Nassauische Allgemeine Zeitung.
^ 304. Dienstag den 27. Dmmber 1833.
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Die „Rassauischr AllftemklNk Zeitung" mit dem belletristischen Beiblatt „Der Wanderer" erscheint, Gonniaq« ausgenommen, täglich und betragt bei ^.änumerationÄgm^fiir Wiesbaden und , na» Cent neuen pauieguiatid nuum-di auch st den ganzen Umfang de« t6uru» und TariS'schen BerwaltungSbezirk« mit Jnbigriff de« Poftausschlag« 3 st., für die übrigen éänotr de« deutsch-österrtichnchen Postveeeiv«, wie für da« Ausland 2 st. 24 tr. — Inserate werden die viersvail.g« Betitlet!« oder deren Raum mit 3 kr. berechnet. — Bestellungen beliebe man in der Buchhandlung von W. Friedrich, banggaffe 43, auSwârt« bei den nächstgelegenti, Postämtern, zu machen.
Vie Votschast des Präst-euten Pierce.
Die Stelle über den Zwist mit Oesterreich lautet in der Botschaft des Präsidenten Pierce wörtlich, wie folgt: Martin Koßzta, von Geburt ein Ungar, kam im Jahr 1850 in dieses Land und declarirte seine Absicht in gesetzlicher Form ein Bürger der Bereinigten Staaten werden zu wollen. Nachdem er beinahe 2 Jahre hier geblieben war, machte er eine Reise nach der Türkei. In Smyrna wurde er mit Gewalt ergriffen, an Bord einer österreichischen, im Hafen liegenden Kriegs- brigg gebracht, und auf dieser in Ketten gefangen gehalten, mit der eingestandenen Absicht ihn nach Oesterreich zu bringen. Unser Konsul in Smyrna und unsere Gesandtschaft in Konstantinopel verwendeten sich für seine Freilassung, jedoch ohne Erfolg. Während er so gefangen war, kam Commandeur Jugraham mit dem Kriegsschiff der Bereinigten Staaten „St. Louis" in Smyrna an, und nachdem er über die näheren Umstände des Vorfalls Erkundigungen eingezogen hatte, kam er auf den Schluß, daß Koßzta auf bui Schutz dieser Regie- rung ein Anrecht habe, und traf sofort entschiedene Maßregeln zu seiner Befreiung. Kraft etneS Arrangements zwischen den Agenten der Bereinigten Staaten und Oesterreichs wurde er dem französischen Generalconsul in Smyrna in Gewahrsam gegeben, um darin zu verblei den bis durch ein gegenseitiges Uebereinkommen der daselbst residirenden resp. Konsuln über ihn würde verfügt werden. In Folge dieses Uebereinkommens wurde er in Freiheit gesetzt und ist auf dem Wege nach den Ber. Staaten (war dort schon angekommen). Der Kaiser von Oesterreich machte das Benehmen unserer Offiziere, die an dem Vorfall Theil nahmen, zum Gegenstand ernster Klage. Indem er Koßzta noch immer als seinen Unterthan betrachtet, und das Recht für sich in Anspruch NMMt, ihn innerhalb der Grenzen des türkischen Reiches gefangen zu nehmen, verlangte er von dieser Re gierung, daß sie den Gefangenen ausliefere, die Hand- lungen ihrer Agenten desavouire, und für die angebliche Beleidigung Genugthuung gebe. Nach einer sorg- fälligen Erwägung des Falles bin ich nun zum Schluffe gelangt, daß Koßzta ohne gesetzliche Befugniß in Smyrna verhaftet; daß er unrechtmäßiger Weise an Bord der österreichischen Kriegsbrigg fcstgehalten worden ist; raß er zur Zeil seiner Gefangennahme mit der Nationalität der Verein. Staaten bekleidet war, und daß unter diesen Umständen die Schritte unserer Offiziere zu rechtfer- Ligen waren. Ihr Benehmen ist auch von mir vollkommen gebilligt; und eine Gewährung der verschiedenen Forderungen des Kaisers von Oesterreich abgelegt worden. Was den genauern Bericht dieser TranSaclion und meiner Ansichten darüber betrifft, verweise ich auf die Korrespondenz zwischen dem Geschäftsträger Oesterreichs und dem StaatSsecretär, die ich hiermit vorlegt. Die Grundsätze und die Politik, wie sic darin von Seiten der Vereinigten Staaten ausgesprochen find, werben, wenn sich eine geeignete Gelegenheit trifft, «»gewendet und burchgcführt werden." Es ist die hier angeführte Stelle die einzige in der ganzen langen Botschaft, welche nicht allein Oesterreich, sondern auch die andern auswärtigen Regierungen unangenehm berühren muß, da die Verein. Staaten, trotz der Vorstellungen und völkerrechtlichen Einwendungen der europäischen Kabinette bei dem Entschlusse stehen bleiben, in ähnlichen Lor- kommniffen auf ähnliche Weise sich selber Siecht zu schaffen, d. h. einzelnen SchiffScapitänen das Recht zu überlassen , 'Krieg zu beginnen, und völkerrechtliche Fragen zu durchhauen. In allem Nebligen ist die Rede des Präsidenten versöhnender, gemessener und bescheidener gehalten als alle Botschaften, die wir in den letzten Jahren zu hören bekamen.
