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Nassauische Allgemeine Zeitung.

iVr. 988. Mittwoch de« 7. December 1833.

DikRassaugcht Affftemeink Zeitung" mit drm belletristischen BeiblattDer Wanderer" erscheint, Gdnniags ausgenommen, täglich und beträgt der Pränumeration-Preis für Wieäbaden und , nach dem neuen Postregulaiid nunmehr auch ür den ganzen Umfang des Ll urn» und Taris'schen Verwaltung-bezirks mit Inbegriff des Poffausschlags 2 ff., für die übrigen tünter deS deutsch-österreichischen Postnerkins, nur für das Ausland 2 fl. 24 fr. Inserate werden fit sittfpaltig smHeile ober deren Nanin mit 3 fc. berechnet. Bestellungen beliebe man in der Buchhündlung pon W. Friedrich, Langflaffe 42, auswärts bei den nächstgelegenen Postämtern, zu machen.

Amtlicher Theil.

Dienttuachricht.

Seine Hoheit der Herzog haben dem Con­rector Dr. Becker zu Hadamar die »achgesuchte Dienst­entlassung zu ertheilen geruht.

Nichtamtlicher Theil.

Zeitungolchau

Die Fusion. Die kirchliche Bewegung in Baden. -^- Anstcht?» der Lonvoiier Flüchtlinge.

** Nachdem Pariser Correspvndeuten deS "Lloyd" hat die Nachricht von der erfolgten Fusion in den Regie­rungskreisen wenig Eindruck gemacht. Ja man wird wahrscheinlich den Verwalter des Grafen Cbambord nicht, wie früher die Absicht war, zum Vorkaufe des Gutes Chambord auffordern, damit man nicht glaube, eS sei dieser Schritt von der Rancune der Regierung eingegcbcn. Der Kaiser Napoleon selbst erhielt die Nachricht von den Vorgängen in Frohsdorf mit jener von dem Siege der Russen zu gleicher Zeit, als er in Fontainebleau mit der dort versammelten Gesellschaft beim Diner wae. Er warf aus die beiden Depeschen einen Blick und reichte sie iobann Herrn von Kisseleff lächelnd mit den Worten: Lesen sie da einmal. Die allgemeine Meinung ist, daß die innere Lage Frankreichs dadurch nicht im ©erdigsten asficirt werden wird, aber die Stellung der Parteien wird darum dennoch verän­dert. Parteien im eigentlichen Sinne gibt es zwar in Frankreich nicht. Sie sind alle aufgelöst, in Fluß ge­rathen, und blos die Parteigänger find vorhanden. Die Legitimisten zählen ihren Anhang meist unter dem Land­adel und dem Bauernstande einiger Departements. Louis Philipp und die Familie Orleans stehen in gutem .Andenken bei der höhern, bei der reichern Bourgeoisie. Die höhere Finanzweit, der Großhandel sind mehr oder minder der jüngeren Linie der Bourbons zugethan. Die Orleanisten finden sich deßhalb meist in Paris und den großen Handelsstädten des Nordens. Die Normandie mit ihren Hafenstädten haben die meisten Orleanisten, die Bretagne ist legitimistisch. Man bedarf eben keines goßen Scharfsinnes, um inne zu werden, daß keines dieser Elemente jenes der Bewegung und des Umsturzes, daß keines geeignet oder Willens sein dürfte, den jetzi­gen Stand der Dinge zu verändern. Weder der große Kaufmann noch der Adelige und der Bauer lind Bar ricadtnmänner, und eben so wenig sind es die Gelehr­ten , welche fast durchgehends Orleanisten sind. Die Leine Phalanx der geharnischten Rcpublicaner besteht ans Männern, die ohne Zukunft sind. Sie haben wäh­rend der kurzen Zeit ihres Regiments zu wenig Fähig­keit bewiesen, sie haben sich das Ruder entschlüpfen las­sen und in Frankreich kommt nichts zum zweiten Male daran. ES sind Leute, die in kein anderes Lager über­gehen , aber eben so wenig conspiriren und Blutscenen herbeiführen. Sie versteinern, daS untere Volk hat keine Anhänglichkeit an sie, denn sie schmeichelten seinen Ge­lüsten zu wenig und das Proletariat vergißt nicht, daß Cavaignac sie mit Kartätschen regalirte. Viele von ihnen' sterben an gebrochenem Herzen wie Marrast, Garnier-Pages, Arago. Es bedarf den eisernen Kör­per eines Mannes, der unter den Mühen deS Solda­tenlebens alterte, um von der Aufregung, welche diese Leute bewegte, nicht zertrümmert zu werden. Sie sinken nacheinander geknickt zusammen. Wenn man sie in kur­zen Zwischenräumen sieht, glaubt man, es zählen Tage bei ihnen für Jahre. Diese Leute sind nicht mehr zu fürchten. Die Popnlace ist dem jetzigen System ge­wogen, cs gibt Arbeit, es verspricht Arbeit. Fortwäh­rend hört man von Maßregeln zum Wohle der arbei­tenden Classen. Früher erwähnte man ihrer nicht und da man von parlamentarischen Debatten nicht fett wird, zieht das Proletariat den gegenwärtigen Zustand vor. Es wird nichts thun, um ihn zu ändern.

