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Nassauische Allgemeine

TV* 11. Freitag den 13. Januar

1834.

Dte,,Naffauischr SUgtmrint Zeitlin«" mit dem belletristischen BeiblattDer Wanderer" erscheint, Sonina«« ausgenommen, täglich und beträgt der PränumerationSpreiS für Wiesbaden und , nach dem neuen Postregulaiiv nunmehr auch sir den ganzen Umfang des Tburn- und TariS'schen BerwaltungSbezirk« mit Jnbigriff des Postaufschlag« s ff., für die übrigen Länder de« deutfch.bsterreichischen Postverein«, wie für das Ausland 2 ff. 24 kr, Inftrate werden die oierfpatfge Petitieite oder deren Raum mit 3 kr. berechnet. Bestellungen beliebe man in der BuchbandlUNg »bn ÜB. Friedri ch, Ltnggaffe 42, auSwârtS bei den nächstgelegenen Postämtern, zu machen.

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Deutschland und der Krieg im Grient.

* Zu den officiösen Kundgebungen über die Hal­tung der deutschen Großmächte in Bezug auf die bevor­stehenden Verwickelungen der orientalischen Frage ist noch ein an der Spitze derFr. P.-Z." vom heutigen gebrachter Artikel aus Berlin zu rechnen, der sich über die Ansichten und Entschlüsse des preußischen Cabinets ausspricht. Dieses sieht weder indem Seesieg der Rus- feil bei Sinope noch in der maritimen Besetzung des schwarzen Meeres einen Grund zur Aenderung seiner Po- litik. Der Angriff der Russen auf die türkische Flotte, sagt der Artikel, beruht im Kriegsrechte, der Verlust der Türken gehört zu den Wechselfällen des Krieges. Es ist daher an sich kein Grund vorhanden, die Sachlage jetzt anders zu betrachten, als am 5. December vorigen Jahres. Daraus folgt für das preußische Cabinet, daß es von seinem sich damals vorgezeichnctcn Verhalten nicht abweicht. Der Entschluß Frankreichs und Eng- lands liegt außehalb der von der Wiener Uebereinkunft ge­zogenen Grenze. Aber er ist die Action freier und selbst­ständiger Staaten. Das preußische Cabinet hat über deren Motive nicht zu richten. Man kann es daher auf sich beruhen lassen, ob sie auf wirklichem oder auf ver­meintlichem Recht« beruhen, eben so wie man die Motive des Kaisers von Rußland auf sich beruhen ließ, als er den Pruth überschritt und die Fürstenthümer besetzte. Was Preußen bisher zu handeln antrieb, heißt es weiter, das besteht noch fort. Es ist der Wunsch, Europa vor den Gefahren und vor dem Verderben eines Krieges zu bewahren und die jetzige Terri- torialeinthkilung aufrecht zu erhalten, welche seit ei­ner langen Reihe von Jahren bestanden hat und das Gefühl der Sicherheit und Ruhe bedingt. Es wird sich darum auch gewiß in seinem Vorhaben durch die neuen Entschlüsse der Seemächte nicht beirren las­sen, vielmehr forlfahren, für die Erhaltung des Frie­dens von Gcsammteurvpa alle Anstrengungen zu ma­chen. Das heißt alle Anstrengungen, welche von dem m der Hauptsache Unbeteiligten erwartet werden kön­nen. Es läßt sich. freilich nicht voraussehen, ob die Stellung der Seemächte zu Rußland durch die neuesten Erklärungen der erster» nicht verändert wird; cs läßt sich überhaupt nicht ermessen, welche Verschlingungen aus dcm jetzigen Stande der Dinge erwachsen können. Was sich aber wohl heute mit demselben Grunde und mit demselben Recht sagen läßt, wie beim Beginn der orientalischen Wirren, das ist, daß die deutschen Groß­mächte und der deutsche Bund unmittelbar dadurch nicht berührt werden. Sollten die Anstrengungen, welche Preußen und diejenigen, welche Oesterreich zur Erhal. tung des allgemeinen Friedens bisher gemacht haben und in denen sie noch heute nicht ermüden, das ge­wünschte Ziel nicht erreichen, so ist es doch ein anderes in Beziehung auf Erhaltung deS Friedens Deutschlands. In dem Schutze der Neutralität des deutschen Bundes in dem möglicherweise entbrennenden Kampfe, sowie derjenigen ihrer eigenen Staaten wird ihnen der Erfolg nicht fehlen Sie werden im äußersten Falle dem Kriege ein festbegrenztes Gebiet anweisen; sie werden de." Eingebungen ihres Uhb nur ihres Interesses folgen und dadurch die Ruhe Deutschlands sicher stellen. Selbst der Krieg der übrigen Staaten unter einander wird dadurch einen milderen Charakter annehmen können, die Aussicht auf Wiederherstellung des allgemeinen Frie­dens näher rücken, da ein Element des Widerstandes gegen einen allgemeinen Krieg, wie es in einer so gro­ßen centralen und neutralen Macht als der deutsche Bund mit Oesterreich und Preußen gegeben ist, nie- mals unbeachtet gelassen werden kann und auf die Fruchtlosigkeit aller Anstrengungen zur Veränderung der Territorialverhältnisse in Europa, also auf die Vergeb­lichkeit der Kriege warnend hinweist.