Aus der Botschaft des americanischen Präsidenten theilen wir noch folgende (die Schluß -) Stelle mit: „Das Anwachsen unserer Bevölkerung hat und auf einen Punkt geführt, wo es unsern Blick sich «uSbrei- ten zu lassen verlohnt. Der Census von 10 zu 10 Jahren seit Annahme unserer Verfassung hat. ein Gesetz stetig fortschreitender Entwicklung gezeigt, das sich kurzhin als eine Verdoppelung in jedem Vierteljahrhundert bezeichnen läßt. Dauert dieß Gesetz eine kurze Zeit fort, so muß es uns zu ganz unglaublichen Resultaten bringen. Eine allgemeine Annahme einer Verhältniße mäßigen Verminderung der Einwanderung wird die Schätzung nicht wesentlich herabsetzen (der Präsident zählt, außer auf die durch die neueren Fortschritte der
medicinischen Wissenschaften herbeigeführte, für die nächsten' 4.0 Jahre besonders fühlbare Verlängerung der der mittleren menschlichen Lebensdauer, namentlich auf die Einwanderung von Ostasien nach Westamerica); dies Bevölkerungsgesetz wird in den nächsten 50 Jahren fortdauern, und Tausende von Männern, die jeyt die Reife erlangen, werden dann ihr Auge schließen imAn blies einer Bevölkerung von mehr als hundert Millionen Menschen, umfangen von den majestätischen Umrissen der americanischen Union. Diese Betrachtungen haben wichtige practische Seiten für alle die politischen Pflichten, die wir zu erfüllen berufen sind. Bisher hat unser Regierungssystem in Miniaturproportion gewirkt im Vergleich zu der Entwickelung , die es in der Zukunst nehmen muß, welche kaum jenseits des Daseins der jetzigen Generation liegt. Es ist klar, daß eine an Zahl und Ausdehnung, an Sitten und Interessen so weite und verschiedenartige Konföderation sich ant in nanoua. lem Zusammenhang eihallen läßt di'rch die treueste Beobachtung der Grundsätze der Konstitution im Sinne der beschränktesten Konstruclion der allgemeinen Gewalten. Im Anschluß an diese Grundsätze fügt sich unser Grundvertrag von selbst leicht und frei der unbeschränkten Ausdehnung des so wohlthätigen Systems der föderativen Selbstregierung an, das unsere glorreiche und, ich glaube unsterbliche, Charte ist. Darum wollen wir mit doppelter Wachsamkeit auf der Hut sein gegen alle Versuche, zweifelhafte Gewalten zu schaffen , selbst wenn sie von zeitweiligem Vortheile wären. DaS mit der Anfrechthultung nationaler Einheit und wirksamem Auftreten in unsern Beziehungen zur übrigen Welt ver. trägliche Minimum von Bundesgewalt sollte Richtscheit und Maßstab der Konstruction unserer Gewalten unter Beobachtung der allgemeinen Bestimmungen der Verfassung sein." Unter weiterer Ausführung dieser politi- scheu Maxime und mit einigen biographischen Worten über den frühverstorbenen Vicepräsidentèn der Vereinig ten Staaten schließt die erste Botschaft des Präsidenten Franklin Pierce.
