun mehr und mehr an bitterer zu werden, und die Gemüther zu entzweien. Es lohnt sich also immerhin der Mühe, bei vielfacher Unkenntniß in der Sache, bei der großen Einseitigkeit und Verworrenheit der Begriffe, bei der Menge von Einreden und Scheingründen, bei dem Für und Wider in allen Classen der Bevölkerung den Versuch zu machen, etwas zur Orientirung der Ansichten und Urtheile und damit zur Friedigung der Gemüther beizutragen."
Mit Recht spricht Hirscher die Ansicht aus, daß der Wiederstreit der Meinungen im Allgemeinen nicht aus bösem Willen hervorgehe. Unkenntniß der Glaubenslehren und der Einrichtungen der katholischen Kirche und ihrer Rechte von Seiten wohlgesinnter protestantischer Staatsmänner und Beurtheilung der Dogmen aus dem Rechte der katholischen Kirche von dem Standpuncte des jedenfalls befangenen und nicht Platz greifenden protestantischen Kirchenrechts aus mußten nothwendiger Weise Verwirrung bei jenen hervorbringen. Diese Verwirrung mußte intensiver werden, als feige und characterlose Büreaukraten katholischen Glaubens, da wo es ihre Pflicht war, nicht den Muth hatten, ohne Menschenfurcht die Wahrheit zu sagen, und sie steigerte sich bis zum Komischen, als die Demokratie und Alles , was drum und dran hängt, neuerlich für die Hoheitsrechte des Staates über die katholische Kirche zu schwärmen begann, unzweifelhaft mit dem Hintergedanken, Kirche und Staat dadurch hintereinander zu hetzen, und beim ausgebrochenen Kampfe beider Altar und Thron als ihr gleich verhaßt gleichzeitig umzustürzeu.
Wir glauben unS die Leser dieser Zeitung zu verbinden , wenn wir aus dem vortrefflichen Schrlftchen des ehrwürdigen Hirscher diejenigen Stellen auszie- hen, welche uns vorzugsweise angesprochen haben.
Im Eingänge desselben sagt er:
„Zum Voraus muß ich bemerken, daß ich zu Solchen, welche nicht an Christus als den vom Vater in die Welt gekommenen Sohn Gottes glauben, nicht rede. Denn was soll ihnen die Kirche Christi und die Gerechtsame dieser Kirche gelten, wenn ihnen Christus nichts gilt? — Ich rede zu Christen.
Man beruft sich, um die von der Kirche beanspruchten Rechte als unstatthaft zurückzuweisen, auf das Wort des Herrn, da Er sagt: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt." Allerdings von dieser Welt ist es nicht, und die Juden irrten sich sehr, wenn sie sich das Reich des Messias als ein politisches dachten. Aber, wenn auch nicht von dieser Welt: ein Reich ist es doch. Der Herr nennt es so. Und ist es ein Reich, so hat eS sein Haupt, seinen Zweck, sein Gesetz und seines Gesetzes Vollstreckung — Alles das verschieden und unabhängig von den Weltreichen, eben weil es nicht von dieser Welt ist.
„Mein Reich ist uicht von dieser Welt." — Richtig! Aber ist eS darum auch nicht in dieser
Welt?" — Sollte es (wenn gleich nicht von dieser Welt) auch nicht in dieser Welt sein, wozu wäre denn der Stifter dieses Reiches in die Welt gekommen, und hätte unter uns gewohnt? Wozu dann der Zuruf an die Menschen: „Das Himmelreich hat sich ge- nahet?"
