Nassauische Allgemeine Zeitung.
JV' SS Mittwoch den 15. Mnar 1SS4.
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Jur Situation
** Ueber die Verhandlungen, die in der jüngsten Zeit zwischen Preußen , Oesterreich und Rußland stattgefun- den haben, biiußt die Voss. Ztg. Folgendes: Die Verhandlungen Preußens mit Oesterreich haben lediglich die Uebcrleitât der bisherigen Gleichheit des Handelns in eine besondere vertragsmäßige Vereinigung zwischen beiden Mächten zum Gegenstand gehabt. Im Ansauge Januar Kade Oesterreich die preußische Regierung aus. gefordert, ihre Wünsche und Absichten darüber mitzu- theilen, wie die beiden deutschen Großmächte und das übrige Deutschland den drohenden Ereignissen gegenüber als ein compactes Ganzes hinzustellen seien. Die preußische R-gierung habe sich in Erwiederung dieser Auf- sordcrnng bereit erklärt, wenn das Einverständniß der vier Mächte der Wiener Conferenz sich auflösen sollte, Vorschläge über die Sicherstellung der gemeinsamen Interessen entgegenzunebmen. Ueber die Verbandlungen mit Rußland seien in verschiedenem Sinne noch mehr Unrichtigkeiten verbreitet worden, als über die mit Oesterreich. Wie vom Grafen Orloff in Wien, seien in Berlin vom kaiserlich russischen Gesandten, Baron v. Budberg, in den letzten Tagen des Januar positive Vorschläge gemacht worden. Zufolge derselben sollte zwischen Preußen, Oesterreich und Rußland ein Vertrag geschlossen werden, wodurch 1) Preußen und Oesterreich im Einverständniß mit dem übrigen Deutschland sich zur Beobachtung einer bewaffneten Neutralität verpflichteten, 2) Preußen, Oesterreich und Rußland im Falle der Verletzung dieser Neutralität sich dawider zu gegenseitiger Hülfsl eistun g verbinden sollten, und 3) Rußland sich verpflichtete, wenn die Kriegsereignisse eine Veränderung des gegenwärtigen Zustandes der Türkei herbeiführcn sollten, nicht ohne vorgängige Verständigung mit seinen Bundesgenossen mit den Westmâchtcn Verträge einzugebcu. Preußen habe diese Vorchläge, ohne daß es zu einer eigentlichen Verhandlung gekommen wäre, abgelehnt. Zu Anfang Februar habe demnach Baron v. Budberg neue Anträge gestellt, die sich im Wesentlichen nur dadurch von den früheren unterscheiden, daß Rußland eine Garantie der Neutralität übernehmen sollte, wodurch sactisch ein russisches Protectorat über Deutschland eingetreten wäre. Man sei hierauf gleichfalls nicht eingegangen. Gleiche Anträge seien einige Tage später, nachdem die preußischen AblehnumM'chreiben nach Wien mitgetheilt waren, auch von Oesterreich zurückge- wiesen worden. Diese gleichmäßige, wenn auch nicht ganz gleichzeitige Ablehnung der Vorschläge Rußlands begründe die Hoffnung, daß Preußen und Oesterreich auch künftig den gleichen Weg geben werden.
Dem „Wanderer" wird aus Berlin geschrieben, daß das Doeument, welches die Entschließung der preußischen Regierung, bei der einmal adoplirken strengen Neutralität in der orientalischen Frage beharren zu wollen, aus's Neue und entschieden bekräftigt, in der Form einer Note an den preußischen Gesandten in St. Petersburg abgesendel und von demselben dem Grafen Nesfll- rode mitgelhkilt worden sei. Dem Grafen Arnim in Wien soll gleichfalls eine Abschrift der Note zuge- kommen sein. - ,
Nach dem „CzaS" hat das österreichische Gouvernement an seine Agenten im Auslande ein Circular- Schreiben geschickt, worin elwa Folgendes gesagt sein soll: Oesterreich vertraue vollständig auf die von Ruß- land gegebenen Versicherungen, daß eS die Integrität der Hülfet nicht verletzen wolle; Oesterreich erachte fer- ner das bewaffnete Einschreiten anderer Mächte zur Schlichtung des russisch • türkischen Streites für gefährlich und überflüssig; Oesterreich werde endlich zum Schutz seiner dem KriegStbeatcr nahe gelegenen Provinzen die nöthigen Schritte thun.
