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Nassauische Allgemeine Zeitung.

â SSS Freitag dm 16. December 1853.

Die,,Nassauische Allgemeine Zeitung" mit dem belletristischen BeiblattDer Wanderer" erscheint, Sonntags ausgenommen, täglich und beträgt der PränumerationspreiS für Wiesbaden und , nach dem neuen Pastregulaiiv nunmehr auch ür den ganzen Umfang de« Ldurn, und Taris'fchen llterwaltungSbezirk« mit Znblgriff de« Postausschlag« 2 ff., für die übrigen Sander de« deutsch.österreichischen Postverein«, wie für da« Ausland 2 fl. 24 kr. gnferate werden die vierspaltig Petitzeile oder deren Raum mit 3 kr. berechnet. Bestellungen beliebe man in der Buchhandlung von W. Friedrich, Langgasse 42, auSwärtS bei den nächstgelegenen Postämtern, zu machen.

Zeitungslchau.

Die deutschen Großmächte und der Kirchenconflict in Ba­den. DerUnfall" bei Sinope: ein zweiter ReguluS.

** Die officielleOesterreich. Correspondenz" bringt in ihrer Nummer vom 13. Dee. einen Artikel über den Kirchenconflict in Baden, der unumwunden für den Erzbischof von Freiburg Partei nimmt. Bei der Stellung, welche dieses Blatt einnimmt, ist die Wichtigkeit Dieser Erklärung leicht zu ermessen und es steht zu erwarten, daß die dort ausgesprochenen Ansich­ten die verdiente Beachtung finden und zur Beilegung des bedauerlichen Conflictes führen werden. Der Ar­tikel lautet:Der im Großherzogthume Baden zum AuSbruch gekommene Conflict zwischen der Regierung und den kirchlichen Behörden, wobei es auf der einen Seite bereits zur Gefangennehmung und Bestrafung der ihrem Oberhirlen treu gehorchende» Priester, auf der andern zur Excommunication von Beamten kam, welche als Vollziehungsorgan der Regierung gehandelt haben, ist eine außerordentlich betrübende Erscheinung. Die Augen der katholischen Welt sind dorthin gerichtet; dife Sympathien, welche dem dort fürdieRechte der Kirche ringenden achtzigjährigen geistlichen Fürsten überall zu Theil wer­den, schlagen nicht minder warm und lebendig in Oesterreich. Kein Kampf ist der gesunden Entwick­lung eines Volkes, seiner Wohlfahrt, der innerlichen Kräftigung und der äußerlichen Machtstellung eines Staates verderblicher, als der Kampf zwischen den zwei Trägern der Autorität, zwischen Kirche und Staat; sol­cher bedarf am allerwenigsten unsere ohnehin so viel­fach kranke Zeit. Durch die Krisis der jüngstverflosse­nen Jahre hat das Uebel, an welchem Europa leidet, klar seine Natur, damit aber auch die für dasselbe be­sonders geeigneten Heilmittel geoffenbart. Sie liegen in der Kräftigung der Gewalt der Obrigkeit/ in einem unnachsichtlichen jedoch gerechten Gebrauche derselben, besonders aber in einer Erwärmung des religiösen Ge­fühls des Volkes, in der Wiederbelebung eines willigen im Bewußtsein der Pflicht geleisteten Gehorsams und der Pietät gegen die von Gott gesetzte Obrigkeit. Ein großer Theil dieser rettenden That ist Aitfgabe der Re­gierungen ; der größere fällt unläugbar der Kirche zu; ihr Gelingen aber ist nur möglich, durch vereintes, einver- ständlickeS Wirken Beider. Wenn die kirchlichen Behörden in der Absicht, diese ihre Aufgabe gerade jetzt, wo durch den vorausgegangenen Sturm das religiöse Bewußtsein neu geweckt wurde, zu erfüllen, dieses zu festigen und mehr und mehr zum Durchbruche unter allen Ständen und Klassen zu bringen und eine selbstständigere Stel­lung als sie bisher besaßen, anstrebend, die in dem Or­ganismus der Kirche begründeten Rechte 'in Anspruch nehmen, so erfüllen sie ihrerseits nur eine P ficht, so wie es andererseits ein Act der Gerech­tigkeit ist, diese zu gewähren und auch eine weise Politik genannt werden kann, wenn den kirchlichen Behörden freundlich, fördernd entgegengekommen, und nicht mit Mißtrauen und Hemmnissen entgegengetreten wird. Durch eine Anerkennung der Rechte der Kirche erwächst dem Staate nicht nur keine Gefahr für seine Rechte und seine Interessen, sondern cs ist diese die Bedingung zur Lösung der eigenen Aufgabe und eine von der allgemeinen Wohlfahrt gebotene Hand­lung. Es wäre zudem ungerecht, wenn in unserer Zeit den kirchlichen Behörden die Anerkennung versagt werden wollte, daß ihr Streben ein reines und nur auf Erfüllung dergroßen und heiligen Aufgabe der Kirche gerichtet sei. Jedem Wohldenkenden zwingt sich sich daher beim Anblicke des bedauerlichen Zwistes in Baden der Wunsch auf, daß dieser sobald als möglich beigelegt werden möchte. Wir theilen ihn mit der ge­jammten katholischen Welt. Ein Vorwärtsgehen auf der eingeschlagenen Bahn würde die Kluft nur noch weiter auseinandertreiben; Maßregeln der Gewalt kön- ncn zu keinem guten Ziele führen; für dieses bleibt uur der Weg des Entgegenkommens und der Verstän­digung offen. Möge dieses am geeigneten Orte erkannt und jener Pfad betreten werden, der allein zu einer dauernden und befriedigenden Regelung der kirch­lichen Verhältnisse Badens zu führen vermag.