Hat Christus demnach ein Reich, und hat Er ein Reich auf Erden, welches ist dieses Reiches Gestalt? Welches seine Einrichtung? welches sein Verhältniß zu den Weltreichen? —
Christus erschien in der Welt als das Licht der Welt. Von keiner menschlichen Auclorität Erlaubniß nehmend oder seine Sendung empfangend trat Er auf als der Prediger der Wahrheit. Alle, die an Ihn glauben, sind sein. Er stiftete ein Reich der Wahrheit.— Christus trat auf als der Versöhner und H e i l i g m a ch e r der Welt. Er stiftete, als Priester der Versöhnung sich am Kreuze selbst opfernd, ein Reich der Sündenvergebung, und der Erneuung der Herzen. Alle, die an seinen Versöhnungstod glauben, und aus dem Wasser und hl. Geiste wiedergeboren werden, sind sein, und sind das Reich der Begnadigten, der Neugeschaffenen, und vom hl. Geiste zu einer großen Liebegemeinschaft Verbundenen. — Christus starb den blutigen Versöhnungstod am Kreuze, wurde begraben, stand am dritten Tage aus von den Todten, und fuhr sichtbar auf gen Himmel, sich setzend zur Rechten deS Vaters. Er stiftete also ein Reich von Pilgern auf Erden, die in Geduld, Hoffnung und Treue dem ewigen Leben entgegen gehen. Alle, die an seine Auferstehung und Himmelfahrt glauben, sind sein, und machen aus das Reich der Unsterblichen in Hoffnung. — Weiter forderte Er, daß Leben und Wandel der Menschen der Wahrheit und Liebe gemäß sei. Er redete in den strafendsten Worten wider die Schriftlehrer und Pharisäer, Er reinigte den Vorhof des Tempels von den Verunehrungen der Käufer und Verkäufer, und befahl, daß ein Mensch, welcher die Kirche nicht höre, nie ein Heide und öffentlicher Sünder angesehen wcMn soll. Er stiftete also ein Reich frommen und sittenreinen Wandels. Und Alle, die rechtschaffen wandeln, find sein, und bilden das Reich der Heiligen auf Erden. Endlich verordnete Er sichtbare Zeichen, unter deren Vermittelung die unsichtbare Erlösungs- und HeiligungS- gnade für und für von seinen Gläubigen gesucht und und empfangen werden sollte: insbesondere stiftete Er daS hl. Abendmahl. Alle, die sich bei diesem Mahle versammeln, sind sein. Alle Eins mit Ihm, und Eins untereinander — sein Reich, sein Liebereich, sichtbar auf Erden.
So denn stiftete der Herr ein Reich der Wahrheit und heil. Erkenntniß, ein Reich der Versöhnung und Neuschaffung, ein Reich der heil. Liebe, und eines Wahrheit und Liebe treuen Wandels, ein Reich der Hoffnung und des Friedens. Er ist Lehrer, Hoher- priester, Hirt und Führer der Seinen, und ist es in Ewigkeit.
Und zwar ist Er dieses von Anfang an einzig im Auftrag seines himmlischen Vaters, ohne von irgend einer Weltmacht Sendung, Erlaubniß, Gutheißung oder Schutz zu verlangen, zu erhalten oder zu bedürfen.
Wenn nun Christus sein Reich auf Erden in solcher Unabhängigkeit von aller Weltmacht stiftete, so fragt es sich, ob Er nicht bei seinem Hingange zum Vater dieses sein Reich unter den Schytz einer irdischen Gewalt gestellt, oder überhaupt in Verbindung mit sol- cher gebracht habe? — Allein davon finden wir nicht nur keine Spur, sondern sehen das gerade Gegentheil. Wem Er die Fortführung seines Werkes auf Erden übegiebt, das sind aller Weltmacht entkleidete, arme Männer, von Ihm Apostel genannt. Sie hatte Er während seines irdischen Lebens um sich gesammelt, und mit dem Zwecke und Werke seiner Menschwerdung bekannt gemacht. Sie sendet Er an Seiner statt als Lehrer, Priester und Hirten in die Welt aus; und durch sie und ihre Nach- folger soll sein Reich bestehen und wachsen und hin- dauern bis an das Ende der Zeiten.
