Nassauische Allgemeine
N' SS Samstag Jen 4. Februar
1SS4.
Die,,Naff<imschr Allgemkine Zeitung" mit dem belletristischen Beiblatt „Der Wanderer" erscheint, SminiagS ausgenommen, lâglich und betrügt der PrqnumerationSpreiS für Wiesbaden und , nach dem neuen Postregulaliv nunmehr o>» fit den ganzen Umfang deS Thurn- und Taris'schcn Verwaltungsbezirk» mit Jnbigrisf deS Postausschlags 2 fl., für die übrigen Lâubet? des deutsch.österreichjschcn Po^erein», wie für das Ausland 2 fl. 24 tr. — Inserate werden die yierspaltige Ketitieile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. — Bestellungen beliebe man in der Buchhandlung von W. Friedrich, Langgaffe 43, auSwärtS bei den nächstgelegenen Postämtern, zu machen.
Mitteleuropa und sein Beruf in der orientalischen Frage.
* Die „A. A. Z." bringt abermals einen beaibtenS- werthen Artikel vom Bosporus, der wie sein Vorgänger, seinen Ursprung in der k. k. Jntenmnciatur hat. Der Artikel weiset nä* , daß in dem jetzigen orientalischen Conflict, welcher mit der Sendung der combhürten Flotten in das schwarze Meer auf die äußerste Spitze getrieben und durch die bekannte Verbindung mit der türkischen Flotte in eine Phase getreten ist, wo die Seemächte unmittelbar zum Kampf gegen Rußland, vielleicht ganz gegen ihren Willen, gerissen werden, von neuem Mittel-Europa, d. h. Deutschland, berufen ist auf der Weltbühne daS schiedsrichterliche Amt. und die Entscheidung zu übernehmen — und daß gerade die Mäßigung in seiner Haltung dazu dienen werde, uns die moralischen Früchte deS Sieges ungeteilt zu sichern.
Wenn wir uns in der Polilitik der deutschen Großmächte nicht irren, sagt die ösficiöse Korrespondenz, so sehen sie ruhig „mit Gewehr im Arm" dem Treiben deS Ostens und Westens in der festen Ueberzeugung zu, daß sie nie das Heft auS der Hand verlieren, und ihnen die Entscheidung immerdar zufällt. Je länger sie in ihrer gelassenen, anscheinend theilnahmlosen Stellung verharren, mit desto mehr Glanz wird Deutschland seine gebietende Rolle in den kontinentalen Fragen antreten. Nicht einmal Noten, diplomatischer Vertretung und sonstiger Formen bedarf es für uns jetzt mehr im Orient, die andern Großmächte sind in einen so unheilbaren Conflict hineingerathen, daß nur die Deutschen — nicht sie selbst — ihn schlichten können. Deutschland wird dann nicht erwarten „daß England seine Schuldigkeit thut" , sondern dieses wird uns sagen: „wir erwarten daß ihr die eure thut, denn wir wissen Hinfort, daß eure und unsere Interessen untheilbar verbunden sind." — Der Korrespondent erinnert an seine frühere Behauptung, daß im Orient nicht Frankreich und Rußland sondern Englands und Rußlands Interessen, ciigagiit find. Frankreich spielt eine Rolle, die lediglich durch die Persönlichkeit des französischen Selbstherrschers bestimmt wird. Kaiser Ludwig Napoleon folgt, ob jmit Bewußtsein oder unbewußt, der innern Politik des großen Kaisers, die Idées Napolëoniennes enthalten seine ganze politische Weisheit, und auch in der äußern Politik folgt er dem getreu, waS jener den Franzosen ein- geredet, daß ihr Interesse sei. Er hat von seinem großen Oheim diese Ideen ererbt — ererbt wie einen tiefen unersättlichen Haß gegen England. Ihm kommt darin das nationale Vorurtheil zu Hülfe, und England — könnte keinen gefährlichen Freund haben, als ihn. Die Folge wird das beweisen. Als Feind konnte ihn England verlachen, denn da kann eS sich auf seine hölzernen Wälle verlassen; aber als Freund kann er cs in die schmäh- lichste Lage bringen, wenn es ihm gelingt, England auf einen Punkt zu führen, auf dem dieses sich bLimiten ning, während Frankreich dann seine Macht erglänzen läßt. Wenn L. Napoleon dieses Spiel wirklich objectiv gespielt hat, so ist er ein seiner Spieler, und er kennt seinen Vortheil zu gut, um nicht dem verhaßten England diese Niederlage und Demüthigung zu bereiten, da Frankreichs Ruhm und Glanz, und damit sein eigener, dabei nicht gefährdet wird.
