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Nassauische Allgemeine Zeitung.

X' 34. Donnerstag den 9. Mnar 1854.

DieNassauische Allgemeine Zeitung" mit dem belletristischen BeiblattDer Wanderer" erscheint, Sonntags ausgenommen, täglich und beträgt der PränumerationSprei« für Wiesbaden und , nach dem neuen Postregulariv nunmehr ai«l> für den ganzen Umfang deS Thurn- und TariS'schen Verwaltungsbezirks mit Inbegriff deS Postaufschlags 2 fl., für die übrigen Länder des deutsch-österreichischen PostvereinS, wie für daS Ausland 2 fl. 24 kr. Inserate werden die »ierspaltige Petitjeile oder deren Raum mit 3 kr. berechnet. Bestellungen beliebe man in der Buchhandlung von W. Friedri ch, Langgaffe 42, auSwärtS bei den nächstgelegenen Postämtern, zu machen.

Amtliche Nachrichten.

VeKauntmachuttg

(Die Wahl eines Abgeordneten zur ersten Kammer der Ständeversammlnng betreffend.)

Höchster Entschließung zufolge ist an die Stelle des Abgeordneten Obcrbcrgraths Carl Lossen von Michel­bach, welcher nach seiner dahier eingekommenen Erklä­rung vom 17. v. M. sein Mandat niedcrgclegt hat, ein anderer Abgeordneter zur ersten Kammer von den höchst­besteuerten Gewerbetreibenden zu wählen.

Die Wahlversammlung zur Vornahme dieser Wahl soll Donnerstag den 23. Februar d. I. zu Limburg, unter dem Vorsitze des Herzoglichen Kreisamtmanns daselbst als Wahl-Commissarius, statt­finden.

Die Liste der zur Wahl berufenen Höchstbesteuerten Gewerbetreibenden wird in der Beilage mit dem Be­merken zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß etwaige Reklamationen dagegen nach §. 14 des Wahlgesetzes innerhalb der ersten acht Tage, vom Tage der erfol­genden Publication im Vcrordnungsblattc an gerechnet, bei dem Staatsministerjum einzureichen sind.

Die Herzoglichen Steuer - Kommissäre haben dafür Sorge zu tragen, daß den in die Wählerliste eingetra­genen oder auf erfolgte Reklamation zugelassenen Wäh­lern die nach §. 14 und 15 des Wahlgesetzes zur Aus­übung ihres Wahlrechtes erforderlichen Legitimationsbe- schcinignngen zeitig zugestellt werden.

Der über das Resultat der Wahl von dem Wahl- Commissarius zu erstattende Bericht ist nebst den Wahl- verhandlungen spätestens binnen vierundzwanzig Stun­den nach Beendigung der Wahl anher einzusenden.

Wiesbaden, 6. Februar 1854.

Herzoglich Nassauisches Staatsministerium. Wittgenstein.

vdt. Bismark.

Ein vergessenes Zctenstüâ

(Schluß.)

Die so sehr gerühmte Meinungsverschiedenheit des Wiener Cabinets mit dem Londoner, welche heut zu Tage zu bestehen scheint, ist nur ein Streit über die Art und Weise uns zu schaden.

