Nassauische Allgemeine Zeitung.
TV«: â. Freitag Örn 6. Jamar ts»l.
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Dit,,Nassau, schk AUqemkint Zeitung" mit brüt bmetriftisGen ®tibl«tt „Der Wanderer" trftbtint, Sonniasts ausgenommen, täglich und betragt der Prauu,»e,a„onSpre,S für W,eSbadeu und , nach dem neuen Possrestuiailv nunmehr auch für den stanzen Umfang des Tburn- und TariS'fcken Verwaltungsbezirks mit Jndistriff des Possausscbian« 2 fl„ für die übrigen Länder deS deutsch-österreichischen P,a»erei«s, wie für daS Ausland 2 fl. 24 tr. — Inserate werden die siersxali ge peiitjeile oder deren Raum mit 3 tr. berechnet. — Bestellungen beliebe man in der Buchhandlung von W. Friedrich, Langgasse 42, auSwärtS bei den nächstgelegene» Postämtern, zu machen.
Leitunus lchau.
Was kann uns die Zukunft bringen ? — Friedensausstch- ten. — Der Kirchenconflirt in Baden.
**Wir richten heute unsere Aufmerksamkeit auf die Neujahrsbetrachtungen der Berliner „Zeit", in welcher wir die Ansichten des Herrn v. Manteuffel nach wie vor vertreten finden. Was uns die Zukunft bringen kann?" Das ist die große Frage der „Zeit" am ersten Tage des Jahres. Sie antwortet darauf: „Theuerung und Krieg." Mit der ersteren, sagt das Blatt, werden wir mit Gottes Hülfe wohl fertig werden. Was dagegen den Krieg anbetrifft, so muß man, wenn man wahr sein will, bekennen, daß cs heut zweifelhafter ist, als je, ob es den Bestrebungen der europäischen Mächte gelingen wird, den Dämon noch zu bewältigen, bevor er die Welt in blutige Bewegung setzt. Zwar haben die neuesten Nachrichten aus Constantinopel einen freundlichen Klüng; der Sultan ist bereit, zu einer Ans- gleichungs-Conferenz einen Bevollmächtigten zu senden. Noch weiß man aber nicht, ob Rußland eine gleiche Bereitwilligkeit zeigen wird, und, was die Hauptsache ist: noch hört man nicht, daß während der Verhandlungen der beabsichtigten Conferenz die Feindseligkeiten an der Donau, in Asien und auf dem schwarzen Meere eingestellt werden sollen. Im Gegentheil: man vernimmt aus Rußland von den ungeheuersten Rüstungen, und England ist im Begriff, seine Regimenter in Indien zu vermehren. — So sehr wir also auch den Frieden wünschen, so wird es doch nothwendig, auf den Krieg gefaßt zu sein. ES wäre vermessen, vorhersagen zu wollen, ob und wie Deutschland, ob und wie Preussen davon näher berührt werden könnten, wenn der Krieg über seine heutigen localen Gränzen hinansspie- len, wenn England oder Frankreich oder beide Mächte zugleich in einen kriegerischen Conflict mit Rußland gerathen sollte. Dafür aber möchten, in diesem Augenblicke wenigstens, alle Anzeichen sprechen, daß es Asien sein wird und nicht Europa, wo daun die Frage den Schwerpunkt ihrer Entscheidung finden wird. Die Erklärung Persiens für Rußland öffnet den russischen Armeen die Straße nach Indien, wo England die Zwing- Herrschaft des Eroberers führt und wo eine russische Armee darum vielleicht gute Aufnahme finden dürfte. Ein englisch-russischer Krieg würde kaum einen andern Ausgangspunkt haben, als einen erbitterten Kampf um den Besitz von Indien. Preußen hat erklärt, in der russisch-türkischen Differenz neutral und selbstständig zu bleiben. Es wird auch bei einer Erweiterung des Kriegsschauplatzes nach Asien hin kaum in die Lage kommen, diese seinen Interessen am richtigsten zusagende Stellung aufzugcben, so lange es nicht durch eine directe kriegerische Bedrohung unausweichlich dazu gezwungen wird. Vorläufig, denken wir, ist eine solche Bedrohung nicht zu furchten und vorläufig ist es daher gestattet, die Hoffnung noch festzubalten, daß Preußen in die Kriegswirren nicht mit hineingezogen werden wird.