Dieser Punkt, sagt der Korrespondent, scheint mir jetzt gekommen, es ist die Unterstützung der Pforte durch Landtruppen. Wenn Frankreich entschlossen ist, 50,000 Mann nach der europäischen Tür, kei zu werfen, was in der Zeit die noch dort bis zur Entscheidung verlaufen wird möglich ist, so muß England das gleiche thun, und ich glaube nicht, daß es dieß kann. Weder die Natur und Größe seiner Armee noch der Character der Nation erlaubt dem englischen Ministerium bis zu dieser Gränze die Allianz mit Frankreich fortzuführen, und wenn L. Napoleon nur die geringsten Vorbereitungen dazu macht, so werden Sie sehen, in welche Unruhe man an der Themse ge- räth. $Re$t ernst wird es dem französischen Herrscher damit nicht sein, allein er wird die Demüthigung England nicht ersparen, das ihm dann cntgegenkommen muß. In dem intelligenten Theil der französischen Nation lebt sogar die Ueberzeugung, die nicht ohne Wahrheit ist, daß Frankreich und Rußland natürliche Bundesgenossen fiüd und eS war bekanntlich nur die Februar-Revo- lution, welche das bereits geschlossene Bündniß wieder brach. Glauben Sie, die französische Armee wurde freudig gegen eine Armee fechten, gegen die sie immer jeden Sieg auf das blutigste erkaufen mußte, und einen Krieg, wo notorisch für die Armee wie für
Frankreich nichts zu gewinnen ist, wo sie nur für Englands Interessen kämpfte? Glauben Sie denn, es sei vergessen, daß die Franzosen alle ihre Colonien an Eng land verloren, nie einen Sieg, seit der Revolution, gegen England erfochten haben, daß ihr Abgott auf dem Felsen von St. Helena starb? Die Franzosen, die Eitelsten der Eiteln, beneiden England -f ein Grund zum tiefsten Hasse gegen England — weil dieses einige Dinge besitzt, die Frankreich fehlen, und wäre cs auch nur, daß London zweimal so groß ist wie Paris. Ich zweifle auch gar nicht, daß iLfe Verhältnisse dem englischen Cabinct recht gut bekannt sind, allein theils glaubte man nicht an die Energie des Czaren, und vermuthete, man könnte ihn mit Demonstrationen einschüch- tern, theils war man überzeugt, daß man Preußen, namentlich aber das „ohnmächtige" Oesterreich dazu be- avegcn könnte, England die Kastanien aus dem Feuer zu holen, und man vergaß wohin die Dinge führen würden, wenn der französische Kaiser, der lediglich für ein Princip — das europäische Gleichgewicht — zu käm- pfen vorgab, England von Schritt zu Schritt bis vor den Feind führte. Die in diesem Augenblick wichtigste Persönlichkeit des englischen Cadii.etS, Lord Palmerston, theilt die alte Idee von Oesterreichs innerem Zerfall und Ohnmacht — eine Jdce, die in tausend Querköpfen spukt. Er kennt kein anderes Oesterreich, als das Metternich'jche und wird nicht eher unsehen, daß Oesterreich sich geändert, bis England in jener verzweiflungsvollen Lage angekommen ist, nicht weiter mit Frankreich gehen zu können, und endlich sich an Deutschland, als den letzten Rettungsanker, zu wenden.
Deutschlaud.
* Wiesbaden, 2. Febr. Im Monat Januar l. J. wurden auf der TaunuS-Eiseübahn, ausschließlich der Militär-Transporte, 31,688 Personen befördert. Die Einnahmen betrugen während dieser Zeit 10,227 fl. 32'/, kr.