Ueber die Stellung Preußens zu dieser Frage gibt das gestern mitgetheilte Schreiben des Cultusministers von Raumer an den Erzbischof von Freiburg Aufschluß. Preußen steht dem Kirchenconflict in Baden näher als . Oesterreich. Die preußischen Fürstenthümcr Hohenzol. lern, deren Bevölkerung zumeist dem katholischen Be­

kenntnisse folgt, gehören zu dem erzbischöflichen Sprengel von Freiburg. Die preußische Regierung ist schon da­durch verpflichtet, mit regster Theilnahme die Ent- Wickelung des katholischen Kirchcustreites zu folgen, auch wenn sie nicht durch ihre Gesammtstellung dazu vcrbun- den wäre; und sie hat dies auch anerkannt, indem sie der großh. badischen Regierung ihreguten Dienste" anbot. In dem Briefe, den wir gestern brachten, be­gegnen wir einer nicht unwichtigen Eröffnung über die Haltung, welche das preußische Ministerium in Aus- Übung dieserguten Dienste" 8u beobachten gesonnen ist. Diese Haltung ist eine zuwartende. Die Neue Preuß. Ztg." billigt diese Haltung. Sie bc- merkt: ^Es kann nicht in der Absicht liegen, die Hohen- zollernschen Laude in Bezug auf die Ausführung den Art. 15 der preußischen Verfassungs-Urkunde auf län­gere Zeit hin von der Gleichheit mit ihren ConfessionS- Verwandten in den alten Provinzen auszuschließen; aber andererseits rechtfertigen die dort existirenden,in wesentlichen Punkten verschiedenen" Verhältnisse die Ver­tagung eines entscheidenden Beschlusses zu sehr, als daß die Regierung sich für jetzt verpflichtet halten könnte, für die katholische Kirche in den Fürstenthümern plötz­lich Verwiüigungen und Anordnungen eintreten zu las­sen, die, wie sehr man ihre Ausführung auch wünsche, doch gegenwärtig nur geeignet wären, die Spannung, welche in Süddeutschland zwischen den Staaten und der Kirche herrscht, zu vergrößern, und uns wiederum dem billigen Vorwurfe von dorther auszusetzen, daß wir durch das Buhlen um fremde Gunst uns zu stärken versuchten!, heute auf Kosten der badischen Regierung und zu Gunsten der katholischen Kirche, wie einst zu Gunsten des Gothaischen Liberalismus. Und das sei ferne von uns." Wir denken besser von der preuß'schen Regierung, wir glauben nicht, daß solche kleinliche Rück­sichten die Regierung abhalten könnten, den gerechten Forderungen ihrer katholischen Unterthanen in den hohenzollerischen Landen gerecht zu werden; wir halten die in dem Schreiben des Hrn. v. Raumer angegebe­nen Gründe für- â- richtigen und bedauern, daß die Regierung so geraumer Zeit bedarf, um über die eigen- thümlichen Verhältnisse der Fürstenthümcr in das Klare, zu gelangen, indem gerade jetzt die Gleichstellung der dortigen Katholiken mit jenen der alter Provinzen von dem günstigsten Einfluß auf die kirchlichen Wirren in Baden sein müßte, weil dieselbe augenscheinlich bar? thuen würde, daß mit einer Erweiterung der Rechte der katholischen Kirche eine Entäußerung von Hoheitsrechten nicht verbunden sei und durch Zugeständnisse an die Kirche weder die Stellung noch die Wohlfahrt des Staates gefährdet werde. Das angelegene Gleichniß von Begünstigung des Gothaischen Liberalismus hinkt. Thue recht und scheue Niemand.

