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Nassauische Allgemeine Zeitung.

Wt SSS. Mittwoch Örn 30. November 1S53.

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Die,,Naffauifche Allgemeine Zeitung" mit dem belletristischen BeiblattDer Wanderer" erscheint, Sonntags ausgenommen, täglich unc beträgt der Pränumerationspreis für Wiesbaden unb , nach dem Neuen Postregulativ nunmehr auch ür den ganzen Umfang des Ldurn- und Taris'schen Verwaltungsbezirks mit Inbegriff des Postaufschlags 2 st., für die übrigen Länder des teutsG-Ksterreidufthen Pouvereins, wie für das Ausland 2 st. 24 fr. Inserate werden die n rrivoiHf; PetitZeile oder deren Naum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in der Buchhandlung von W. Friedrich, Vangßasff 12, auswärts bei den nächsigelegenen Postämtern, zu machen.

Vesterreich, Preußen und die Neutralität

Ist es ein Bedürfniß der Leser oder ein unwider­stehlicher Hang der Redactionen gewisser Blätter, fragt ein von der Donau datirter officiöser Artikel in der A. A. 3 ", Eifersüchteleien und kleinliche Discussionen zwischen Oesterreich und Preußen zu erregen und wach zu halten, aus Bagatellsachen und Minimal-Angelegen- heiten Zerwürfnisse herausklauben zu wollen, um nur die Ueberzeugung von der aufrichtigen und herzlichen Freundschaft zwischen den beiden deutschen Großmächten nicht Wurzel fassen zu lassen, welche aus allen großen Ereignissen und wichtigen Lhatsachen frisch und entschie­den hervorgeht? Gar mancher kleine Ehrgeiz und manche kleine Persönlichkeit hat sich solch unlauterem Werke zugewendet, und mit Schmerz und Unmuth muß es jeden wackern deutschen Mann erfüllen, sieht es die­ses Treiben spinucuartig über einen Theil der deutschen Presse ausgedehnt. Da wird die beliebte Waffe der Verdächtigung so insidiös gehandhabt, eine gefällige Ein­flüsterung ballt in so wunderbarlicken Brechungen und Modulationen des Tones durch zehn verschiedene Echos, vom Centrum nach äußerst links und äußerst rechts, daß der ehrliche Michel, confus gemacht durch die Virtuosi­tät journalistischer Bauchrednerei, für die eine boshafte Insinuation zehn Zeugen zu hören glaubt. Wir fra­gen, was soll diese Spiegelfechterei in so ernster Zeit? Wem wird damit gedient? Unterhält sich ein norddeut­scher Publicist in seinen Musestunden damit, das trau­rige Thema von der deutschen Flotte" wieder herzuholen, um sich das Privatvergnügen zu macken, den Lesern der Hannoverischen Zeitung darzuthun, wie auch solche Her­ren, welche am meisten über falsche Behandlung des se­lig verblichenen Patienten schimpften, den armen Nar­ren mit zum Tode doctoren, gleicht ruft es koboldartig aus weiß nicht wie vielen Ecken des deutschen Journa- Ustenwaldes: das hat das österreichische Cabinet inspi- rin! Findet sich dann in einem andern Blatt eine treu- Herzige Seele, welche sich beifallen läßt, auszusrpechen, so unmöglich sei eS doch vielleicht nicht, daß auch Preu­ßen dabel einen Fehler begangen haben könne, so erfolgt ein allgemeines Halloh: Jetzt ist's System, mot dordre, Komplott! Zu Wien, wo man eben die guten Fort­schritte des Einvernehmens mit Preußen über die Bun- des-Militärangelegenheiten und über Lösung einiger com- plicirten Errungenschaftsliquidationen aus der bundeS- tagslosen Zeit sorgsam zu wahren und zu fördern sich bestrebte, in der Kaiserstadt sahen gerade die Eingeweih­ten in den wahren Stand der Sache sich bei eben er­wähntem Höllenlärm verwundert an, um dann ein mit­leidiges Lächeln anzunehmen als man daraus den gel­lenden Ruf verstand:Von Oesterreich ist die Flotten- parole ausgegangen." Nach unserer althergebrachten Weise lächelte man aber fortwährend still vor sich hin, ließ den Lärm Lärm sein und dachte Dummes Zeug, wer wird das glauben!

