Nassauische Allgemeine Zeitung.
Js: SS- Donnerstag den 13. December 1833.
Die „Nassauische Allgemeine Ztitunk" mit dem belletristischen Beiblatt „Der Wanderer" erscheint, Sonntag- ausgenommen, täglich und beträgt der Pränumeralionspreis für Wiesbaden und , nach dem neuen Poftregulati» nunmehr auch fit den ganzen Umfang des Ldurn- und Taris'schrn VerwältungSbeztrtS mit Inbtgriis des Hsstausschlags 2 st„ für die übrigen Länder des rentsch.österreichischen Postdereins, wie für das Ausland 2 fl. 2« fr. — Inserate werden die Niersrallix -etitjeUe oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. — Bestellungen beliebe man in der Buchhandlung non ilü. Friedrich, Langgaste 42, auswärt« be, den nâchstgelegeuen Postämtern, zu machen.
Jeitungs chau.
Der neue BermittelungSvorschlag. — Der Kirchenconflict in Baden. •— Der „Unfall" bei Sinope. — Schwedens VcrtheivigungSmaßregeln.
** In der ofterwähnten neuen Vermittelung-note, welche am 6. d. von Wien an Reschid Pascha nach EonAantinopel gesendet worden ist, erklären, nach einer Berliner Correspoiidenz der „A. A. 3 ", die zu der Wiener Conferenz vereinigten Vertreter, die Bemühungen der Mächte seien unausgesetzt dahin gerichtet, Mittel zur Ausgleichung der zwischen Rußland und der Türkei obschwebenden Verwickelungen aufzufinden. Die durch die Verwickelungen herbeigeführten Verhältnisse bildeten sür ganz Europa den Gegenstand ernster Be- sorgnisse. Den Mächten sei an der Beendigung von Feindseligkeiten gelegen, welche dem allgemeinen Frieden Gefahr drohten, deßhalb böten dieselben beiden streitenden Theilen ihre guten Dienste zur Herbeiführung einer gütlichen Einigung an. Die Versicherungen, welche der Kaiser Nikolaus wiederholt gegeben, schlössen die Annahme vollständig aus, als sei eS von Seiten Rußlands .auf eine Verletzung der für das europäische Gleichgewicht so bedeutsamen Integrität der Türkei abgesehen. Ebenso constatirten die Mächte auS den Versicherungen des St. Petersburger Cabiuets mit Vergnügen die Thatsache, daß aus dem gegenwärtigen Krieg in keine m Fall eine Veränderung in den Gebiets nmgrânzungen (circonscriptions territoriales) der beiden Reiche hervor gehen könne. (Die Wiener „Presse" erklärte, wie gestern erwähnt, daß von einer Einverleibung der Donaufür« stentbümer in das russische Reich in der Note nicht die Rede sei. Nach der vorliegenden Fassung der betreffenden Stelle ist von Uebernahme einer Verbindlichkeit für den Eintritt dieser Eventualität, worauf es der „Presse" wohl hauptsächlich ankommt, auch nichts erwähnt.) — Rußlands Forderungen bewegten sich nach seiner eigenen Darlegung lediglich innerhalb der Grenzen der frühern Verträge, und Rußland habe binzugefügt: daß, wenn es eine Bürgschaft für die Sicherheit und die Rechte Ler Griechen im türkischen Gebiet verlange, seine Absicht nicht dahin gehe, die Autorität desö Sultan« über seine christlichen Untertha« neu zu schwächen. Es handle sich hier blos um die Beseitigung von Unklarheiten und Doppelsinnigkeiten in den frühern Ucbereinkünftcn. Die Gesinnungen, welche die Pforte bei den letzten Verhandlungen an den Tag gelegt, bürgten dafür, daß sie bereit sei, ihre tractatmäßigen Verpflichtungen zu erfüllen, und Rücksichten auf die Angehörigen des Cultus zu nehmen, welchem der Kaiser mit dem größten Theil seines Volks zugethan sei. Die Pforte werde den Wunsch der Mächte zu würdigen wissen, durch ihre freundschaftliche Da« rwischenklinft für den Frieden zu sorgen, und wolle sich offen über die Bedingungen aussprechen, unter denen fie bereit sei, ihrerseits auf Fricdcnsverhandlungen ein« zugehen.
