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Nassauische Allgemeine Ke'tzZug.

jV' 4. Doilnerstag öch 5. Iaimar 1SS4.

Bestellungen auf die Nassauische Allgemeine Zeitung für das 1. Quartal l. I. werden baldigst erbeten.

Die,,Nassauische ÄUftkMk!ur Zeitung" mit aem beiitfmkischeu BeiblattDer Wanderer" erscheini, èoiuit<iqü auSgeMiniurii. nigiM' mit bttrc.t Mr jwnumérattoii^pir;« tut Wiesbaden und, nach Mm neuen pourtRulano nunmehr auch ür den ganzen Umfang des Lduru- unb Dar,«'fchcn BerwaltungSbezirkS mit âttbigriff beâ PostauffiOag« 2 rl., iür die i'lbdigeu Läiider des deuksch-bsierreichischeii Pottoerein.', mit für daN AiiSlanh 2 fl. 24 kr. Inserate werden die VierspaN ge Peiitzcile oder deren Raum mit 3 kr. berechnet. Bestellungen beliebe man in der Buchhandlung von W. Friedrich, Vanggasse 42, auSwâriS bei den nâchstgelegenen Postämtern, zu machen.

Der Stand der türkischen Frage.

DaS Gefecht von Siiiope, so verhältnißmäßig ge­ring auch die Größe der tactischen Entscheidung war, scheint gleichwohl einen Wendepunct für die Diplomatie in der wichtigen Angelegenheit zu bilden, auf welche seil Monate die Blicke Europa's gerichtet sind. Die größte Bedeutung dieses Ereignisses ist allerdings nur eine in- directe; es zeigt nämlich klar die Stellung, welche die See­mächte in diesem Streit eiiiuehmeu, oder vielmehr die Stellung, welche sic nicht einnehmen. Nicht blos ein großer Theil leichtgläubiger Politiker, sondern auch die Pforte selbst hat ganz andere Dinge, als die passive Rolle von den Flotten erwartet, die jetzt im Bosporus ankern. Diese Täuschung ist zerstört; die Täuschenden werden das Vergnügen der leichtgläubigen Welt Sand in die Augen gestreut zu haben, mit einem Theil ihres moralischen Rufes, die Getäuschten, die Pforte und die Türken, zum mindesten mit einer großen Demüthigung, wenn nicht noch viel theurer bezahlen. Als England sich zum Mitschuldigen einer Politik machte, die mit coups de main regieren zu können glaubt, hat es schwerlich an alle Folgen gedacht, welche es gegen sei­nen Willen mittragen muß, wenn es die Fußtapfcn einer fremden, seinen wahren Interessen feindlichen Po­litik zur Richtschnur nimmt. Vielleicht hat diese letztere selbst sich über die eigenen Mittel und den fremden Widerstand getäuscht, und ist in eine Verwicklung ge­rathen , welche sie nicht vorausgesehen hat. Wo eine Politik rein auf dem Belieben einer Persönlichkeit be­ruht, deren Staatsweisheit jedenfalls von sehr neuem Datum ist, die keinen Widerspruch duldet und der auch kaum jemand zu widersprechen wagt, da ist man ganz berechtigt auf solche Irrthümer das ganze Beginnen zurückzuführen, um so mehr, da Tausende in denselben Fehler verfallen sind, sich seltsamen Illusionen über die Macht einer Flotte, die Energie deS russischen Selbst­herrschers und denUmfang feiner Strafte hingegeben zu haben. Jetzt nachdem mit Hülse der guten Leute, die so eifrig Holz hinzugetragen haben, das Feuer in Brand ist, kommen dieselben Männer und wollen wieder löschen. Sie arbeiten zunächst an dem Sturz des Seriaökers Mehemed Ali Pascha und des Kapudan Pascha Mah­mud, welche die Seele der Kriegspartei bilden. Das Ministerium Mustapha soll einem Ministerium Reschid Platz machen, der die Stelle des Großwesirs einnch- men würde; Halil Pascha von Brussa soll Kapudan Pascha, Ali Pascha Minister des Aeußern, Riza Pascha Kriegsminister werden. (Daß dieser Wechsel wirklich eingetreten ist, hat der Telegraph bereits gemeldet.) Dieser Personenwechsel dürfte allerdings Rußland an­genehm sein, denn die Mehrzahl der Letztgenannten sind Freunde der Russen und Gegner der Engländer. So muß Lord Stratford, dem man nachsagt, er habe als englischer Botschafter für den Frieden, als Lord Strat­ford Canning de Nedcliffe für den Krieg gewirkt, mit eigener Hand den Schaden wieder gut zu machen su­chen, den er angerichtet. Wird ihm aber dieß gelingen? Wird er jetzt noch den unzweifelhaft großen Einfluß haben, den er früher besaß? Und wenn das, ge­nügt der Personenwechsel, um den Frieden herbeizu- führen? Und kann ein 'Frieden endlich, ein Frieden, wie er jetzt möglich, den Interessen Englands zusagen? In dem orientalischen Conflict haben sich England, Frankreich und Rußland dirrct bctheiligt; nur das letz­tere hat sich konsequent und zuverlässig, wenn auch nur in seinen Drohungen gezeigt, während die Seemächte die Pforte vollständig getäuscht haben. Der moralische Einfluß Rußlands muß naturgemäß dadurch wachsen, der Englands und Frankreichs sich fast auf Mll redu- ciren. Ich habe schon früher behauptet, daß nur die Schwächung, nicht die Vernichtung der Türkei in dem Interesse Rußlands liegen könnte, da bei einer Vernich­tung neue, selbstständige, lebens- und entwicklungsfähige Staaten sich bilden dürften, die cs Rußland in Zukunft unmöglich machen würden, sich in dieser Richtung direkt oder indirekt zu vergrößern. Ein noch so demüthigen­der Frieden mit Rußland sichert der türkischen Herrschaft noch immer eine lange Existenz, wenn auch nur eine scheinbare, ein Zeitraum, den Rußland auSuützcn würde, um mehr und mehr die Bewohner der griechischen Halb­insel an sich zu knüpfen; ein Krieg mit Rußland, durchgeführt bis zur letzten großen Entscheidung, bis die Macht der Türkei total gebrochen, selbst der Wille zum Widerstand besiegt ist, würde dagegen sofort der türki­

