Nassauische Allgemeine Z
J'. 19,
Montag ta 23. Januar
1834.
r>it,,Raff«uis»k SlUgcmrint 3eitiing" mit btm belletristischen Beiblatt „Cer üßaiibrrrr" trf»rint, Svnninqs au«H<n«mmra, ragM uiic betragt bet Pränumeralwnspreis für lüirfbabrn uub , nach bem neuen 'Poftrrgulauo nunmehr an für ben ganzen Umfang bt< Zburn» mib £ari«’fd>en Brrmattungfbryrt« mit Inbiftriff br« -postauffAlag« 2 st., für die übrigen liänber be« beutf».éflerrei<bif»en Postnerein«, n»e für ba« «iiSIand 8 ft. 24 tr. — Inserate roerben die bierfpaltig Dftitieile eher deren Raum mit 3 tr. bereinrt. — Bestellungen beliebe man in der Buckbandlung von âii. Friedrich, banggafle <2, anSwärld bei den nächstgelegenen Postämtern, zu machen.
Die badische Thronrede.
* Hr. von Florencourt bespricht in der „Deut- schen Volkshalle" die auf den Kircheustreit bezügliche Stelle der Thronrede, womit Se. königl. Hoheit der Priuzregent von Baden die Kammer eröffnet hat. Sie bietet nach seiner Ansicht erfreuliches und betrübendes.
Zuerst wird in der Thronrede bemerkt, daß „störende Mißverhältnisse durch das Borschreiten deS erzbijchöfli- chen Stuhles zu Freiburg in Geltendmachung weiter augesprochencr Gerechtsame eingetreten seien. Außerhalb der GroßherzogthumS sei dieser Anerkennung zwar vielfache Mißdeutung zu Theil geworden, das badische Volk selbst aber sei zum bei weitem größeren Theile Sr. kö- «ißt. Hoh. dabei mit Vertrauen entgegengekommen , geleitet von dèr richtigen Ueberzeugung, daß der Glaube seiner katholischen Unterthanen dem Prinzregenten eben so .heilig sei, wie sein eigener Glaube. Daß Se. königl. Hoh. der Priuzregent nicht absichtlich den Glauben seiner katholischen Unterthanen verletzen wolle, darüber herrscht nur eine ungetheilte Ueberzeugung. In dieser Beziehung ist allerdings vollständiges Vertrauen vorhan- den, nicht nur bei dem größten Theile des Volkes, sondern bei dem ganzen Volke. Niemand hat je auch nur die leise Vermuthung gehegt, daß Se. königl. Hoh. mit Absicht der katholischen Kirche zu nahe treten wolle. Wir legen sehr viel Gewicht auf diesen Umstand, und halten ihn für ein großes Glück. Die Maßregeln lassen sich eben so leicht wieder zurücknehmcu, wie sie erlassen worden sind. DaS verlorene Vertrauen und daS verlorene Herz des Volkes ist aber schwer wieder zu gc- winuen. Gottlob, daß in dieser Beziehung in Bezug auf die Person des Prinzregenten noch völlige res Integra da ist. Ob aber der größere Theil deS Volkes mit den Maßregeln gegen die katholische Kirche wiiklich übereinstimmt? das ist eine andere Frage. Wir können natürlich die Stimmen nicht zählen, wir wollen aber einmal zugeben, daß wiiklich der größere Theil deS Volkes die Stellung deS badischen Gouvernements gegen die katholische Kirche billigte. Aus welchen Elementen aber würde diese angebliche Majorität bestehen? Jedenfalls doch nur erstens aus den badischen Protestanten, zweitens aus demjenigen Theil der Bureaukratie, der nur noch an den Staat und nicht an eine von Christus eingesetzte Kirche glaubt, und drittens aus den getauff ten Namenskatholiken, die schon längst theils äußerlich, theils wenigstens im Herzen mit den Geboten ihi er Kirche gebrochen haben. Möglich, daß diese drei Elemente die Mehrzahl des badischen Volkes bilden. Aber darf man aus eine solche Majorität Gewicht legen ? Diese Majorität möchte wenigstens ziemlich genau aus der Zahl derjenigen