§ Weilburg, 2. Februar. Zwischen den beiden protestantischen Gemeinden Altenkirchen und Philipp- stein wird schon seit dem Jahre 1848 ein eigenthümlicher Prozeß geführt, der seiner Rarität wegen in weiteren Kreisen bekannt zu werden verdient. Der jeweilige Pfarrer in Altenkirchen hat abwechselnd in Philipp, stein, als dem Filialort von Altenkirchen, den Gottesdienst zu versehen. Diese geistliche Functionen wurden auch seit 160 Jahren geleistet und sogar durch die Kirchenordnung von 1818 bestätigt. Im Jahre 1848, wo alle Wasser aus ihren Ufern traten, fiel eS dem , Pfarrer, nnterstützt durch die Altenkircher, ein, den Philippsteinern jede geistliche Dienstfunction zu verweigern, weil diese nur 49 fl., jene aber, ich glaube, über 600 fl. zur Pfarrbesoldung beitragen. Die Phinppstci- iier waren dabei genöthigt, sich durch einen preußischen Geistlichen ans Braunfels Gottesdienst halten zu lassen, dem sie jedesmal 3 fl. geben mußten. Das Ministe- tium machte von seiner geistlichen Gewalt und bischöflichen SendungSbesugniß keinen Gebrauch und wies die Gemeinde Philippstein, auf ihre Beschwerde, in den Rechtsweg und die beiden Gemeinden pcozejsiren schon seit fünf Jahren über die geistlichen Functionen ihres Pfarrers und ob derselbe die Verbindlichkeit hat, auch in Philippstein zu Pastoriren. Es wird also hier über etwas prozessilt, waS gar nicht Gegenstand eines Rechtsstreits sein kann. Der Prozeß hätte nur dann Sinn und Verständniß, wenn der Gemeinde Altenkirchen das Recht zustände und die Verpflichtung obläge, einen Geistlichen zu ernennen und denselben nach Philippstein zu senden. Da dieses Recht und die Verpflichtung aber ganz anderen Personen zusteht, so ist cs wahrhaft unbegreiflich, warum man von diesem Recht hier keinen Gebrauch macht, vielmehr zwei Gemeinden einen Streit führen läßt, der durch drei Instanzen geschleppt, jetzt schon mehr als 700 fl. kostet und die Eintracht zweier Gemeinden für immer gefährdet.
Mainz, 2. Februar. (M. I) Die Demokratie welche keineswegs todt ist, wie viele Kurzsichtige glauben, sondern nur scheintodt, und gegenwärtig, einem ge- lthrigcnjPudel gleicht, fait le mort, die Demokratie hat stets als Lieblingsphrase im Munde geführt, daß die Reichen und Aristokraten nichts für das Volk thäte», daß dessen Wohl und Wehe ihnen völlig gleichgiltig sei. Nachstehend eine neue großartige Widerlegung dieser abgedroschenen Redensart, die den unteren Schichten der Bevölkerung immer wieder von Neuem aufgetischt wird. Eine F ü r stje ii von Löwenstein hat dieser Tage unserem allverehrten Herrn Bischöfe die baare
Summe von 35,000 fl., sage Fünfunddreißig Tausend Gulden zu dem Zwecke übcrschickr, damit er alsbald in unserem Oldenwalde eine gegenwärtig mehr als je nothwendige Rettungsanstalt für verwahrloste Kinder gründe und ins Leben rufe. Ein solcher hochherziger, edler Act macht jeden weiteren Commentar überflüssig, spricht aber zugleich für das unbegrânzte Vertrauen und die feste Zuversicht, die man für AlleS hegt, waS unserem Hochwürdigsten Bischöfe übergeben wird und was derselbe unternimmt.
I Dèainz, 2. Febr. (Fr. I.) Herr Lederfabrikaut Sillinger hierin weiteren Kreisen durch seine am am 13. November 1852 in der ersten Kammer unserer Stände gehaltenen Rede, betr. die Neugestaltung des Zollvereins, bekannt, hat von dem König von Preußen den rothen Adlerordcn dritter Klasse erhalten. — In der Buchhandlung von Schott-Kirchheim u. Thielemann hier ist ein Portrait des Erzbischofs von Freiburg erschienen, das bereits in fast 1000 Exemplaren — namentlich in Frankreich und in de» Rheingegenden — abgelebt worden sein soll. Auch das Portrait (Lithographie) des Dichters der Amarants und der Sigilinde, Herrn v. Redwitz, wird daselbst erscheinen. Der Nutzen, den die Verlagshandlung an dem Absatz der „Amaranth" gewonnen, wird auf 60,000 fl. geschätzt.