** Die „Fr. Post Ztg." wird in einem Artikel aus Wien, den |ie an der Spitze ihres Blattes bringt über ihre Behandlung der orientalischen Frage abgekanzelt. Sie kennen wohl, schreibt man ihr, den Sinn des alten Sprüchwortes : „Mail soll den Teufel nicht an die Wand malen!" Aber in der Art, wie Ihr Blatt die oricula- lischeu Angelegenheiten in der neueren Zeit seinen Lesern zeigt, vermißt man die Beachtung dessen, was „die Weisheit auf der Gasse" lehrt. Bis zur Stunde" ist, so weit die zuverlässigsten Nachrichten lauten, von den Seemächten nichts geschehen, was sie von der Linie abweichend zeigte, die sie selbst sich im Einvcrstäudnjß mit Oesterreich und Preußen gezogen haben. Bis zur Stunde wird noch in Constantinopel wie in Petersburg verhan-
um den von den vier Mächten ausgesprochenen Grundsätzen Eingang zu verschaffen. Ob das Einlau- scn der Flotten aus dem Bosporus in daS schwarze Meer ein Rücktritt von der erklärten Politik seitens
et 8 und Frankreichs sein würde, das ist nicht an sich klar und ausgemacht, sondern cs kommt darauf an von welchen Absichten dasselbe dictirt und von welchen ^."^ungen es begleitet sein würde. So weit unsere Nachrichten lauten, hat es aber noch nicht einmal statt gefunden und es bleibt auch zweifelhaft, ob cs eintreten n.'rrr Aber selbst für diesen Fall ist die Auslegung ktIe.au$ französische Blätter bereits gegeben t E? Demarkation unter den kriegführenden chteu Heziklt sei. Allerdings läge eine solche Hand
lungsweise außerhalb der Grenzen, welche das Concert der vier Mächte ihrer eigenen Action vorerst gesetzt hat. Aber es könnte dies auch ebensowohl den Frieden beschleunigen, als es auf den Widerstand des Czarcn stoßen kann. Diese schlimmste Eventualität ist abzuwarten. Unterdessen martert man sich und die Welt mit düstern Gedanken und vergißt, daß wir formell, also hoffentlich auch materiell noch auf der Grundlage eines FriedeuswcrkeS stehen, daß die Politik Frankreichs und Englands sich noch nicht isolirt hat, baß vor wenigen Wochen cs den Seemächte» sehr darum zu thun war, nickt allein ihre Wege zu geben, sondern des Einverständnisses Enropa's gewiß zu sein. Wohl ist auch eine andere als eine friedliche Lösung möglich. Aber sie wird nicht dadurch beschworen , daß man vor dem Gewitter läutet. Eher hilft dagegen das feste männliche Vertrauen auf die Treue deS Worts und auf Die Dauer der Grundsätze. Eines aber wird immer das Publicum beruhigen können. Es ist der entschiedene Wille der deutschen Mächte, aus dem Conflicte keinen allgemeinen Krieg entbrennen zu lassen: und das werden sie erreicht» , mit oder ohne die Seemäckte. Wird die Sache wegen angeblicher Enthüllungen der russischen Politik in Asien zu einer rein englisch-russischen Frage, so gewinnt sie allerdings eine ganz neue Gestalt: für eine solche sind die gemeinsamen Schritte nicht verabredet. Um so mehr ist alsdann auf eine rasche Lösung der russisch-türkischen Differenz und folgeweise darauf zu bauen, daß die Ruhe des europäischen ContincutS nicht gestört werden wird. Im letzter» Falle würde für Frankreich auch kein Grund sein, eine andere Stellung ein- zunehmen, als diejenige ist, welche durch die Natur der Dinge den deutschen Mächten vorgezeicknet wird.