bestehen, welche in dem Jahre 1848 entweder direct oder indirect dem Aufstande Vorschub geleistet haben. Dagegen ist es gewiß, baß es wenigstens noch r'ne sehr große Zahl von badischen Unterthanen gibt, welche tief betrübt über die Maßregeln gegen die katholische Kirche sind und welche ihren Glauben dadurch gefährdet halten. Mit diesem Theile seiner Unterthanen aber kommt der Priuzrcgcut wenig in Berührung. Die StaatSdicnerschast, die ihn umgibt, stellt die Zahl derselben als klein dar, ihr Widerstreben als ein vorübergehendes, leicht zu brechendes. Das dürfen wir, ohne ungerecht zu sein, wohl behaupten. Wir und fest überzeugt, daß die badische Bureaukratie von vornherein Sr. Königlichen Hoheit den ganzen bevorstehenden Conflict in einem falschen Lichte dar gestellt hat, sowohl was die innere Beziehung desselben zum katholischen Glauben an die Kirche, als was die äußere Schwierigkeit anbetrifft. Noch in diesem Augenblicke liegt das Berreben sichtbar vor, den äußeren und inneren Sachverhalt Sr. Königlichen Hoheit zu entziehen, seine Ueberzeugung durch Fernhaltung der wichtigsten Momente gefangen zu nehmen und seinen aufrichtigen katholischen Unterthanen zu entziehen. Werfen wir einen Blick auf denjenigen Theil des Volkes, welcher mit den Maßregeln gegen die katholische Kirche nicht übereinstimmt; woraus besteht dieser Theil? Aus sämmtlichen frommen und gläubigen Katholiken des Landes. Alle diejenigen, welche wirklich noch an die katholische Kirche glauben, welche die Sacramente derselben empfangen und benutzen, die stehen ohne Ausnahme aus der Seite des Hochwürdigsten Erzbischofes. Man zeige uns auf der Seite des Gouvernements einigermaßen eine Anzahl von Katholiken, welche bis zum Ausbruche des Cou- stietes einen wahrhaft frommen Lebenswandel nach den
Geboten ihrer Kirche geführt haben. Man wird sic , nicht finden. Alles, was im guten katholischen Nnfe steht, den Hochwürdigsten Erzbischof an der Spitze mit dem bei weitem größten Theile seiner Geistlichkeit, bis zum einfachsten Taglöhner herunter, der noch betet und seine Messe hört, ist gegen das Gouvernement. Se. Königliche Hoheit ist daher falsch berichtet, wenn sie an nimmt, unter den katholischen Gläubigen selbst sei irgend ein Theil, der sich zu den Maßregeln des Gouvernements hinneigte; und doch find es die gläubigen Katholiken allein, deren Ueberzeugung hier in's Gewicht fallen könnte. Die Thronrede beklagt sich über „Mißkennung" dieser Angelegenheit außerhalb des Großhcr- zogthums; das ist aber eben die Frage, auf welcher Seite die Mißkennung stattfindet. Wenn freilich der j heilige Vater selb st, wenn sämmtliche Bischöfe, wenn alle gläubige Katholiken in Deutschland nicht mehr im Stande sind, zu beurtheilen, was den lebendigen Glauben der katholischen Kirche gefährdet, dann möchte das Wort „Mißkennung" seine Berechtigung haben. Dann freilich steht weder den Or- i ganen der Kirche noch den gläubigen Mitgliedern der. selben überhaupt zu, ein einsichtiges Urtheil darüber zu haben, was den Satzungen utid den Bedürfnissen der Kirche genehm ist oder nicht. Wrun das Wort „Miß- kennen" gerechtfertigt ist, so ist damit gleicher Zeit der Satz ausgesprochen, daß die katholische Kirche unfähig sei, über ihre Angelegenheiten ein Urtheil zu fällen; denn in einer größeren Einstimmigkeit hat sich wohl seit Jahrhunderten die Kirche in ihren lebendigen Gliedern