Nassauische Allgemeine Zeitung.
M 18. Samstag deu 21. Jamar 1SS4.
Dik „RaffauN», aUßtmrint Zeittmg" mit dem 6eUetriflif»tn Beiblatt „Der IBonbrrtr" erscheint, Sonniaq« ausgenommen, täglich und betragt der PrânumeraiionSpreiS für Wiesbaden und , nach dem neuen Postregulaiiv nunmehr an für den ganzen Umfang des £burn- und Taris'schen SterwalttingSbezirkS mit Inbigriff des Postausschlag« 2 fl., für die übrigen Länder deS deutsch-bsterreichischen PostvereinS, wie für das Ausland 2 fl. 24 kr. — Anftrate werden die vierspaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. — Bestellungen beliebe man in der Buchhandlung von W. Friedrich, Langgaffe 42, auswärts bei den nächstgelegenen Postämtern, zu machen.
Leitungs^chau.
Die militärische Neugestaltung Oesterreichs und die Wehrkraft des deutschen Bundes. — Die Stellung der deutschen Großmächte zu den Westmächten. — Die kleine Börse und die Ncuigkeitssabricanten in Paris.
** Bei der Fortsetzung ihrer „militärischen Umschau" betrachtet die „Preußische Wehrzeitung" die österreichischen Heerescinrichlungen, und spricht hier wiederholt ihre warme Anerkennung über die bedeutsamen Neugestaltungen aus, welche' auf diesem Gebiete im Kaiserstaate vorgenommen worden sind. Das Blatt äußert im Wesentlichen : Oesterreich geht staatlich und militärisch mit anerkannt gutem Alten und vielversprechendem, aber noch weit auSsehendem Neuen in das beginnende Jahr über. Wir sagten im Jahre 1848, als eS wirklich übel mit dem alten Kaiserstaat stand, Oesterreich ist der zäheste und langlebigste Staat in der europäischen Völ- kerfamilie, und wir können unsere Ueberzeugung jetzt nur wiederholen. Es gab eine Zeit, wo Oesterreich wirklich nur noch im Lager seiner Herre war, aber um wie vieles kräftiger, weil jünger, und um wie vieUS nachhaltiger, weil einheitlicher, ist der Kaijerstaat aus dieser furchtbaren Krise hervorgegaiigen! Wenn es gelingt die finanziellen Verhältnisse zu ordne», wozu die Mittel nicht erst geschaffen, sondern nur benutzt zu werden brauchen, so steht Oesterreich kräftiger da als je zuvor. Daß es indessen auch ohne die finanzielle Entwickelung geht, haben verschiedene Vorgänge seit der vollständigen Unterwerfung deS ungarischen und italienischen Widerstandes bewiesen. Bei dem Conflicte in Montenegro war sofort ein österreichisches Armeekorps zur Hand, Reserven gebildet, Vorräthe gesammelt auf Kiel und Achse, und das Auftreten des kaiserlichen Gesandten in Constantinopel von einem Erfolge begleitet, wie er dem Divan fast noch nie anders als durch eine verlorene Schlacht abgedrungen werden konnte. Im Anfänge der Feindseligkeiten zwischen Rußland und der Türfei mar ein Befehl genügend, um augenblicklich eine bedeutende Trnppenmacht zu versammeln, obgleich Italien und das Lager bei Olmütz einen großen Theil der Regimenter absorbirten. Ununterbrochen wird an Festungen, Arsenalen und auf den Werften in einem Maße gebaut, von dem bei der Schweigsamkeit österreichischer Zeitungen über solche Gegenstände nur selten eine de- taillirte Nachricht in das Ausland kommt. Was bei Ofen und Olmütz, in den italienischen Festungen, in Wien selbst und sonst an den verschiedensten Punkten Dauerndes geschaffen und erbaut wird, reimt sich so wenig mit dem immer wiederholten Bedenken über die finanziellen Mittel zusammen, daß man nachgerade versucht wird, diese Bedenken in die schon g> füllte Rumpelkammer liberaler Redensarten zu werfen, wenigstens sollte sich kein politischer Calcul des Auslandes auf diese Verhältnisse gründen. Am 1. Junius 1853 wurde der Hoskriegèralh aufgelöst und statt dessen