Nassauische Allgemeine Zeitung.
TV' S»/ Mittwoch den 14. December 1833.
Die „Nassauischk Allgemeine Zeitung" mit dem belletristischen Beiblatt „Der Wanderer" erscheint, SonniagÜ ausgenommen, läglich und beträgt der PränumeraiwnSpreiS für Wiesbaden und , nach dem neuen Postregulaiiv nunmehr auch
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Jur orientalischen ^rage.
Die europäischen (Kabinette haben bisher in der That unverkennbare Zeichen ihrer Friedensliebe abgc« geben. Nichts wäre, sagt der „Lloyd", leichter für Frankreich wie für England gewesen, als den Krieg unvermeidlich zu machen. Rußland hätte vor Monaten nicht nur den Pruth, auch die Donau überschreiten können. Jede der Großmächte wäre im Stande gewesen, den Frieden und die Friedensunterhandlungen, welche heute gepflogen werden, unmöglich zu machen. Nie ist eine Thatsache klarer zu Tage gelegen als diese, daß sämmtliche Großmächte den Frieden wollen. Ein Krieg wider Willen ist nichtsdestoweniger entstanden. Die Tücke des Zufalls hat dem ehrlichen Willen der Mächte ein Paroli gebogen. Ein Wust kleiner Ursachen, hier etwas Stolz, dort etwas Mißtrauen, hier ein wenig verletzte Eigenliebe, dort ein wenig Furcht vor einer parlamentarischen Opposition sind die Faktoren gewesen, welche Zoll bei Zoll, Schritt bei Schritt Europa der großen Gefahr näher gebracht haben. Wie sie aber mehr und mehr in ihren wahren Dimensionen erschienen, dem Auge näher gerückt, der Hand greifbarer geworden, war der Entschluß der Mächte entschieden, die Erhaltung von Europas kostbarstem Gute nicht mehr dem Zufall oder der hohen Einsicht eines Veziers, dem tiefen Wohlwollen eines Pascha anzuvcrtrauen. Von Rußlands Seite ist man jetzt sicher, daß kein kleinlicher Grund, kein eigennütziges Motiv, kein unzurechlfertigcn- des Verlangen der Wiederherstellung des Friedens entgegen stehen wird. Einmal schon hatte der Czar es den europäischen Großmächten überlassen, selbst die Be- dingungen zu bezeichnen, unter welchen Rußland Willens sein würde, Frieden zu schließen. Wir haben die besten Gründe, zu^glauben, daß Kaiser Nicolaus heute eben so gut wie damals Willens ist, die Pflicht zu erfüllen, welche er dem christlichen Europa schuldet, und so lange es vermieden werden kann, durch keinen seiner Acte den Weltfrieden dauernd zu unterbrechen. Auf der andern Seite ist es aber auch selbstverständlich, daß Europa nickt aus dem Divan die Entscheidung über sein Schicksal crfließcn lassen kann. Die türkischen Würdenträger, respektable Leute, wie sie sein mögen, werden kein Recht haben, es den europäischen (Kabinetten zu verübeln, wenn sie die Entscheidung über eine europäische Frage nicht in ihre Hände legen. Der Halbmond herrscht nicht in diesem Welttheile, und der Sultan wird fernerhin eben so wenig zu bestimmen haben, was in London und Paris, als was in Wien und Berlin zu geschehen Hat. So wie man in Con- stantinopel merkt — und merken wird man eS — daß europäische Bundesgenossen nicht etwa wie egyptische Hülfsvölker zu tractircn sind, die man nach Belieben diesen oder jenen Dienst verrichten läßt, wird das Haupthinderniß des Friedens weggeräumt sein.
