Nassauische Allgemeine Zeitung.
^. SO?. Freitag des 30. December 1853.
Bestellungen auf die Nassauische Allgemeine Zeitung für das 1. Quartal k. I. werden baldigst erbeten.
Die,,Naffaulscde Allqemetne Zeitung" mit dein belletristischen Beiblatt „Der Wanderer" crMiftnt, Svnnraqs ausgenommen, täglich unt beträgt d â P râ äutne è cmii^pieis tut Wlesbân und , nach oem neuen poil-kgulanv' lunmehr auch Kr den ganzen Umfang deS Ldurn- und TariS^schen BerwaltungSbe^rks mit In br griff de6.Postaufschlags 2 fl., tür die übrigen Länder des deutsch,österreichischen Poffvere-ns- '.vi? für das 'lnslaud 2 ff. 24 fr. — Inserate werden die vierspaltige Petitteile oder deren Naum mit 3 kr. berechnet. — Bestellungen beliebe man in der Buchhandlung von W. Friedrich, Langgaffe 42, auswärts bei den nächstgelegenen Poff intern, zu machen.
Lur orientalischen ^rage.
Der N. P. Ztg. schreibt man aus Paris vom 25. b,: Wenn im „Constitulionel" ein Artikel „Boniface" unterzeichnet ist, dann darf man ihm dreist einen amtlichen Character beilegen ; deßhalb mache ich Sie auf folgende Zeilen des erwähnten Blattes aufmerksam: „Es scheint gewiß zu sein, daß die Admirale den Befehl erhalten haben, mit den Flotten inS schwarze Meer zu gehen. Heute Nachmittag (6. b. gestern) wußte man jedoch noch nicht auf officielle Weise, ob die Bewegung ausgeführt sei. Wir müssen der Nachricht gewärtig sein, und wir werden dann auch erfahren, welches der wahre Character dieses Actes ist." Hieraus geht hervor, daß die Journale und Correspondenten, welche schon vor mehreren Tagen die Einfahrt der combinütcn Flotten in's schwarze Meer wie eine vollbrachte Thatsache gemeldet haben, den Ereignissen Vorgriffen und daß ich gut unterrichtet war, als ich Ihnen in meinem letzten Schreiben die Demonstration nur wie eine wahrscheinliche darstellte. Was den Character dieser Demonstration betrifft, so kann er unmöglich ein feindseliger gegen Rußland sein, oder aber die Convention vom 5. December war ein Spiel, denn es ist geradezu abgeschmackt, von dem Angriffe der Russen auf die türkische Flotte zu behaupten, daß dieses Ereigniß die diplomatische Situation verändert habe. Die Pforte hat den Krieg cr- kl rt und ist angriffsweise zu Lande zu Werke gegangen, weßhalb soll es Rußland nicht gestaltet sein, zur See angriffsweise zu Werke zu . gehen? Von zwei Dingen eines also, entweder unterzeichnet Frankreich und England die Convention mit dem Hintergedanken, eine Gelegenheit vom Zaun zu brechen, um Rußland den Krieg zu erklären oder sie schicken ihre Flotten ins schwarze Meer, um Polizcidicnste zu verrichten, ich meine die Russen zu verhindern, die türkischen Küsten zu besuchen, und die Türken, vorwitzige Operationen wie die, welche bei Sinope ein so klägliches Ende fand, zu wiederholen. Freilich ist noch der dritte Fall denkbar, daß die Seemächte selber nicht wissen was sie wollen. Denn eine solche Wirthschaft ist noch nicht gesehen worden: man unterhandelt in Wien und man schlägt sich an der Donau, in Asien und im schwarzen Meere; hier protoeol- lirt man, dort kanonirt man; die Cabinete wissen sich vor lauter Angst vor einem Kriege nicht zu lassen, und die Flotten werden ins schwarze Meer geschickt; man würde aber kein Ohr schütteln, wenn die Türken an der Donau bis auf den letzten Mann vernichtet würden; man schreibt in einer Convention, daß die Unterband' lnngen auch dann ihren Ga> g gehen sollten, wenn ein Waffenstillstand nicht zu Stande käme; man hatte sogar die Niederlage der Türken bei Sinope verwunden und man spielt mit dem Feuer, weil es einem englischen Minister cinfällt seine Entlassung einzureichen. Wie anders steht Rußland da; dieser Unsicherheit, dieser Wüten- und Charakterlosigkeit gegenüber!