Run ein neues Thema: Freiherr v Prokesch ist von Wien über Berlin nach Frankfurt gereist. Preu­ßische Blätter, voran dieZeit", an denen nicht-officiö- sem Charakter man jetzt nickt mehr zweifeln darf, ver- künden alsbald: Oesterreich wolle die deutsche Bundes­versammlung veranlassen, in der orientalischen Sache ihre Vermittelung und bons Offices ebenfalls eintreten zn lassen. Am andern Tag wird diese lächerliche Be­hauptung stillschweigend aufgegeben; jetzt will Oester­reich eine Neutralitätserklärung des Bundes Herbei- führen und sucht dafür Preußens Zustimmung. Der Himmel weiß, welche Masse staatskluger Leitartikel und hochpolitischer Korrespondenzen darob die liebe deutsche Presse zu Tag gefördert hat. Der belehrt, wie man versucht habe, Preußen an das österreichische Schlepp­tau zu nehmen, wie das Berliner Cabinet aber fest sei­nen unabhängigen Standpunkt behauptet habe; jener weiß altklug darzuthun, wie die ganze Geschichteda­hinten tief in der Türkei" Deutschland mit Haut und Haaren nichts angebe, der Bund sich also sehr hüten müsse, in dieschwierige Lage Oesterreichs" hincinge- zogen zu werden: der Dritte kann ganz positiv ver­sichern, wie zu Olmütz Kaiser Franz Joseph, vom Kaiser Nikolaus zu einer Allianz gedrängt, dadurch ausgewichen ist, daß er den Zutritt Preußens als con­ditio sine qua non aufstcllte, worauf der Czar von König Friedrich Wilhelm an sein Ministerium gewiesen wurde, weßhalb der Kaiser von Rußland eigens nach Berlin reifte, um Herrn von Manteuffel zu bekehren, was aber nicht gelang. Michel hört das alles bewun­derungsvoll an; er sieht auch gar nicht ein, warum Deutschland sichdie Hände binden soll" Oesterreich zu

Liebe, freut sich derselbstständigen" Politik Preußens und seines Premiers, und besonders des Umstandes, daß er jetzt ganz genau weiß, wie sichdie Geschichte" in Olmütz, Warschau und Berlin zugetragen, und daß der Czar unverrichteter Dinge nach St. Petersburg abreisen mußte. Oesterreich mag zusehen, wie es aus seinerschwierigen Lage" herauskommt, wir Altenbur­ger, Waldecker oder gar Badener sind nickt dafür, da für die drunten an der Donau die Kastanien ans dem Feuer zu holen. Der Türke hat zur Zeit ohnehin alle Sympathien für sich; er ist der Träger der Civilisation, der Humanität, ja der Freiheit Europas, und selbst in Wien verkauft ein russensresseriicheS Loealblättchen, das Bukarest an allen Ecken von den Türken anzünden ließ, gleich tausend Exemplare mehr von dieser Nummer an das Volk!

