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Nassauische Allgemeine Zeitung.

A> ss. Mittwoch Den 8. Februar 1854.

Dit,,Nassauische Allgemeine Zeitung" mit dem belletristischen BeiblattDer Wanderer" erscheint, Sonntag» ausgenommen, täglich und beträgt der PränumerationSprei« für Wiesbaden und , nach dem neuen Postregulativ nunmehr auch für den ganzen Umfang des Thurn, und TariS'schen BerwallungöbezirtS mit Inbegriff deS Postaufschlag« 2 fl., für die übrigen Länder des deutsch-österreichischen PostvereinS, wie für das Ausland 2 fl. 24 fr. Inserate werden die vierspai"«- Petitzeile oder deren Raum mit 3 kr. berechnet. Bestellungen beliebe man in der Buchhandlung von W. Friedrich, Langgaffe 42, auswärts bei den nächstgelegenen Postämtern, zu machen.

Ein vergessenes âtenstück

* Um der schwierigen Aufgabe überhoben zu sein, Rußlands Politik in dem gegenwärtigen Zeitpunkt dar­zustellen, bringt derLloyd" einen Abdruck der äußerst wichtigen Depesche (Dépéche reservée) des Grafen Pozzo di Borgo, russischen Botschafter- am fran­zösischen Hofe, welche im Beginne der Regierung des Kaisers Nicolaus (4./16. Octob. 1825) geschrieben, deutlich die Grundsätze zeichnet, von welchen Rußland sich in seiner europäischen Politik eben so gut heute lei­ten lasse, wie sie ihm zu jener Zeit zur Richtschnur dien­ten. (Damals betrachtete jedoch Graf Pozzo di Borgo Oesterreich als vornehmsten Gegner der aggressiven Po. litik des russischen Cabinets.) Diese Depesche ist einer vor wenigen Monaten in Paris unter dem Titel:Re- cueil des documents pour la plupart secrets et iné- dils et dautres piéces veröffentlichten Sammlung je­ner großen Anzahl wichtiger Staatsdocumente entnom­men, welche bekanntlich bei dem Ausbruch der Revolu­tion in Warschau in die Hände der Aufständischen gc- riethen und später ihren Weg in die westlichen Haupt­städte fanden. Aufgesordert vom Cabinet zu St. Pe­tersburg zur Aeußerung seiner Ansicht über die Union, die sich zwischen den europäischen Mächten gebildet zu haben scheint, und über das Project des Kaisers, dem Schwanken der Diplomatie ein Ende zu machen, schildert General Pozzo di Borgo die Stimmung der vorzüglicheren Höfe, und folgert darausdie Verpflich­tung" uns unerbittlich zu zeigen, und die Rechte, welche sich die Gewalt anmaßen würde unS streitig zu machen, mit Gewalt zu behaupten. . . . Wir müssen uns ent­schließen , ihnen alles Böse, daS sie uns zufügen möch­ten, zu vergelten, ohne die Wechselfälle zu fürchten, die der Krieg herbeiführen kann. Mit diesem Entschluß muß man durch nicht öffentlich anerkannte Agenten die Ser­ben und Griechen benützen, bis zu der Hauptstadt vor­rücken und rasch handeln."

