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Nassauische Allgemeine Zeitung

TVr: 884. Freitag Ära 2. Dttember 1S33.

Die,,Raffaug»c Allftemcinc Zeitung" mit dem beltetriMschen BeiblattDer Wanderer" erscheint, Sonntags ausgenommen, tâgli» und beträgt bei Pränumerationspreis für Wiesbaden und , nach dem neuen Postregulaiiv nunmehr auch fit den ganzen Umfang des Tdurn» und TariS'schen ÄerwaltnngsbeziikS mit Inbegriff des Pogausschlags 2 ft., für die übrigen Sander des deutsch-bfferr^»i«ch»> PâMns', wie Tür das «uSland 2 ft. 24 fr. Inserate werden die oierspaltig Petitzeilcoder deren Raum mit 3 kr. berechnet. Bestellungen beliebe man in der Buchbandlnng von W. Friedrich, Langgaffe 42, auswärts bei den nüchugelkgeue, Postämtern, zu machen.

Jeitungslchau.

Zur orientalischen Frage. Der TürkenparoriSmus der Pariser. Fusion und Confusion.- Der Dreikaisertag.

** Dem Waffengeräusch an der Donau (schreibt der Z Correspondent des Lloyd aus Constantinopel unterm 17. v. M.) hat man in Europa mehr Bedeutung bei- gelegt, als es verdiente. Hier faßt man die Lage der Dinge in folgender Weise auf. Durch die Waffen der Pforte kann nun einmal der Streit nicht entschieden werden, sobald diese nicht stark genug sind, den Geg- ner kampfunfähig zu machen, oder auch nur auf die Länge mit ihm zu ringen. Rußland aber will und kann nicht weiter gehen, als jenes Recht zur Anerken­nung zu bringen, welches ihm mit der Wiener Con- ferenznote eingeräumt wurde. Europa will den Frie­den und zugleich die Herstellung deS Status quo durch Räumung der Fiustenthümer. Das letztere durch Waf­fengewalt erzwingen, wäre der Krieg, den doch nach der Sprache der officiösen Organe zu schließen, alle Welt vermieden haben will. Auf die Wirksamkeit der Demonstrationen wird man wohl nachgerade nicht mehr rechnen mögen. So bleibt also nach Allem nichts mehr übrig, als, die Pforte in entschiedener Weise zur An­nahme eines Schriftstückes zu vermögen, von dem sich voraussetzen läßt, daß es den Ansprüchen Rußlands zu­sagt, indem es in einer anderen Form den Inhalt der Wienernote wiederholt. Die Vorgänge an der Donau und in Asien dürften vielleicht eine solche Absicht inso­fern erleichtern , als mit dem energischen Vorgehen der türkischen Streitmacht die etwa beabsichtigte Schaustel­lung der moralischen und materiellen Kraft des oito- manischen Reiches erreicht wäre. Für Rußland wäre es allerdings förderlicher gewesen, wenn es die in Asien und Europa zur Offensive übergegangenen Gegner mit Kraft zurückgeworfen hätte, ohne seinen Sieg durch Ueber- schreitung der Grenze zu verfolgen. Es hätte damit das Erstaunen Europas über den gelungenen Angriff eines Zwergen