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Beilage zu No. H der Mittelrheinischen Zeitung.

Wiesbaden, den 17. Januar 1853.

Russische Phantasien.

V 0 n einem Deutschen in Petersburg

R. Sie habenum Ausland", lieber Freund, un­möglich einen Begriff von der Stimmung, die seit dem Siege von Siuope hier herrscht. Die russische Marine zählt noch wenig glänzende Seesiege und diese hatten die üble Seite, daß ausländische Namen das Banner des Sieges entfaltet: Elphinston bei Tschesme, Heyden bei Navarin; dagegen jetzt ist es umgekehrt, der Nüsse Naschimoffhut denEngländer Slade überwundeW), allein, mit russischen Schiffen, ohne Bundesgenossen wie bet Navarin. Nach diesem Siege hält man nichts für un­möglich mehr; die Expedition nach Japan, der Heeres­zug nach Kbiwa können Ihnen zeigen, wie weitumspan­nend die russischen Entwürfe sind; die Mobilmachung des ganzen Heeres zeigt genügend, mit welchem Nach­druck man den türkischen Feldzug zu führen gedenkt. Man sollte fast meinen, es würden mehr Truppen auf- geboten, als zum Feldzug gegen die Türken und gegen Englisch-Indien erforderlich sind, diesen Zielpunkt, wo der Hauptgegner mit Hülfe Persiens ins Herz zu treffen ist. Ich will Ihnen, jum ^Bezeichnung der Stim­mung nicht nur irgend ein Gewicht darauf zu legen, allerlei Mittheilungen machen, wie ich sie in den hiesi­gen Salons gehört. Man ist hier gegen Oestreich fast mehr verstimmt, als gegen den offenen Gegner Frank­reich. Man hat von Oestreich mehr Dankbarkeitfer- wartet und citiit jetzt Aeußerungen hochgestellter Per­sonen:Man werde sich über Oestreichs Dankbarkeit verwundern'" Das hiesige Publ kum, welches von Oest­reichs innerer Lage freilich keinen Begriff hat, thut nun offenbar dem östreichischen Hof Unrecht, wenn es diese Aeußerung für etwas anderes hält, als für das Erzeug- des Bestrebens, dem Gebot der eisernen Nothwen­digkeit den Schein des freien Entschlusses zu geben. Es ist allerdings sehr unnatürlich, daß die Großmacht, welche die serbische Woiwodina noch jetzt besitzt und die serbische Hauptstadt 21 Jahre lang besessen, dem Schick­sal Serbiens; daß der Besitzer Dalmatiens jetzt dem Schicksal Montenegros müßig zusieht, für welches er noch vor weniger als Jahresfrist sich so lebhaft inte- ressirte; daß Oestreich nicht auch zugreift bei der Wal­lachei, welche es 21 Jahre lang bis zur Alcita befaß; und neutral ist bei einem Kampfe, der um die Mün­dung seines^Ltbknsstroms geführt wird. Aber wir wis­sen ja, das alles ist nicht freier Wille; am liebsten ginge Oestreich mit Rußland in den Türkeukrieg; war schon zu Josephs II. Zeiten hier die Abrundung Bedürfniß, um wie viel mehr ist sie es seit Erwerbung Dalma­tiens. Nur die strenge Bedingung der Gelvmächte: Verminderung des Heeres oder kein neues Anlehen, hat nebst den Zuständen in Italien die öst­reichische Negierung zu ihrer jetzigen Neutralität gebracht. In Italien aber bedroht Frankreich den östreichischen Staat an seiner wundesten Stelle von zwei weiten her, von Rom und von Sardinien. Unser Petersburger Publikum freilich hat keinen Begriff von diesen Ver­hältnissen und so vermuthet man hier, die großen mi­litärischen Anstrengungen des Kaisers hätten nebenbei den Zweck, Oestreich durch Entfaltung der Fahnen der Besieger Ungarns an den Grenzmarken dieser Länder zur Aufgebung seiner Neutralität zu veranlassen. Hat man zu Wien nicht vergessen, daßUngarn zu een Füßen des Czaren gelegen", so ist auch Petersburg folcher Gedächtnißschwäche nicht schuldig, wenn gleich die Be­tonung und damit der Eindruck des inhaltschweren Sa­tzes an beiden Orten eine verschiedene sein mag. Die Russen fürchten nur eine Macht; die ihnen an Um­fang und raschem Wachsthum (?) gleiche, an innerer Ver­fassung entgegengesetzte nordamerikanische Union. Wie, wenn Nordamerika Kreta statt Cuba erwählte und aus seinen bereit liegenden 30 Millionen Dollars der Pforte um den Preis einer ohnehin unsicheren Besitzung die Rettung des übrigen Reiches gewährte? denn den Sieg behält, wer den letzten Thaler in der Tasche hat. Welche Umkehrung aller Verhältnisse, wie man seit 300 Jahren sie zu denken gewohnt war, wenn Amerika eine Colonie in Europa besäße, ^in Malta im größten Maß­stabe, einen Stützpunkt der Flotten im Mittekmeere, der sechsten Großmacht dem Alter, aber nicht der Wich­tigkeit nach!