DerLloyd" stellt eine von der Erklärung der Oest. Corr." über die durch die Ereignisse im Orient gebotene Haltung Oesterreichs abweichende Ansicht auf. Das genannte Blatt hält eine Betheiligung Oe­sterreichs oder eine kategorische Vermittelung für das beste Mittel zur Erhaltung oder baldigen Wiederherstel­lung des Friedens. Ein Krieg der Westmächte mit Rußland meint derLloyd" würde, falls er statlsinde, die Eigenthümlichkeit besitzen, daß keine kriegführende Partei die andere in einem vitalen Theile zu verwun­den im Stande wäre. Rußland könnte England und Frankreich überhaupt nicht erreichen. England und Frank­reich können Rußland nur in seinen Flotten und See­hasen treffen. Selbst dann, wenn eine russische Armee einer englisch-französischen auf türkischem Gebiete begeg­

net, wird das Resultat des Zusammenstoßens nicht ein solches sein, welches die eine Partei zum Frieden zwingt. Nun ist der Endzweck jedes Krieges die Eroberung des Friedens, und diese nur möglich, wenn den Kriegfüh­renden die Gelegenheit geboten wird, einen Hanptschlag gegen einander zu führen, der eine der Parteien kampf­unfähig oderkampfunlustigmacht. Die NeutralitätMit- teleuropa's würde darum im Verlaufe der Feindselig­keiten der Beendigung derselben hindernd im Wege ste­hen. Je heftiger der Kampf entbrennt, desto gewalti­ger wird das Streben werden, diese Neutralität zu durch­brechen , und durch eine ganz Europa aufgezwungene Parteinahme eine Entscheidung herbeizuführen. Es wäre ärger als ein Verbrechen, es wäre eine Tborheit, sich hierüber einer Illusion binzugeben. Mitteleuropa wird nun vogi zwei Großmächten und einer Anzahl kleinerer Staaten eingenommen, es wird von Völkern mit sehr entschiedenen politischen Sympathien bewohnt, deren Stimmung im Momente der Gefahr einen nicht zu über- sehenden Factor bildet; es ist mit allerlei Zündstoffen angefüllt, welche^die Kriegsfackel leicht in Brand stecken könnte ; es ist ein gewaltiger, aber nicht festgefügter Körper, der nicht dem Willen von Einem, und nicht dem Willen von blos Zweien oder Dreien gehorcht, und des­sen Bewegungen nicht einmal im Voraus so weit berech­net werden können, um zu wissen, ob sie stets zusam­menhängend und nach einem Ziele gerichtet sein werden. So unmittelbar wird nun das Schicksal Mitteleuropa's von einem Streite Ostcuropa's mit Westeuropa berührt, daß sein, wenn auch blos beobachtender Zustand bei dem Ausbruche des Kampfes nicht als der der Neutra­lität bezeichnet werden kann. Neutral ist in Wesenheit nur der Gleichgültige. Wen der Ausgang nicht angeht, den geht auch der Kampf nicht au. Wer aber bcthei- ligt ist mit seinen Interessen an der Entscheidung, bei dem hören gleich die Wünsche und dann auch di« Hand­lungen auf neutral zu sein. Eine