Merkwürdig ist es anzusehen, schreibt daS Halle'sche „VolkSblatt für Stadt und Land", wie sich die Partei- nähme für oder gegen im Streite der Regierungen und Bischöfe in der oberrheinischen Kirchcnprovinz gestaltet. So treten z. B. entschieden für die Bischöfe auf: ei- nestheils — trotz seines Namens — „der Protestant", das Organ der linken Schleiermacherianer oder bekciint- nißlosen Unionsfreunde, anderntheils auch die „süddeutsche Warte" das einzige christlich - conservativc Blatt, das Ra __ außer unserm Volksblatt — durch die März- stürme von 1848 hindurch erhalten Hal. Bei bilden Blättern — so total verschieden sie in ihrer religiösen Stellung sind, das eine rationalistisch, daS andere strenggläubig, ja fast abergläubig — bei beiden ist es daS Interesse der kirchlichen Freiheit, was allein ihre Sympathien so wendet. Auf der anderen Seite sieht man demokratische Blätter unbedingt den Regierungs- Maßregeln beispringen, und im schönsten Verein mit ihnen '„conservative" par excellence. So hält z. B. Lie Berliner „Zeit" (die übrigens in letzterer Zeit zu unserer Freude von neuem erklärt hat, nur sie selbst und nicht das Ministerium sei für ihre Urtheile verantwortlich) der Kreuzzeitung.eine Vorlesung über „revolutio- näre Gelüste", weil diese sich nicht einseitig für jene Maßregel,! begeistern kann, wittert „PuseyiSmuS" — „Krpptokatholizismus" — und Gott weiß was sonst noch. Wir haben schon bemerkt, das an diesem Gegenstände einmal wieder recht zu Tage kommt, welche bei- spiellose Begriffsverwirrung auch bei sonst leiblich unterrichteten Zeitgenossen herrscht, sobald eS sich um christ
liche und kirchliche Dinge handelt. Zwei kleine Beispiele aus den Leitartikeln des genannten BlatteS mögen dies deutlich machen. Die „Zeit" spricht mit Entsetzen von der Wicderheraufbcschwörung der mittelalter- terlichen Excommunicationen". WaS heißt das auf deutsch? Es heißt, die christliche Kirchengemeinschaft soll nicht das Recht haben, das jede Ressource und jeder Bürgerclubb im kleinsten Laudstädtchen hat und fortwährend cxercirt, nämlich Mitglieder auszuschließen, die sich seinen Grundsätzen und Regeln picht fügen. Man sieht daraus, wie schwer es sein muß, sich an den Ge- danken zu gewöhnen, daß die christliche Kirche irgend etwas anderes sei als eine Abtheilung deS Staats-Po- lizei-Departements. — Ferner den Spruch Apost. 5,29. („Mau muß Gott mehr gehorchen als den Menschen") und den Artikel XVI. unseres Angs. Glaubensbekenntnisse- (wonach man der Obrigkeit nur „in allem so ohne Sünde ge schchen mag" Gehorsam schuldig ist) dieses einige und u veräußerliche Palladium der Gewissensfreihe't auszu- sprechen, nennt die „Zeit" : „offen die Revolution predigen". Es ist dies nur möglich, weil dem Urtheilenden das Bewußtsein fehlt, daß es überhaupt für Gottes Gebot einen objectiven Maßstab geben könne. Einen solchen Maßstab Hal aber der Christ an der heiligen Schrift und an dem Consensus der Kirche, und namentlich ist dem Katholiken eine sehr greifbare Richtschnur gezogen, er braucht nur der Stimme seines Bischofs zu folgen. Freilich wenn es der subjeclivcn Beurtheilung jedes „einzelnen" überlassen sein wUte (wie die „Zeit" die Worte des Hirtenbriefes entstellend bemerkt) ob er in diesem und jenem Falle der Obrigkeit gehorchen solle oder nicht, das könnte man mit Recht einen revolutionären Zustand nennen; aus dem Hirtenbriefe des Erzbischofs von Freiburg und aus den Urtheilen der Kreuzzeitung kann man so etwas aber nur herauslesen, wenn man von den Voraussetzungen beider eben durch eine Kluft geschieden ist. Jeder wirklich c o n» ^ervative Mann muß besonders in jetziger Zeit einen Conflict aufs tiefste beklagen, der dazu beitragen muß, die Autoritäten, nicht ohne deren, eigene Schuld, zu erschüttern.
