Nassauische Allgemeine Zeitung.
J: 990,
Freitag den 9. December
iSSS.
Die „Raffamschk allgemeine Zkitung" mit dem beüetristifdjen Beiblatt „Der Wanderer" erscheint, Sonnlagâ ausgenommen, täglich und beträgt der PrânumcrationSpreiS für Wiesbaden und , nach dem neuen Poliregulaiiv nunmehr auch ir den ganzen Umfang des Thurn- und TariS'schen BerwaltungSbezirkS mit Inbegriff des PoffaufschlagS 2 ff., für die übrigen Länder der deutsch-österreichischen PostvereinS, wie für das Ausland 2 ff. 24 tr. — Inserate werden die vierspaltig Petitjeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. — Bestellungen beliebe man in der Buchhandlung von W. Friedrich, Langgaffe 42, auâwärtS bei den nächstgelegenen Postämtern, zu machen.
Amtlicher Theil.
Verfügung
Der Unterzeichnete bestimmt den Anfang der Assisen des 1. Quartals 1854 auf Montag den 13. Februar Morgens 9 Uhr und ernennt die Hofgerichtsräthe Hrn. v. Bierbrauer und Hrn. D e u l, jenen zum Präsi. deuten der Assisen zu Dillenburg, diesen zu dessen Stellvertreter, so wie die HofgerichtSräthe Herrn Trepka und Herrn Jeckeln, jenen zum Präsidenten der Assisen zu Wiesbaden diesen zu dessen Stellvertreter.
Wiesbaden, 5. December 1853.
Der Präsident des H. N. CassationShofs (L. S.) (gez.) Müsset.
Für die richtige Ausfertigung: Der Secretär des CassationshofS (gez.) Assessor Hofmann.
Verkündigt.
Wiesbaden, 7. December 1853.
Der Generalstaatsprocurator Hergenhahn.
Nichtamtlicher Theil.
Jeituugslchau
Der neue Vermittlungsvorschlag. —- Der Krieg an der Donau und Oesterreichs Neutralität.
** Die volltönende Nachricht von einem Quadrupel- Verträge der vier Großmächte England, Frankreich, Preußen und Oesterreich, schreibt man der N.. Pr. Z. LUs Wien, beginnt auf ganz bescheidene Dimensionen einzuschrumpfen; sie wird heute einfach auf das Pro- ject zurückgeführt, die Pforte mittelst einer Collectiv- Note einzuladen, daß sie Behufs di re c ter Friedens- Verhandlungen mit dem kaiserl. russischen Cabinele einen Bevollmächtigten ernenne und instruire, wogegen die vier Mächte ihren Einfluß dahin zu verwenden versprechen, daß Rußland seinerseits dnrch Absendung eines Bevollmächtigten zu gleichem Zwecke seine Geneigtheit für daS Gedeihen des FiedenSwerkes manifestire. Die Konferenz soll weder auf Russischem noch auf Türkischem Gebiete, sondern auf neutralem Boden stattfinden, und die ernstliche Bereitwilligkeit zu einer friedlichen Ausandersetzung, nach Absicht der vier Mächte, durch die vorläufige Abschließung eines Waffenstillstandes zwischen den zwei Krieg führenden Staaten ihren Ausdruck finden. Darin läge nun freilich nichts, was die frühe Stellung der beiden Deutschen Großmächte zur orientalischen Frage alteriren könnte, wohl aber verliert die Nachricht durch die heutige Erläuterung ihren srühe- ren Charakter einer Frontveränderung gegen Rußland ja es läge in diesem Projekte nicht einmal eine moralische Unterstützung der Pforte,, man müßte denn diese darin finden wollen, daß die vier Mächte, wie man sagt, ihre Ueberzeugung dahin ausgesprochen hätten, die Friedens- Verhandlungen müßten von dem unverrückten Grundsätze der Erhaltung der Integrität und Unabhängigkeit der Pforte ausgehen. Wiederholt wird versichert, was sich bei dieser Stellung Englands innerhalb der neuesten Beschlüsse der vier Mächte von selbst versteht, daß ein Plan zu feindlichen See-Operationen gegen Rußland in London nicht festgestellt sei.