** Die Niederlage der Türken bei Sinope, sagt der Lloyd" wird zu einem Sieg für die Freunde des Fri- bens. Wären die Russen dort geschlagen worden, so hätte sich de: politische Horizont allerdings arg verfin­stert. Ein mäßiger Triumph der Russen ist in diesem Augenblick die sicherste Brücke, welche zum Frieden führt. Die defensive Stellung, welche die russischen Truppen seit dem Beginne der Feindseligkeiten eingenommen, hatte sie dem von Omer Pascha befehligten Heer gegenüber in eine Lage gebracht, welche kleine Erfolge deS letz­ter» auf eine sehr natürliche Weise erklären. Es stand immer zu besorgen, daß den Russen die Lust ankommen würde nicht ihres Vortheils, nur ihrer Ehre wegen, dem türkischen Heere einmal einen Besuch auf dem rechten Donauufer abzustattcn. DaS große Seetreffen bei Si­nope kommt nun zur rechten Zeit, um jede andere Re­vanche überflüssig zu machen. Alle die winzigen Vor­theile , welche die Türken sich in Europa und Asien zu- schreiben, zerfallen in Richs gegen die großen Resul­tate jenes Tages. Sie machen die russische Seemacht, der türkischen gegenüber, zur zweifellosen Beherrscherin des schwarzen Meeres, und verhindern jede Verstärkung der türkischen Positionen in Asten auf dem Seewege. So groß der gewonnene Vortheil für die Russen ist, so ist er glücklicher Weise ein nicht zu großer. Nicht ein solcher der sie verleiten könnte, früher gefaßte Entschlüsse aufzugeben und den Weg der Mäßigung zu verlassen. Hätten die Türken auch ihr letztes Schiff verloren, so wären die Russen Constantinopel nicht um einen Zoll näher gekommen, so lange die Flotten der Westmächte vor dem Bosporus liegen. Das Treffen von Sinope wird es dem Cabinet von St. Petersburg ermöglichen, seine gemäßigte Politik nicht aufzugeben. Die voll­kommene Genugthuung für den Rationalstolz Rußlands, welchen es gegeben hat, muß von jedem Freunde des

I europäischen Friedens mit Beruhigung angesehen werden.