schen Macht in Europa ein Ende machen. Kämen die Türken zu dieser Ueberzeugung, was aber eigne Selbst­überschätzung unmöglich machen dürfte, so würden sie sich wahrscheinlich Rußland vollständig in die Arme werfen. Die Rolle, welche England und Frankreich in der türki­schen Frage bis jetzt gespielt, ist offenbar eine unehr­liche ; um dieses wenigstens einigermaßen zu verbergen, scheinen sie jetzt, vielleicht auch aus Eifersucht gegen Griechenland, das sich materiell, und gegen Oesterreich das sich moralisch bei der Zerstörung der Türkei ver­größern würde, dem Todfeind aller freien Entwicklung in die Hände arbeiten zu wollen. Freilich ist dieser nur ein natürlicher Feind Englands und ein natürlicher Verbündeter Frankreichs, höchstens ein persönlicher Geg­ner seines Herrschers; aber- Englands Staatsmännern hat nun einmal ein unglückliches Verhängniß die Hände gebunden, obgleich sie kaum bezweifeln werden, daß, wie die Sachen jetzt sieben, ein Rückzug schlimmer als ein VorwärtSschretten auf der betretenen Bahn ist; schlimmer, weil der Frieden, wie er möglich, Rußland Siel mehr als seine früheren Forderungen gewähren würde. Rußland hat allerdings einer deutschen Macht, eS hat Oesterreich , das in dieser welthistorischen Frage mehr alS den Kampfzeugen bildet, offenbar positive Garantien gegeben, in keiner Weise Eroberungen in der europäischen Türkei machen zu wollen, aber schwerlich wird Oesterreich auch verlangt hahen, daß Rußland unbedingt auf jede materielle Entschädigung, etwa in Asien, verzichte. Und womit anders denn mit Land will die Türkei, int Fall eines Friedens, die Kriegskosten bezahlen? Jeder Fußbreit aber, dort gewonnen, wird Rußlands Einfluß in Persien sichern und vermehren, und trotz alles Läugnens einer möglichen Gefahr wird England wissen, daß dieses wieder die russischen Einwirkungen nach Indien zu vergrößert. Der Czar wird nicht Heere dorthin zu schicken vermögen, aber auch guter Rath, Geld und Waffen werden in Herat, Afghanistan, Chiwa rc. willkommen sein. England würde sicherlich aber Rnß- land besserj in Europa bekämpfen, vielleicht allein dort mit Erfolg, und dieß am besten durch Unterstützung eines lebendigen EmporblüheuS der griechischen Halb­insel, und ein festes Anschlüßen an Preußen und Oester­reich. Aber abgesehen von der materiellen KriegSentsebä- digung in Asien, wird Rußland jetzt von der Pforte unzweifelhaft als Vertrag verlangen, worüber es früher Mit einer Note abgefunden werden konnte, denn mit der Kriegserklärung zerriß bekanntlich die Pforte auch alle frühern Verträge. Ein Vertrag würde aber Ruß­land berechtigen fortwährend sich in die Angelegenheiten der Türkei zu mischen; es würde dadurch Gelegenheit gewinnen zu erobern was eS noch nicht Hal Sym­pathien hei der christlichen Bevölkerung. Diese haßt die Türken als Unterdrücker und Nichtchristen, sie wünscht den Russen Erfolg als Feinden der Türken, als griechischen Christen gleich ihnen, aber vom nationalen Standpunkt haßt sie die Russen. als Russen, als natürlich Feinde ihrer Hoffnungen auf einstige staatliche Selbständigkeit Vielleicht, ja sogar wahrscheinlich, ist aber der ganze Conflict den Händen der Diplomatie entrückt, dann hängt cs gegenwärtig nur vom türkischen Ministerium ab, einen Frieden mit Rußland möglich zu machen, an­genommen, daß das Ministerium | v weit gebrochen ist, um jede Bedingung einzugehen, die Rußland als con­ditio sine qua non stellen würde. jWenu das neue Ministerium auch gegenwärtig von der Ohnmacht der Türkei zur See, Rußland gegenüber überzeugt ist, wird cs die gleiche Ansicht über die türkischen Wcchkräsrc aus dem Land haben? Wird cs also bereit sein, den russi­schen Forderungen nachzugeben, ehe ein großer Sieg die Ucbcrlegenheit der Russen auch zu Land unzweifelhaft gemacht hat? Angenommen, daß dies unnöthig sei, sind es bloß noch die Ansichten und der Wille der türk. Re­gierung, welche zu berücksichtigen sind ? ES ist gewiß daß im Anfang des ganzen Streiks der patrisolische und religiöse Fanatismus der Türken ein künstlicher war, daß der Wille der Regierung genügte, um die.aufgeregten Ele­mente wieder zu beruhigen. Aber von damals bis heute sind neun Monate verflossen, und ehe die Frie- deuSverhandlungen sich abgewickelt, dürfte das Jahr voll werden. 'WaS im Anfang künstlich war, wird dann natürlich geworben sein; was im Anfang nur Resultat der Üeberrcdung war, ist dann Ucber- zeugung geworden. Die UlemaS haben willig die Hände geboten, um den Krieg gegen die Ungläubigen zu uit- terstützen; sie haben dem Sultan , als Kämpfer gegen