— Sämmtliche Nebenflüsse des Rheins haben ihr Eis bereits abgegeben und der Rhein ist völlig frei, so daß die hiesige Schiffsbrücke wahrscheinlich bis nächsten Sonntag wieder die Passage vermitteln wird. Das Bedürfniß eines erweiterten Winterhafens hat sich hier wieder recht lebhaft fühlbar gemacht; von den Schiffen, die jetzt wieder an unserm Quai ankern, konnte nicht einmal der kleine Coblenzer Liliputdampfer Unterkommen finden.
* Aus Baden, 1. Febr. Sicherem Vernehmen nach find die Schwierigkeiten, die in der neuesten Zeit sich einer friedlichen Ausgleichung hemmend in den Weg gestellt haben, von den Kam in e r n ausgegangen. Die Regierung war auf dem Punkte, ein Interim abzuschließen mit dem erzbischöflichen Stuhle, bis zur definitiven Erledigung der Sache selbst in Rom. Die verabredeten Punctationen zwischen den Ministern und dem Bischöfe von Mainz, als Vertreter des Erzbischofs, ent« hielten nämlich keine Bestimmung darüber, wie es mit den Excoinlnuuicatiouen zu halten sei, und war dies ganz in der Ordnung. Beide Theile gingen nämlich von der Ansicht aus, daß die Excommunicationen rein privater Natur seien und daher das Vechältniß zwischen Regierung und erzbischöflicher Curie nicht berührten; indem nicht der Oberkirchenrath, nicht die Mitglieder dieses Collegiums als solche aus der Kirche ausgeschlossen worden seien, sondern einzelne Katholiken in dieser ihrer Qualität. Die erzbischöfliche Curie kann auch offenbar bei dem besten Willen die Excommunicationen nicht ohne Weiteres zurücknehme», ohne daß die Betroffenen den Vorschriften der Kirche zuvor Genüge geleistet haben. Die Regierung hatte dies dem Herrn Erzbischof auch gar nicht zugemuthet, weil sie von ihm nichts Pflichtwidriges, nichts Unmögliches verlangen wollte. WaS geschieht aber nun? Die Excommuiiicir- ten, Slaulödieuer, zum Theile Mitglieder der Kammer/ fordern die Einstußreichett in der Kammer auf, das Ministerium zu verhindern, ein Abkommen mit dem Erz. bischof zu treffen, das nicht vor allem Andern festsetzt, daß die Excommunicationen zurückgcuommeii werden. Theils aus Kollegialität, theils auS Oppositionsfucht, theils aus kirchenfeindlicher Gesinnung und aus ande- reu persönlichen und politischen Gründen wußte; man die Koryphäen der Kammer dahin zu bestimmen, daß sie den Ministern geradezu sagten: „Wenn Ihr in der Uebereinkunst mit der erzbischöflichen Curie nicht ausdrücklich stipulirt, daß die Excommunicationen ausgcho- ben werden ohne irgend ein Zuthun der davon Betroffenen, so werden wir Euch nicht allein in der Kirchensache, sondern auch in jeder anderen, Opposition machen!" Das Ministerium sendet, nachdem dies geschehen, einen Unterhändler nach Freiburg in der Person eines LandtagSabgeordneten, der den Erzbischof bewegen soll, die Excommuiiicationcii auf den Wunsch und die Jiitervenlion der Regierung hin zurückzuneh- men. Wer noch einen Funken von katholischem Dogma in sich trägt, dem konnte die Antwort des Erzbischofs nicht zweifelhaft sein; er ging auf das Verlangen nicht ein, weil er darauf auch nicht eingeheN konnte und durfte. Die» der Stand der DiNge. Was wird weiter geschehen?
Man erzählt sich, daß der großh. badische General Graf Lei «in gen designirt fei f die Unterhandlungen