Die „N. Pr. Ztg." hält es für eine Täuschung, wenn man der Ansicht ist, die russisch-türkische Frage werde durch neue VermittlungS- Vorschläge, durch Londoner Confcrenzcn u. s. ch. ihr Ende erreichen. Möglich, daß die Zukunft des osmanischen Reichs durch eine Conferenz der europäischen Großmächte geordnet werden kann, die dem Islam den civilisirten Gesichtspunkt occi- dentalischer Organisation aufdringt und cs dahin bringt, daß Christen gegen Türken Zeugniß ablegen dürfen, ohne daß durch diesen Zwang gewissermaßen die Grundbedingung osmanischer Existenz aufgehoben wird, aber unmöglich, daß Rußland durch eine solche Aussicht veranlaßt wird, die Verwirklichung seiner unmittelbaren und näher liegenden Forderungen zu verschieben und über der Existenz der Türkei seine eigne zu vergessen. Diese russische Existenz hängt durchaus mit diesen auf« sischen Forderungen zusammen, die die griechische Bevölkerung im Orient und die Beziehungen Rußlands zu dieser griechischen Bevölkerung betreffen. Wird man an- ziehmen können, Rußland werde, weil es mit großer Geduld und fast stoischem Gleichmuts? die Defensive in den Donau-Fürstenthümern festhält, 'schwach sein und, nach großen diplomatischen Anstrengungen und Kriegs- rüstungen, sich den Gesichtspunkt einer europäischen
Conferenz gefallen lassen, für die Forderungen gefallen lassen, wegen deren es bis jetzt nur durch eigene Kraft mittels einer Reihe von Kriegen und von Verträgen, zu Resultaten gelangt ist? Eine solche Voraussetzung hieße vvrauSsctzen, der Kaiser Nicolaus sei geneigt, die ganze russische Geschichte der europäischen Diplomatie zum Opfer zu bringen. Das kann er schwerlich, mag er noch so friedlich gesinnt sein. Was jetzt zwischen ihm und der Türkei vorliegt, das muß geordnet sein, bevor man darüber couserircu mag, was mit der Türkei und ihrer Zukunft geschehen soll. Da er nichts erobern, sondern nur frühere moralische Errungenschaften bewahren und in sichere Formen gebracht wissen will, so liegt es am Tage, daß man später noch hinreichende Zeit unb ebenso hinreichenden Stoff haben wird, über die ! Zukunst der Türkei zu couferiren. So wenig Rußland dem übrigen Europa, in Betreff dieser letzteren Frage vorgreifen will, eben so wenig wird eS seine speciellen Interessen, die bis jetzt, trotz aller russisch-türkischen Verträge, die Integrität der Pforte nicht aufgehoben haben, dem Gesichtspunkt des übrigen Europa unlcr- ordnen.
** Einer Erörterung über die Wichtigkeit der von Oesterreich in der orientalischen Frage angenommenen Haltung, die cs ermöglicht, nach beiden Seiten bin vermittelnd cinzuwirken, schickt die „A. Allg. Ztg." folgende interessante Betrachtungen voraus. „Durch die bloße Betrachtung der Wolkenzüge, ihrer Farben und der Windstöße, die sie treiben — weiß der erfahrene Meteorolog im Voraus das Herannahen des Sturmes wahrzunehmen, auch im Voraus dessen Heftigkeit und Ausbreitung zu berechnen; als Landwirth versteht er dann seine Heerde» zur rechten Zeit in Sicherheit zu bringen, während die Unkundigen die ihrigen allen Gefahren der Windfurie preisgeben. Es wird als eine theure Ueberlieferung von englischen Seeleuten erzählt, daß Nelson seiner ausgezeichneten Wetterkunde die Vollständigkeit des Siegs von Trafalgar verdankte. Im na- Herr Angesicht der französischen und fpaiuieben Flotten, alle drei mit vollen Segeln sich zur Schlacht entgegen- manöorirend, signalisirtc auf einmal Lord Nelson der sciuigcn: die Segel einzuziehen. Einige der entferntesten