den Giaur, nach alter Silke den Beinamen Gazi gege­ben werden Volk und Priestcrschaft sich so rasch und willig beruhigen, wie cs vielleicht die Diplomatie glaubt? Ein langer rauher Winter, hofft man vielleicht, wird die türkische Armee mürbe, und ein paar kräftige Schläge der Nassen werden die Ulemas und das Volk gefügi­ger machen. Mit bicselr Schlägen tritt dann aber wie­der eine neue Macht in die Schranken, die man bis jetzt nicht berücksichtigt hatte, die lauge unterdrückten, von der Furcht vor der Macht der Türken befreiten Na- jabs. Für bi Rechte dieser Christen trat, ofsicicll we­nigstens, Rußland in die Schranken; es kann, es wird nicht gegen sie äussreren. Was die eine Opposition brach, wird die andere schaffen, und so wird die Dip­lomatie stets Widerstände finden, die ihr Werk unmög­lich machen. Noch rühren sich diese schmachtvoll von Europa verlassenen Nationen wenig, aber sicherlich schla­fen sie niebt. Wird / wenn sie aufstehen, England und Frankreich sie Niederdrücken, um ihre politische Rolle ruhmvoll in der Türkes durchzuführen, und glaubt man; daß dieß Oesterreich leiden wird, oder hofft man, die Türken werden Macht genug dazu besitzen um innen zu stützen, was nach außen zerfällt? Nein, die Dinge sind stärker als die Personen; und die Weltgeschichte ist das Weltgericht.