Wir entnehmen aus dieser Depesche folgende prä­gant hervortretende Stellen: Als die Wirren in der Türkei (Erhebung der griechischen Unterthanen 1821) ausbrachen, richteten Europa und die kriegführenden Parteien, obgleich mit verschiedenen Gefühlen, ihre Blicke auf Rußland. Dies war eine natürliche Stim­mung, weil Rußland diejenige Macht war, der am mei­sten daran lag, sich mit jenen Bewegungen zu befassen. Rach vierjährigen Kämpfen, Intriguen und tausend an­dern Zwischenfällen, die unzertrennlich von einer Sache sind, die kein Interesse ausschließt und kein Gefühl un­berührt läßt, ist cs Rußland allein, dessen weder Eu­ropa, noch die Türken, noch die Griechen Erwähnung machen zu müssen glauben. England bringt Hilfe durch Vermittlung seiner Liberalen, und gründet sich einen Einfluß durch seine Geschwader und seine Regierung der jonischen Inseln. Die Griechen oder einige ihrer Häupt­linge erflehen Englands Schutz und sind bereit, sich zu seiner Verfügung zu stellen. Mag nun dieses Anerbie­ten angenommen sein oder nicht, es ist bemerkenswerth, daß es stattfinden konnte. Frankreich schickt Offiziere als Exerciermeister nach Egypten, um die Araber abzu- richten, die bestimmt sind, die Griechen zu unterjochen, und duldet, daß sich zu Paris Ausschüsse bilden, um die Hellenen zn leiten und zu unterstützen. Oesterreich gesellt sich der friedlichen Intervention in den Conferen- zen von St. Petersburg bei, und combinirt zugleich den FeldzugSplan mit den Türken. Es sendet Agenten ab, die sich mit Ibrahim Pascha ins Einvernehmen setzen, befiehlt seiner Marine die Muselmänner zu begün­stigen, und lähmt die Gesammteinwirkung der Ver­bündeten in der Hoffnung, die Frage durch die aus­schließliche Einwirkung der Pforte entscheiden zu sehen.

Inmitten dieses Drama's hat Rußland allein keine Rolle und keine Stellung. Es wird als außerhalb al­ler Combinationen liegend betrachtet, odrr richtiger ge- sagt, alle Combinationen zielen dahin, es in diesem Zu­stande zu erhalten. Die Depesche Ew. Excellenz kün­digt an, daß der Kaiser gerechter Weise entschlossen ist, aus demselben herauszutreten, und daß es sich nur darum handelt, in der den Absichten Sr. Majestät ent­sprechendsten Art und Weise unsere Nachforschungen an­zustellen, und zugleich unsere Ansichten zur Geltung zu bringen.

Wenn das russische Cabinet nur seine Kräfte, und A "^ube mir hinzuzufügen, seine Privatiutcressen ohne Rücksicht^ auf irgend eine andere Betrachtung zu Rathe ziehen dürfte, so wäre ein offener Krieg gegen die Tür- "i der entscheideuste und vielleicht der sicherste Ausweg; allem andererseits bietet ein gemesseneres, obgleich festes

Vorgehen große Vortheile, theils weil, indem selbes un­seren Verbündeten die Möglichkeit gewährt, sich demselben anzuschließen und ihr Unrecht ungeschehen zu machen, eine Weigerung ihrerseits sie gehässiger machen wird, theils weil es weise ist, auf den Character eines Lenkers Europa's nicht zu verzichten, ohne dazu durch Gründe berechtigt zn sein, deren Gerechtigkeit Niemänd streitig machen kann.

Die Conferenz von St. Petersburg ist dahin über- eingekommen, daß es gerecht und klug sei, den Türken die Gesammtintervention vorzuschlagen. Das kaiserliche Cabinet hat überdies gerathen, auf die Zwangsmittel für den Fall bedacht zu sein, daß die Pforte, sich wei- gerc, unseren freundschaftlichen Andeutungen,Gehör zu geben. Die Verbündeten haben diese Eröffnung ahge- lehut, und der Divan hat inzwischen ihre Rathschläge und Forderungen eben so wie auch die unserigen ver- worsen.

Bei der natürlichen Sachlage der Frage wünschte der Kaiser nur als Mitglied der Allianz und nach ei­nem durch gemeinsame Uebereinkunft beschlossenen Plane zu handeln. Da nun diese Hypothese, die Jedermann so zufrieden gestellt hätte, sich wegen der Opposition unserer Verbündeten nicht realisiren konnte, wird sich Seine Majestät selbst dazu entschließen, obschon stets zu demselben Zwecke, d. h. zn demjenigen wenn die Andern geneigt sind, sich dabei zu beteiligen den Plan der Herstellung des Friedens in Ausführung zu bringen, den sie selbst als wünschcnSwerth anerkannten und der bis jetzt nur darum noch nicht m's Werk ge­setzt wurde, weil sie sich bisher weigerten, hierzu bei* zutragen.