"Vergebens, sagt die „N. Pr. Ztg.", windet sich die „National Zeitung" und bäumt sich gegen den Stachel der Wahrheit, vergebens beweist die „Kölnische Zeitung" auf der ersten Seite ihres Blattes, daß die russischen Schiffe so schlecht wären, baß sie nicht See halten könnten; auf der letzten Seite desselben Blattes muß sie jedoch die Nachricht bringen _— glänzender Seefieg der russischen Flotte über die türkische bei Si- nopt. Wie schmachvoll sind wieder einmal die heillosen Renommistereien und Eulenspiegeleien der Demokraten und Türkenfreunde zu Schanden geworden I (Der Zweck des von den Ruffen angegriffenen türkischen Geschwaders, schreibt die „Nat.-Z.", war höchst wahrscheinlich, ans der Grenzstadt Waffen - und Lebensmittel für die asiatische Armee, vielleicht auch für die Cirkassier über- zusühren. Da dasselbe aus Transportschiffen bestand und kein einziges Linienschiff zählte, so war es selbst- verständlich der russischen Streitmacht nicht gewachsen. Festzuhalten ist jedenfalls, daß eben nur eine Abtheilung der türkischen Flotte unterlegen und so jeder Ver- gleich mit Navarino unstatthaft ist. Die türkische Hauptmacht befand sich nach den neuesten Nachrichten auS der Levante fortwährend vor Buhukdere, und war sogar eben durch 2 aus dem schwarzen Meere zulückkehrende Divisionen verstärkt worden, da die Segelschiffsahrl jetzt dort nicht unerheblichen Gefahren ausgesetzt ist. Tags zuvor, sagt die „N. Preuß. Z.", gab sie noch in ihrer Türkenfrcundschaft der unrichtigen Pariser Depesche den Vorzug vor der richtigen Wiener. Freilich muß sie nun heute früh die ausführliche Nachricht ans der „Oesterr. Correspoiidenz" geben, die wir schon gestern mittbeilten, und welche über den Sieg der Muffen keinen Zweifel läßt.) Doch zur Sache! Am 30. November tag der türkische Viceadmirat (Bahriölivaki) Osman Pascha auf der Rhede von Sinope. Sinope ist eine Stadt von etwa 10,000 Einwohnern, an der Küste des schwarzen Meeres, ungefähr Scbaflopol, der russischen Seescstung in der Krimm, gegenüber, auf dem halben Wege zwi- schen Trebijonde und Constantinopel, liegt auf einer Landzunge und wird durch zahlreiche Strandbatterie» vertheidigt. Am selben Tage erschien der kais. russische Viceadmiral Lazarus Nachimow, Commandirender der fünften Flottenstation (im schwarzen Meer stattoniren die IV. und V. russische Flottendivlsion), auf der Höhe von Sinope, griff die türkischen Schiffe trotz deS FeuerS der türkischen Strandbatterien (eine Strandbatterie zwang damals den „Christian VIII." und die „Gefion"
zur Streichung der Flagge!) an und vernichtete innerhalb einet Stunde die türkische Flotte, bestehend aus 7 Fregatten (10 Fregatten zählt die ganze türkische Flotte nur), 3 Korvetten (die ganze türkische Flotte zählt nur 6 Schiffe dieses Ranges), 2 Dampfern und anderen kleineren Schiffen so vollständig, daß kein Fahrzeug derselben mehr See halten konnte. Der türkische Viceadmiral Osman Pascha wurde gefangen, nachdem sein Schiff genommen war. Aber auch das türkische Admi- ralschiff konnte nicht mehr See halten, man mußte es auf offener See sinken lassen. Der russische Viceadmi- ral Nachimow kehrte nach Sebastopol zurück und sandte unverzüglich seine Berichte an den Admiral, Fürsten Menczikoff. Nach den bis jetzt vorliegenden Depeschen sind bei Sinope sechs kais. russische Kriegsschiffe im Gefecht gewesen.