Von gut unterrichteter Seite wird das Gerücht von neuen Perm tklungSvorschlägen, welche Graf Ortoff bereits nach St. Petersburg mitgenommen habe und von einem Congresie, der in Brüssel abgehalten werden soll, als ungegründet bezeichnet und versichert, daß Rußland niemals den Vorschlag, die orientalische Frage auf einem Cougnß zu lösen, billigen wird, wenn nicht zuvor seinen speciellen Forderungen und zwar im Wege der direkten Verhandlung zwischen Rußland und der Tülkei die entsprechende Berücksichtigung zu Theil geworden ist. Aus diese letzte Bedingung habe man in Petersburg nicht verzichtet, vielmehr habe Graf Orloff während seiner Anwesenheit in Wien neuerdings auf das Bestimmteste erklärt, daß der Kaiser Nikolaus nach wie vor auf dieser seiner Bedingung bestehe.
Eine Modificirung derselben würde weder mit der Ehre noch mit der Wellst, llung des russischen Staates verträglich sein und könnte leicht als Präcedeuzfall oder Beispiel für die Zukunft dienen, wogegen sich aber Ruß- land auf das Energischste verwahren müsse. Daß nach dem eben Gesagten der neueste englisch französische Ver- mitlelungsvorschlag ebenfalls keine Aussicht hat, in St. Petersburg angenommen zu werden, bedarf wohl kaum -einer eigenen Erläuterung. Der eben ermähnte Vorschlag enthält zwar die Einwilligung der Westmächte, daß Rußland in directe Unterbandlungen mit der Pforte trete, macht jedoch das Rest.! tat der Unterhandlungen von der Genehmigung der Großmächte abhängig. Wenn man aber weiß, daß Graf Orloff im Namen seines Souveräns selbst gegen das von den deutschen Groß Mächten vorgebrachte AuSkunftsmittel protestier hat, nach welchem die Intervention der Großmächte bei den Un- terhandluuFen Rußlands mit der Türkei nur als eine M itan Wesenheit der Gesandten interpretirt werden soll, so wird man wohl zugeben müssen, daß die von den Westmächten in ihrem neuesten Vorschläge enthaltenen Puncte nicht die geringste Aussicht haben, von dem Kaiser Nikolaus angenommen zu werden. Gegenwärtig ist der Stand der diplomatischen Ve, Handlungen folgen der: Rußland hat die jüngste Conferenznote vorläufig zurückgewiesen, aber nicht entschieden verworfen, es fordert, daß mehrere in derselben enthaltene Puncte, namentlich aber derjenige, welcher das Protectorat des Kaisers Nikolaus über die griechisch-katholische Kirche betrifft, im Geiste jener Wiener Note modistciit werde, welche die Frucht der Olmützer Conferenz war. Die deutschen Großmächte haben sich dem Grafen Orloff gegenüber bereit erklärt, in dieser Richtung ihren Ein- fluß in Paris, London und Coi stantinopel anzuwenden.
