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Nassauische Allgemeine Zeitung

E 36

Montag den 13. Februar

1834.

Die,,Raffauische Allgemrint Zeitung" mit dem belletristischen BeiblattDer Wanderer" erscheint, Sonntags ausgenommen, täglich und beträgt der PränumerationSprei« für Wiesbaden und , nach dem neuen Postregulaiiv nunmehr auch für deu ganzen Umfang des Thurn- und TariS'schen Verwaltungsbezirks mit Inbegriff deâ Postaufschlags 2 fl., für die übrigen Länder des deutfch-bsterreichifchcn PostvereinS, wie für das Ausland 2 fl. 24 fr. Inserate werden die »ierfpaltige Hetitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in der Buchhandlung von W. Friedrich, Langgaffe 42, auSwârtS bei den nâchstgelegeneu Postämtern, zu machen.

Iritungsichau

Zur Situation. ..... Die Taktik der badischen Regierung. "7 Disraeli's Brandschrift.

** Nach einem vollständigen Triumphe der Westmächte in der Türkei?Sen diese sich schwerlich damit be- gnugea, die Wiener Vorschläge vom 5. December denen lss Fürste» Mentschikoff zu substitniren. Die »ngllschen Journale haben es uns in dürren Wor­ten gesagt, und das Verlange» ist natürlich: es würde sich alsdann darum handeln, den Einfluß Rußlands in der Türkei vollständig zu vernichten und seinem Ein­fluß in Europa einen auf lange Zeit hinaus fühlbaren 'Schlag beizubringen. Preußen und Oesterreich, sagt die N. Pr. Z., werden also zu prüfen haben, ob ein solches Resultat ihren Wünschen entspricht. Die Liberalen beider Länder werden dies ohne Zögern be­jahen ; doch um in der Wahrheit zu bleiben, so werden die Cabinettc von Preußen und Oesterreich schwerlich wohl daran thun, ihre Motive aus den Co nsequen- zeu des Liberalismus zu entnehmen. Diese Spielart der Demokratie hat damals, als ihr die Ge­walt in die Hände gelegt war, theoretisch und praktisch so vollständig Banquerott gemacht, daß wir uns billig der Mühe überheben, sie noch weiter mit Klagen zu verfolgen. Es tritt hinzu, daß, wenn von dem Ein­flüsse Rußlands im Orient die Rede sein soll, dieser sich viel mehr auf Oesterreich als auf Preußen bezieht, und daß ohne Zweifel Alles, was man dem russischen Einflüsse entzöge, uu getheilt auf England übergehen würde. Vielleicht daß Oesterreich das unbe­dingte Uebergewicht einer Macht, welche im Jahre 1849 eine Flotte nach den Dardanellen sandte, um die un­garischen Flüchtlinge zu beschützen, als eine große Ge­fahr betrachten, und daß Preußen billig Bedenken tra­gen dürfte, sich den westlichen Mächten zu Gefallen nicht allein von Rußland, sondern auch von seinen deutschen Bundesgenossen zu trennen!

** Drei Monate sind bereits vorüber, schreibt die D. Dolksh., seitdem die badische Regierung durch ihre denk­würdige Verordnung vom 7. Nov. v. I. den hochwür- digsten Herrn Erzbischof von Freiburg so zu sagen in Belagerungszustand versetzte. Hatte die badische Re­gierung die Tragweite ihres Vorschreitens wohl reif­lich überlegt, hat sie vor drei Monaten die moralische Niederlage wohl geahnt, welche sie im eigenen Lande zur Zeit nur noch durch die Macht physischer Gewalt zu maSkiren vermag? Wir möchten dies bezweifeln, denn: wenn sie ein klares Ziel vor Augen gehabt, hätte sie dieses zur äußersten. Konsequenz verfolgen müssen, und sich durch keine Zwischenfälle von der An­wendung aller ihr zu Gebote stehenden Mittel abhalten lassen dürfen. Beides hat sie nicht gethan. Der ein­getreteneWaffenstillstand", wie die officiösen Blätter mit so großem Wohlgefallen den gegenwärtigen Still- ckand^ der Unterhandlungen zu nennen belieben, gibt den streitenden Parteien Muße, ihre Kräfte zu sammeln und ruhiger zu prüfen. Wir wollen diesen Augenblick benutzen, um einen Blick ins feindliche Lager zu werfen.