auf den vermeintlichen Riesen vermieden, es hätte am sichtlichsten die in den Noten des russischen Cabinets gegebenen Versicherungen bewahrheitet , die türkische Kriegspartei wäre rascher von ihrer Selbstüber­schätzung zurückg'bracht worden, die bisher erschwerten Bemühungen der vermittelnden Mächte hätte eine dank­barere Arbeit gehabt, und was für Rußland am wichtigsten die Fürsprache seiner bisherigen Gegner bei der Pforte wäre erspart worden. Wenn aus die­sen Gründen die Langsamkeit und Untbätigkcit Ruß­lands unbegreiflich erscheint, so wird darum doch im Ganzen nichts geändert, insofern es darauf ankommt, die in einer Ecke Europas entzündete Kriegsfackel zu löschen und den Brand auszutreten. Die Veränderung in der Besetzung der hiesigen französischen Gesandtschaft scheint damit in Verbindung zu stehen, indem die Hal­tung de la Cours zu schwach und unbestimmt erschien. Die Sendung des Generals Baraguay d'Hllliers defi- nirl man hier mit dem witzigen Worte: Friede um je­den Preis, selbst um den Preis des Krieges! Ware nicht in dem unseligen Streite bereits Blut geflossen, der ernsteste Politiker müßte sich wahrlich aufgelegt füh­len, die Affaire in der Lustspielmanier zu behandeln. Eine solche Masse von Widersprüchen und zweckwidri­gen Handlungen hat vielleicht noch keine historische Epi­sode aufzuweisen. Die Jntroduction der komischen Piece ging von Frankreich aus. Um den Einfluß Rußlands zu vernichten, verleitete es die Pforte zu den Conces­sionen in Sachen der Sauctuarien, welche die griechische Bevölkerung gerade in die Arme Rußlands treiben mußten. Rußland aber, welches diese Stimmung be- nützen konnte, um das durch den Vertrag von Kai- nardschi ihm eingeräumte Recht durch thatsächliche Re- clamationen anszuüben, wofür ihm die Griechen und wohl die christliche Welt überhaupt dankbar gewesen wäre, brachte seine Zeit damit hin, ein neues Schrift­stück zu erobern, welches nur ein altes Recht umschrei- ben sollte, und führte durch das Mißtrauen, welches es mit einem solchen Beginnen erregte, die Griechen selbst ins gegnerische Lager, abgesehen von dem Rumor , den cs sonst noch in der Welt anregte. Das eifersüchtige England anstatt durch Gutheißen der geforderten Note deren Bedeutung zu vernichten, gibt derselben durch Wi­derstand eine übermäßige Auslegung. Der darauf ange- drohle Einmarsch in die Fürstenlhümer bringt die West­mächte in Allarm und doch begünstigen sie denselben, indem sie im Voraus erklären, daß er nicht als casus belli betrach­tet werden sollte. Die Pforte selbst, die für ihren Fort­bestand so ängstlich bedacht ist, verschleudert ihre besten Kräfte, um ein nur durch Macht zu irgend einem Werth