* Die Neue Preußische Zeitung bespricht den badischenKircheuconflict in ihrer NcujahrÄrmdjckau. Wir geben einen Auszug dieses umfassenden Artikels in der Hoffnung, daß man wenigstens gegen dieses protestantische Blatt de» Vorwurf der Parteilichkeit nicht wagen wird. Nicht ganz so wie im Orient heißt eS dort vertheilen sich die Sympathie» in dem Freiburger Kirchen-Streite, der Baden in Stücke reißt, das Land, welches durch seine» extremen Pseubo-Constitutionalismus und durch sein Revolutions-Wesen von 1848/49 die Bezeichnung des schwarzen „Wettcrwinkels", oder, wie andere sagen, der „falschen Rippe" Deutschlands sich verdient hat. Im Ganzen zwar sind auch hier die Rechten, die Konservativen, die Kirchlichen — und wer ist wahrhaft rechts und wahrhaft coiiscrvativ außer den treuen Söhnen der Kirche? —- die Unsrigen mit Einem Worte, mehr auf Seiten des Erzbischofs, der Liberalismus dagegen, das Philisterthum und ganz besonders die Bureaukratie auf Seiten der badischen Regierung. Schämt sich doch selbst die nicht- ministerielle B e r - liner „Zeit" nicht, unisono mit der bornirtesten Aus- ktärerei vor dem „Wiederhcraufbcschwöreii mittelalterlicher Excommunicationen" zu warnen. Allein in diese Gegensätze spielt mannicksach der andere große Gegensatz, der des Protestantismus und des Romanis - muS, der die bittern Früchte der libcral-bureaukratiscken Staats - Omnipotenz auS schmerzlicher Erfahrung kennt und dessen innerstes Herz getroffen wird durch deS Erz- bischofs muthige und rücksichtslose Berlifnug auf die ewigen Grundlagen der Verfassung und der Freiheit dcs Königreiches Jesu Christi,— er sympatlsirt dennoch auch mit der zur evangelischen Kirche sich bekennenden Obrigkeit, die sich in ihrem, wie auch immer erlangten, Besitzstände durch die kühn rorschrcilcnde römische Geistlichkeit verhüt sicht. Und weit nach links hin haben wiederum von den Sympathien des Liberalismus für die badische Regierung die Schl eie r- macherianer sich ausgeschlossen und in der Con- scquenj ihrer abstract-negativen Kirchenfreihcits-Theorie auf die Seite des Erzbischofs sich gestellt. Gehen wir näher auf die Sache ein, und fassen wir zunächst die Macht-Momente auf beiden Seiten ins Aug! Ein Greis von 81 Jahren tritt mit der begeisterten Sprache innigster GlaubenS-Ueberzeugung, mit der Sprache der alten Bischöfe, der heiligen C h r y s o st om u s, Am- ö l o s i u s und Athanasius, und der Apostel selbst ans, unter dem Panier des apostolischen WortcSj: „Man muß Gott mehr gehorchen als den Menschen", „für die Rechte GotteS und die Freiheit seiner Kirche". — Schon diese Sprache ergießt Segen und Geist und weckt auf, weit hinaus über die Grenzen der römischen Kirche. Sie predigt Ideen, Wahrheiten, die ewig und
zeitgemäß zugleich sind. Denn gerade unsere in Mate- rialismus und Büreaukratie vertrocknende Zeit bedarf vor andern Zeiten solcher Zeugnisse aus dem Heiligthum des Glaubens. Und weil die Zeit ihrer bedarf, darum treffen sie die Herzen. Oder — ist jemand so wenig Kenner der Menschen seines Jahrhunderts und der Zeichen dicscr Zeit, oder so festgerannt in traditionelle Vorurtheile, daß er nur berechnete Priester-Politik und Herrschsucht in solchen Worten und in dem Anklange, de n s ie fi n d c n , vorauSsctzl? — Dieser ehrwürdige Greis wird getragen von dem freudigen und leidcnSwiüigcii Gehorsam des kräftigsten Theiles seiner Geistlichkeit, besonders Kiner jüngeren Geistlichkeit, und gehoben durck die thätige Zustimmung römisch- katholischer Bischöfe und Gläubigen in Deutschland, Belgien, Frankreich, England und Irland. Mit ihm ist die ganze Stiömung der