Das eben macht die jetzt angeknüpflen Friedens»«, terhandlungen so hoffnungsvoll, daß die unangenehmen Erfahrungen der letzten Monate die Mächte über die wirklich dem Frieden entgegenstehenden Schwierigkeiten aufgeklärt haben. Die Einigung der vier Mächte in dem Maße, wie sie heute besteht, wäre unmöglich ge' wesen, falls nicht das Verständniß vorausgegangen, daß in letzter Instanz es dem Divan nicht in die Hände gegeben werden solle, den europäischen Frieden zu com- promittiren. Wenn diese Freunde der hohen Pforte ihr einen Frieden vermitteln, der nach ter Ersteren Meinung ein annehmbarer und ehrenvoller ist, so haben sie als Bundesgenossen jener Macht ihre ganze Pflicht erfüllt. Es'ist die Aufgabe der Mächte, dafür Sorge zu tragen, daß eine ungerechtfertigte Kriegslust der Pforte von ihrer Seite nicht Unterstützung finde. Wenn man aber in Constantinopel die neue Lage der Dinge merkt, so sind wir überzeugt, daß man sich ihr bequemen wird. Die kriegslustige Stimmung der türkischen Staatslenker hatte doch einzig in dem Umstande ihre Ursache, daß sie sich beredeten, rückhaltlos über die HülfSqueUen der Westmächte verfügen zu können.
— Die bereits erwähnte Anrede Lord Redcliffe's an den Sultan (ein offenbares Präludium zu der neuen Wiener Note) lautete vollständig: „Indem ich Ew. Maj. den Admiral und die Hauptleute deS Geschwaders voistelle, welches meine gnädige Monarchin ans den Wunsch Ew. Maj. und im ©inflanfl mit dem Kaiser der Franzosen, dem mächtigen Verbündeten Ihrer britischen Majestät, gesendet hat, um die Rechte und die Unabhängigkeit dieses befreundeten Reiches zu schützen erfülle ich eine eben so ehrenvolle als erfreuliche Pflicht für sie und mich. Ihre Gegenwart bei einem so au
ßerordentlichen Anlässe zeigt, wie weislich Ew. Majest. und ihre Regierung die Freundschaft der britischen Nation gewürdigt und auf deren Sympathie gerechnet haben. Solche ebelmüthige Gesinnungen, die zugleich so eifrig dahin streben, die Freundschaft beider Staaten noch mehr zu befestigen, müssen noch in hohem Grade durch das gerechte und erleuchtete Wohlwollen, das in der Verwaltungspolitik Ew. Maj. so sehr hervortritt, gesteigert werden. Die britische Regierung wird nicht •nur in der 'erfolgreichen Aufreckthaltung eines großen europäischen Princips den Lohn für so viele Opfer ju-- chen, welche sie noch zu bringen veranlaßt sein könnte, indem sie zum Schutze der Türkei gegen einen nicht hervorgerufenen Angriff beiträgt. Sie überwacht mit gleicher Festigkeit die Wohlfahrt und die Kraft, welche Ew. Maj. in der ganzen Ausdehnung Ihrer Gebiete erlangen müssen, rociu Sie ein System des vollkommenen , obgleich allmählichen Fortschrittes gegenüber allen Classen und im Interesse Ihrer Unterthanen zur Ausführung bringen. Doch die Hoffnung, welche sie nie aufgibt, so wie der unmittelbare Zweck ihres wirklichen Beistandes ist der Friede; gewiß nicht ein scheinbarer und vorübergehender, sondern ein Frieden, welcher durch einfache Mittel, auf fester, ehrenhafter Grundlage, ohne Nachtheil für irgend eine andere Macht, die Hohelts- rechte Ew. Maj. und die Unabhängigkeit Ihres Reiches feststellen würde. Einen solchen Frieden sobald als möglich zu erzielen, ist, wie ich verauSsetzcn darf, der lebhafte Wunsch Ew. Maj., so wie er der auf's Eitrigste von Ihren Verbündeten empfohlene Punkt ist. Ich würde glücklich sein zu vernehmen, daß dieser Gegen- stand bei den Ministern Ew. Majestät im Geiste einer beständigen Mäßigung gebührend gewürdigt und lebhaft ermuntert würde."