Trotz diesem Einverständnisse werden sich ihre Ver­legenheiten kundgeben, sobald es sich darum handeln wird, den Degen zu ziehen. Der Fürst Metternich soll hier gesagt haben, daß er England immer auf uns los- lassen kann, wenn wir zu den Waffen greifen, aber Eng­land wird ebenso verlangen, daß sich der Wiener Hof seinerseits auch entschließe und dann wird Oesterreich sich den größten Gefahren aussetzen und sich zu unbe­rechenbaren Opfern herbeilassen müssen. Obwohl mäch- tig, wird Großbritannien ohne Verbündete min­der furchtbar. Sobald cs Oesterreich compromittirt ha- ven Mrd, wird dieses meiner Meinung nach schwächer sein, weil es in diesem Falle einen Theil seines Systems der Vernichtung aussetzen wird. Unsere Politik gebietet uns folglich, dieser letzteren Macht gegenüber energisch aufzutreten, und sie durch unsere Vorbereitungen zu überzeugen, daß, wenn sie eine Bewegung gegen uns unternimmt, einer der fürchterlichsten Stürme über ih­rem-Haupte auSbrechtn wird, welchen sie je erfahren. Die Türken sind für Jeden, der sie vertheidigen will, schlechte Verbündete. In einem Nothfälle ist nichts lcich- ter, als sie stehen zu lassen, um sich gegen eine Armee zu kehren, die sich ihretwegen der Gefahr aussetzt. Es ist unmöglich, daß das österreichische Cabinet so natür­liche und in die Augen fallende Betrachtungen nicht be­achten sollte. Weit entfernt, sich in dieses Meer von unberechenbaren Ereignissen zu stürzen, wird meines Er­achtens Fürst Metternich sich einem System anschließen, das er durch seine Geschicklichkeit nicht zu bekämpfen ver­mag. Entweder wird er den Türken erklären, daß sic den Vergleichsvorschlägen Gehör geben müssen,' und wird unser Einrücken in beide Fürstenthümer als einen Ent- schluß, den sie hervorgerufen haben , darstellen, oder er­wirb sich nach seinem Belieben auf andere Provinzen dcs ottvmanischen Reiches werfen. Im ersten Falle wür­ben wir übereinstimmend sein, im zweiten würden wir es werden.

Der einzige Unfall, den wir zu befürchten hatten, wäre der einer offenen Erklärn ng ü e g e n 11II s.

Frankreich hatte im Anfänge der Unruhen im Orient ein weiscS und verständiges Verhalten angenom­

men. Indem es unsererseits äußerste Maßregeln ver- mieden zu scheu wünschte, schloß cs sich beständig denen an, die wir vorschlugen und die versöhnender Natur waren, entschieden, zu gleicher Zeit uns zu folgen, und uns beizutreten, wenn die Umstände das kaiserliche Ca­binet zwingen sollten, andere Entschlüsse zu fassen. Als Herr v. Villöle die Zügel der Regierung ergriff, fand er jene Grundsätze aufgestellt. Herr v. Montmorency und Chateaubriand haben dieselben während ihrer Ver waltung der äußern Angelegenheiten befolgt. Der Baron Damas hat dieselben Ansichten und dieselben Gesinnungen, jedoch mit wenig Festigkeit und Einfluß getheilt, weil der Conseilspräsidenl ihm nicht gestattete, nach eigenen Gedanken vorzugehen. Herr Villele hat immer wenig Zuneigung für Rußland gezeigt. Das Uebergewicht, das der Kaiser über die auf den spani­schen Krieg bezügliche Frage ausgeübt, hat so zu sagen aus ihm einen Gegner dcr Allianz gemacht, obschon der König von Frankreich die gegenwärtige Ruhe seines Landes und Herr Villöle seine Erhaltung am Ruder der Beendigung des spanischen Krieges verdanken. Da die Liberalen die Stimmung des ersten Ministers er­rathen, haben sie ihn durch die zahllosen Mittel, die ihnen hier zu Gebote stehen, aufgcfordèrt, seine Gesin- nun gen an den Tag zu legen, sich von dem Einflüsse des Auslandes (nach ihrer Sprache) zu befreien, und er hat die Schwäche und zugleich die Bosheit gehabt, diesen Einflüsterungen nachzugeben. Graf Pozzo di Borgo führt nun weiter aus, daß Frankreich, resp. Hr. Villele, der auf diese Weise der Fahne der Allianz ab­trünnig wurde, sich des stillschweigenden Beifalls Oester­reichs zu erfreuen hatte.