Neutralitätserklärung Mitteleuropa's wenn überhaupt diesergeographische Begriff" sich hier als politische Einheit geltend machen wird heißt nichts weiter als ein Entschluß, während eines unbestimmten Zeitraumes den Lauf der Begeben­heiten abzuwarten. Sie kann nicht die Bedeutung ha­ben , unter keinen Umständen und zu keiner Zeit in die­selben einzugreifen. Was die jetzige Situation zu einer so merkwürdigen macht, ist, daß die Mächte, welche in zweiter und dritter Linie ein Interesse an der Existenz der Türkei haben, die ersten sind, für sie die Waffen zu ergreifen. England ist nur in zweiter Linie, Frank­reich nnr in dritter Linie, Oesterreich ist in erster Linie an der Integrität der Pforte beteiligt. Es ist nun be­wundernswürdig, daß gerade die Macht, welche daS stärkste Interesse an der Erhaltung der Türkei hat, die geringsten Besorgnisse für deren Sicherheit zeigt. Falls Oesterreich glaubte, Rußland beabsichtige einen Erobe­rungskrieg, so müßte es, bei Strafe sonst von einem übermächtigen Staate an seinen verwundbarsten Punkten umzingelt zu werden, jene Macht an ihrem Vorhaben verhindern, selbst wenn England und Frankreich die Ungläubigen spielen und mit apathischer Gleichgültig­keit dem Kriege zuschauen wollten. Oesterreich glaubt aber nicht an die Eroberungsgelüste Rußland'S, cS ver­muthet, daß Lord Aberdeen und das französische Ca- biiift von grundlosen Besorgnissen geplagt werden, und darum darf es an dem Kriege keinen Antheil neh­men. Die Basis des Vertrauens, welches unsere Re­gierung der uf stieben zollt, ist eine bekannte. Kaiser Nicolaus hat erklärt, er werde der Türkei nicht ein Dorf wegnehmen, und daß ihre Grenzen, sei der Ans gang des Krieges wie immer, in ihrer Integrität erhal­len bleiben sollen. Wir wollen dem Worte des Kaisers vollen Glauben schenken, wir wollen für den Moment vergessen, daß auch Regenten sterblich sind, daß sie ihren Nachfolgern wohl ihre Macht, aber nicht die Verpflich­tung zur Erfällung ihrer Versprechen hinterlassen kön­nen, und wir finden dennoch, daß die Garantie seine genügende ist. Angenommen, daß die russische Armee über die Donau geht wie über den Pruth, und dann über den Balkan, dann nach Adrianopel und endlich nach Constantinopel, nur um von Constantinopel wieder nach Adrianopel, wieder über den Balkan , über die Donau und über den Pruth zurück zu marsch wen, ist selbst in diesem Falle die Integrität der europäischen Türkei gesichert? CS kann dieser Marsch und Rück­marsch nicht geschehen, ohne daß die türkische Armee zu« vor zermalmt,' die Resourcen der Pforte bis auf den letzten Heller erschöpft, ihr moralisches Ansehen in ihrer tiefsten Grundveste gebrochen worden. DaS türkische Reich wird nach einem solchen Kampfe in seinen letzten

