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Nassauische Allgemeine Zeitung.

TVt SSS Dienstag den 13. December 1833.

Die,,Raffau»»k Allftemeine Zeitung" mit dem belletristischen BeiblattDer Wanderer" erscheint, Sonntags ausgenommen, täglich und beträgt der Prânuwerationspreis für Wiesbaden und , nach dem neue, Postregulaii» nunmehr «4 fr den ganzen Umfang des Cburn» und TariS'schen Verwaltungsbezirks mit Inbegriff des Postausschlag» 2 fl., für die übrigen Länder des deutsch-österreichischen PostvereinS, wie für das Ausland 2 fl. 24 fr. Inserate werden die »ierspaltig 9«i theile oder deren Naum mit 3 kr. berechnet. Bestellungen beliebe man in der Buchhandlung von SB. Friedrich, Langgasse 4^, auSwärtS bei den nächstgelegenen Postämtern, zu machen.

Vom Kriegsschauplatz.

Ein, wie es scheint, strategisch gebildeter Bericht­erstatter derA. A. Z." skizzirt die Stellung der bei­den feindlichen Armeen an der Donau. Dieser Bericht gestattet einen Blick in die Operationsplane der zwei Feldherren und dürfte einen kleinen Beitrag zur Orien« tirung auf dem Kriegsschauplätze liefern. Fürst Gort- schakoff, sagt der Bericht, bat seine für die Defensive bedingten Stellungen verstärkt, nicht verlassen. Er muß jeden Schritt vermeiden, der als offensiv betrachtet wer» den könnte, insolauge die in drei Heersäulen anrücken­den Truppenverstärkungen auS den rückwärtigen russi­schen Provinzen am Kriegsschauplatz nicht eingelroffen sind. Was den Operationsplau des türkischen Feld- Herrn betrifft, so macht wegen der bedeutenden AuSbrei- tung der Donaulinie und der nothwendig gewordenen Besetzung des großen und kleinen Balkans die jetzige Jahreszeit eine engere Truppenzusammenziehung unmög­lich. Uebrigcns sind die von der türkischen Armee für den Winter besetzten Positionen, da wo die Verpflegung durch Requisition herbeigeschafft werden soll, schon aus Mangel an Lebensmitteln unhaltbar. Omer Pascha muß dies alsbald nach seinem Rückzug auS Oltenitza erkannt haben, denn zuverlässigen Nachrichten von der untern Donau zufolge hat abermals ein Vorgehen der türkischen Armee an die Donau stattgefunden , und cd werden starke Expeditionen gegen Rassova, Silistria und Rustschnk - Gilirgcvo entsendet, um die russischen Besatz­ungen unablässig zu beschäftigen, eine größere Zusam­menziehung der Russen bei Krajova zu vereiteln, gleich­zeitig aber den ganzen linken Flügel des türkischen Heer reS nach Kalasat vorrücken zu lassen Es blieb in der That dem türkischen Feldherrn nur die Wahl übrig, Kalasat entweder zu räumen, um die dort exponirten Truppen bei der allenfallsigen Möglichkeit, daß die Do­nau früher oder später nicht praktikabel werden dürste, * jurückzuziehen, oder sie so zu verstärken, daß er seine Offensivbewegunge» von der westlichen Seite der klei­nen Walachei auS leiten könne. Omer Pascha glaubte das letztere wählen zu sollen, und in diesem Augen > blicke befindet sich der ganze linke Flügel der türkischen Armee (36,000 Mann) in Kalasat. Diese Operation der türkischen Armee bietet unbestreitbar viele tactische und strategische Vortheile und die Stellung bei Calafat wurde den Türken halb und halb erleichtert von den Russen selbst, die ihre Verstärkungen erwarten. Welche Folgen aber entstehen dürften, wenn Osten-Sacken auf dem Kriegsschauplatz eingetroffen sein wird, läßt sich leicht ermessen^ Der operirende Theil des linken türki schen Flügels zieht jetzt schon die volle Aufmerksamkeit deS russischen Feldherrn, aus sich: an ein Vorgehen der Türken gegen den Alutafluß ist nicht zu denken, die Siel lung bei' Calasat ist und bleibt aber eine ernste Diver- [ton. Daß daher die Russen von Krajova aus ebenfalls vorgehen müssen, liegt auf der Hand und die enspre- chenden Operationen dürsten nächstens beginnen, wenn anders das trockene Wetter anhält. Inzwischen erfah­ren wir, daß über den üppigen Saatenseldern der Wa­lachei eine herrliche Schneedecke gebreitet ist, welche ^je­des Manövrireu der Truppen sehr schwer, fast unmög­lich macht.