D e u t s eh l a n d

/ Rüdesheim, 14. Januar. Rücksichtlich des an sich sehr einfachen Verfahrens bei der von Seiten der Staatsbehörde angeordneleu und vollzogenen Tempo- raliensperre zu Neudorf erlaube ich mir, um die sich verbreitenden irrigen, bald für bald gegen die Regie­rung und Geistlichen sprechenden Gerüchte zu wider­legen und zur Abhaltung fernerer unrichtiger Angaben und Behauptungen nachstehende aus bester Quelle ge­schöpfte Mittheilungen zu machen: Am 6. Januar (Feiertag) Morgen begaben sich die Beamte» nach Neu­dorf. Dort, um 12 Uhr Mittags angekomme» , ver­fügten sich dieselben sofort-in das Pfarrhaus, woselbst sie den Herrn Frühmesser Giesen und den Herrn Pfarr­verwalter Müller anwesend fanden. Der Vormittags- gottesdienst war schon eine halbe Stunde vorher been­

digt gewesen. Der Herr Kreisamtmann v. Gagern theilte dem Herrn Frühm ffer Giesen mit; wie er ihm, sowie dem gesummten Kirchenvorstand in Auftrag des Herzoglichen StaatSministeriums eine Verfügung in Absicht auf die fernere Verwaltung des Pfarreivermö gens bekannt zu machen, und er deshalb den Herrn Frühmesser ersuchen müsse die Kircheuvorstandsmitglie- Ver nach beendigtem Nachmittagsgottesdienste vorladen zu lassen. Herr Frühmesser (Siefen erwiederte hierauf, nach beendigtem Nachmittagsgoktesbienstc würden schwer­lich die Mitglieder des Kirchenvorstands zusammen zu bringen sein, und er wäre deshalb der Meinung, daß das Geschäft vor der Nachmittagskirche abgehalten würde. Dem Wunsche wurde entsprochen und die Beamte» verfügten sich deshalb um 1 Uhr wieder in daS Pfarrhaus, woselbst sich ver Herr Frühmesser Gie­sen, Herr-Pfarrverwaltec Müller die Kirchenvorstailds- mitglieder und Rechner Lehrer Eberz eingefunde» hat­ten. Herr v. Gagern machte hierauf die Genannten mit der Verfügung des Herzoglichen Staalsmiinste- riums bekannt, und nahm darüber ein Protokoll auf. Derselbe hatte inzwischen mehrmals gefragt, ob es noch nicht Zeit zur Kirche sei und Herr Frühmesser Giesen öfters darauf erwiedert, es komme auf eine Viertel Stunde nicht an. Darauf hin wurde denn auch das Geschäft o^ne Unterbrechung fortgesetzt und war um etwa 3 Uhr vorläufig beendigt, worauf Herr Früh­messer Giese» nach Vorlesung des Protokolls wörtlich erklärte:nach dem mir publizirten Rescripte Herzog!. Staatsministeriums hat mich dasselbe als hiesiger Pfar­rer nicht anerkannt, ich bin deshalb auch nicht geneigt hier Kirche zu halten, überhaupt kirchliche Funktionen zu verrichten; ich werde mich heute noch an den Herrn Bischof wenden und mir Instruktion erbitten." Die Behauptung, daß Herr Frühmesser Giesen gesagt habe, er werde keinen Gottesdienst mehr halten, weil er nicht dafür bezahlt werde, ist eine aus der Luft gegriffene Angabe, sie be uht auf Unwahrhut! (Überdies geyt aber auch hieraus hervor, daß demselben, so wie den beiden anderen Herre» Geistliche» kirchliche Handlungen nicht untersagt worden sind, und ebenwwemg Kirche und Pfarrhaus, wie von verschiedener Seite, wer weiß aus welcher Absicht, behauptet wird, verschlossen worden sind. Daß am Feiertag Nachmittag, sowie am Sam­stag Morgen kein Goitesdienft gepalten worden ist, das ist gegründet, es hing dirs aber lediglich von Den HerrwGeestliche» ab! «ayr ist es auch, daß am Sam­stag die Schule ausgesetzt wurde, dies findet aber darin seinen Giunv, daß der Lehrer zugleich Rechner ist, und dessen Anwesenheit bei den Verhandlungen unbedingt erforderlich war. Die Beamten verfügten sich hierauf auf das Rathhaus unter Zuziehung des Rechners Eberj zur Vo: Nahme der Cassaübergabeverhandlunge» und Coiistatirung des Pfarreivermögens. Dieser Akt währte bis Abends gegen halb 9 Uhr und wurde des foigeii- den Tags (Samstags) von Morgens 8 Uhr an fan­gend (mit Ausnahme einer halben Stunde von Mit­tags 3 bis halb 4 Uhr) unausgesetzt bis Abends ,pät fortgesetzt und dann geschlossen. Die anwesenden Land­jäger dienten nicht, wie irrig behauptet wird, zur Si­cherheit der mit Vornahme des Geschäfts betrauten Personen, sondern lediglich zur Vornahme einer mit demselben nicht in der enlferntesten Ver­bindung stehenden Haussuchung und eiiilreten- den Falls zur Verhaftung des wegen Majestätsbeleivi- gung steckbrieflich verfolgten vormaligen Pfarrers Vogt der sich zu Neudorf ausyalte» sollte. Ob von Sonn­tag an wieder Gottesdienst gehalten worden ist, das weiß ich nicht, der Herr Bischof wird bieserhalb schon das Nöthige verfügt haben, wonach sich natürlich die Herren Geistlichen zu richten haben werden.