Dcutichland.
K Vom Lande, 24. Dec. Seit Menschengedenken hat der Wasserstand des Rheins keinen so niedrigen Standpunkt erreicht, wie in diesem Spätjahre. Eine Menge Felsen und Sandbänke, die kein mensch- licheS Auge in vielen, vielen Jahren gesehen, bieten sich den erstaunten Blicken dar. ES ist durch das anhaltend trockene Wetter in diesem Herbste, das diesen niedrigen Wasserstand herbeiführte, wegen der sehr er. schwelten Schifffahrt, ein Hauptbedürfniß für die mittleren Rheingegenden — nämlich Steinkohlen — nur in sehr ungenügenden Maße angebracht worden, weß- Halb bei dem früh eingetretenen Frost der Preis dieses Brennmaterials und mit ihm der des Holzes bedeutend (in Koblenz z. B. schon um das doppelte) gestiegen ist und — was noch nie geschehen —sogar die Braunkohlen vom Westerwald nach dem Rhein verführt werden. Ebenso macht sich in vielen Orten am Rhein ein großer Wassermangel bemerklich, da die meinen Blunnen durch den Rheinkies mit dem Rhein in Ver. bjnbung stehen. In Köln wild sogar, was unerhört ist, in den höheren gelegenen Sladllhcilen das Wasser verkauft. — Auf die Preise der Lebcnsmillel und besonders des Brodes kann dieser Zustand auch nur nach- thciilg einwilken, da allein schon durch das erschwerte Mahlen eine Preiserhöhung statlfindcn muß. Rechnet man nun noch hinzu, daß bei der eingetretenen strengen Witterung auch viele Erwerbsquellen in Stockung ge rathen , so müssen wir für die unbemittelten Klassen wieder einer schlimmen Zukunft entgegensehen.
Ludwigshafen, 20. Dee. Nach der „Pfälzer Zeitung" hat Dr. Jäger, der verantwortliche Herausgeber dieses BlatieS, der wie bekannt auf den 1.9. vor bad großherzogliche Hofgericht in Mannheim (Waben war, um sich gegen die Äiischuldiguug zu vcrai tmorten, baß er in der Presse die öffentliche Ruhe und Ordnung gefährdet habe, von München, wo er sich gegenwärtig' als LandtagSmilglicd befindet, ein ärztliches, unter andern auch vom dorligen badischen Gesandten legalisirteS Zeugniß eingesendet, laut welchem er gegen- wärtig die Reise hicher nicht unternehmen könnte. Da jedoch daS badische Preßgesetz eine Vertagung der an- beraumten Verhandlungen selbst für den Fall der Krankheit nicht zuläßt, so fand die Verhandlung gestern statt, und der Herausgeber deS gen. BlatteS wurde, dem Straf
antrag gemäß, in contumaciam zu vier Monaten Gefängniß und in die Kosten verurtheilt. Es steht ihm zwar das Recht zu innerhalb einer bestimmten Frist um Wiederherstellniig nachzusuchen, allein er muß sich zu dem Zweck persönlich vor Gericht stellen, d. h. eine Verhaftung riskiren, welche seine in Bekämpfung der Umsturzparteien geopferte Gesundheit auss äußerste gefährden würde. Er muß es daher ruhig hinnehmeu, heute als badischer Ruhestörer verurtheilt zu werden, während er zur schlimmsten Zeit in der conservativen Presse des HerzogthumS, und namentlich in der Karlsruher Zeitung, als sie noch unter Dr. Giebne'S Leitung stand, im entgegengesetzten Sinn gewirkt hatte. Im Jahr 1849 wurden ihm sogar wegen Bekampinng der Hecker- und Struve-Sympalbien die Fenster eingeworfen; in den Tagen als Tiütschler und Corvin in Mann« heim regierten, und als die meisten derjenigen, welche heute die Helden spielen, sich verkrochen hatten, batte er daselbst auf offener Straße — es leben Zeugen — badischen Unteroffizieren vom vierten Infanterieregiment ihr Unrecht eindringlich vorgehalten, sich gegen ihren Oberst empört zu haben uub ihrem Großherzog untreu geworden zu sein. Wer sich der damaligen Zustände erinnert, wird bemessen können, ob hierzu Muth gehörte oder nicht. (Dr. Jager, bemerkt die Redaction der „Allg. Z.", war zur Zeit des Aufstands in der Pfalz einer der wenigen Pfalzer, welche an die „Allg. Z." zu cvrrcspondiren wagten. Er that dieß fortwährend im conscrvatlvstcn Sinn.) Er wird sich über die Art der Vergeltung mit andern Männern zu trösten wissen, die damals in ähnlichem Fall waren, und heute gleichfalls als Aufwiegler behandelt werden.