** Die liberalen Zeitungen über ganz Europa, sagt die „N. Preuß. Z.", stoßen in ein Horn des JubelS über die in der schwedischen Thronrede angekündigten Vertheidigungsmaßregeln. Sie sehen darin einen Beweis für die russischen Eröberungspläne und erblicken in Schweden bereits einen „Alliirten gegen Rußland". Wenn Rußland gegen die pomphaft angekündigte englische Ostsee-Expedition mit zwei Divisionen seine Ost- seeküste» besetzt, so ist das in den Augen der Liberalen geschehen,' um Schweden zu erobern. Daß die englische Ostsee-Expedition das sein würde, wag Schwedens Neutralität zunächst gefährdet, davon wollen sie nicht« wissen. WaS Rußland „gesündigt" hat, wird sorgfältig immer und immer aufgewärmt. Englands „Sünden" werden verhüllt. Und doch ist Finnland bei der gegenwärtigen Lage der Dinge eine weit weniger schreckende Erinnerung für Schweden, als Kopenhagen 1801 und 1807. Schweden will neutral bleiben. Es hat aber für seine Neutralität ungleich mehr von England zu fürchten, als von Rußland. Rußland hat Ostseehäfen, England keine: also hat England zehnmal Mehr Jnter- effe, als Rußland, sich der schwedischen Häfen zu bemächtigen. Wenn wir recht unterrichtet sind, fo gibt es in Schweden überhaupt keine englische Partei, eher eine russische. Aber die Unabhängigkeit geht jedem Schweden über Alles. Wir wiederholen aber noch einmal: wer ist denn der furchtbare Eroberer? Rußland, daS seit 1815 etwa 500 Quadratmeilen persisches Gebiet und die erbärmlichen Donauinseln von den Türken erobert hat, oder England, das in derselben Zeit mindestens 10,000 Quadratmeilen in Indien erobert und allen Tractalen zum Hohn in Gegenden, die eS den schon 1815 schmählich beraubten Niederländern zuge- standen hat, Labuan und Singapore genommen hat? Man nenne unS in der ganzen Geschichte Rußland« Thaten, die mit dem Raube der dänischen Flotte, dem Opiumkriege vergleichbar sind. Wahrlich, die Engländer haben eben so viel Recht, von russischem Ehrgeiz und russischen Ungerechtigkeiten zu sprechen, wie die Römer von Punica fides!
Deutschland
1*1 Wiesbaden, 14. Decemb. Der Vorstand deS germanischen N a t i o n a l m u s e u m s zu Nürnberg hat den Hrn. ProcUrator Frhrn. von Schütz zu Idstein (Verfasser der Geschichte des Herzogthum« Nas« sau) zum Vereinsagenten für unser Herzogthum ernannt. Bei der erfreulichen Theilnahme , welche diesem nationalen Institute in allen Gauen des deutschen Vater« landcs gewidmet wird, — wofür sowohl die Empfehlung desselben von Seiten der hohen deutschen Bundesversammlung an .sämmtliche deutsche Regierungen zum Schutz und Untersuchung, als auch die hochherzigen Anerbietungen dreier deutscher Fürsten, welche dem Vereine großartige Locale in Nürnberg, auf der Veste Coburg und auf der Wartburg zur Verfügung gestellt haben, wie nicht weniger die Beiträge von Arm und Reich, von Groß und Klein sprechen, — steht es zu erwarten, daß auch unser Land nicht zurück bleiben, vielmehr jene Anstalt sich auch bei uns der wohlwollenden, patriotisch Mitwirkung aller Deren zu erfreuen haben wird, tz-tÄl dieEdre, Geschichte und wahreBildung des großen°dcuW scheu Vaterlandes am Herzen liegt.
* Wiesbaden, 13. Dec. Dem Vernehmen nach ist durch Decret herzogl. Mioisterialabtheilung des Innern dem Vorstande der diesigen deutschkatholischen Gemeinde auf sein Gesuch um Bestätigung des Predigers, Hrn. Karl Hiepe von Gichen eröffnet worden, daß gegen die Anstellung desselben nichts zu erinnern sei. In ähnlicher Weise war Hr. Hiepe auch in seinner früheren Stellung zu Hachenburg anerkannt worden.
* Aus Baden, 10. Dec. Nach dem „Schw.