0 Mainz, 14. Januar. Nach hier eingegangenen Nachrichten ist unserer wackerer Mitbürger Dr. M ü! ler- Melchiors im besten Wohlsein in New-Aork cinge- troffen und von seinen zahlreiche» Dort weilenden Freun­de» auf die herzlichste Weise empfangen worden. Ob diese Reife einen politischen Zweck hat und mit seiner Ernennung zum Consul für die beiden Hessen und Nas- lau in Verbindung steht, wie die scharssinriige» (»orce» fponVeuteli derDarmst. Zeitung" und desMainzer Journals" herausgebracht haben, wissen wir zwar nicht; es steht aber außer allem Zweifel, baß seine Anwesen­heit in New-Aork dazu Dienen wird, Diese Angelegen­heit zur definitiven Erledigung zu bringen. Entweder wird Präsident Pieice die Weigerung der drei Regie­rungen in der Anerkennung Müller-Melchiors beachten und einen anderen Consul ernennen ober auf der An­nahme des anfänglich Ernannten beharren müssen. Wie diese Entscheidung lauten wird, ist schwer zu errathen; aber daß daS Haupt eines mächtigen Staates, der Re­präsentant eines in jeder Hiiisichl liberalen NegierungS- systems die kleinlichen Einwürfe einiger kleinen Staa­ten beachien werde, glauben wir nicht Wie unklug war doch diese Weigerung der 3(?) Regierungen.! Hät­ten sie mit der Anerkennung Müller - Melchiors nicht diese mächtige Stimme der Opposition stumm gemacht und ihr namentlich in den spezielle» Laudesfragen Schwei- gen auferlegt , hätten sie ihn nicht für immer aus der Kammer hinausgebracht, hätten sie den nichtsachteiiden RtpuÄikaner nicht in das Ceremouiell des biplomati-

schrn Lebens gezwungen? Müller-Melchiors hätte die conventioneilen Rücksichten beachten müssen. Hat dies die preußische und die spanische Regierung nicht ein- gesehen, hat namentlich die letztere Herrn Soulè die Erequatur zu verweigern gewagt? Die Verweigerung desselben wird nichts bezwecken; wenn selbst der ameri­kanische Präsident Herrn Müller-Melchiors wieder des- avouiren würde, würde allerdings ein Anderer als Hr. Müller-Melchiors Consul werden, gewiß aber kein Sol­cher, Der anders denkt, als Herr Müller-Melchiors!