Da komme nun einer und sage ruhig: liebes deut­sches Publicum, Neutralität versteht sich von selbst, wenn man für keine der kriegführenden Mächte Partei nimmt; man erklärt Krieg, aber man erklärt nicht Neutralität. Das braucht der deutsche Bund so wenig zu erklären, als Schweden, Holland und Spanien. Ueberdieß, ge­liebtes Publicum, ist der Bund durch seine Grundge­setze von Haus aus wesentlich auf die Defensive ange­wiesen, was ganz Europa wohl bekannt ist, und was sich als eine der trefflichsten unb weisesten Einrichtungen der europäischen Staatsverträge bewährte, als eine mäch­tige Bürgschaft des europäischen Friebens. Dabei ist aber, wie du wohl merken willst, geehrtestes Publicum sowohl Oesterreich als Preußen ausdrücklichdie Frei­heit ihres Handelns" als europäischen Großmächten (durch die Schlußacte) vorhebaltcu, und ein etwaiger Bundesbeschluß, auf Neutralität würde daran nichts anders, so wenig, als er den Bund der Verpflichtung überheben könnte Köln und Koblenz, Triest und Botzen mit zu vertheidigen, wenn es noth thäte auch wenn Preußen oder Oesterreich, als europäische Großmächte, sich in einen Krieg einschließeu der öen Bund als sol- chett berührte. Sodann, werthes Zeitungspublicum, fei mit jedem verständigen Menschen davon überzeugt, daß Preußen , so wenig wie Oesterreich , aus Sympathie für den Türken oder aus Freundschaft für irgend eine fremde Macht, Rußland den Krieg erklären wird oder will. Was Preußens weiser König im Jahr 1848 zu­rückwies , als es ihm von gewisser Seite von Frankfurt aus dringend angerathen wurde, das denkt sein finger Minister auch im Jahr 1854 nicht zu thun, darauf darfst du dich verbissen. Weder Oesterreich noch Preußen wer­den einen Hauptpfeiler der conservativen Ordnung um­werfen helfen ober. zum Wanken bringen wollen, und daß Herr v. Manteuffel, der volkthümliche Mannder rettenden Thal", zu solchem Beginnen nicht mit dem Versprechen der Zutheilung von drei deutschen König­reichen für sein eiigeres Vaterland zu gewinnen wäre, das müßte der leicht begerifen, der den Charakter die­ses bewährten Mannes kennt. Rußland hat sein Wort eingesetzt, nichts von der Türkei erobern zu wollen, Oe­sterreich und Preußen sind eng und herzlich verbündet, find und bleiben neutral, wie cs der 'deutsche Bund grundesetzlich ist, ohne besondere Erklärung, und es konnte sich also um nichts weiteres handeln als darum, ob die Mittheilung an die Bundesgenossen, welche durch die ihnen schuldige Achtung geboten war, in dieser oder je- ner Fassung an den Bund gebracht werden soll.

Dcutichluud

Wiesbaden, 30. Nov. Die Zahl der Zöglinge des hiesigen landwirtschaftlichen Instituts ist bis jetzt von 68 auf 74 gestiegen; die Zahl der nassauischen Zuhörer beträgt nun 42, die der nichlnassauischen 32.

Mainz, 29. Nov. Hr. J. B. M ü l l e r - M e l - chiorö, dessen Bestimmung zum Consul der Ver- einigten Staaten in Kurhesseu, dem Großherzoglhum Hessen unb Nassau so viel Aufsehen macht, ist, nach derWcier-Ztg.", nicht der bekannte Abgeordnete, son­dern ein Bruder, Kaufmann zu New - Aork allerdings auch ein politischer Flüchtling.

Darmstadt, 28. Nov. Die hiesige französische Gesaudtjchast fordert die im Großberzogthume wohu- basten Franzosen auf, sich in der GcsandtschastSkanzlei immatriculiren zu lassen; die Unterstützung und der Schutz der Gesandtschaft fei vorkommenden Falles von Erfüllung dieser gounaütät abhängig.

* AuS Baden 28. Nov. Wie demMainzer I." geschrieben wird, gibt cs Geistliche, die es geuirt, daß der Hirtenbrief nicht auf ofßciellem Wege, sondern nur ans Privathäilden ihnen zugckoinmen sei. Man könnte ihnen sagen, auch der Apostel Paulus habe, als er nach