Das Recht der badischen Regierung hat weder in der öffentlichen Meinung, noch in 'dem Ausspruche aus­gezeichneter Rechtsgelehrter Anerkennung gefunden; wohl aber hat das Oberhaupt der katholischen Kirche ui Baden sich der Zustimmung des Heil. Vaters und des Episkopates von ganz Europa zu erfreuen, und die bedeutendsten, politisch-cowervattven Organe der deutschen Presse, von katholischer wie protestantischer Seite, wetteiferten schon, für das Recht der katholischen Kirche in Baden einzutrelen. Was vermögen gegen solch competente Stimmen derSchwäb. Merkur", die Badische Landesztg.", dasFranks. Journal"? Die Klugheit wollen wir bei der badischen Angelegenheit gar nicht in Betracht ziehen. Was lehrt aber der Er­folg? in den Augen der Menge der gewöhnlichste Maßstab politischer Weisheit? Wohl war Baden, diese Mustcrkarte territorialer Bestandtheile des ehema­ligendeutschen Reiches", seit fünfzig Jahren die Pflanzschule des religiösen Jndifferentismus, seit mehr als zwanzig Jahren der Schauplatz politischer Experi­mente wohl war Baden derjenige unter den moder­nen deutschen Staaten, wo Hammer und Ambos zu- sammenpaßten, um einenMusterstaat" zu schmieden, an welchem jede Spur sowohl confessioncllen Unter- fchledkS als corporative 'Freiheit verschwunden war: ^»noch wartet das Werk noch auf seinen Meister. Die Geistlichkeit, auf deren theilweise Lauheit man mit Sicherheit glaubte rechnen zu können, hat sich wider Erwarten derer, welche darauf rechneten, mit wenigen

, Ausnahmen bewährt, der jüngere Clerus ist sogar durch­gängig mit einer Opferbereitwilligkeit aufgetreten, welche ein glänzendes Zeugniß für die bessere Schule ablegt; die Temporaliensperre, welcher man eine weit größere Wirkung als der Excomm inication zutraute, hat bisher noch keinen Geistlichen von der Erfüllung seiner Pflich­ten abgehalten; die verhängten Gefängnißstrafen wur­den zu in' Theil abgesessen, zum Theil nachgelassen.

Was bleibt nun der badischen Regierung noch zu thun übrig? Den greisen Herrn Erzbischof sammt seinem Domcapitel einsperren? Ein Schisma, etwa mit dem excommunicirten Oberkirchenrathe und den wenigen suspendirten Geistlichen an der Spitze und mit denStaatskatholiken" im Gefolge? Oder gar eingestehen, daß man sich geirrt habe? Solche heroische Mittel liegen nicht im Charakter unserer Zeit; man hat auch bereits mildere gefunden.Zeit gewonnen, Alles gewonnen" - ist ein vortrefflicher Grundsatz der Diplomatie, warum nicht auch der Bureaukratie. Man hält sich bereit zu Unterhandlungen, man bricht die Unterhandlungen wieder ab. Man spricht nach einer Seite von Milde und Versöhnlichkeit, nach der andern schüchtert man durch Drohungen ein, Jetzt wendet man sich nach Rom, dessen Votum Niemanden zweifel­haft sein kann. Damit wird aber Zeit gewonnen, und es handelt sich also schließlich darum, wer zuerst müde wird. Die katholische Presse wird esmie wUden, bis das Ziel erreicht ist, und mögen manche der jetzt noch rüstigen Streiter zur ewigen Ruhe gehen, ehe der Kampf zu Ende geht, so sehen wir doch Hunderte ihrer Nach­folger unter uns eben im Begriffe, zu erwachen.