gelangendes Stück Papier abzuwehren und beschleunigt damit eine Krankheit,, deren sie sich selbst nur zu gut bewußt ist. In Wien vereinbaren die Westmächte eine Note, ohne die Pforte zu befragen und lassen in Constautinopel die Verwerfung zu, angeblich um die Souveränität der Pforte nicht zu verletzen, die man bei der Abfassung außer Rücksicht gelassen. Das russische , Cabinet erklärt sich mit dem Schriftstück zufrieden und erläßt zugleich eine explicircude Note, die dessen Durch­führung verunmöglicht. Mit Recht muß man neugierig sein, wie einem solchen Werke die Krone aufgesetzt wird. Nur Oesterreich hat von Anfang mit Cousequenz das Wesentliche vom Unwesentlichen getrennt, und wenn sein moralischer Einfluß nicht durch die entsprechenden materiellen Mittel unterstützt wurde, so läßt dies steh nur dadurch erklären, daß es abwartew wollte, bis der Nebel, welcher auf der europäischen Politik zu liegen schien, sich gehoben hatte.

** Der Türken-Paroxpsmus in Paris ist im Fallen, und das famose Sieges-Bulletin desJournal de Con- stautinople" über die Schlacht bei Oltenitza ist, wie die R. P. Z. schreibt, nicht im Stande, Omer Pascha uiiD seine Türken in der Achtung deS Pariser Spießbürgers wieder berzustelleu. DemSiecle" und derPresse" auf's Wort glaubend, daß das russische Heer ein Früh­stück für Omer Pascha sein werde, sagt der Pariser Cor- resondent derNeuen Pr. Zeit.", zweifelte unser Spieß­bürger nicht einen Augenblick an der totalen Nieder- lage der Russen, und ich kenne brave Leute, welche die Lämpchen zur Beleuchtung ihres Hauses bei der Sie­ges-Illumination schon in Bereitschaft hielten. Da können Sie sich leicht den Eindruck vorstellen, den die Nachricht von demfreiwilligen Rückzug, welcher dem türkischen Heere gelungen sei", unter unseren Spießbür­gern hervorgebracht hat. Seine Wirkungen sind heute noch sichtbar, und ich fürchte , daß die Freundschaft der Mißachtung Platz machen wird, wenn die Türken auf dem rechten Donau-User bleiben.Ich bin für die Türken", rief der Krämer in der Passage Choiseul mit Pathos aus,aber nur für die Türken auf dem linken Donau-Ufer!" Die. Regierungsblätter kommen den Russen in der Meinung der Pariser zu Hülfe, indem sie demJournal de Constantinople" Windbeutelei ver­werfen und an das Wort des großen Friedrich erin­nern: il ne faut pas seulernent batlrc les Kusses, il laut encore les tuer. (Man muß die Russen nicht bloß schlagen, sondern auch todtschlagen, wenn man sie besie­gen will). Etwas Aehnliches hat Napoleon gesagt, und König Friedrich-wie auch Napoleon verstanden sich auf kriegerische Tüchtigkeit. Und wissen Sie, wer sich am meisten über das Gevlauder von der Unbesieg­barkeit der Türken und von der unausbleiblichen Nie- derlage der Russen geärgert hatte? Die Offiziere des ehemaligen Kaiserreichs. Diese alten Schnurrbärte wa­ren wüthend darüber, daß dieselben Russen, die es ihnen, selbst in den Wiiiterschlachteii bei Eylgu und an der Moskowa, so heiß gemacht hatten, von den Türken ohne große Anstrengung aus dem Felde geschlagen wer­den sollten. Nous élions donc des ross es â Eylau et â la Moscova, puisque les Kusses ne pourrait pas tenir tét â ces gueux de Tures! (Wir waren also wahre Mähren bei Eylau und an der Moskowa, wenn sich die Nuffen nicht gegen die Türken halten können,) polterte einer in seiner energischen Sprechweise heraus, als er imSiecle" las, daß der General Gortschakoff seinem Schicksale nicht entgehen könne, daß er in kurzer Zeit die Waffen strecken müsse. Das versicherte näm­lich zwei Tage vor der Ankunft der Nachricht von dem sreiwilligen und zugleich (!) gelungenen Rückzüge" der türkischen Armee derGeneral" Lamarche imSiecle." Henie kann sich derGeneral" Lamarche mit demAd­miral" Lamarche trösten, welcher an demselben Tage, an welchem die halbamtlichen Blätter das Gerücht von der Einfahrt der Flotten in das schwarze Meer wider­legte», auf dasselbe die Hoffnung von dem baldigen Untergange der russischen Flotte gegründet balle. In einer Correspondenz derAllgemeinen Zeitung" hieß es: die Artikel dieses Hrn. Lamarche über die orientalische Frage würden von dem Minister Drouyn de Lhnys inspirirt. Das ist ein Irrthum , der aber seine Ent­schuldigung in der allgemein verbreiteten Ansicht findet, der Minister der auswärtigen Angelegenheiten stehe an der Spitze der Kriegspattri. Drouyn de Lbuys mag Augenblicke der übel» Laune gehabt haben uub genöthigt gewesen sein, sich böser zu stellen, als er war; aber in der That hat er rastlos danach gestrebt und strebt er heute darnach, einem Kriege zwischen Rußland und Frankreich vorzubeugen. Vollkommen Recht hat aber

derselbe Correspondent des Augsburger Blattes, wenn e* behauptet, die Pariser Bourgeois wären Slockphili- ster und ihre türkischen Svmpatbieen Nichts als die Folge von ihrem Grolle über den Besuch, den ihnen die Russen im Jahre 1814 abgestattet habe». Seitdem lieben die Pariser Bourgois freilich von den Russen Nichts als ihre Rubel ; die aber lieben sie sehr zärtlich. Ein legitimistisches Blatt erklärte vor einigen Tagen jene Sympathieen aus der religiösen Stellung der russischen Regierung; aber das war fchlgeschossen, weil die Fran- zoseii im Allgemeinen und die pariser Mittelstände ins- besondere gar keinen Sinn für religiöse Interessen mehr haben.