** Professor H. Leo in Halle läßt sich über den Con­flict in Baden im Volksblatt für Stadl und Land also Vernehmen :Auch nach Deutschland greifen die ui cp» lichen Gegensätze mächtig herein, und noch ist es offen­bar nicht Zeit, an deren wirkliche Heilung, an die He­bung deS Grundschadens, der unsere Nation fett drei Jahrhunderten drückt, Zi denken, wenn man ins Auge faßt, wie z. B. in Baden die hölzernste Auffassung bunaickranschen Regiments es auf sich nimmt, der kalho- iiiäuu Kirche entgegenzutreten. Daß dabei, wie sie sich auch bäume, zuletzt nur innere, geistige Niederlagen für

die Bureaukratie herauSkommen können, selbst wenn sie auf ihrem Gewaltswege äußerlich Erfolge erreichen sollte, versteht sich von selbst. Wir Preußen können dazu sagen: Experl o credas Ruperlo 1 wir wissen, was bei dem Verfahren gegen den Erzbischof von Cöln heraus­gekommen ist, und daß nun sogar wir Protestanten dem seligen Droste-Vischcring für seinen Heroismus danken, da er uns überhaupt über die Behandlung kirchlicher Dinge wesentlich hat aufklären helfen. Wenn nur jeder für die Dinge, die er einmal im Leben vertreten hat, einen gleichen einfachen Heroismus zeigen, Fuß bei Male halten und kein Haar breit weichen wollte: wie prächtig würde vor solchem Feuer alle die vermittelnde, elende, philiströse weiße Salbe, die unsere Zeit auf alle Gegen­sätze zu schmieren liebt, zerfließen und die herrlichste Tragik unser Leben mit Geist und Energie erfüllen, während jetzt immer alles gleich matt in sich zusam­mensinkt und in Folge davon nichts erledigt, sondern nur vertagt wird."