Das Zutrauen, das ihm zu Theil wird, heißt es weiter, ist nicht vollkommen, allein in der Ungewißheit erzeugt er für den Augenblick die erwünschte Wirkung, d. h. Frankreich in der Unentschiedenheit zu erhalten und Schwierigkeiten gegen uns zu erheben. Frankreich ist weit davon entfernt, irgend ein Gefühl böswilliger Stimmung und noch weniger eine Feindseligkeit gegen Rußland zu nähren. Der Minister, der es regiert, kann eine Lüge sagen oder eine Intrigue rLternehmen, aber niemals würde er es wagen, das Wort Bruch oder Krieg gegen uns auszusprechen, ohne daß nach sechs Monaten sowohl dcr Minister, der cs vorgeschlagen, als auch der König, der es angehört hätte, einem beinahe gewissen Sturze ausgesetzt wären. Um gegen uns zu handeln, müßte man sich augenscheinlich England und Oesterreich überliefern ; diese knechtische Hingebung dürfte mehr Unzufriedenheit Hervorrufen als unsere Unterneh­mungen Eifersucht erregen würden. Herr v. Villste opfert als Minister von Frankreich die allgemeinen Grundsätze der Allianz seinen persönlichen Ansichten und den Plänen auf, deren Urheber er ist, folglich der Er­haltung seiner Stelle. Der Antheil, den er an einem fernen Krieg nähme, der kostspielig und ohne Wahr­scheinlichkeit irgend eines nützlichen Erfolges wäre, würde die Maßregeln, in die er sich cinlicß, hintertreiben und die Existenz der Dynastie selbst compromittiren. Meine Ansicht ist also, daß sich Frankreich gegen uns nicht er­klären, und falls, zum Unglücke für selbes, sein böser Genius cs dazu triebe, es hiebei nicht bestehen kann, weil seine geographische, politische und moralische Stel­lung ihm nicht erlaubt, an einem Bund gegen Rußland Theil zu nehmen.

Da Preußen weniger eifersüchtig und folglich unparteilicher ist, hat eS stets durch seine Ansichten gc- zeigt, daß es den richtigen Begriff von der Natur und Wichtigkeit der Angelegenheiten dcs Orients habe, und hätte der Wiener Hof seine Gesinnungen und guten Absichten getheilt, so liegt es außer allem Zweifel, daß der Plan deS kaiserlichen Cabinets in Erfüllung ge­gangen wäre.

Wenn man also annimmt, daß es Rußland allein unternähme, eben jene Zwangsmittel in Anwendung zu bringen, denen Fürst Metternich nicht beistimmen wollte, so berechtigt alles zu glauben, daß .der Berliner Hof sich keineswegs entgegen stimmen wird, und daß im Gegentheile seine zugleich freie und freundschaftliche Stellung die der andern sehr belästigen und sie dahin stimmen wird, einen Beschluß zu wünschen, der, ohne für sie nachtheilig zu sein, sich doch mit der Würde und den Interessen Rußlands vertrage. Diese Er­wägungen deuten genügend hin, wie sehr uns daran liegt, daß preußische Cabinet so zu sagen in unser Ver- lrauen cinzuwcihen und ihm auch die Ueberzeugung bei- zubringen, daß die Rolle, die wir ihm auweisen, wirk- sam zur Anfrechthaltung der gemeinschaftlichen Verhält- nisse, seiner eigenen Ehre und der Zunahme der glück­

lichen Eintracht beitragen wird, die bereits zwischen beiden Souveränen und Höfen besteht. . ..

Als ich die Wahl der vorgeschlagenen Mittel traf, näherte ich mich so viel als möglich denjenigen, die mit der Erhaltung dcs Friedens noch verträglich waren. Rußland hat einen Plan vorgelegt, den cs im Namen der Allianz und mit deren Beistimmung in Ausübung hatte bringen wollen. Die Souveräne, denen er mit­getheilt wurde, haben ihn nie verworfen, sie haben blos gesucht, denselben zu lähmen und Zeit zu gewinnen, um den Türken Muße zu einem zweiten Feldzüge zu ver- schaffen. Dieser Versuch ist gelungen, und die Frage ist um so verwickelter geworden, theils zwischen den Türken und Griechen, theils in Beziehung auf den Schritt dieser letzteren, oder eines Theiles derselben, sich unter das Protektorat Englands zu stellen. In die­ser Lage entschließt sich Rußland ganz allein zu dem Schritte, den cs mit gemeinschaftlicher Bestimmung zu thun verlangte. Es erklärt den übrigen Souveränen, daß nichts geändert ist weder bezüglich seiner Absichten noch bezüglich seiner Verfügungen. In der neuen Stel- lung, die es einnehmen mußte, fordert es sie auf, die in seinen früheren Mittheilungen vorgebrachten Vor­schläge bei den Türken zu erneuern, d. h. über einen Waffenstillstand übereinzukommen und sich zu einem Con- greß zu vereinigen, um auf einen angemessenen Vergleich bedacht zu sein.