das Armtt- Ober-Commaudo unter Sr. Maj. dem Kaiser selbst eingesetzt. Es ist dies der entschiedenste und vollständigste Bruch mit vielen in der Thal alt gewordenen Einrichtungen, welche die österreichische Armee fast wie eine Besonderheit neben den übrigen europäischen Heeren bestehen ließen. Wie an der Spitze so traten aber auch in der Grundlage durchgreifende Veränderungen ein, welche von oben und unten sich begegnend den ganzen Heerleib durchzogen und nicht allein jetzt schon die Armee zu etwas wesentlich Anderem als früher gemacht haben, sondern noch mehr als Hebel für weitere kräftige Entwickelung dienen werden. Durch die kürzere Dienstzeit, durch das Reserveverhältniß, durch die gesetzlich ausgesprochene Civilversorgung der Unteroffiziere und Soldaten ist das österreichische Heer aus seiner früheren Stellung zur Gesammtheit des Volkes oder der Völker herausgetreten und recht eigentlich mitten in die Nation hineingestellt worden, aus der es in kurzen Schlägen hervorgeht und in die eS wieder zurückkehrt. Die Civilversorgung der Unterosfiziere und Soldaten wird mit der Zeit die alten Unteroffiziere aus der Armee verschwinden lassen und den Soldatenstand zur Vorschule für die Nation sowohl in den unteren Beamtenstellen als für die unteren Stände im Allgemeinen machen. Die voraussichtlich in hohem Grade fegen» "ich wirkenden Militärbildungsanstalten werden mit der Seit das Offizierexamen wie in Preußen zur Folge haben. Denn schwerlich können auf die Dauer zwei Kategorien von Offizieren neben einander bestehen: es wird ein Mißverhältniß auflauchen zwischen denen, welche in den Anstalten den ganzen militärischen Bildungsgang durchgemacht haben, und zwischen den weniger ge
bildeten Offizieren. Auch hier wird unzweifelhaft noch ein Bruch mit dem Mangelhaften der Vergangenheit und das auf anderen Gebieten so glänzend bewährte Beschreiten neuer Bahnen erfolgen. Schon aber ist Großes geschehen, und Deutschland ist unangreifbar, kann zu allen Zeiten den Frieden dictiren, und Mitteleuropa vor einem vernichtenden Kampfe bewahren, wenn Oesterreich und Preußen einig bleiben, und die bespiel- lose Kraft sich entfalten lassen, in deren Besitz der deut- sche Bund sich befindet.
** Aus Paris, 15. Jan. bringt die „Allgemeine Zeitung" den folgenden, wie es scheint auS französischer Quelle stammenden osficiösen Artikel, der dahin abztelt, Oesterreich und Preußen für die Politik der Weltmächte zu gewinnen. Von einer Entscheidung auS Petersburg über von Wien aus dahin übermachten und von der Pforte bereits gebilligten Vorschläge der vier Mächte heißt cs dort, hängt jetzt die Lösung der Frage ab: ob die Erhaltung des Friedens noch möglich ober ob der Krieg zu erwarten ist? Wie aber auch Diese Lösung auSfalle, ,o ist es unzweiselhaft , daß für die Zukunft Europa's die Erhaltung der Eintracht zwischen den Mächten, welche daS Wiener Proiocoll vom 5. December unterzeichnet haben, von der größten Wichtigkeit ist Jm Falle, baß Rußland an den zu eröffnenden Unter- Handlungen Theil nehmen zu wollen erklärt, werden diese einen viel schnelleren und leichteren Erfolg haben, wenn die vier, zwischen den zwei streileiibeu Parteien intcrveiiirenben Mächte einmülhig wie bisher voranschreiten. Weist aber der Kaiser von Rußland die an ihn gelangten Vorschläge zurück (und baS ist leider die wahrscheinlichste Voraussetzung), so wird die Anwendung der Waffengewalt, die alSdann unvermeidlich scheint, viel kürzer dauern und mit viel geringeren Gefahren verknüpft sein, wenn Rußlands Jiolirung dem übrigen Europa gegenüber bleibt wie sie jetzt besteht. Folgt