** Zum besseren Verständniß der Vorgänge in Baden, schrreibt man demD. VolkSbl.", dürfte wohl einiger­maßen einen Rückblick auf die Bildungszeit beitragen, welche zu Anfang der 1830er Jahre die Mitglieder des Karlsruher Oberkirchenrathes, wenigstens die jüngsten unter ihnen an der Alberto-Ludoviciana zu Freiburg durchlaufen haben. Damals Dockten an dieser Hoch­schule, seit länger schon die Freistätte der liberalsten An­schauungen und Bestrebungen, in der theologischen Fa- cultät: R et ch l i u - M e l de gg, und zwar mit un­geheurem Applause, bis seine volltönende, allen Begriff übersteigende Chronique scandaleuse gegen Die Päpste, mit einer Heirath und beim Uebertritte zum Protenan- tismus endigte. Neben ihm dotirte Professor Schrei­ber, der schon damals theoretisch den Cölibat be« sümpfte, bis zum Jahre 1845, in welchem er Nongea- ner wurde, und ebenfalls hetrathete. Unter einem an­deren Professor hatte sich ein akademischer Leseverein ge­bildet, vornämlich für Theologen, der größteutheilS seine Nahrung aus protestantischen Schriftstellern empfing. Das KirAenrecht im liberalsten Sinne Dockte Hofrath Amann, ein sonst bis zur Aengstlichkeit gewissenhafter Mann, was ihn aber nicht hinderte, im Jahre 1832 von den Vorfechtern für Die Aushebung des Eölibats einen Ehrenbecher anzunehmen. Uebrigeus wurde das Kirchenrecht damals wenig frequenttrt, und im Allge­meinen auch weniger studirt, höchstens zur Nolhdursl in den pro examine präbestinirten Capiteln : Jura in sacra et circa sacra, decimae." Die in denselben Jahren in Baden unpraktilch gemacht wurden, und das Patronat. In der juristischen Facultât waren neben D u t l ti n g e r, Dem sehr tüchtigen Lehrer deS Prakticum, der öfter scherzend das bon mot brauchte:Juristen sind schlechte Christen," Celebritäten : v. Rottek und Welker, deren Tendenzen bekannt find. So war daS theoretische Feld bestellt, auf welchem Die Einflüsse Der Juli-Revo­lution, der polnischen Jnsurreclion, und des Hambacher Festes schon damals Saaten auftneden, welche als Pro- gnostica des Jahres 1848 gelten konnten. Im Jahre 1832 wurde zu Freiburg sehr viel Politik getrieben, vielleicht desto weniger Studium, besonders zur Zeit der Anwesenheit der Polen, welchen zu Ehren ein akademi­scher Zug bis zurStadt Wien," aus deren Fenstern man damals schon einen deutschen Kaiser vorschlagen börte, mit Vortragung Der weißen Fahne und Absingung eines von Reichlin - Meldegg gedichteten Liedesmit Pnlverdampf" veranstaltet wurde. Im Sommer 1832 fanden im SchiffeRiejenversammlungeu Der Studenten, Vorbilder der 1848er Volksversammlungen, mit Tendenzen â la Hambach statt. So war unsere Blldungzeit beschaffen. Daß wir mit wenig positiven, echt conservaliven Grund­sätzen und Kenntnissen ini Kirchen - und Slaatörechle heimkehren konnten, war natürlich, wenn gleich in die­sem Aller nicht unsere Schuld; daher damals schon die Klage allerer, erfahrener Männer über diesen Mißstand, auö welchem Die künftigen Priester und Beamten her- Vorgehen sollten! Und sollte diese Bildung ganz ohne Einfluß auf Die An sich len und Bestrebungen im Man- lieb alter geblieben sein ? Baden ward feit 30 Jahren als der liberalste, freieste Staat gepriesen , Napoleon halte das schon früher geahnt, und soll darüber in einem bon mot, dessen Wiederholung hierher sich »ich: eignet, gegen den Fürstprimas v. Dalberg sich ausgesprochen haben. Der geschilderte Liberalismus ist zeitig gewor­den , zuerst im Jahre 1848 in poetischer Beziehung, und wie er damals im Ausireten gegen die geheiligte Person des Großherzogs, diesen zur Flucht nöthigend, seinen Höhepnnel erreicht hat, so scheint ihm in kirch­licher Beziehung jetzt, wo um das gesalbte Haupt des

hochwürdigsten Erzbischofs die engsten Schranken sich ziehen, ebenfalls Die Grenze gesteckt zu werden. Möge nur von dembis hierher" eine volle und baldige Rückkehr zu den gesunden Grundsätzen des positiven Kirchen und Staatsrechtes erfolgen und mit Den zersetzenden Principien auf beiden Gebieten gründ, (ich gebrochen werden. Aber wann? Das muß die Zu­kunft lehren.