Der Großherr crwiederterte: „Zuvörderst danke ich dem Gesandten, daß er mir das Vergnügen verschafft hat, den Herrn Admiral und die HH. Offiziere seiner Flotte zu sehen. Da in den gegenwärtigen Verhältnissen das Hiersein der englischen Flotte unter dem Befehle eines so ausgezeichneten Admirals ein augenfäl' Liger Brwe.v der Frädschaf oer Königin voL Kroß- britanien , meiner mächtigen Verbünv'etèü , ist, so bis re ich den Gesandten, ihr dafür meinen Dank auSzudrücken. England hat bei vielen Gelegenheiten zahlreiche Beweise von Wohlwollen gegen mein Reich gegeben, ich zweifle daher nicht daran, daß eS mit allen Mitteln, die meine Unabhängigkeit und meine SonvcrâuelätSrechle angreifenden ungerechten Forderungen Rußlands bekämpfen wird. Die ganze Wett wird sehen, welche außerordentlichen Vortheile von einer starken und wohlwollenden Macht wie England und den Sympathien eines gereckten, erleuchteten, edelmüthigen Volkes wie die englische Nation hcrvorgehen können. Was den Frieden betrifft, । so wünscht ihn meine Regierung so gut wie die andern; aber eben so sehr, daß er ehrenvoll und mit meinen SouveränetätSrechten vereinbar sei. Was die Verbesserungen und das Wohl meiner Unterthanen angeht, so ist Ew. Exc. besser als sonst irgend jemand im Stand, meine Gesinnungen in diesem Betreff zu kennen." Daß diese Rede Lord Redcliffes ein Ereignlß ist, braucht man kaum zu sagen. England will, hat der Lord dem Pa- dischah gesagt, daß die Pforte aufrichtig die Bahn des Fortschrittes betrete, und die Gleichberechtigung aller Unterthanen zur Wahrheit macke. Davon hängt das Wohl und die Macht — die Existenz des Reiches ab. Bekanntlich hat Lord Redcliffe kürzlich derartige Fo.de- rungen an die Pforte gestellt. Er benützte diesen Anlaß'um dem Sultan persönlich neuerdings die Sache an's Herz zu legen. Der Großherr gab, wie man sieht eine ausweichende Antwort.
— In Constantino pel will man von einem neuen Acten stücke des Kaisers Nicolaus wissen, welches eine sehr schwache Färbung haben und nicht undeutlich die größte Reserve, ja Furcht vor den Westmächten durchblicken lassen soll. Diese Mittheilung stimmt vollständig mit den Angaben der „Times" und des „Monuug-Cbro- nicle" überein, nach denen ebenfalls der Kaiser von Rußland die größte Furcht vor den Westmächten haben und nur nach einer Gelegenheit begierig sein soll, sich aus der Klemme zu ziehen, in die er durch den nun in , Ungnade gefallenen Fürsten Menzikoff gebracht worden ist. — Für gewisse Seine, sagt die N. Pr. 3 / mögen alle diese Neuigkeiten, die von den englischen Blättern mit beneidcnSwerthcm Ernste ihrem leichtgläubigen Publicum aufgefrifckt werden, nicht ohne vielfaches Interesse sein: zu bedauern ist nur, daß sie nicht wahr sind. Für unS aber ist die Bereitwilligkeit, mit welcher diese Lügen nachgedruckt werden, ein Beweis
von der gänzlichen Unzurechnungsfähigkeit gewisser Blätter; die gern den großen Ton in der Politik anschlagen möchten, ohne jedoch die geringste Kenntniß von den einschlägigen Verhältnissen zu besitzen. Sie kennen ebensowenig den Cbaracter des russischen Kaisers als die Intentionen des russischen Cabinets, sie deuten sich die Politik Oesterreichs und Preußens, wie cs ihnen eben einfällt, schließen Alliancen, lösen Freundschaftsverhältnisse, erklären Krieg oder Frieden, wie es ihnen eben gutdünkt. Ist die Behauptung nicht mehr als thöricht, daß Oesterreich eher das äußerste Mittel des Krieges sich gefallen lasten würde, als seine Zustimmung zur Einverleibung der Donaufürstenihümer in das russische Reich zu geben? — als wenn Oesterreich nicht schon längst in dieser Hinsicht durch die directe Erklärung des Kaisers Nikolaus beruhigt worden wäre. Unbegreiflich bleibt es