Von der Donau sind keine neuen Berichte tin­getroffen. Die eingetretene Waffenruhe ist nicht weiter gestört worden und auch bei Giurgcvo hat das Feuer ganz aufgehört. Die Spitäler in Bukarest sind noch immer überfüllt und es gehen beinahe täglich Trans­porte von Verwundeten nach Fokschan ab, von wo sie dann nach Rußland befördert werden. Turnn Severin halten die Türken mit 5000 Mann besetzt; die Nach­richt, daß die Russen diesen Platz befestigt hätten, er­weist sich demnach als unrichtig. In Krajova befindet sich Alles im StatuSquo, die Türken stehen ungefähr eine halbe Meile von dieser Stadt entfernt und haben hier Verschanzungen aufgeworfen. In den letzten Tagen des vorigen Monats fand an diesem Puncte ein Vor­postengefecht statt, welches in mehreren Berichten aus­wärtiger Zeitungen als förmliche Schlacht figurirt. Tie Türken mußten sich zurückziehen, ohne jedoch von den Russen verfolgt zu werden, die sich damit begnügten, die von erftern aufgeworfenen Verschanzungen zu zer­stören. Die Witterung ist seit Anfang December eine günstige, die Regengüsse haben aufgebört und ist eine wohlthucnde Kälte eingetreten, da sie die Communica- tiouen wesentlich erleichtert.

Von der untern Donau, 26. Nov., schreibt man derMedic. Wochenschrift": Seit eilf Tagen folgt ein neuer Zuzug von Truppeucorps dem andern, meistens

Freiwillige aus Kleinasien und Syrien, auch noch In- sulaner und Egyptier, welche letztere in ihren bessern, dauerhaften blauen Monturen hervorstechen. Diese Truppenzüge liefern sehr viele Mitrode und Marodeurs; jene erholen sich bei guter Kost und warmem Lager bald von Katarrhen, Rheumatismen , Diarrhöen und ge« schundenen Füßen, und werden sodann auf unsern para­diesischen Holzkarren mit Ochsenpost nach den Donau­stationen vorgeschoben; die Morodeurs aber sind ent­weder Heimwehkranke eine beträchtlichere Zahl, als man nach dem eigenthümlichen Familienleben der Mos- lims meinen sollte odet schlechte Subjecte, welche unserer Sache nicht dienen und den Strapatzen auf alle erdenkliche Weise ausweichen wollen; man hat keine Ah nung von den schlauen Kunstgriffen, womit sie den Bujuk (Aufseher) und den Hekim - (Arzt) Baschi zu täuschen suchen und häufig auch zu täuschen verstehen. Seit die Passage mit Varna und Schumla hergcsteUl ist, ziehen alle CorpS die längst angekündigten Verstär­kungen an Mannschaft, Monturen, Proviant u. s. f. im reichsten Maße an sich, und unsere Donaustationen er­halten aus doppelten Richtungen treffliche Vorrälhe für mehrere Monate. Die Erkrankungen nehmen seit der verflossenen Woche wieder zu, indem Lungenleiden und Augenentziludungen zu den alten Krankheitsgrup­pen hinzutraten; die Cholera nimmt stetig ab, und mit einiger Verwunderung lesen wir in dem uns sowohl auf dem Donau- als auf dem schwarzen Meereswege zukommenden Blättern von der Pest, die hier ausge- brochen sei; ohne Zweifel hat man den Typhus so be­nannt. Neben den zahlreichen eingetroffenen italieni­schen, griechischen und armenischen Aerzten haben wir nun auch einige englische und französische erhalten, die zusammen mit den schon früher angelangten deutschen, polnischen und ungarischen Aerzten daS nämliche Quod­libet von Nationen vorstellen, das in den Offiziers- und Volontärcorps repräsentirt ist. Am besten ist der ärzt­liche Dienst in den ägyptischen Bataillons organifirt, die meistens italienische Aerzte und Apotheker, und da­neben gut abgerichtcten Heildiener besitzen; der ägyp tische Saldat medicinirt auch bereitwilliger und läßt sich lieber operiren alS der echt türkische. Mit den neuen Zuzügen ist der Stand der Balkanarmee auf 205,000 Mann gebracht, wovon 45,000 Mann auf der Vorhut in Widdin und Calafat verwendet sind; die stärksten Truppcnstatioiikn sind übrigens die Donau­häfen, und das flache Land unterbringt nur sehr wenige, meistens irreguläre Corps. Daß wir trotz den zahl­reichen täglich ankommenden Aerzten dennoch eine so große Armee nicht versorgen können, versteht sich von selbst. Die Hauptstraßen von Schumla nach Matschin, Turtukai, Sillstria, Rustschuk, Nicopoli und Widdin sind mit vieler Reiterei besetzt, die sich seit vierzehn Tagen namhaft vermehrt hat. Unsere ganze Ausstellung bet rcchtigt zu dem Schluffe, daß unser wohlgewicgter Feld- Herr Omer Mascha noch auf wenigstens drei Puncten die Donau überschreiten, und in den ihm wohlbekann­ten Hauptrichtuugcn die Fürstenthümer besetzen wird; dann sind auch wir mit Spitälern besser versorgt, und können die walachischen Aerzte in ben Städten benützen, benn daß wir auf dem linken Donauufer sehr beliebt sind, davon zeugen unter andern die reichlichen Provi­ant» und Provisionssendungen aus Calafat in der Hei* neu Walachei, noch mehr aber die häufigen, unter dem Schutze deS Nebels und der Nacht und zukommcnden Waarenpakete vom linken Ufer, in deren einem ich letzt­hin meinen guten Wiener Raps erhielt. Die Balkan- armee erhält ihren Sold in klingender Münze, worunter viele österreichische Silberzwanpger (4 Piaster), Silber- zehner und neuerlich auch Sechser; auch in k. k. Duka­ten und Kupsevscheidemünze wird vieles ausgezahlt.