Wenn die Theilnehmer der Allianz, für die wir so viele Opfer gebracht, nicht abtrünnig geworden wären, und im Falle sie zur Anwendung von Zwangsmaßre­geln ihre Zustimmung ertheilt hätten, so hätte der Kai­ser durch seine Truppen die türkischen Provinzen (die von den Türken vertragswidrig besetzt gehaltenen Do- naufürstenthumcr, Moldau und Walachei) bis zur Do­nau besetzen lassen, indem er diesen Schritt »sowohl durch die Beweggründe, die ihn hervorgcrufei^ M auch durch den Zweck hätte rechtfertigen können, der ihn für die Ruhe Europa's und selbst für die Erhaltung des ottomanischen Reiches nothwendig machte. War nun nicht nach vorgängiger Zustimmung der Andern geschah, sollten wir meiner Ansicht nach aus eigener Anregung thun/ ohne dabei weder unsern Plan noch unsere Sprache zu verändern. Folgt nun eine Skizzirnng der bei dieser Gelegenheit abzugebenden Erklärung.

Diese Erläuterungen wären allen Verbündeten mit- zutheileu, ohne England hiervon auszunehmen, indem wir sie ermahnen, den Divan aufzufordern, selbe der­art zu würdigen, daß ein definitiver Bruch nicht bloß 'vermieden werde, sondern dieselben sogar als ein Mit­tel, die Unterhandlungen wieder herzustellen, gebraucht werde».

Wenn die Annahme des vorgeschlagenen Planes er­folgt, wäre eS gerathen, sich in den gemessensten Aus­drücken gegen die Pforte zu erklären und sie zu ver­sichern , daß, falls sie nicht gesonnen ist, sich in einen Krieg zu stürzen, der Kaiser bereit sei, wie Se^Maje- stät es stets gewesen, die Zwistigkeiten zu beendigen und die Unruhen durch Versöhnung beizulegen. Wir sollten ebenfalls eine Mittheilung aller jener Urkunden den Vereinigten Staaten A in e r i c a' s geben als einen Beweis der Achtung von Seiten des kais. Cabi­nets und des Werthes, den selbes darein setzt, seine Ansicht zu beleuchten unb ihren Beifall zu erlangen. Was Schweden anbelangt, könnte man es außerhalb des angenommenen Schrittes setzen, jedoch auf eine vertrau­liche Weise, um der Eigenliebe desjenigen zu schmeicheln der selbes regiert, ohne demungeachtet irgend eine der defensiven Vorsichtsmaßregeln in Finn­land zu übersehen.

Der Entwurf, den ich eben unterbreitet habe, scheint mir keine ernsthafte Einwendung weder in Bezug auf seine unmittelbare Ausführung noch bezüglich der Grund­sätze darzubieten. sJch gestehe jedoch, daß diese Arbeit unvollständig wäre, wenn sie nicht eine gleichmäßig über­dachte Prüfung ihrer Folgen enthielte.

Um die Hindernisse zu würdigen, die uns die übri­gen Mächte entgegen zu stellen geneigt wären, scheint es mir vor Allem unerläßlich, die Stellung, die wir ihnen gegenüber nehmen werden, zu veranschaulichen, weil das Uebel, welcher wir ihrerseits zu befürchten ha­ben werden, in umgekehrtem Verhältnisse mit dem ste­hen wird, welches ihnen von unserer Seite bevorsteht.

Bezüglich der Türkei müßte man also Alles in

Bereitschaft haben, um sogar b is zur Hauptstadt vorzubringen, wenn wir gezwungen würden, jenen Entschluß zu fassen. Die Schnelligkeit 9er Operation würde deren Gefahren vermindern und die Combinatio­nen unserer Gegner vereiteln.

Mir schiene gleicherweise, in diesem Falle die Ser­ben und überhaupt alle Christen zu benützen, die sich uns anschließen möchten.

Sobald der Entschluß, die Provinzen zu besetzen, gefaßt wäre, ist kein Grund mehr vorhanden, nm nicht in Beziehungen mit den Grieche» zu treten. Alle Souveraine der Allianz besprechen sich schon darüber, und keiner von ihnen kann sich beklagen, daß wir nach vier Jahren einer beispiellosen Schonung derart auftreten.