Schiffscommandanten glaubten das Signal nicht richtig aufgefaßt zu haben, so gefährlich kam es ihnen vor. Sie frugen an; der Befehl ward wiederholt und zu schnellem Gehorsam aufgefordcrt. Kaum war es geschehen, als ein furchtbarer Orkan sich erhob, so plötzlich, so gewaltig, daß die feindlichen Schiffe ihre Segel nicht mehr einziehen konnten; sie wurden willenlos bin- und hcr- geschlcudert, sie waren kaum im Stande, sich ihrer Batterien zu bedienen, viele strandeten an der nahen Küste. Von einer Schlachtlinie war gar keine Rede; was nicht im Kampf unterging, fiel nachher einzeln in die Hände der Engländer; niemals war ein solcher Sieg so schnell entschieden. Nelson halte eine kaum bemerkbare Wolke als HimmtlSzeichtN zu verstehen gewußt; dieser letzte Blick gehörte beinahe schon dem Unsterblichen. Dieß Blatt der Geschichte leitet mich zu dem Krieg an der Donau, mit der Bemerkung, daß — obgleich der Landkrieg viele Zeichen hat, die uns näher liegen.— die zahlreichen Kriegslustigen unserer Zeit sie gar nicht wahrzunehmen oder nicht zu beulen verstanden haben. Daher die unzählige Faseleien die über die Kriegsun- ternehmungen ocr Türken geschrieben wurden. Eine Armee ist ein organisches, sehr complicirteS Wesen; eine Armee bleibt daher für höhere Kriegszwecke gänzlich unbrauchbar, so lange sie nicht alle Bestandtheile in sich vereinigt hat, welche zur Bildung eines vollkommenen Kriegswesens erforderlich sind. Die große Lehre der Napoleonischen Zeil ist uns so nahe, daß die Kriegs- liebhaber sie doch nicht vergessen, vielmehr sich erinnern sollten, was an der obern Donau im Jahr 1809 sich zugetragen Hal. Während der Schlacht bei Aspern Hal Napoleons Gegner durch losgelassene, schwer beladene Donau- Schiffsmühlen ihm seine Brücken durchbrochen und wcggejchwcmmt. Ein starkes CorpS, jenes von Davonst (über 30,000 Mann), war kurz nach diesem Erciguiß an die Donau gelangt, mit dem Befehl, schnell über den Fluß vorzurücken und sich gleich in die Schlacht- linie zu stellen. Es mußte aber am Ufer stehen bleiben und — unvermögend zu helfen — glichen, wie die Schlacht verloren ging. Napoleon, entschlossen den sich vorgesetzten KricgSzweck zu erreichen, fand in diesem Ereigniß Warnung und Belehrung zugleich. Er verwendete sechs Wochen Zeit, um an derselben Stelle Brücken zu schlagen, fest genug, um gegen jeden möglichen Versuch der Zerstörung gesichert zu sein. Er ging Anfangs Julius mit einer der österreichischen in allen drei Waf
fengattungen überlegenen Armee über den Strom. Zwei Brücken über die große Donau führten seine Armee mit den nöthigen Reserven auf die Insel Löbau, von welcher fünf Brücken an's jenseitige Ufer geschlagen waren. Auch wurden alle Vorkehrungen geh offen, um für den Fall einer verlornen Schlacht den Rückzug sicher zu stellen. WaS soll man sich denken von den Operationen der Türken an der untern Donau ? Haben diese Operationen etwas anderes bewiesen, als die gänzliche Unfähigkeit, einen Offensivkrieg zu führen gegen eine Armee, welche den Ruf den sie hat verdient, den Ruf nämlich, für alle Kriegszwecke vollkommen organifirt und ausgerüstet zu sein? Die Wahl des vortheilbaftcsten Punktes zum Uebergang war nicht schwer zu treffen, denn das Donau- thal , und besonders der Strom, sind beiden Theilen, Russen und Türken, seit vielen Jahren ein bekannter Kriegsschaiiplatz. Der Uebergangspunkt von Turtukai nach Oltenitza war taktisch und strategisch vortrefflich gewählt, beim er führte auf der kürzern Linie zu dem wichtigsten