Wenn die Verbündeten oder besser gesagt, wenn der Fürst Metternich, denn von ihm hängt Alles ab, den Frieden dem Kriege vorzieht, so wird er sich be­eilen, den einen aufrecht zu erhalten und die Gefahren des andern zu beseitigen. Im entgegengesetzten Falle hat Rußland keinen Grund, vor den Gefahren zurück- zuweichen, denen es selbst Trotz bieten kann. Es wäre gewiß Anmaßung, das Verhalten vorherzusagen, das der Wiener Hof in der gegebenen Hypothese beobachten wird. Doch kann man sich nur schwer einer gewissen Vorahnung erwehren, die zu glauben veranlaßt, daß derselbe sich nicht gerne in die Extreme stürzen wird. Der Krieg ist eine Plage für Alle. Wenn Fürst Met­ternich sehen wird, baß er nicht auf den Erfolg seiner Lieblingsidee rechnen kann, das heißt Rußland zu be­seitigen und den Türken die Möglichkeit zu verschaffen, den Krieg ohne Besorgniß einer Diversion sortzuführen, so wird er in den Geist unseres Cabinets eingehen, weil er sich für überzeugt halten wird, daß, wenn es sich so verhält, er die unberechenbaren Folgen eines ausgespro­chenen Bruches vermeiden kann.

Weit entfernt, England zum Krieg aufzufordern, ist cs wahrscheinlich, daß der Staats - und Hoskanzler sich bemühen wird, selbes zurückzuhalten und es in das Un­terhandlungssystem einzuführen. Er weiß, daß, wenn die Dinge sich verschlimmern und wenn sie auf's Aeuf- jerste gebracht sind, die Türken aus Europa werden ver­trieben werden, was auch immer für Streitigkeiten aus der Theilung ihres Nachlasses hervorgehen mögen. Die­ses Ereigniß wäre für den Wiener Hof der minder wün- scheuswerthe Schluß. Selbst GebietSvergrößerungen würden den Nachtheil schlecht ersetzen, der für ihn aus der neuen Stellung hervorginge, die wir einnehmen würden. Das Facit, welches General Pozzo di Borgo aus dcm Gesagten zieht, ist, daß wohl keine der erwähn­ten Mächte den beabsichtigten Schritt Rußlands zur Veranlassung eines Krieges machen werde.

Am Schluß fügt er bei: Bevor ich diese Arbeit schließe, nehme ich mir die Freiheit Euer Excellenz zu bemerken, daß, indem ich die Beweggründe und den Zweck aus dem Beginne unseres Handels und folglich aus dem Einrücken der kaiserlichen Truppen in die bei­den Fürstenthümer ableitete, ich mich von jeder, allge­meine Versprechungen von unserer Uneigennützigkeit ent­haltenden Erklärung fern hielt, außer jener erwähnten, welche die Erhaltung des friedlichen Systems und di« Mitwirkung unserer Verbündeten innerhalb der vorge- schlagencn Maßregeln, die cs aufrecht erhalten müssen, voraussctzcn.

Sollte daraus, daß Rußland bei der jetzigen Be­setzung der Fürstenthümer die bündigsten Versicherungen seiner Uneigennützigkeit gegeben hat, sich nicht mit vol­lem Recht der Schluß ziehen lassen, daß cs ihm mit seinen Betheuernngen völlig Ernst sei und daß die Be­fürchtungen der Westmächte, denen allein die jetzt auf die Spitze getriebenen Verwickelungen zuzuschreiben sind, zu weit gehen und daß die Haltung der deutschen Groß­mächte, welche sich auf das Vertrauen zu den Versiche- rungcn des Kaisers von Rußland gründet, eine den Um- ständen angemessene und vollkommen gerechtfertigte sei. Auffallend bleibt es übrigens, daß der Lloyd zur Ver-