** Es versteht sich von selbst, bemerkt die N. Pr. Z. daß wir Alt-England nicht so tief beleidigen wollen, um auch nur die Möglichkeit zu statuire», daß Brand­schriften, wie kürzlich der Ex-Minister DiSracli eine dergleichen in die Welt geschleudert, der Ausdruck der Stimmung und Zwecke deS englischen Volkes seien. Nichtsdestoweniger bleibt es ein Aick-n der Zeit, daß ein Mann , der vor Kurzem Minister der Krone und Leiter des Unterhauses gewesen, ein Mann , der sich rühmt, einer der Koryphäen nicht allein des Toryismus, sondern auch des jungen Englands zu sein, ein Mann, welcher den Anspruch macht, der erste Wortführer der confervativen Partei in England zu sein, daß ein solcher Mann ein solches Werk sein eigen nennen darf, ohne politisch wie moralisch völlig und für immer vernichtet zu sein. Es ist die Rolle des Nero, welche der eng­lisch^ Publicist dem englischen Volke in dem von ihm anzufachenden allgemeinen europäischen Brande anweiset, eine Rolle, die nur darin ihre Versöhnung findet, als sie die Acteurs auch dem Schicksal des Nero überliefern würde. Außerdem aber hat der publicistische Brand­stifter vielleicht sich wider seinen Willen den schlagendsten Beweis geliefert, daß ein gewöhnlicher Krieg und ein gewöhnlicher Sieg in der Türkei sehr wenig im Interesse Englands liege, ein Nachweis, der vielleicht manchem unbefangenen Bewunderer der englischen Nächstenliebe die Augen öffnen und nicht unwesentlich dazu beitragen dürste, die Bedeutung einer englischen Allianz in das rechte, Licht zu stellen.'

DeuLfchliMd

* Wiesbaden, 12. Febr. Heute wurden die Assisen für das i. Quartal d. J. unter dem Vorsitz des Hrn. HofgerichtöraiheS Trepka eröffnet. Gegen­stand der heutigen Verhandlung ist die Anklage gegen Joh. Renz jun. von Geisenheim wegen Diebstahls.

£ Dillenburg, 11. Febr. Folgende Fälle kom­men im hon Quartale der hiesige« Asfisen zur Ver­handlung :

Mit Zuziehung von Geschwornen:

Den 13. Febr. JohS. Blicker aus Eibelshausen, wegen Körperverletzung; den 14. Febr. JohS. H o rp Mühlbach und Joseph Horp'auS Dorchheim, wegen Meineids, Johann Horp aus Hangenmciligcn, wegen Verleitung dazu, den 15. und 16. Febr. Amalie Kau hauS aus Wald, wegen KindeSmord; den 17. Febr. Peter Duckhelm aus Hilgert, wegen DiebstahlS; den 18. Febr. Johs. Philipp ans Waldmühlen, wegen Brandstiftung; den 20. Febr. Christian Becker aus Will­menrod, wegen DiebstahlS; den 21. Febr. Paulin Mäurer und Philipp Becker aus Jrnitraudt, wegen Meineids; den 22. Febr. Johs. Lauckel ans Oeliin-- gen und Johs. Helsper Ir auS Höhn, wegen Meineids.

Ohne Geschworne:

Den 25. Febr. Cath. Philip. Hube r tuS auSUnau, wegen Diebstähle; den 27. Febr. Peter Hörter aus Hartenfels, wegen Meineids; den 27, Febr. Mittags

3 Uhr Joh. Peter Kroh aus Wolfenhausen, wegen Schriftfälschung; den 28. Febr. Math. Mille aus Wörsdorf, wegen ausgezeichneten Diebstahls; denselben Nachmittags 3 Uhr Louise Klunker aus Hilpert, wegen Schriftfälschung; den 1. März Jost Bouillon aus Heisterbach, wegen Schriftfälschung; den 1. März um 3 Uhr Mittags Christian Horn aus Wengenroth, wegen Schriftfälschung ; den 2. März Chausseewärter Peter Späth ans Oberahr, wegen Dienstvergehen, Fälschung und Betrug; denselben Mittags 3 Uhr Peter Schmidt aus Leuteroth, wegen Schriftfälschung; den 3. März -Carl Kettenbach aus Birlenbach, wegen Schriftfälschung, Diebstahls und Betruges.