Von der türkischen Grenze, 3. Dec., berich­tet eine lithogr. Corrcjp.:Seil vier Tagen hat sich strenger Winter eingestellt, auf wenig Schnee trat eine Kälte ein, die das Thermometer bis auf 8" unter Null sinken ließ. Nichts desto weniger dauern die Truppen- züge der Russin nach dem Süden noch immer fort, und in Kurzem muß das linke Tonauuscr durch eine starke militärische Vorpostenkette gegen die raschen Ueber« fälle von türkischer Seite so ziemlich gedeckt sein. Die Bewohner hoffen, daß wenn auch kein Waffenstillstand, doch wenigstens eine Waffenruhe für einige Zeit eintie= teil werbet und schwerlich dürfte, wenn mchl einer der beiden Gegner sich arge Blößen gibt, ein bedeutenderes Ereigniß die eben auf dem Kriegsschauplätze eingetretene Ruhe stören, beginnt doch bereits der Arnold fein gewichtiges Wort in dieser Angelegenheit mitzureden.

Wer ist der Kriwick? ES ist der Sturmwind, weU

cher mit seinen eisigen Flügeln aus der rüssischen Steppe sich erhebend, mit fürchterlicher Gewalt über die weiten Ebenen der Walachei und des gegenüberliegenden Bul­gariens daher braust, bis sich seine Kraft endlich an den schneebedeckten Höhen des Balkan bricht. Er faßt die Schafe wie den Schäfer, und wehe diesem, löenn eS ihm nicht gelingt, seine anvertraute Heerde hinter einer der vielen Rohrwände zu bergen, die zum Schutze ge- gen die Geißel auS dem Norden errichtet worden findc