® Karlsruhe, 14. Januar. Die Biographie des Herrn Joseph Chowanetz, Alias Julian Cyownitz, welche von hier aus mehreren Zeitungen mitgetheilt wurde, hat verschiedene Entgegnungen, theils von ghm selbst, theils von Verehrern desselben Herv07gerufen. Drei Capläne kahler verbürgen sich nach der Bekanntschaft Eines Jahres für seine Ueberzeugungstreue. In Eine», Jahr kann man freilich nur Eine Farbe die- ses Chamäleons kennen lernen. Wenn es Herrn I- Eh. selbst und seinen Vertheidigern nicht gelingt, ^1 c Meßkataloge n n d B ü ch e r l e r i c a seit 9 Jahren der Fälschung zu zeihen, so werden alle diese Berichtigungen nichts helfen. Ob er ur­sprünglich Juve war oder nicht, ist ganz gleichgültig, hier liegt nicht der Schwerpunkt Der Frage, denn wenn auch eine Conversion wegfällt, so bleiben deren noch genug übrig. Seine Vertheidiger leugnen auch, daß er aus Ungarn geflüchtet sei. Warum sollte J. Ch. aus Ungarn nicht flüchten, da er Redakteur derOp- Position" und Sicherheitsausschuß-Mckglied in Pesth war. Warum sollte ein Schriftsteller, welcher 1849 in feiner SchriftUngarns heiliges Recht zum Kam­pfe gegen Oesterreich und zur Lhronentsetzung des Hau­ses Habsburg-Lothringen" seine Ueberzeugung dahin ausgesprochen:Haus Habsburg ist also vor Gott und de» Menschen nach buchstäblichem Gesetzesrechte "wegen ruchlosen Hochverrathes vom Throne gesto­ßen und aus dem Lande gejagt und der^Krieg gegen dasselbe uno die russischen Ränberhorden ist da- her ein im Interesse der europäischen Freiheit und Menschenwürde geführter Heiliger Kampf", nicht suchen, sich Dem Machtbereich des Fürsten Winvischgrätz zu entfielen, da wegen ähnlicher Aeußerungen Becher und Jellenik zu Pulver und Blei begnadigt worden sind? ES |et keine Schande, seine Irrthümer einzusehen und abzulegen", bemerkt Herr J. Ch. an einem an­dern Orte. Wenn Herr Ch. u^ überhaupt vertheidi­gen wollte, so lag diese bequeme Phra e freilich am nächsten, deren Gewicht die Leser selbst ermessen mö­gen, welche sich etwa die Mühe geben, den literarischen Häutungen dieses Publittsten zu folgen, nur seltsam, daß seine Ueberzeugung immer mit dem Glückswechsel der von ihm vertpetoigren Sache wechselte. Victa causa Catoni placuit, scheint nicht sein Wahlspruch zu sein. Dec Mann, welcher 1846 allein an der Seite Herrn Sporfchils Oesterreich gegen die LeipzigBroschüren­schmiede" der österreichischen literarischen Emigration vertheidigte, hat schon nach zwei Jahreii sich von der Verwerflichkeit der österreichischen Regierung überzeugt, und ein Jahr genügt, ihn vom Anhänger KossuthS zum Lobredner Oesterreichs zu bekehren. Wir empfeh­len ihm den orientalischen Spruch:Reden ist Silber, und Schweigen ist Gold." Durch weitere Entgegnun­gen wird das Uebel ärger, denn aus seiner Vertheidi­gung konnten die Leser nur ersehen, daß er den In­halt des Flugblattes:K.itholiken , paßt auf!" voll­kommen billigt; aus der der Cipläue, welche »ach.eiu- jâhriger Bekanntschaft Zeugniß ablegen für Ding", welche vor fünf Jahren an andern Orten geschehen sind, gar Nichts!

£= Berlin, 14. Januar. Mit Benutzung der Ak­ten des Ministeriums Der auswärtigen Angelegenheiten hat der preußische Consul B. W. König ein Werk über das preußische Consulatswesen (Preußens Consu- lar-Reglement nach seiner heutigen Geltung und An­wendung. Berlin. Deckersche Gep. Oberhofbuchkruckerei 1854) erscheinen lassen, dem wir weiter unten einige Notizen entnehmen, welche auch Ihre Leser in- teressiren dürften. Dnrch Errichtung der Consulate ist der Schifffahrt, dem Hankel und der Industrie eine Vertretuiig zu Tpeil geworden, die bei der raschen Ent­wickelung Diö inter-iiatioiialeii Verkehrs und bei dem Aufschwünge des Handels und Der Industrie für die nationale Arbeit von den wichtigsten Folgen ist. Das Consulat ist eine echt vol^Sthümllche Institution, ist eige Schöpfung der neueren Zeit. Der Consul ist gewisser- inaßen der Diplomat der gewerbtreibenden Klassen, die er repräsentirt, ungefähr wie der Gesandte seinem Hofe. Das preußische Consularwese», sagt B. W. König/ ist nicht schon etwas Abgeschlossenes, Fertiges. Doch hat Die königliche Regierung in neuerer Zeit dem Institut eine immer größere Theilnahme zugewendet, und es scheint höheren Orts der Plan festzustehe», nach welchem bei weite Mi Entwickelung deS preußi­schen ConsularwesenS verfahren werden soll. Preußen zählt gegenwärtig an 275 verschiedenen fast über der ganzen Erde verbreiteten Orten Consul». Die preu­ßischen Consul» vertreten zugleich Die Interessen ter Unterthanen der ZoUvereinsstaatcn und Oesterreichs, wie umgekehrt auch die Cousuln dieser Staaten den