Punkt der russischen Stellungen, nach Bukarest. Die türkische Armee war in jenem Augenblicke den in der Walachei befindlichen russischen Truppen an der Zahl sehr überlegen; cs hätte also zwischen Oltenitza und Bukarest zu einer Feldschlacht kommen können unter den für die Türkei günstigen Umständen, wenn sie den Uebergang mit einer Armee, d. i. mit der Verhältniß, mäßigen Zahl von Kavallerie-, an Geschützen und Munition hätten bewerkstelligen können; sie hatten aber nur Fußvolk mitgebracht, und so blieben sie unfähig sich am Ufer unb von dem Schutz ihrer jenseitigen Batterien zu entfernen. Die Russen hätten sich bei einer solchen Lage wahrscheinlich den empfindlichsten und zwecklosen Verlust ersparen können, den diese Batterien ihnen beigebracht haben, sie hätten blos nöthig gehabt, sich zur Beobach- tung auf die Höhen hinter Oltenitza zu stellen; nach einigen Tagen hätten die Türken sich wieder zurückziehcn müssen. Abgesehen von der Frage des Rechts ober Unrechts (eine Erörterung, die nicht hierher gehört) haben wir nun das sonberbarc Schauspiel vor Augen von einer Armee die offensiv vorgeht und unfähig ist, einen ernsthaften Angriff dnrchzuführeu, während die andere Armee, vollkommen bereit zu jedem Kriegsunterncbmen, sich nur defensiv verhalten will. Bei solchen Verhältnissen ist keine Entscheidung denkbar; daher kömmt es, daß die Friedfertigen von Conferenzen sprechen, während die Tür- tenfreuude alle Krankheiten, Cholera, Fieber, Typhus und Hunger gegen die russische Armee loslassen. Die russischen Soldaten, sonst abgehärtet von dem strengen Clmia Rußlands, sollen auf einmal dem Herbst der Do- ngüprovinzen unterliegen; im Besitz dieser an allen Lebensbedürfnissen so reichen Gebiete, sollen sie als Ausgehungerte die Spitäler füllen. Im Gegensatz dessen erfreuen sich die türkischen Truppen des besten Gesundheitszustandes, sie schwelgen im Ueberfluß, und alle, Anatolier, Araber unb Aegyptier sind des LebenS froh, als ob die asricamjche Sonne sie beschiene. — Die A. A. Z. wirkt schließlich einen Blick aus die Vergangenheit, aus Englands Bemühen im Jahr 1812 bei dem Abschluß des Bukarester Friedens zwischen Rußland unb der Türkei, ersteres so günstig als möglich zustellen um dessen ungeschwächte Kraft im Kampfe gegen Napoleon benutzen zu können und au) Englands jetzige Haltung und veränderte Politik, die sich am besten darin spiegelt, daß die TuneS die Höfe von Wien und Berlin dafür der Nachwelt vcrantwoillich macht, daß sie nicht mitgewirkt haben, Rußlands Angriff gegen die Türkei abzuwehrcn, und einen allgemeinen Krieg zu hintertreiben.
Dettiichland.
A- Wiesbaden, 6. Deecmbec. Auf die von der Staatsbehörde zu Dillenburg gegen das Urthetl deS AssiscubofS daselbst in der Untersuchung gegen Friedrich Müllc-r von Alpenrod, wegen Raubs, erhobene Slichtigkeitöbeschwerde hat der Herzog!. CaffationShof Telinin zur öffcntlchen Verhandlung der Sache auf Mittwoch den 21. December l, I., Morgens 9 Uhr, im Sitzungszimmer des Herzog!. ObcrappellationSgerichts anberaumt.
Vom Westerwald, 4. Dec., schreibt man dem „Fr. I.": „Sie brachten vor einigen Monaten die Mittheilung, daß mehrere katholisihe Geistliche deS Hcr- zogthums Nassau, welche in Folge des Conflictes der Bischöfe der oberrheinischen Kirchcuprovinz mit ihren Regierungen aufreizende Reden in ihren Kirchen gehalten haben sollten, in kiiminalunterjuchung genommen worden seien. Die letzte dieser Untersuchungen gegen den katholischen Pfarrer Stähler zu Höhn»Schönberg