Mauern aus Stein würden voN der Gewalt bei StnrmcS nicdergcwvrfen werdest, biè biegsame Rohr- wand vermag ihm zu widerstehen. Der Kriwick soll früher nicht furchtbar gehaust haben, aber die stetS wieder kehrenden Kämpfe zwischen Rußland und der Tür» kei haben die Waldungen gelichtet und nichts auf dem langen Wege bricht nun den Stoß des SturMwistdeS.^ Wenn die Stistrme des Volkes Rußland beschuldigt, diese Plage über, daS Land gebracht zu haben, so zeigt das aber nur, daß die Bebölkerung der großen Mehr­zahl beth nordischen Nachbar keineswegs zügethan ist, wenn aber einige Zeitungen behaupten, daß sich in der jedenfalls kriegerischer als diè große Walachei gesinnten kleinen Walachei Guetillabandest gebildet hätten, um die Russen im kleinen Kriege bekämpfèn, so haben die­selben den Unabhängigkeitssinn btt Walachen doch et­was zu hoch angeschlagen. Die ahgeborehe Gleichgil» tigkeit der Nation, genährt durch das wechselvolle Ge­schick der letzten 80 Jahre, behauptet hierin seine volle Geltung. Eine schwierige Stellung nimmt die wa- lachische Miliz ein; daS reguläre Militär beläuft sich auf etwa 10,000 Mann , einige tausend Mann stärker sind die sogenannten Grenzer und 24,000 Mann dürfte eine kaum zu hoch gegriffene Ziffer für die Macht sein, welche die Walachei gegenwärtig unter den Waffen ste­hen hat. Ein noch vor der Abreise des Fürsten Stir» bey abgehaltener geheimer Kriegsrath ließ die Frage unerledigt, wie sich die walachischen Truppen Rußland gegenüber zu benehmen haben; man fühlte ohne Zwei­fel , daß nur zu leicht die Umstände mächtiger werden konnten, als alle regelrecht gefaßten Beschlüffe. Der erste Conflict zwischen dem russischen und walachischen Militär trat zu Braila ein; ein dort liegendes walachi- scheS Bataillon wollte den Befehlen des russischen Ge­nerals keinen Gehorsam leisten, aus Bukarest wurden Weisungen eingeholt und die Sache ward beigelegt. Vier Compagnien wurden landeinwärts verlegt, zwei blieben in der Festung. Jetzt scheint Alles geordnet j die walachische Artillerie ist dem Corps deS General- Engelhardt einverleibt worden.

Deutschland.

* Wiesbaden 12. Dec. Aeußerem Vernehmen nach ist die Ernennung unseres früheren Ministerpräsi­denten Herrn v. Wintzingerode zum Vicepräfiden- teil der Regierung zu Potsdam bereits erfolgt.

* Wiesbaden, 13. December. Das Frankfurter Journal bringt heute einen RedaclionSarNkel über den Kirchencvnflict in Baden, der wie sich daS bei Blättern von liberaler Haltung oder solchen, die sich durch den Mangel jeder Haltung auszcichnen jetzt von selbst verficht, auf das heftigste Partei für die Regierung nimmt und dem Erstaunen Worte leiht, wie man in Deutschland ungestraft (sic!) die Regenten auffordern dürfe mit dem Papste alsebenbürtigen Souverän" und gar mit den eignen Unterthanen all gleicbberecht tigten Mächten über ihre eigenen Rechte und PflichtèN zu u n t e r h a n d e l n ! Es wäre eine vergebliche Mühe, daSFrankfurter Journal" über die eigentliche; Mit ihm geflissentlich verkannte Beschaffenheit des StkeiteS und den eigentlichen Standpunct der streitenden Parteien belehren zu wollen. ES genügt, Sarahs hinzuweisrN, daß die großherzogiich badische Regierung deN Weg bet Unterhandlung und Verständigung mit dem Papst als den zur Sch'lichlung des Streites einzig zweckdien­lichen und möglichen erkannt und betreten häU Wenn jedoch die ^Nassauische Allgemeine Zeitung" fit in den Bereich der kümmerlichen Dcductioncn deS ge­nannten Frankfurter Blattes gezogen werden soll, er­suchen wir, unsere Bemerkungen wenigstens richtig citiren zu wollen. DaSFr. I." drang daraus, den Erzbischof von Freiburg nach der Strenge der Strafgesetze zu be­handeln, weil es nicht Ungeahndet bleiben dürfe, daß derselbe als Unterthan sich gegen die Regierung renitent zeige. Wir bemerkten hierauf, das erwähnte Blatt übersehe, daß der Erzbischof in diesem Streite nicht als Unter- thau der Regierung, sondern als Vertreter der katho­lische» Kirche dem Staat gegenüber stehe: eine Ansicht, welche auch von der badischen Regierung getheilt zu