nun eine Auseinandersetzung, daß Oesterreich und Preußen die triftigsten Gründe haben, Rußland thatkräftig entgegenzutrelen. Die Besetzung der Donau- fürstenlhümer und die an die Pforte gestellten Forderungen seien Verletzungen der Verträge vom I. 1841, bei welchen beide deutschen Großmächte beteiligt seien. Beide haben als unmittelbare Nachbaren des übermächtigen Rußlands am meisten zu besorgen, wenn letzterer in Folge eines allgemeinen Kriegszustandes sich an diese Verträge nicht gebunden erachte. Oesterreich habe ein Interesse zu hindern, daß Rußland sich an der unteren Donau festsctze. Für den Fall, baß durch Rußlands Schuld die Erhaltung deS Friebens unmöglich erscheine, habe es in der Aussicht aus Wiebererwerbung der Su- linamündungen (sic) eine mächtige Aufforderung ein» zuschrelten, Auch die Handelsintcresien, nicht nur von Oesterreich und Preußen, sondern von ganz Deutschland heißt eS weiter, sind bedroht, wenn daS gegen das Ausland so exclusive russische Zollsystem erweiterte Dimensionen erhalten sollte. Für Preußen sind die Verhältnisse des Großherzogthums Posen eine Veranlassung die russische Politik mit großer Aufmerksamkeit zu beobachten , wie die Verhältnisse von Galizien eS für Oesterreich sind. Das Berliner Cabinet könnte übrigens in einer blos neutralen Stellung durch die Verwicklungen, welche diese in der Ostsee ihm zu bereiten geeignet ist, noch größere Schwierigkeiten finden als in einem definitiven Bruch mit Rußland. Sollten die beiden deutschen Mächte die Ueberzeugung gewinnen, daß eine Demonstration von ihrer Seite, im Sinn der Schritte, die von Frankreich und England zu erwarten sind, den Kaiser Nicolaus ohne Zeitverlust bewegen sonnte sich in Unterhandlungen, um zu einem dauernden Frieden zu gelangen, einzulassen, während eine vollkommen neutrale Stellung von ihrer Seite den Krieg in Die Länge ziehen müßte, so sollte die Wahl über Den Entschluß nicht schwer sein, den sie zu fassen haben.
** Man schreibt der R. Pr. Z. aus Paris vom 16. d.: „In einer vorgestern auS Marseille gekommenen telegraphischen Depesche hat eS irrthümlich anstatt „der Sultan" hat die neuen Vorschläge angenommen, geheißen: der „Czar" hat u. s. w. Das war der Hauptgrund von der fabelhaften Steigerung an der Sonnabenbbörse. Die â la baisse spielenden Coulis- fierd konnten sich sogar am Abende noch nicht von ihrem Schrecken erholen, und toller ging eS niemals auf den Boulevards vor Dem Passage d'Opëra zu, als an jenem Abende. Die Polizeisergeanten hatten ihre liebe Noth, die Mafien und Gruppen in Bewegung zu halten. Denn den armen Coulissters wird jetzt einmal wieder unbarmherzig mitgespielt. Die Bewohner deS Passage de l'Opöra haben mit Recht Klage geführt
über die Gegenwart der kleinen Börse in den Galeriew Man muß das gesehen haben, um sich eine Vorstellung davon zu machen: von 10 Uhr an bis 12 und von 4 Uhr bis spät in die Nacht Kopf an Kops in Dem Passage, dessen Bewohner offene Läden halten und völlig rui- nirt worden wären, wenn der Unfug fortgebauert hätte, weil sich kaum noch ein anständiger Mann, viel weniger eine anständige Frau in den Passage hinein wagte, um zu kaufen. Vor 8 Tagen sind Die Coulissiers Hinausgetrieben worden. Dann haben sie versucht, sich in Dem Passage der Straße Lafitte cinzunisten, aber auch von hier vertrieb sie Die Polizei. Jetzt bivouakiren sie auf den Boulevards, aber sie müssen sich ohne Ruhe und Rast bewegen. Wo ihrer drei zusammenstehen, da springt ein Polizeiagent unter sie und ruft ihnen donnernd zu: en route, Messieurs ! Der Heinelt Börse selber wird das kein Ende machen, denn ich