I Zügen liegen und weder in Serbien, in der Moldau und Walachei wird seine Macht mehr gefühlt werden, als man sie etwa im Jahre 1828 in Algier fühlte. Zu wessen Gunsten wäre nun, sei der Friedensschluß wie immer, die Macht der Pforte geknickt und erstickt? Was hilft ein Versprechen, das Gut eines Besitzers nicht an* zutasten, wenn man sich des Rechtes oder Unrechtes nicht begibt, diesen zu erschlagen um das Erbe später als ein Herrenloses zu behandeln? Wenn aber die Kriegsfurie jetzt losgelassen wird, wenn, was die Neu­zeit noch nie gesehen, England und Frankreich zum er­sten Male vereint sich einem Gegner gegenüberstellen, so wird es diesem überhaupt nicht möglich sein, sich in­nerhalb der engen Grenzen eines Versprechens zu be­wegen. Der Einsatz ist zu gewaltig groß, als daß er ohne Aussicht auf irgendeinen Gewinn geleistet werden könnte. Einen solchen Krieg kann Rußland nicht aus­schließlich mit rein militärischen Hilfsmitteln zu Ende führen. Es wird ihm einen religiösen Character ver­leihen, damit er außerhalb seiner eigenen Grenzen zünde und entflamme. Es gibt Personen, welche glauben, man sollte dem Kriege, wenn er ausbricht, müßig zusehen. Es gibt Andere, welche der Meinung sind, man solle an ihm Theil nehmen. Wir sagen, man soll ihn ver­hindern. Das nächste Wort in der großen europäischen Frage spricht Rußland. Ist es ein befriedigendes, so ist es das entscheidende. Ist es gegen den Frieden ge­richtet, so ist es noch nicht daâ letzte Wort, denn dieses spricht Oesterreich aus. In Wien hat man es in Ge- walt, einen Kampf zu beschwören, der jetzt kein localer bleiben kann, der, wenn er einmal ausgcbrochen, den ganzen Welttheil mit seinen bekannten und mit seinen unbekannten Mächten in einen schäumenden Strudel ziehen wird. Dem Kampfe jetzt zuschen,, heißt ihn an» fachen. Zwischen die Kämpfenden treten, heißt ihn er­sticken. Oesterreich bedarf keiner neuen Politik. Es braucht bloß den Traditionen seiner alten Staatskuust zu folgen, die es oft mit Rußland, nie hinter Rußland i gehen ließ. Oesterreich erfüllt die Pflicht der Freund­schaft gegen seinen östlichen Nachbar am besten, indem cs ihn von einer Bahn abhält, welche diese Freuud- I schaft am ärgsten gefährden wurde. Es verlangt nicht wenig Muth, Kraft und Entschlossenheit, um den euro­päischen Landfrieden zu erhalten, aber iRuth, Kraft und Entschlossenheit reichen zu dieser Aufgabe hin. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, in welchem historische Charactere auf einen Probierstein gestellt sind, der ihren Gehalt der Welt kundlhun wird.

Deuttchland

Vom Taunus, 10. Jan. Eine Jagdgesellschaft aus dem nahen Homburg, welche gestern in dem zwi­schen Königstein und Oberursel gelegenen und einen Theil der Gemarkung letzteren Ortes bildenden Fichten­walde ein Treibjagen veranstaltet hatte, fand in dem Dickicht des Waldes eine auS Baumästen gebildete Hütte, in welchem ein höchst ärmlich gekleideter Mann feine Lagerstätte aufgcjchlagcn hatte. Seine nackten Füße waren mit Lumpen umwickelt und in der Hütte selbst fand man 3040 Pfund roheâ Ziegenfleisch, womit der Waldb,cwobner wohl seine nächsten Lebenstage zu fristen gedachte und in welchem man den Ueberreft zweier in Falkenstein und Oberursel gestohlener Ziegen entdeckt zu haben glaubt. Andere sprechen auch von Messern, Pistolen und andern Werkzeugen, die man im Schnee vergraben gefunden habe. Da der gchcimnißvolle Unbekannte auf alle Fragen der Jäger in einem hartnäckigen Schweigen verharrte, so glaubten diese nichts Besseres thun zu kön­nen . als ihn nach Oberursel zu bringen, von wo aus diese männliche Genovefa heute Morgen unter Gens'dar- meriebegleitung an das Kreisamt zu Höchst abgeliefert wurde. Die Bestätigung der Vermuthung, daß das Jn- dividnum irgend einer Strafanstalt entsprungen sei, steht abzuwarten. Die durch den neulich ungemeinen Schneefall gehemmte Eommuuication mit den Orten der Nachbarschaft ist bei dem eingelretenen Thauwetter wie­der vollständig hcrgestcllt.

*Aus Baden, 10. Jan. Heute Vormittag kam bei großh. Hofgerichte in Mannheim die Anklage deS Staatsanwaltes gegen den verantwortlichen Herausgeber deS zu München erscheinendenVolksboteu für den Bürger und Landmann", E. Zander zu München, zur Verhandlung. Die Anklage war wegen Gefährdung der öffentlichen Ruhe und Ordnung durch in No. 288 des Blattes enthaltene Artikel, welche den Conflict zwischen der großh. Staatsrcgierung und dem Erzbischof von Freiburg zum Gegenstände hatten. Der Angeklagte war nicht erj^icnem Der Gerichtshof erkannte nach