Das, wie schon erwähnt, von Frankreich und England an Rußland gestellte Ultimatum verlangt, wie der Nat. Ztg- (angeblich) aus Büffel'geschrieben wird, vor dem Beginne all er unlerhandlungen die einfache Herstellung des Status quo ante verlangt; Rußland hat binnen 20 Tagen die Donausürsten t hümer z u räumen, wogegen dann die Westmächte eben so das von ihnen in Besitz genommene Pfand aufgeben und ihre Flotten ans dem schwarzen Meere zurückziehen. Ist diese Vorbedingung erfüllt, so bleibt eS Rußland unbenommen, direkte Verbandlungen mit der Türkei anzuknüpfen; doch ist bei dieser Angelegenheit nicht nur das europäische Interesse im Allgemeinen so tief berührt, sondern eS sind noch besonders die Westmächte durch das Stadium, in welches ihre Dazwischenkunft bereits getreten, in solchem Maße engagirt, daß sie fordern müssen, daß das Ergebniß diese: Unterbandlungen , ihnen schließlich vorgelegt und nicht ohne ihre ausdrückliche Genehmigung den europäischen Traktaten einverleibt werde. — Wenn Graf Orloff — sagt derselbe Brüsseler Korrespondent — mit dem in Wien vorgelegten Neutralität Svertrage gescheitert ist, so ist dagegen Frankreich glücklicher gewesen in Betreff eines ähnlichen Projektes, durch welches Belgien und Holland, ohne bestimmt Partei zu ergreifen, doch näher an die westliche Pclilik ange- schlossen werden sollen. Ich erfahre mit Bestimmtheit, daß eine Allianz zwischen Frankreich und den beiden genannten Staaten zu Stande gekommen ist, und es dürfte dieselbe in kurzer Frist bereits in Holland durch eine in nähere Verbindung mit ihr stehende Thatsachen be- zeichnet werden.
Indem ich der bedeutungsvollen Nachricht Erwähnung that, schreibt ein Londoner Eorrcspondent der N. Pr. Z, daß die französischen Besitzungen im stillen Ocean einen so werthvollen Zuwachs, als N eu- Caledon ien bilden kann, erhalten hätten, und hieran die Bemerkung knüpfte, d iß der Charakter des englisch- französischen Bündnisses nicht ganz mit der Prätension der Engländer stimme, daß sie sich jetzt zu einem Kriege rüsteten, der zwischen ihnen und Rußland über die Hegemonie in der Welt entscheiden würde, berührte ich vielleicht den Punct in den Verhältniffe» der Gegenwart, dessen augenscheinliche Untennnuü am meisten da. zu beigetragen, die Diplomatie aller Länder Europa's eine so hülflose, bis zur Lächerlichkeit verwirrte Rolle vor Füistkn und Völkern spielen zu lassen, als dies im letzten Jahre geschoben ist. Dieser Punct sind die englischen Studien (an Ort und Stelle) des Kaisers der Franzosen, den seine ärgsten Feinde wohl aufgehört haben für einen unbedeutenden Kopf zu halten, wie es von Ihrer Seite niemals geschehen ist. ES laufen viele pikante sowohl als fade Anekdoten über das Londoner Treiben des damals, wie die Engländer
sagen, wider die Hoffnung hoffenden Kron-Präteudeii- ten in Europa um; aber die bloße Thatsache eines in der Beobachtung ungestörten Privatlebens in London gerade während des bewegtesten und productiosten Abschnittes neuerer englischer Geschichte ist niemals genug gewürdigt worden. Jedenfalls wird eS wenige in England lebende und dort ebenfalls selbststäudig beobachtende Nicht-Engländer geben, die nicht darin übereinstimmen, daß die ganze Handlungsweise des Kaisers der Franzosen zeigt, daß er daS englische Volk und seine Denk- weise und Politik besser verstebt, als irgend sonst welch einflußreicher Staatmaan in Europa, auch als die Dahlmänner und übrigen Siebeuweiseii, und um sehr viel besser, als seine eigenen Schildknapven und der ganze Rest deS französischen Volk-S. Er kennt die Stärke des