Dem Llopd wirb aus C o u st a n t i n o p e l unterm 15. Dec. geschrieben: Die Nachricht vom Abschluß eines Waffenstillstandes, welche die abendländischen Zeitungen uns zuführen, erhält hier keine Bestätigung, do v ist eS möglich, daß ein Waffenstillstand später zu Stande kommt, sobald die Resultate der in den letzten Tagen hier abgehaltenen Confcrcuzen der Repräsentanten der Großmächte allgemeine Geltung erlangen. Die sich schnell verbreitende Nachricht von jenen Konferenzen bildet jetzt daS allgemeine Gespiäch der hiesigen politischen Welt. wobei besonders der Umstand hervortrat, daß die erste Conferenz am 12. im Palais der österr. Jnternuutiatur abgehalten wurde, und wie man erzählt an 5 Stunden gedauert haben soll. Den Tag darauf wurde die Conferenz im Palais der französischen Gesandtschaft wiederholt. Ueber das Resultat der Konferenzen vernimmt man, daß sich die Repräsentanten über die Befürwortung eh er anzuknüpfenden bi* retten Verhandlung zwischen Rußland und der Pforte mittelst Bevollmächtigter beider Regierungen und unter Mitwirkung von Bevollmächtigten der vier Großmächte verständigt haben. Ueber den Ort der Verhandlungen ist hier noch kein Beschluß gefaßt worden. Die Pforte soll sich bereits mit dem Vorschläge einverstanden erklärt haben, und man zweifelt nicht, daß auch Rußland zustimmen werde. Den Gegenstand der Verhandlung wird wohl die Formulirung eines Friedensvertrages bilden, worin die früheren Verträge zwischen Rußland und der Pforte bestätigt und der im Vertrage von Kainard-
schi der christlichen Bevölkerung im osmanischen Reiche zugesagte Schutz in bestimmter Weise ausgesprochen werden soll. Ist nun hiermit die ursprüngliche Forderung Rußlands erfüllt und mit der Anknüpfung einer direc- ten Verhandlung zwischen den in Krieg gerathenen Mächten die Versöhnung derselben angebahnt und deren Ausdehnung zu einem freundnachbarlichen Verhältnisse in die Hände Rußlands gelegt, so dürfte — auf die Olmützer Uebrreinkunft gestützt — die Ausnahme einer einleitenden Erklärung der Großmächte im Sinne deS Londoner Julivertrags zum Schutze der allgemein als nothwendig erkannten Integrität der Pforte von keiner Seite einen Anstand finden. Die Räumung der Fürstenthümer wurde nach Abschluß des Vertrages selbstverständlich cintreteu, da deren Besetzung nur nL exe- cutorischer Act unternommen wurde. Die Steilung Oesterreichs in der orientalischen Angelegenheit tritt mit dieser Wendung in ihr volles Licht. Seine Haltung hat den Streit und den Krieg in sicheren Grenzen erhalten, nach keiner Seite bin eine Ausbeutung gestattet . zugleich hat die Nothwendigkeit der Wahl Wiens für die frühere Conferenz und die Wiedereröffnung der Conferenz bei der österreichischen Gesandtschaft in Constantinopel dargethan, daß Oesterreich den Sâ'wer- punct in der orientalischen Frage bilde. Bei der Pforte hat man diese Wendung im Vergleiche mit der geringen Bedeutung der Flottenleistung wohl ins Auge gefaßt, und aus den erfahrenen Täuschungen so wie aus dem getheilten Mißtrauen in die Absichten Oesterreichs eine für die Zukunft folgenreiche Lehre gezogen. Und doch hat Oesterreich weder Demonstrationen gemacht, noch irgendwie gewaltsam einbegriffen, sondern nach sorgfältiger Berechnung der verschiedenen beteiligten Kräften und in selbstbewußter Erkenntniß der eigenen Machtstellung die Dinge ihrem zuwartend natürlichen Lauf überlassen, die aus der Verwirrung erhitzter Lcidenschaf- teu und sekbLsüchtiger Mine aus den gezxnwäpigon Stairdpnnct gelangen mußten.