Indem ich diese Ansicht unterbreite, will ich nicht einen Schritt anrathen, der die Anerkennung dieses Vol­kes oder Verpflichtungen irgend einer Art nach sich zöge. Es würde genügen, ihnen durch nicht öffentlich anerkannte Agenten beizubringen, daß ihr Heil von dem durch Se. Majestät den Kaiser gefaßten Entschlusse abhängt; daß sie sich vorbereiten müssen, nach seiner Leitung dem Laufe der Ereignisse zu folgen, und daß sie unter desseu sich gegen die Türken durch die in ihrer Macht stehenden Mittel und mit um so mehr Erfolg vertheidigen können, als die Stellung Rußlands die Pforte hindern wird, alle ihre Kräfte gegen sie zu richten.

Unsere Armee in Georgien muß sich ebenfalls in Bereitschaft halten. Im Falle wir genöthigt wäre», einen Krieg bis auf's Aeußerste gegen die Pforte zu füh­ren, so wäre es nützlich, Persien, wenn möglich, an demselben zu betheiligen.

So gegen die Türkei ausgerüstet, ist cs unerläßlich, gegen Oesterreich auf der Huth zu sein. Wenn eS sich um so große Interessen handelt, so gebietet die Po­litik, zunächst auf seine eigenen Kräfte zu bauen; das ist die sicherste Art, die der andern in Schranken zu halten und ihre Freundschaft zu erlangen, weil sie als­dann das Ergebniß ihrer Berechnungen wird.

Wenn man also annimmt, daß unsere Truppen bis an die Donau vorgerückt find, daß wir den Mächten die Beweggründe und den Zweck dieses Schrittes zu wissen gemacht haben, daß sie unsere Stellung und den zu ihrer Unterstützung gefaßten Entschluß erkennen, un­tersuchen wir dann, was wir von dem übrigen Eu­ropa zu befürchten haben, und welches das Benehmen der Höfe von London, Wien, Paris und Ber­lin, abgesondert oder in der vorausgesetzten Krise ver­eint, sein kann.

Wenn es uns erlaubt wäre, auf ihre Weisheit zu rechnen, so sollten sich die drei Höfe des Continents hauptsächlich beeilen, den Türken zu erklären, daß der Sturm, der fie bedroht, das Werk ihrer eigenen Ungerechtigkeit und ihres Starrsinns ist; daß sie kein anderes Heilmittel haben, als die Intervention anzu- nehmen, auf einen Waffenstillstand mit den Griechen und auf Unterhandlungen unter dem Einflüsse der Mächte rinzugehen, um die Unruhen beizulegen und einen mit der Erhaltung und Sicherheit beider Theile ver­träglichen Stand der Dinge zu begründen.

Allein wir dürfen nicht einzig und allein in dieser Voraussetzung unser Urtheil fällen. Sie würde uns ein einfaches und leichtes Vorgehen darbieten, wenn sie sich verwirklichen sollte. Es gibt einen andern minder kla­ren und verwickelteren Standpunct, den wir ausforschen und ergründen muffen, nämlich die entgegengesetzte Stimmung, die sich insgesammt oder einzeln von Sei­ten der übrigen Mächte kundgeben könnte.

Vor drei Jahren war England in der Unmög- lichkeit, einen Krieg aufzunehmen. Seine Lage hat sich seither verbessert, seine Verlegenheiten haben ausgehört, und eine Flnth wirklicher oder eingebildeter Reichthümer hat seinen Schatz befruchtet und seinen Hochmuth er­höht. Der Eintritt des Herrn Canning ins Ministe­rium, und der Einfluß, den er darin kraft feiner großen Popularität ausübt, haben die alten Verhältnisse Ruß­lands mit dem englischen Cabinete geschwächt, die Dif­ferenz der Doctrinen hat sie beinahe vernichtet. Sein Verhalten bei den Angelegenheiten der Türkei beweist, daß weder das ausgedehnteste Vertrauen unsererseits, noch die augenscheinlichsten Opfer seine Gesinnung oder feine Politik gegen unS zu verändern vermochten. Er ist argwöhnisch und eifersüchtig gewesen, waS uns an- dentet, daß er feindselig werden kann.'Es ist noch nicht erwiesen, daß dieser Eigendünkel sich auch verwirklichen wird, doch müssen wir unS bereit hallen, dieser Gefahr zu begegne».