** Wenn man annebmcn würde, daß Die revolutionäre Flüchtlingsjchaft aller Partejschattirungen auSReckts- gcfühl" für Die Türkei kämpfe und dazu beitragen wolle, diesen Staat, im Gegensatze zu ihrem sonstigen Um­sturzplane aufrecht zu erhalten, so würde dieß ein völliger Irrthum sein. Den Partisanen der Revolution sind vielmehr die Türken und der türkische Staat völlig gleichgültig. Im Lager des Umsturzes hat cs sich nie darum gehandelt, für die Interessen der Türkei 'zu kämpfen, sondern nur Boden für Die Revolution und eine revolutionäre Armee zu gewinnen, welche letztere man dann später auf seine eigene Faust verwenden könnte. Daß Die Türkei es gerade mit Rußland zu thun hat, spornt natürlich Die Propaganda vorzüglich zur Theilnahme an diesem Conflicte an, denn Rußland ist für sie und ihre Zwecke die stärkste Schranke, Die sie wo möglich lockern und Hinwegräumen möchte. Heute ist es nicht mehr Frankreich, von wo die Revolutionäre aller Länder Dieeuropäische Freiheit" erwarten, sondern sie sagen:Rußland muß fallen, wenn Die Allgemeine Repuolik triumphiren soll." Würde Die Türkei nicht mit Rußland, sondern mit einer anderen, mehr iiiDiffe' reuten Macht, wie z. B. mit Persien oder mit den Chi­nesen einen Krieg beginnen, so würde sich hierbei gewiß kein Demokrat für dasRecht" und DieIntegrität" des türkischen Reiches echausfiren ; aber bei einem Kri ge mit Rußland meinen sie,da kann es einen revo­lutionären Profit abgeben, und somit müssen wir dabei sein." Der Operationsplan der Propaganda ist dabei folgender: Der türkischen Regierung muß es wo mög­lich klar gemacht werden, daß nur von Der völligen Vernichtung Rußlands ihre ungefährdete Existenz al* hängt, daher müsse Petersburg Die letzte Marschstation der lüikischen Armee sei». Sobald Die letztere den Fuß über die russische Grenze setzt, lodert in ganz Polen so rechnet oder verrechnet sich die Propaganda Die Revolution auf, und eine polnische Jusurrcctions Armee von 200,000 Mann wirft' sich mit den Türken vereint in's Herz von Rußland und wächst von Tag zu Tag. Von Galizien und Ungarn wälzt sich der Sturm nach Oesterreich, welchesgar keinen Widerstand leisten kann" und dann kracht es auch in Deutschland, Italien und Frankreich, und der Tag dereuropäischen Völkerbe- freiung" wäre somit angebrochen. Von Den Türken wird dann nicht .mehr die Rede sein, sie waren blos die willfährigen Katzenpfoten, welche Die heißen Casta- nien aus Dem Feuer holten, und sic können dann höch­stens mit einem Dankesvotum deseuropäischen'- ker-Congresses" ruhig in ihrealte Hcimath" Asien al« ziehen, da die regeuerirlen Polen 2c. Constautinopel für sich behalten werden. So komisch und ungeheuerlich diese Combination für einen nüchternen Menschen auS- sehen mag, so wird sie doch, wie derN. Pr. Ztg." aus London berichtet wird, von der Propaganda in al­lem Ernste gemeint, und man kann Dieselbe in Den Lon­doner Flüchtlings-Kneipen allabendlich wiederholen hö­ren, und zwar mit Den wunderbarsten Variationen.

Deutschland

Ems, 5. Dec. Gestern wurde Die Schiffbrücke wegen raschen Zunehmens deS Eises abgefahren. Dem Vernehmen nach petitioniern die Bewohner des linken LahnuferS bei der Regierung um Die Erlaubniß , I die bisher dem Verkehr geschloffene neue Gitterbrücke über .Die Lahn, welche in Den Haupttbeileu fertig ist, so lange benützen zu Dürfen, bis die Schiffbrücke wieder aufge- fahrcn werden kann.

(:) Mainz, 6. Dec. Man spricht hier wieder von der Erbauung einer Kettenbrücke über den Rhein, Die in der That für die hiesige Stadt und dem Frucht- verkehr von großem Nutzen wäre.

Zur BerMdung Der Main-Neckar-Eisenbahn mit der Diesseitigen Ludwigsbahn wird in der Dar inst. Ztg. eine Zweigbahn von Bensheim nach Worms vorge- schlagen, deren Bau vor jeder andern Verbindungsbahn Die wenigsten Hindernisse und die größten Vorzüge biete.

Frankfurt, 6. Dec. Wenn sich die Kölnische Zeitung vor einigen TagenVom Main" schreiben ließ, man treffe in Langenselbold, dem Wohnsitz Dom Miguels, bereits ermßliche Anstalten zu Demon-