In Bezug auf die Aufnahme, welche die neuen Friedensvorschläge in Petersburg zu erwarten haben, geht der „Nal. Z" folgende Corresp. zu: Von der rnssiscb-pol nische »Gränze, 25. Decbr. Die jüngsten Nachrichten aus Petersburg schildern die Stimmung bei Hofe und in den Residenzen in einer Weise, die zu Hoffnungen auf Milderung der rnss. Forderungen keineswegs berechtigt. Der Jubel über die letzten Triumphe des Doppelkreuzes verbindet sich mit höchst sanguinischen Erwartungen; man sieht dasselbe schon auf der Aja-Sophia prangen, man zieht über Chiwa nach dem Ganges, als wäre nach Kalkutta ein bloßer Spaziergang. Der Russe baut auf den „russischen Gott," wenn cs sich um „prawoslawie,“ (den rechten Glauben) handelt. Aus einem allerhöchsten Rescriptt des Kaisers an den vielgeliebten Sohn, Großfürsten Constantin, welcher gleichzeitig zum Ritl-r des Großkrenzes St. SB in bi mir ernannt würde, erfährt man, daß der Prinz berufen ist, dereinst die Flotte zu ruhmreichen Siegen über die Feinde des Vaterlandes zu litten. Dem Russen fällt dabei natürlich zunächst der „Anglit schanin" (Engländer) eins welcher dem Türken das Wort redet. Ein anderer Erlaß an den greisen Fürsten Wv- ronzoff, Statthalter in Tiflis, unterrichtet uns offincll, daß die Erfolge des russischen Heeres in Asien sich nach zwei Richtungen ausdehnlen, sowohl gegen die Türken an der asiatischen Gränze aby gegen Schamyl, dessen Absicht, sich mit den Türken zu verbinden, auf der.les« gischen Linie dadurch vereitelt wurde, daß die Rüssen durch Angriff der Stämme am Kuban eine Diversion in seinem Rücken machten und ihn zwangen, von sei- nem Vorhaben abzulassen. Ferner ist darin die Rede von Versuchen der Türken, die „Empörung" der Gr- birgsbewohner zu unterstützen, und endlich vom Danke des Kaisers an den Fürsten für Vereitlung dieser Ab- sichtcn. DlirgenbS finden sich Anknüpfungspunkte, an die sich Frievcnshvffnungen anipinnen ließen, zumal wenn mam vernimmt, die Expedition nach Chrwa stehe mit der feindseligen Haltung Persiens gegen die Türken in Verbindung. Bei den gegenwärtig angeregten Ver- mittlungsvorschlägen soll dem Vernehmen nach der inss. Hof eventuell darauf Accent gelegt haben, daß die Für- stenthümer nicht vor Abschluß des Friedens geräumt werden, daß die Unterhandlungen dircct durch Abgeordnete stattfinden, und so lange beanstandet werden, als Türken sich auf dem linken Donauufer befänden. Ist, wie erwartet wurde, die Antwort der Pforte heute in
Wien angelangt, und so beschaffen, daß sie nach Petersburg nbgeschickt werden kann, so wird wohl die Rückäußerung nicht lange auf sich warten lassen.
Deutldilunb.
* Wiesbttden, 30. Decbr. Dem Vernehmen nach werden unsere Landständc Anfangs Februar wieder einberufen werden.
* Wiesbaden, 30. Dcc. Gestern zu später Abendstunde (9*/4 Ubr) brach in dem Hanse des Schrei- nerti Wolf auf der großen Schwalbachcc. Straße im Hinterbau in dessen Werkstätte Reiter aus, welches, da ans den'gefrorenen Bächen erst spät Wasser bèrbeige- schasft werden konnte, das ganze Hintergebäude in Asche legte und auch noch die angränzenden Häuser, namentlich ein dem Ockonomen Faust gehöriges Seitengebäude bedeutend beschädigte. Der Brand war übrigens schon gegen 10 Uhr völlig gelöscht.