In Constantinopel werden die verlorenen Fregatten der Friebenspartei wieder Gehör verschaffen. In Paris und London wird man aber in den maßgebenden Krei­sen das Ereigniß nicht als ein unliebsames betrachten. Man wird es dazu benützen, um die Friedensverhand- lungen zu beschleunigen, um der Aberdeen'schen Politik vor dem Zusammentritte des Parlaments durch ein gro­ßes Resultat eine glänzende Rechtfertigung sichern. Auch dieZeit" hofft nach dem Siege der Russen bei Sinope noch die Wiederherstellung des Friedens. DieTimes" dagegen betrachtet die Niederlage der Türken als das Signal zum allgemeinen Kriege und hält eine Intervention der Mächte für ein Gebot der Nothwendigkeit, einen Vernichtungskampf gegen Rußland für unvermeidlich. Sie sagt: Welcher Zweifel auch über das Seegefecht vom 30. November und über dessen Be­schaffenheit herrschen mögen, über die maritimen und po­litischen Consequenzen desselben können nur wenige Zwei­fel existiren. Der von den Russen errungene Sieg gibt ihrer Marine ein Uebergewickt im schwarzen Meere, wel­ches ihr bis jetzt von der Türkei streitig gemacht wurde, und erlegt den maritimen Alliirten der Pforte gebiete­risch die Pflicht auf, derselben den Beistand zu geben, dessen sie mehr als je bedarf. Wenn es sich nach ge­nauer Prüfung herausstellen sollte, daß das russische Geschwader einer Escorte begegnet ist, welche einen Trans­port von Waffen und Lebensmitteln für die astatische Armee beförderte, und die feindlichen Schifie bis Sinope verfolgte, so würbe bei dem gegenwärtigen Kriegszustände zwischen der Türkei und Rußland diese That noch eini­germaßen entschuldigt werden können; wenn aber, was gleichfalls wahrscheinlich ist, diese russischen Kriegsschiffe von Sebastopel abgeschickt wurden, um das türkische Ge­schwader nicht auf der vollen See, sondern in ihrem ei­genen befestigten Hafen ankernd zu verbrennen und zu vernichten, so würde dieses Benehmen des Kaisers von Rußland sich bis zur letzten Extremität eines Angriffs­krieges erheben; sie würde mit einemal die so ost, und selbst nach der Kriegserklärung der Türkei wiederholten Versicherungen: sich auf der Defensive halten zu wollen, Lügen strafen, und man kaun annchmen, daß ohne die Anwesenheit der englischen und französichen Flotte der Bucht von Baicos denselben Handstreich, welche die Russen gegen Sinope unternommen haben, gegen den Bosporus und gegen die Hauptstadt ausgeführt wor­den wäre......Der Vorfall des 30. Novemb. ver­nichtet unsere letzten Hoffnungen auf eine friedliche Lö­sung , denn wir können nicht die Meinung theilen , daß dieser Erfolg den Ehrgeiz und die Prätentionen Ruß> landS berabstimmen wird, und andererseits legt es den alliirten Flotten entschiedene Verpflichtungen auf. Da dieser Unfall, welchen die maritimen Ressourcen der Tür­kei erlitten haben, ihre Verbindungen mit Trebizonde und Ballum unterbricht, so ist es für deren asiatische Armee im höchsten Grade verderblich. Es wäre Alles verloren, wenn man die Herrschaft des schwarzen Mee­res in den Händen des Feindes ließe. Die englische Regierung und ihre Alliirten werden von dem Augen­blicke au, als sich diese Nachricht in ihrem ganzen Um­fange bestätigt, sich bei weitem entschiedeneren und wich­tigeren Anordnungen wie bisher zu beschäftigen haben, und wir hoffen mit Vertrauen, baß sich das englische Cabinet zu der Höhe der Erfordernisse der Krisis erhe­ben wird......Das englische Volk hat beschlossen, daß Rußland Europa keine Bedingungen vorschreiben und das schwarze Meer nicht zu einem russischen See macken soll. Es verlangt, daß eine ungewöhnliche 9iie? derlage der Russen eine Carriere der Heuchelei bestrafe und daß allen diesen selbstsüchtigen Angriffen ein Ende gemacht werde. Der Kaiser von Rußland, welcher den Krieg ohne Grund angefangen hat, verfolgt ihn ohne Scheu; es ist also die Pflicht der vier Mächte, welche sich kürzlich erst schriftlich verpflichtet haben, demselben ein Ende zu machen, alle nöthigen Maßregeln zu er­greifen, um zu diesem Ziele zu gelangen. (Diese Aus­lassung wird dieTimes" wohl nicht hindern, morgen oder übermorgen anderer Meinung zu sein.)

vom Kriegsschauplatz.

Ein Bericht aus Gal atz vom 5. d. M. bestätigt I die auf telegr. Wege eingetroffeuen Nachrichten über das Seegefecht bei Sinope. Der Jubel der Russen ; über diesen glänzenden Sieg war groß. Eine zweite I türkische Dampfftollillcn - Abtheilung von fünf Kriegs- : dampfern, worunter zwei Fregatten, wurde am 30. an ,

der Küste Kleinasiens von russischen Kriegsschiffen ge- i