** In Paris ist nach der A. Ai Z. die allgemeine Annahme, daß die Reise deS Königs Leopold nach London bei* dem Versöhnungsact' der Bourbons den Ausschlag gegeben hat, und es herrscht über das Zustandekommen desselben unter fast allen unsern hiesigen Legitimisten und Orleanistfn große Freude. Die Dissidenten unter den lktztern sind Hr. Thiers und wenige seiner Freunde, und man erzählt das Wortspiel eines Legitimisten: M. Thiers se ralliera aussi, et sil ne se rallie pas. il sera raillé (Hr. Thiers wird auch beilreten, sonst wird er beigezogen [aufgezogen].) Die erste Nachricht von der Fusion gelangte nach Paris an Hrn. Bocher, den OrleanS'schen Güterverwalter, im Augenblick als die Verwaltungs-Commission bei ihm versammelt war. Es braucht kaum bemerkt zu werden', daß die Nach­richt mit Jubel ausgenommen wurde. Mehrere um­armten sich. Herr Dupin, der zum Glück -.noch nicht Senator gewesen ist, soll einen Witz gemacht haben, der freilich 'etwas hinkt: lenfant prodigue esl de retour dans la maison paternelle, et on va tuer le veau gras. (Der verlorenerSohn ist in das Vaterhaus zu- rückgekebrt, jetzt wird man das fette Kalb schlachten.) Bei Hof ist man über diese Wendung der Dinge äußerst aufgebracht, und es ist von scharfen Maßregeln gegen den Chef der zwei royalistischen Parteien die Rede. Die verbannten Generale wurden von den Begebenheiten in Frohsdorf benachrichtigt, und wenn sie noch nicht abge­reist sind, so wird es bald geschehen, und die politische Bedeutsamkeit der Fusion wird dann noch stärker in's Licht treten. Da der Graf v. Chambord noch Güter in Frankreich besitzt, so könnte ihn eine Sequester- oder Constscationömaßregel schon empfindlich treffen. Der Pariser Correspondent des Lloyd glaubt, daß die Herzogin von Orleans nach wie vor bei ihrem Wider­streben gegen die Fusion verharrt. Er erinnert daran, daß diese Füistin im Februar von Ludwig Philipp zur Vormünderin seines Enkels ernannt wurde. Ihr Wi­derstreben beruhe vornehmlich in der Pietät gegen ihren Gatten und Schwiegervatter. Trotz der Hintansetzung, die sie erlitten , hat sie doch am meisten Achtung vor dem letzten König der Franzosen bewahrt. Einer dentschen Fürstin, Die ihr im Jahre 1850 zur Fusion rieth, soll sie gesagt haben:Ich kann meinen Schwiegervater und Gatten doch nicht als Thronräuber erklären." Dann", soll jene geantwortet haben,unterwerfe Dich der Republik und ihrem Präsidenten; sie sind aus dem allgemeinen Stimmrecht hervorgegaugen. Dein Schwie­gervater wurde blos von 300 Deputirten gewählt." Ein Münchener Correspondent derA. A. Z." stimmt mit dieser Ansicht überein und findet es vollkom­men begreiflich, wenn die Herzogin von Orleans sich in ihrem.Gewissen verpflichtet glaubte, ihrem Sohn bis nach seiner vollendeten Majorcniiität seine freie Ent­schließung in Der fraglichen Angelegenheit vorzubchal- tcu. Die Frage, ob Die Fusion durch diesen Vorbe­halt einer wesentlichen Grundlage entbehre, werde man, wenn das, was über den Kabuls des zu Frohsdorf auf' genommenen Prolocolls und über Die nunmehrige per­sönliche Stellung und Ansicht der Frau Herzogin o. Orleans zur Sache verlautet, richtig ist, wohl eher verneine» als bejahen müssen. Falsch dagegen sei, daß das Zlistandekoiumen der Fusion hauptsächlich Den Be- mühungen Rußlands zu verdanken sei, und daß deß­halb, mit Rücksicht auf die gegenwärtigen Zeitverhält- nifje, das Ereigniß gleichsam als eine Art von Jnci- deuzfall in derorientalischen Frage" betrachtet wer­den müsse.

* Daß es einen Drcikönigsta'g gibt, sagt dasHalle'- sche. Volksbtatl für Stadt uuD Land", weiß jeder Chri- stenmensch; aber nicht alle wissen wohl vom Drei­kai ser tag. Run: am 2. December vor 28 Jabren ist Kaiser Nikolaus von Rußland Kaiser geworden; am 2. December vor 5 Jahren ist Kaiser Franz Joseph von Oesterreich Kaiser geworden; und am 2. December vor 1 Jahre ist der jüngste der drei europäischen Kak-