nie geäußert, als in diesem badischen Kirchen streite. Hat sie diese Sache mißkaiint, so bat sie wenigstens ein stimmig mißkaiint. — Schadet nichts, sagt die badische Bureaukratie, „die Katholiken in- und außerhalb Deutschlands verstehen nichts davon, der Clerns versteht nichts davon, die hochwürdigsten Bischöfe in» und außerhalb Deutschlands verstehen nichts davon, der Erzbischof in Freiburg versteht nichts davon, selbst der heilige Vater versteht nichttz davon. Sie alle bilden sich ein, daß die bisherige Stellung der Kirche in Baden keine gedeihliche sei, aber sie irren sich. Wir wissen besser, was der Kirche nothlhut, als sie; wir kennen die Sache gründlich, sie mißkennen sie." Wenn aber wirklich eine solche totale Unfähigkeit bei der katholischen Kirche obwaltet, das zu be irlheileu, was ihr Noth thut, dann haben die Herren Bureaukraten ganz recht, wenn sie ihr jede Berechtigung auf fernere Existenz ganz abipreeben. Und wenn eS wiiklich wahr ist, daß die badische Bureaukratie allein und am besten weiß, was der Kirche Noth thut, dann hat sie recht, wenn sie dieselbe auch ferner zu regieren gedenkt. Ja, Se. Königliche Hoheit der Prinzregent hat dem Glauben ihrer katholischen Unterthanen sicher nicht zu nahe treten wollen: aber liegt die Annahme nicht näher, daß, wenn einmal Mißkennnung auf einer Seite gewesen sein muß, diese eher auf Seite der nichtkatholischen Laien , als auf Seite der katholischen Männer vom Fache stattgefunden haben sonnte? Wir geben uns der aufrichtigen Hoffnung hin, daß der Augenblick noch kommen wird, wo Se. Königliche Hoheit der Prinz- regent sich davon überzeugen werde, daß seine Beamten ihn zu der Einwilligung von Maßregeln bewogen haben, durch welche wirklich Recht und Glaube seiner katholischen Unterthanen auf'S Tiefste verletzt worden sind.
(Schluß folgt.)
Jur Situation.
* Der „A. A. Z." wird aus Berlin geschrieben: Das Vorgehen Englands und Frankreichs ist von Ne- tzenumständen begleitet, welche zuversichtlichen Friedens- Hoffnungen kaum noch einigen Raum verstatten. Wurde demselben von bethciligter Seite auch im voraus schon ein durchaus verfänglicher Charakter beigelegt, so erhält die thatsächliche Verhindernng des Kampfes zwischen zwei kriegführenden Mächten schon an sich die Bedeutung einer unberufenen Einmischung in fremde Äugele- genheiten, noch ganz abgesehen davon, daß hier diese 1 Einmischung deutliche Merkmale einer einseitigen Parteinahme hervortreteir läßt, wie sie mit der sonst eingenommenen Sleutralitäisstclluug durchaus nicht verträglich ist. Die das englisch-französische Geschwader begleiten- den türkischen Schiffe haben die offen ausgesprochene Bestimmung, den im Kampf stehenden osmanischen Hee- reslheilen Truppen und KriegSvorrätbe zuzuführe». Erfolgt die Zufuhr wirklich unter dem Schutz der Flaggen von England und Frankreich, wird Rußland verhindert dabei, die Gegenmaßregeln zu ergreifen, welche ihm fein
Interesse als in Kampf verwickelter Theil vorschreibt, so äußert sich in solchem Verhalten der Seemächte eine thätliche Einmischung in die Kriegführung, die von der Theilnahme an den Operationen der einen Partei nur wenig unterschieden sein dürfte. Hier gewinnt die Ueberzeugung täglich an Stärke, daß Rußland eine kaum zu erwartende Eelbstverläugnung an den Tag legen müßte, wenn das rücksichtslose Auftreten der Seemächte niczt zu einem Bruch führen soll.