Rom ober Korinth schrieb, weder eines Dienstsiegels noch offlcicller Amts oder Capitelsbotcu sich bedienen können. Hauptsächlich sollen aber die verhörenden Be­amten darauf ein besonderes Gewicht legen, und es als einen Hauptgrund bei den Straferkenntuisscu an- sühren, daß einangeblicher" Hirtenbrief des Erzbischofs der ohne officicUe Vermittelung in die Hände der Geist­lichen gekommen sei, also wie ein Flugblatt betrachtet werden müsse, amtlich gebraucht worden. Das erinnert, heißt cs weiter, lebhaft an die auf gleichem Wege in's Laiid gekommene Proclamation des hochstieligen Groß- herzogs Leopold an dieBürger Badens, Soldaten, Landleute", als dem flüchtigen Großherzog der ord­nungsmäßige Weg, zu seinen Landeskinbern zu reden, abgcschnitteti und gleichfalls jede Druckerei des Inlan­des gesperrt war, zu Berg in der Rbeiupfalz unter dem 7. Mai 1849 erlassen und in unzähligen Exemplaren durch einige getreue Häiidc im Lande verbreitet. Zu­fällig liegt ein Exemplar davon, das ich damals unter größter Gefahr zn bekommen wußte, noch vor mir und erinnern mich diese treuen Worte voll Gnade, Ver­zeihung und wahrer landesväterlichen Liebe an sein Volk recht lebhaft an den edlen und großmüthigen Für­sten, der nur zu wenig seinem eigenen guten Blick und Rath, zu viel Anderen vertraute; sowie andererseits auch an das damalige Gebahrcu der Anhänger unb Söldlinge der provisorischen Regierung, welche mit schrecklicher Wuth über diese Proclamation bersteten, sie als aufregendes Flugblatt, das am Ende gar nicht vom ,Großherzoge berrührte, verunglimpften, polizeilich mit Beschlag belegten und wo sie cs sanden einigen. Das Respiciat der katholisch-kirchlichen Angelegenheiten ging bei dem Ministerium des Innern vor Kurzem in andere Hände über. DerSchw. M." meldet aus dem Taubergrunde vom 25. Nov.: Die wegen Verlesung des erzbischöflichen Hirtenbriefes festgesetzten Geistlichen sind ihrer Haft entlassen, dagegen mit einer kleinen Geldstrafe belegt worden. Es ich Dieß eine Maßregel nothwendiger Rücksichtnahme auf die Gemein­den, die man doch nicht durch Entziehung ihrer Pfarrer auf mehrere Wochen für den in den oberen Regionen entbrannten Streit entgelten lassen konnte. (Billiger Weise muß man fragen, warum sich diesenothwendige Rücksichtnahme" erst jetzt Geltung verschafft hat, u»d nicht vorher schon, ehe man den Mißgriff begangen hatte, die Geistlichen ins Gefängniß zu setzen) Die Jesuiten in Freiburg sind nach demN. C." nicht aus dem Laude ausgewiesen, sondern nur aus ihrem dorti­gen Hause, weil man nicht dulden will, daß sie klöster-, lich beisammen wohnen. DieD. VolksbaUe" ist w>- geu der bisherigen Haltung in Besprechung des zw - scheu der großhegezoglich badischen Regierung und dem Erzbischöfe von Freiburg ausgcbrochenen Conflictes zu ProtoevÜ verwarnt worden, mit der Androhung, daß bei Zuwiderhandlung gegen Drucker, Verleger, resp. Verkäufer des Blattes mit der Concessions-Eutzichuug voraugegangen werben mürbe. In Düsseldorf wurde eine in der Buchhandlung von F. M. Kampmann als Broschüre erschienene Separat-Ausgabe der Hirtenbriefe des bochw. Erzbischofs von Freiburg und der bochw. Bischöfe von Mainz und Limburg mit Beschlag belegt.

Die erste Bescklagnabine desDeutschen Volksb!.", welche in Mannheim erfolgte, wurde gerichtlich bestätigt, und ist ein Preßprozeß gegen dasselbe euigeleitct wor­den. DiePfälzer Zeitung", welche ebenfalls von ei­nigen Beschlagnahmen betroffen worden war, hat in jüngster Zeit von Seite der Polizeibehörde wieder Er- leichtcrung ihres Debits erhalten. Während nämlich früher ihre Exemplare auf der Post in Mannheim be­wahrt werden mußten, bis von Seite des Polizeiamts dieselben geprüft unb entweder zur weiteren Versendung zugelassen oder zurnckbehalten worden waren, könne» jetzt dieselbe» sofort weiter befördert werden.

DieN. Preuß. Ztg." schreibt: Die süddeutschen Zeitungen bestätigen die Mittheilung, nach welcher in dem traurigen Confliele in Bade n eine Wendung eingetreten ist. DasFranks. Journal", das in dieser Frage von der großerrzogiichen Regierung benutzt ist, schreibt bereits:Es scheint, daß die Loealbeaiutcn (gegen die Geistlichen) nickt gaiiz in angemessener Weise verjähren sind; Unterinckungen feien darüber ein- geleitet." Auch hat sich die gemeine und -erbärmliche Taktik der süddeutschen liberalen Blätter bereits geän­dert. Anfangs hatten sie täglich Berichte, welche ver­kündeten ,die Wesjenbergstche Schule fei in Bad zi noch nicht ^^^^^^^^^^^^ , die Geistlichen blieben dem Staate treu" u. dgl. Heute, wo, wie wir hören, in mehr als anderthalb hundert Fällen die Geistlichen dem