-5 Königstein 10. Febr. Die überaus glücklichen Erfolge der Kaltwasserkuren deS Hrn. Dr. Pingler haben nicht bloß diesem, sondern auch Königstein einen Ruf gemacht. Darum dürfte von den Bewohnern un­serer Stadt mit Recht zu erwarten sein, daß sie (in richtiger Erkenntniß ihres Vortheils) Anstalten und Vor- kehrungen, welche die Hebung materieller Interessen be­zwecken, kräftigst unterstützen und förderten. Allein in dieser Hinsicht herrscht hierorts Seitens der Privaten ein gar lahmer, theilnahmloser Geist, der den Bemühun­gen des genannten Arztes schlecht zu Statten kömmt. Dem Gcmeinderathe jedoch ist die Ehre nicht abzusprechen, daß er bis jetzt zum allgemeinen Beßten so viel that, als die Kräfte der Stadtcasse nur immer erlaubte«. Möchten die Bewohner Königsteins frühe genug noch bedenken, daß nur vereinte Kraft zum Ziele führt. So eben traf Herr Justizamtmann von Langen hier ein, also noch 8 Tage früher, als bereits in diesem Blatte gemeldet wurde.

Frankfurt, 11. Febr. Nach derFr. P. Ztg." begibt sich der bisherige kais. russische Gesandte am französischen Hof, Staatsrath v. Kisseleff, unmittelbar nach Petersburg.

In der vorgestrigen Sitzung der Bundesversamm­lung gelangte ein Ausschußvortrag über die Beschwerde eines würtembcrgischen Standesherrn wegen Berletzung seiner standesherrlichen Rechte zur Sch'lußbehanblung. Die Abstimmung über den Vortrag, welcher, wie man vernimmt, die genannte Beschwerde für nicht begründet erachtet, wurde jedoch noch auf eine der nächsten Sitzun­gen verschoben.

Darmstadt, 12. Febr. Der Urtheilsspruch un­seres Assisenhofes in der Sache der s. g. Offenbacher Diebesbande wurde gestern Abend verkündet. Die Ge­schworenen sprachen über sieben derselben ihrSchuldig"; Jac. Lau io, Portefeuillearbeiter, wurde freigesprochen. Philipp MattheS, Seifensiedergesclle, ist zu 11 Jahren Peter Schäfer, Fabrikarbeiter, zu 10 Jahren und Nic. Euler zu 12 Jahren Zuchthausstrafe; Fanny Jggersheim und Margaretha Eichhorn jede zu 2 Jahren CorrectionShausstrafe; Wilh. Merk, Scklos- sergeselle, und Ludwig Kerber jeder zu 6 Mo­naten, mit Abzug von 3 Monaten Untersuchungshaft, verurtbeilt.

Ludwigshafen, 10. Febr. (A. A. Z.) Die kön. bayerische Telegraphenstation Ludwigshafen wurde heute der allgemeinen Benützung eröffnet.

* Aus Baden, 5. Februar. Hirscher's Schriftchen zur Orientirung in der Kirchenfrage erfreut sich eines sehr starken Absatzes. Es wird wohl eine weitere Auf­lage nöthig werden. Die Einwürfe, welche die anti- katbolische Partei gegen das Vorschreiten des hochwür- digsten Erzbischofs vorgebracht bat, sind in dieser treff­lichen Broschüre in einer einfachen gemeinverständlichen schlagenden Weise sammt und sonders widerlegt. Es hat das besondere Mißfallen der ministeriellen Partei erregt, daß gerade Hirscher als Vertheidiger des Vor­gehens des Erzbischofs auftritt, und noch dazu so ent­schieden. Eine weitere Broschüre hat die Presse ver­lassen, nämlich das erste Heft der Adressen an den hochw. Erzbischof im Berlage von Kirchheim in Mainz. Der Inhalt ist erhebend. Nunmehr ist auch das für einTendenzgedicht" gewiß allzu harmlose Gedicht Oscar's von RabowitzHirtenruf" verboten worden.

Stuttgart, 8. Febr. Eine Nachricht, die in den letzten Tagen durch fast alle deutschen Blätter gegangen ist, die der Abreise des Hrn. geh. Legationsrath v. Hummel nach Rom mit auf die endliche Ausgleichung des katholischen Kirchenstreits bezügliche Depeschen, fin­det ihre Bestätigung.

Köln, 10. Febr. (K. Z.) Der kaiserlich russische Gesandte am englischen Hofe, Baron v. Brunnow, ist auf der Durchreise nach Darmstadt heute Abends 6'/. Uhr mit der Rheinischen Bahn hier ein­getroffen.