aber, wie man die sikebel-Politik bis zu der Behauptung treiben kann, daß Rußland nachzugeben Willens sei aus Furcht vor den Wcstmächteu, während es doch gewiß ist, daß der Kaiser Nikolaus auch in neuester Zeit seinen Entschluß in Betreff der an die Türkei gestellten Fo>dcrungen nicht aufgegeben hat, wodurch sich von selbst das Gerücht von der „Ungnade des Fürsten Menzikoff" als eine alberne Erfindung heraus- stellt. -- Die Stellung Oesterreichs und Preußens zu Rußland hat sich, dessen darf man überzeugt sein auch in letzterer Zeit nicht verändert, und Diejenigen sind schlecht unterrichtet, die da das Reckt zu haben glauben, die Behauptung aussprechen zu dürfen, Rußland könne darum dem Kongreß Projekte nicht beistimmen, weil cs fürchten müsse, in allen Fragen überstimmt zu werden. — Wenn wir gut unterrichtet sind, fährt das genannte Blatt fort, enthält der in Wien am 5. Dec. abgeschlossene Vertrag zwischen den vier Mächten Preußen, Oesterreich, England und Frankreich nichts, was nicht der Kaiser von Rußland hätte mitunterschreiben können. Die vier Contrahenten verpflichten sich, nicht zuzugeben, daß die beiden Donaufürstenthümer von der Türkei abgerissen und Rußland einverleibt werden; aber der Kaiser von Rußland hat ja selbst oft genug erklärt, daß er ^me Gebictsverändcrungen anstrebt. Die vier Großmächten verpflichten sich, moralisch zm intrrvnnren, um den Frieden herzustcUen; dieß aber thun sie ja schon seit sechs Monaten. Im Gegentheile dürfte jene Convention auch die beiden Seemächte England und Frankreich verhindern, sich vom Sultan ferner in» Schlepptau nehmen und ihre Flotten ins schwarze Meer laufen zu lassen.
— In Constantinopel hat die Pforte bis jetzt die Bildung j förmlicher Flüchtlingslegionen nur für Asien zugestanden, obgleich im Heere Omer Pascha'S Rimberte von europäischen Volontärs und Amateurs sich finden sollen. Die TimeS stellt aber jetzt in Aussicht, daß in kurzem die Flotten und Bataillone Englands und Frankreichs mit Polen und Magyaren Hand in Hand geben werden, um Rußland das Gesetz zu bictiren. Noch vor wenigen Tagen hatte sie Kossuth — zum fünfzigstenmal! — dafür abcapitelt, daß er ein allgemeines Aufgebot der Völker gegen Rußland und Oesterreich predige; jetzt mahnt sie -*— an demselben Tag, wo sie die Italiener warnt, nach dem Meffer zu greisen — die Polen und Ungarn zum nahen Heerzug auf, an den sie selbst am wenigsten glaubt! Während die englischen Seeleute bis jetzt am Bosporus noch niemand weh gethan haben, als den Wein- und Scknäppsflaschen,, indeß die russischen Schiffe in dec Nähe türkische Dampfer kaperten und das Geschwader Osman Pajcka's ins Meer senkten, zeigt die Timeâ dem Sultan Kossuth und Czartoryski als neue Helfer in der Noth. Man sieht, die Times ist bereit, alle KriegSfuricn loszulassen. Die „Köln. Ztg." jubelt über die neueste Bekehrung der Times, in einem Artikel mit der pomphaften Ueberschrift: „Dcr Sieg der Wahrheit."
Der Tieg der Wahrheit ist der Kölnischen Zeitung die Anerkennung des von ihr ausgestellten Satzes, daß die Engländer und Franzosen, ohne die Slückpfortcn ihrer Linienschiffe zu öffnen, bloß ihre Flagge aus dem schwarzen Meer zu zeigen brauchten, um Rußland zu- samckcnMcken und zu den Füßen des Sultans zu sehen. Im Sieg des Halbmonds bräche also auch der Sieg der Wahrheit leuchtend durch. Wir gönnten der Kölnischen Zeitung, sagt die A. A. Z., den Triumph zu erleben, daß die Türken , nach der alten Sage , ihre Rosse am Rhein tränkten, wie einst ihre Vorgänger in der „Civilisation", die Sckaarcn Attila's. Die Kölnische Ztg. hat den Staatsstreich des zweiten Decembers als eine Rettung Frankreichs begrüßt. Auf dem linken Ufer Napoleons III. starke Hand, auf dem rechten Abd-