Wie lautet seine Aussendung? — Unmittelbar vor seinem Hingang zum Vater spricht Er zu ihnen: „Gehet aus, und lehre Alle Völker, und taufet sie im Namen des Vaters, des Sohnes und des heil. Geistes, und unterrichtet sie, Alles zu halten, was ich euch befohlen habe." Matth. 28, 19—20. Er bestellte die Apostel also als Lehrer an Seiner statt; Er sagte: „Gehet aus, und lehret alle Völker!" Er bestellte sie als
Priester an Seiner statt; Er sagte: „Taufet sie im Namen des Vaters, des Sohnes und heil. Geistes. Und Er bestellte sie als Hirten an Seiner statt; Er sagte: „Unterweiset die Völker und haltet sie an, Alles zu beobachten, was Ich euch gelehrt habe." — Und zwar übertrug Er den heil. Aposteln das Amt zu lehren, die heil. Sacramente zu spenden, und unter den Gläubigen Zucht und Ordnung zu handhaben ganz so unabhân.gig von jeglicher irdischen Ge- walt, uud gegründet lediglich auf unmittelbare g ö t t l i ch e M i s s i o n, wie Er dasselbe selbst besessen hatte. „Wie mich der Vater gesendet hat, sprach Er zu ihnen, so sende ich euch." Joh. 20, 21. Ganz mit demselben Auftrag also, und mit derselben Vollmacht, und göttlichen Autorität sendete Er sie, womit Er selbst gesendet war. Er sagt: „Wie mich der Vater geseudet hat, so sende ich euch." Und damit sie ihre Mission ganz speciell als eine gotteS- kräftige und von Gott ertheilte auffassen, setzt Er bei: „Empfanget den heiligen Geist! Denen ihr die Sünden erlasset, denen find sie erlassen; denen ihr fie behaltet, denen find sie behalten." Und weiter: „Was immer auf Erden ihr lösen werdet, das soll gelöst sein auch im Himmel; und was immer auf Erden ihr binden werdet, das soll gebunden sein auch im Himmel." Matth. 18, 18. Daß Er eine von jeder Weltmacht unabhängige, über jede Weltmacht erhabene, keiner Weltmacht bedürfende, und von keiner Weltmacht zerstörbare Anstalt in dem Apostolate gründen wollte, geht besonders deutlich auch aus den Worten hervor, mit denen Er seine feierliche Aussendung der Apostel begann, und schloß. „Mir ist gegeben, sagte Er, alle Gewalt im Himmel und auf Erden." Matth. 28, 18. Also im Bewußtsein seiner Himmel und Erde beherrschenden Gewalt sprach er das Wort: „Gehet aus in alle Welt" rc. Und wiederum im Bewußtsein dieser Himmel und Erde beherrschenden Gewalt setzte Er am Schluffe seiner Sendung bei: „Siehe, Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt" — Seiner ewigen allmächtigen Gegenwart, nicht einem weltlichen Schutze sein Werk vertrauend.
Daß Christus ein Lehramt, eine Priester- und Hirtenamt auf Erden gestiftet, und seine Apostel, und sonst Niemand in der Welt, mit diesem Amte betraut habe, war hiernach feste und ausnahmslose Lehre der Kirche von Anfang und durch alle Jahrhunderte herab. Niemand wußte es jemals anders, als wie eS der Apostel ausspricht, wenn er schreibt: „Christus verordnete Einige zu Aposteln, Andere zu Propheten, Andere zu Evangelisten, Andere zu Lehrern und Hirien, zur Verrichtung des Lehramtes und zur Erbauung des Leibes Christi." Eph. 4, 11. 12. Und: „Ihr seid Hausgenossen Gottes, gebaut auf den Grund der Apostel und Propheten." Eph. 2, 20. In der That auch dachte drei Jahrhunderte lang die weltliche Macht wohl daran, die Kirche Christi zu vernichten, nie aber daran, ein Recht über die Lehre, den Cult und die Gesell- schaftSverfassung derselben zu haben. Die Bildung und Auswahl der Lehrer, die Ordination und Bestellung derselben, die Annahme von Klagen wider sie und die Aburtheilung derselben, die Einrichtung des Gottesdienstes, der Erlaß diSciplinarer Verfügungen, die Wache über deren Beobachtung und die Vollstreckung derselben, die Verwaltung und Verwendung des Kirchen- vermögenS, daS Synodalwesen rc. stand unwidersprochen den Bischöfen als ihr vom Herrn ihnen übertragenes Recht zu. Und so steht es in der katholischen Kirche noch heute fest, daß die Kirchengewalt von Christus in der Kirche selbst niedergelegt, und daß der EpiS« copat, die Kirche Gottes zu regieren, vom heil. Geist gesetzt fei.
„Wenn hiernach gesagt worden ist — so fahrt Hirscher pag. 7 fort — es handle sich in dem gegenwär- tigen kirchlichen Streit nicht um den Glauben, sondern bloß Um ein Mehr oder Weniger der Rechte des EpiScopates, so ist daS unwahr; es ist vielmehr der Satz, daß die Kirche daS Recht habe, ihre Angelegenheiten selbstständig zu ordnen, und daß keine weltliche Macht eine Oberhoheit über sie, oder eine sogenannte Kirchenherrlichkeit besitze, so gut eine katholische Glaubenslehre, als es eine Glaubenslehre ist, daß es einen Primat, oder daß eS sieben Sacramente gebe." (Forts. folgt.)
Wiesbaden, 15. Febr. Nach aus Mexico vom 5. Januar hier eingetroffenen Nachrichten ist Se.