Von der Lahn, im Decbr. (Kass. Z.) Englische und fraciz. Capitalien ziehen sich immer weiter die Lahn herauf. So sind die ausgezeichneten Braunsteingruben bei Gießen neuerdings zum Theil in englische Haude übergegangen, welche den Braunstein- handel an der untern Lahn bereits ziemlich im Besitze haben. Auf den Eisenstein der Lahn haben sich in der letzten Zeit besonders franz. Gesellschaften geworfen, welche die Ausbeutung desselben, man muß es ihnen zugestehcn, in großartiger Weise betreiben. Es kommen dadurch viele Hunderttausende von Gulden jährlich in Umlauf, so daß alle Handarbeiter, welche' Lust zur Arbeit haben, einen sehr anständigen Verdienst finden. Zugleich macht eine große Menge von Fuhrenbesitzern einen schönen Gewinn, was für den-kleineren Bauer besonders in diesen Zeitläuften ein großes Glück ist. Ohne diesen bedeutenden Vortheil würde Auswanderung und Armuth ganz anders in den Lahngcgenden auf* treten, D,«^ gächc^ ch u^ d^ *--i3h* -.u Cüens j« der Heimat durch einen vernünftigen Schlitzzoll, wie er uns glücklicher Weise in Berlin erhalten worden ist, sowie die Herabsetzung des in sich verkehrten allzuhohen franz. Prohibitivzolls auf Roheisen durch den Kaiser Napoleon hat auch dem Hüttenwesen der Lahn einen neuen Aufschwung gegeben, obgleich derselbe bei einer Eisenbahn unendlich viel größer sein würde. Was ich Ihnen im Sommer über die großartige und gemeinnützige Thätigkeit des Fabrikanten Gail in Gießen schrieb, ist dahin zu erweitern, daß d rfetbe die höchst erkennens- wertbe Subvention und Förderung der Regierüng angenommen nnb nun der Weberei und Strickerei der hessen-darmstädtischen Gebirgsgegenden den mächtigsten Anstoß geben wird,
Mainz, 28. Dec. (M. I.) Nach heute einge- troffenen Nachrichten hat sich daS Eis des Rheins bei Caub festgesetzt, und cs ist bei der fortdauern- dan Kälte zu erwarten, daß der Strom auch hier zu- fricren wird.
* Freiburg, 28. Dec. Herr v. Urin soll, nach dem „D. VolkSbl.", bei der Dieustübcrgabe die übliche Frage nach Geschäfisrückständen dabin beantwortet haben: „es sind durchaus keine Rückstände da, eS sei denn, daß die Maßregelung der pflichttreuen Priester dafür gehalten würde: diese muß ich meinem Nachfolger überlassen." — Der neue Stadtdirector bedurfte solcher Erinnerung nicht: er war ja gerade hierher gesetzt worden, damit er gegen die katholischen Geistlichen die November-Berordiinngen in Vollzug setze. Er zögerte damit auch nicht: schon sind sie alle zu Geldstrafen vernrtheilt worden, zur höchsten von 50 fl. der hiesige Caplan, Herr Rück, gegen den überdicß die Berweifung aus der Stadt ausgesprochen wurde. Aber interessanter Weise wurde letzterem gleichzeitig eröffnet, er könne noch hier bleiben, die Ausweisung werde gar nicht vollzogen werden, wenn er barum ansuche. Und als Herr Rück diese Zumuthüng mit Unwillen zurück« wies ° fand der Herr Sladtdireclor die begütigenden Worte: ich werde den Herrn Decan zu dem geeigneten Anträge veranlassen. Auch während des Verhöres fand er sich nicht veranlaßt, gegen irgend einen Prüster einen Tadel auszusprechen, als sie cinmülhig erklärten: sie : bellten mir ihre Pflicht gethan nnb würden treu dem I geleisteten Eide ihrem ehrwürdigen Erzbischöfe jeder Zeit 5 gehorsam sein.
In der Allgemeinen Zeitung erklärt der Obevamt» manu v. ChriSmar in Freiburg, daß seine Bedenkew ’ rücksichtlich dcs Strafverfahrens gegen bk unlergsord 1