Vor dem königlichen Zvchtpolizeigericht zu Franken- thal ist am 20. b. ein Prozeß verhandelt worden, der fast noch mehr als die zahlreichen Wucherprozesse von cullurgeschicktlichem Interesse ist. Auf der Anklagebank saßen vier Personen, ein Mann und drei Weiber auS der niedersten Classe, beschuldigt, zwei ziemlich wohlhabende Bauernfamilien durch Sck'atzgräberci um bedeutende Summen geprellt zu haben. Aus der Verhandlung ergab sich, daß die Sucht, reich zu werden, und eine grenzenlose Leichtgläubigkeit eine sonst wohlhabende, fleißige und gut beleumundete Familie in dem hessischen Grenzdorf Heppenheim so weit bekhört hatte, daß jene nichtswürdigen Subjecte anderthalb Jahre lang ihr betrügerisches Spiel mit ihr treiben, und ihr nach und nach 3000 Gulden «blocken konnten, unter der Vorspiegelung, im Keller des Hauses sei ein Schatz begraben, ber von Geistern bewacht werde. Die Zeit der Bannung oder Erlösung dieser Geister wurde von Monat zu Monat hinausgeschoben, aber jeder der oft wiederholten unter anscheinend religiösen Ceremonien vorgenommenen Versuche erforderte neue beträchtliche Opfer, die mit einer wirklich fabelhaften Abergläubigkeit so lange gebracht wurden, als nur das Geld aufzutrel- ben war. Bald mußte der Gcisterbanner ein fernes Kloster, bald diese oder jene Kirche besuchen, um die Nöthigen Ei sordernisse zum letzten Schlag beizubringen, mit dem ein ganzer Kessrl voll Gold aus der Tiefe des KeUerbolcnS steigen sollte. Die bethörten Leute mußten zuerst einen silbernen Becher kaufen, damit der Geist daraus trinken könne, später sollte es ein goldener sein. Der Geister wurden zwei, und für diese mußten zwei neue Hemden angeschafft weiden, die noch niemals in'S Wasser gekommen. Kerz.n wurden zum éftein im Keller angezündet, ein alter zerrissener französischer Roman gab das Zauberbuch ab, das aber bei Todesgefahr Niemand berühren durfte, wie denn auch der jähe Tod erfolgen sollte, wenn ein Glied der Familie nur ein Wort über all diese Vorgänge würde verlauten lassen. AlS aber das Geld zu fließen aufhörte, ließen Schatzgräber und Gehülfinnen nichts mehr von sich hören und sehen. Eine andere Familie in bey pfälzischen Dorf Asselheim bei Grünstadt, auch gelbsüchtig und abergläubisch wie jene, wurde.in ähnlicher Weise, doch nur um etwa fünfzig Gulden geprellt. Die blinkenden Rechenpfennige, die der Schatzgräber aus dem Kellerboden hob, iie aber vorerst Niemand berühren durfte, bis der ganze Schatz in seiner vollen Größe ge^ wachsen sein würde, steigerten den Glauben und du Hoffnung der Leute so, daß sie sich bereits erkundigten wie man die erwarteten 50,000 Gulden am sicherste! und voriheilhaftesteu anlegen könne. Indeß kam di unsanfte Hand der Justiz darüber her, und die ganz Geschichte endete für die Geprellten mit Verlust ihre