Deurschlüttd.

* Wieèbaberr, 5. Jan. Die gestern durch den bedeutenden Sck»gefall unterbrochene Verbindung mit Außen ist wieder hergcstcllt. Heute Morgen sind wie­der die Eisenbahnzüge zur bestimmten Stunde und mit diesen die Blätter und Corrcspondenzen aus den Städ­ten der Umgegend emgctroffcn ; auch sind heute Mor­gens die Postwägen von hier abgegangen. Der Lim­burger Eilwagen wird jedoch heute ausnahmsweise um eine Stunde früher als sonst abgehen, so daß wir den­selben zur Versendung unseres heutigen Blattes zu be­nutzen außer Stande sinb.

Jii den Straßcg ist man eifrigst beschäftigt, den Schnee auf Wagen zu laden und fystzuschaffen. In einigen engeren Gassen, in welchen von beiden Seiten der Weg für die Fußgänger ausgcschaufelt werden mußte, liegt der Scbnce mindestens vier Fuß hoch. Tie Hemmung der Communicatio» durch den tiefen Schnee hatte übrigens auch andere Unannehmlichkeiten zur Folge, die sich seit einigen Tagen auf ziemlich fühl­bare Weise geltend machten. So war Mangel an Ge­müse, Butter, Eiern, sogar an Fleisch eingetreten; auch befürchtete man daS Justieren der Brunnen. Doch scheint diesen Uebelständen durch das jetzt eingetretene mildere Wcttcr abgeholfen zu sein.

An die Stelle der abgebrannten evangelischen Kirche soll, dem Vernehmen »ach, der Frnchtmarktplatz verlegt werden. Die Mauern und der Thurm sind nun nie« bergelegt und dürfte in höchstens drei Wochen der Platz ganz von Schutz befreit fein. Für die Eigenthümer der angränzcuden Gebäude, deren Hinterbauten und Stal- lungeu eben keine» schöllen Anblick gewähren, sollen vvrlheithaste Bedingungen zum Neubau ihrer Häuser in Aussicht gestellt werden.

Im Monat December 1853 wurden auf der Tau­nus-Eisenbahn 35,298 Personen befördert. Die Einnahmen betrugen während dieser Zeit 23,742 fl. 34 kr. . .

Limburg, 2. Jan. Unter vorstehendem Datum berichtet die Mitlelrhei». Ztg., dass im (Limburger) Pius- Verein die Aeußerung gefallen sei:Man möge es ruhig geschehen lassen, wenn sich der BisKVs »ach der Marx­burg abführen lasse, was er einer Jnternirung zu seinem Palais durch GenshalMen vorziehen würde." Diese Aeußerung, bemerkt daS genannte Blatt, scheint mit einem Gerüchte znsammcnzuhäiigen, nach welchem von compctcnlcr Seite ernste Maßregeln in Aussicht gestellt worden sein sollen, für den Fall, daß der Bischof daS Beispiel deS Erzbischofs von Freiburg nachahmen würde.

/Mainz, 4. Jan. Gestern verbreitete sich hier die Nachricht, ein meuchlerischer Anfall auf Se. Majestät bcii Kaiser der Franzosen habe sich ereignet und es sei derselbe verwundct wo den. (Vielleicht eine Version des Gerüchtes von bem plötzlichen Verschwinden eines hohen Staatsbeamten in Paris.) Heute gegen Abend hat sich das Treibeis des Rheines unterhalb der Stab6 gestellt, jedoch noch so lückenhaft, daß man es sobald noch nicht wagen kann, über dasselbe zu gehen. In Folge deS hohen Schneefalles sind alle Postcourse mt