englischen Volkes und sck'ämt sich hier hier nicht der Nachahmung, er kennt aber auch seine Schwäche, und Niemand kann ihm deren politische Benutzung nach besten Kräften verdenken. Er bat in England gelernt, mehr auf transoceanischen als auf europäischen Einfluß zu sehen, und daher täuschten sich die, welche vom nötbwenbigen Ehrgeiz und Eroberungs- geist des Napoleonismns einen europäischen Angriffskrieg fürchteten, so wie sich auf der andern Seite auch die täuschten, welche, weil der Angriffskrieg ausblieb, alle napoleonischen Traditionen für ausgegebcn hielten. Denselben ist nach der gemachten Erfahrung und unter dem Einflüsse der persönlichen Beobachtungen des Kaisers nur eine andere Praxis angepaßt worden. Es ist die, statt mit England in Europa Krieg zu führen, sich ibm in Europa nothwendig zu machen iiiid dadurch sein Monopol der Herrschaft in andern Welttbeilen zu brechen, und statt auf die Zerstörung seines Handels und seiner Industrie auSzugeben, den'Aufschwung derselben durch schrittweise Einführung des freien Verkehrs für den Aufschwung des französischen Handels und der französi- schen Industrie zu benutzen. Mit einem Wort:' um die Schönheit zu werben, statt sie zu befliegen, und die Umstände — vielleicht auch die Thorheiten anderer Leute — haben den Plan so begünstigt, daß eS dem geduldigen Freier schon gelingen konnte, hinten bei den Antipoden leis die erste Locke abzuschneiden. Das ist das neu-caledonische und zugleich das europäische Geheimniß, und es war stets 'offen genug für die, die sehen konnten.
Paris, 14. Febr. (Fr. Bl.) Der „Moniteur" veröffentlicht heute das Schreiben vom 29. Jnnuar d. I., welches der Kaiser an den Czar gerichtet bat. Nach einem raschen Ueberblick der gegenwärtigen Lage ist darauf hingedeutet, daß die bisherige Verkettung der Ereignisse entweder eine rasche Verständigung oder den bedauerlichsten Bruch veranlassen müsse. Es w-rd sodann der Antrag gestellt, sofort jetzt noch einen Waffe n st i l l sta n d und die Wiederaufnahme der diplomatischen Unterhandlung zu erklären, während welcher die kriegführenden Theile sich zurück- zehen würden. Da der Czar vorziche, direkt durch einen Gcsane ten mit dem Bevollmächtigten deS Sultans zu unterhandeln, so könnten diese eine Ueberein- kunft aufstellen, welche sodann der Konferenz vorgelegt würde. Frankreich und Großbritannien seien einig über diesen durchaus würdevollen Plan , der in keiner Weise die Ebre des Czaren beeinträchtige. Im Fall einer schwer begreiflichen Weigerung würden Frankreich und England genöthigt sein, der Entscheidung der Waffen und den Zufällen des Krieges eine Lösung zu überlasten, die jetzt noch durch Vernunft und Gerechtigkeit herbeigeführt werden könne. Der Kaiser erinnert endlich an das Schreiben des Czaren vom Jahr 1853, welches mit den Worten schließt: Erhaltung derOrbnung, Friedensliebe, Achtung der Verträge und gegenseitiges Wohlwollen.
Ventschlund.
* Wiesbaden, 15 Febr. Die „Mittelrh. Z." bringt in ihrer heutigen Nummer einen Artikel, in welchem nachgewicsen werden soll, daß durch die von Herzog!. Ministerium „angeordnete Temporalicnspcrre der vom Herrn Bischof eigenmächtig Angestellten Geist- lieben, Zinsen und Pachtgelder rc." (soll wohl heißen: durch die angeordnete Sperre der den vom Herrn Bischof ernannten Geistlichen znstehenden Tewporalien, Zin- sen rc.) keine Entfremdung der Pfarreinkünfte (wie im Hirtenbrief des Hochw. Herrn Bischofs von Limburg erörtert wird) statlstnde, „da die einstweilen eingegangenen Gefälle in den katholischen Central-Kirchenfond fließen und die Einkünfte dieses