weiß nicht, was schwieriger in Paris auSzurotten wäre: die Coulissiers ober Die Wanzen oder Die Neuigkeitsfabricanten. Der letzteren hat Die orientalische Frage eine Legion auSgebrütet, und nicht wenige von ihnen spuken in Deutschen, selbst in angesehenen deutschen Zeitungen. Sie haben ein originelles Recept erfunden, um ihre Enten genießbar zu machen. Sie erfinden nämlich eine Albernheit, machen sich selbst lustig darüber, aber moti- viren sie durch eine noch größere Albernheit. Z. B.: „Der russische Gesandte, Hr. v. Kisseleff, hat Paris verlassen. So sagte man, aber das ist nicht wahr. Aber seine Stellung ist ganz unhaltbar geworden, und er wollte anf'S Land gehen. Er wäre auch â la Campagne, wenn Louis Napoleon ihn nicht beschworen hätte, in dem Faubourg Saiut-Honore zu bleiben." Ein anderes Beispiel: „Man erzählt, dem Hrn. Tbiers fei das Portefeuille der auswärtigen Angelegenheiten an geboten worden. Ente. Aber cS ist gewiß, baß Drouyn De Lhuys sich Raths bei ihm in der orientalischen Frage geholt." Das wird Dann von der genannten Enten- boutique au ein halbes Dutzend deutscher Blätter ge- , schickt und gedruckt. Der Repräsentant deS Kaisers von Rußland schmollend mitten im Winter in einem fran- fischen Dorfe , Louis Napoleon ihn bei allen Heiligen beschwörend , in feinem Hotel zu bleiben , TbierS das Orakel und die Encrgia Der Kaiserlichen Regierung! — es ist zum loüwetDen! aber es ist piquant, und deßhalb wird eS der hausbackenen Wahrheit bei Weitem vorgezogen/ ___________
Denlschlnnd.
• Wiesbaden, 20. Januar. Der Aufschwung, welchen die hier entstandene Spargesellschaft nimmt, macht es uns zur besonderen Pflicht, dieses so achtungs- wcrthep Institutes in naher eingehender Weise zu gedenken. In Der Sparperiode von 1853, Die, wie es Die Statuten vorschreiben, mit dem dritten Sonntage deS Monats April begann, war Die Betheiligung von vornherein bedeutend; nicht allein daß die Spargesellschaftsmitglieder der vorigjährigen Sparpcriode — eS waren dieß 115 Sparer — sich wohl alle wieder einfanden , sondern es hatten sich ihnen noch viele Neue Hinzugcsellt, Die alle von der Wohlthätigkeit des Instituts durchdrungen waren und Die in einer Zeit, wo der Arbeiisveldienst und alle LebensverhWiiffe es erlaubten, für die Wintermonate, die Tage Der Bedräng- Niß und der Entbehrung, mit Eifer zu sparen beabsichtigten. Im Juni zählte die Spargesellschaft bereits .131 und am Schluffe der Sparperiode, Ende October, 147 Mitglieder. Nicht unerwähnt darf cs bleiben, daß einzelne Gesellschaftömilglieder, welchen bereits im vorigen Jahre die Wohlthätigkeit des Sparens für die Zeiten der Noth klar geworden war, es ermöglicht hatten, kleine Sümmchen von ihrem Winterverdienste zu erübrigen. Bei Dem Beginne der Sparperiode von 1853 waren diese Leute bet ihren Vorstehern erschienen, um mit der ersten Einlage für die neue Sparperiode das im Winter mühsam Ersparte nicderzulegen. Wie im vorigen, so hatte sich auch in diesem Jahre Herr Banquier Kalb dahier gerne bereit erklärt, die ersparten Summen in Beträgen von fünfzig Gulden aufzunehmen und mit 4 Procent zu verzinsen, Die Sparperiode von 1853 war eine gewöhnliche — wie Dieselbe in den Statuten vorgesehen ist — und umfaßt 29 Wochen. Während dieser Zeit wurde von der Spargesellschaft durch wöchentliche Einlagen von mindestens 6 kr. eine Summe von 1984 fl. 9 kr. zur Bestreitung Der winterlichen Einrichtungen zusammengespart und setzt dies wöchentlich eine Gesammtspareinlage von über 68 ft, sowie pr. Sparer eine Einlage von mehr wie 27 kr. voraus. Die Zinsen, welche diese ersparte und Nach