Viele Zeitungen, bemerkt die „N. Pr. Z.", berich ten mit sichtbarer Genugthuung, daß die Einfahrt der englisch - französischen Flotte in das schwarze Meer von Rußland nicht als Kriegsfall betrachtet werde. DaS veisteht sich freilich von selbst. Denn das bloße Einlaufen ist durchaus nichts Verletzenderes, al« die Durchfahrt durch ben HelleSpout und der Aufenthalt im Bosporus. — Genau so verhält eS sich mit der Freude darüber, daß die zwei deutschen Großmächte trotz jenes ActeS die Conferenz mit den Westmächten fortsetzen. — Eine ganz andere Frage ist: was die Flotten im Pontus EuMus beginnen werden. Benutzen sie denselben zu bloßen Lust- und Uebungsfahrten, die russische Flagge höflich grüßend, wenn sie erscheint, so bleibt eS beim Alten, nur mit verstärktem Anstrich des Lächerlichen. Aber die angeblich nach Scbastopol gesandte Depesche der beiden Botschafter (deren Authenticität natürlich dahingestellt bleibt) besagt ausdrücklich: „der Zweck dieser Bewegung ist, das ottomanische Gebiet vor jedem Angriff oder feindseligem Act zu schützen." Ob auch die türkische Flagge geschützt werden solle, scheint gleichgültig, denn jener Zweck allein schon umfaßt eine thätige Einmischuiig in den Krieg zwischen Rußland und der Pforte. Anders wird der Kaiser Nikolaus die Sache schwerlich ansehen. Erfolgt dann ein Zusammenstoß zwischen seiner und der vereinigten Flotte, so ist kaum glaubhaft, daß die deutschen Großmächte bei einem Vermittelungsgeschäft auSharren können, welches von der Halbichieb der Vermittelnden mit Kanonen durchge« führt wird.
Ein offictofer Artikel der „Fr. P. Z." aus Wien spricht sich ebenfalls über die Situation aus, in welcher er jedoch durchaus keinen Grund zu Besorgnissen findet. Eine Ablehnung der VcrmittelnngSvorschläge der vier Mächte seitens deS Kaisers Nikolaus sei noch nicht erfolgt und als gewiß nicht anzunchmen. Das Einlaufen der sianzösisch-cnglischcn Flotten in den Pontus gehöre zu einer Reihe von Manifestationen der Seemächte, daß sie die ganze Frage ernsthaft nehmen, und wenn Vermittelungen nicht mehr helfen, auch das Schwert zu ziehen entschloffen sind. Das aber haben sie schon vorher hinreichend bewiesen,. dieser Schluß fei nicht neu und überraschend, uub die Entsendung ihrer Kriegsschiffe an sich gebe keinen neuen, auch keinen scheinbaren Grund, um ihrer Handlungsweise anders zu begegnen als vorher. Das schwarze Meer sei Frankreich und England nicht etwa durch Beiträge geschloffen gewesen, welche zwischen ihnen und Rußland bestanden hätten, Rußland also auch durch das Einlaufen der Flotten in dasselbe nicht verletzt worden. Allerdings, sagt der Artikel, kann der Zunck desselben feindlich jein. DaS ist möglich, aber nicht an sich klar und ausgemacht. ES kommt hier viel auf die Erklärungen an, welche den Schritt der Seemächte begleitet haben. Die Circularnole des französischen Ministers der auswärtigen Angelegenheiten vom 7. Januar soll so gefaßt sein, daß daS russische Cabinct, ohne seine Wüide im mindesten zu verleugnen, sich damit befriedigt halten kann. Daraus folgt freilich nicht, daß der Kaiser von Rußland das Vvigehen von England uiid Frankreich mit günstigen Augen betrachten Urne: wohl aber ist anzunchmen, daß wenn it keine Unbill zu »den hat, er unbefangen genug sein werde, um alle Verhältnisse nach ihrem wahren Werthe zu windigen, und also auch die Versöh- nungsvcrsuche der vier Mächte nicht aus persönlicher Gereiztheit zurnckznweiscn Bis jetzt ist ein Fall dieser Art in dem kaiserlichen Cabinct nicht voigekommcn. Dagegen scheint die Thatsache, daß die vier Mächte un« abhintg bemüht sind, im Wege suedlichcr Verständigung dasjenige dem Kaiser Nikolaus zu verschaffen, was allein er nach seiner eigenen Beisichciuug auch mit den Waffen erstrebt, jeden Gedanken auszuschließc», daß extreme Schritte provocirt werden wollen, oder daß den Seemächren ein Kampf erwünscht wäre. Bon Oe;ter« reich uud Preußen ist das ohnehin nicht, dagegen die friedlichste und wohlwollendste Gesinnung gegen Rußland auzuukhmen. Eines der Hanptmittel zur Irreleitung des öffentlichen Urihcils, samt der Artikel fort, besteht nun in der Verbreitung der verschiedensten Lese-