Zeit, die auf die Freiheit der Kirche hinführt als auf die Freiheit aller Freiheiten. Mit ihm sind sogar die Sympathien, die das gleichzeitig verfolgte badische Luthcrthum begleiten, welches, eben so berechtigt wie Rom, aber weniger mächtig Um Stillen duldet. Mit ihm ist also fast die gejammte Glaubens - Energie der deutschen Kirche. — Was hat nun die badische Regierung solchen Streitkräften entgegen zu sctzen? Die Traditionen des in- neren StaatSrecktö des Rheinbundes, — die Berufung auf das Staatöwohl und den Staatszweck, also auf eben die Tevisen, mit welchen die Bureaukratie und der Pseudo CoiistitutionaliSmuS überall und am meisten gerade in Badc» 1848 und 1849, bankerott gemacht hat, ---- Policei-Maßregelii, auSgeführt durch laue, jetzt sogar e xeommunicirte Kakholikeii, —- Geld- und Gefängniß-Strafen, von welchen jede das geistliche Ansehen und den geistliche» Einfluß dcs davon Betroffenen un» berechenbar steigert, während gegen aUzuharte Vollstreckung gewisser Schutz gewährleistet ifL durch den Humanismus des Jahrhunderts, welches nur noch leichte Martyrien duldet und unter seiner Pilatus-Signatur: „Was ist Wahrheit?" keine Alba's und Torquemada'S aber auch keine Hohenstauffen, geschweige denn Nero'S, auskommen läßt. — Das mächtige damals noch ungebrochene Preußen hat zurückwcichcn müssen vor der kleinen Schaar der verfolgten Lutheraner, noch dazu nachdem tausende von ihnen über das Weltmeer gedrängt waren und den Kampfplatz verlassen hatten. Römische Triumphe sind gefolgt auf die Einsperrung der Erzbischöfe in Minden und in Colberg. Und das kleine Baden, geknickt durch die Revolution und erst wieder auf seine Füße gestellt durch eben jenes Preußen, will dem hölzernen Schwerdte der Büreankratie dem — Dank den Märztagcn! — so gewaltigen Aufschwungs der römischen Kirche engegentreten ? — Schon diese Machtvcrhältnisse allein find lehrreich. Ideen regieren nun einmal die Welt (und vorzugsweise unser Jahrhundert) und nicht materielle Interessen. Der Glaube, der selbstverlcugnende Glaube macht stark und nicht der, zuletzt nur noch an den eigenen Vortheil glaubende, Zweifcl. Aber wer glaubt, nach dem März 1848, noch an die Staats Omnipotenz? Zumal an die badische.' Woher sollen selbst die großen Staaten, da alle Staaten gelähmt sind durch das kaum besiegte Revolutions-Wesen Wrffen nehmen, — woher auch nun Schlagworte als Parole und Feldgesckrei, — gegen solche Hirtenbriefe ? — Auch in Bezug auf die Rechtsfrage muß sich die Rttndschand, wie bei der Machkfiage, wiederum auf die Seite deS Erzbischofs stellen. Die römische Kirche ist in der oberrheinischen Provinz wohl- und vollberechtigt, — am meisten in den stets römisch-katholisch gewesenen Landcötheilen, zwischen welcken und den übrigen aber die oberrheinischen Regierungen keinen Unterschied machen, viel älter berechtigt, als die Staaten dieser Provinz in ihrem jetzigen Bestände, wohl- und vollberechtigt durch uralten Besitz und durch die Reichögesetze und RcichSfriedcnsschlnsse kiS herab auf den Reichsde- pntationshauptschlnß von 1803, die Wiener Kongreß- und die deutsche Bundesacte. Und daraus folgt, daß diese Staaten einseitig nicht cingreisen dürfen, weder durch Gesetze und Verordnungen, noch durch Regie- rungsmaßregcln in das Regiment und in daS Besitzthum der römisch - katholischen Kirche, sondern deren Freiheiten und Rechte in dem Umfange, der aus ihrem Wesen fließt und den sie hergebracht hat, stets hätten anerkennen sollen und noch anzuerkennen schuldig sind. Solche Eingriffe werden auch dadurch nicht gerechtfertigt, daß sie, wie die badischen, zunächst nicht auf das