Nassauische Allgemeine Zeitung.
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TV' VÄ/. Dienstag den 29. November 1833.
Dit „Nassauische Allgemeine Zeitung" mit dem belletristischen Beiblatt „Der Wanderer" erscheint, Sonntag« ausgenommen, täglich und beträgt der PränumerationsvreiS für Wiesbaden und , nach dem neuen Postregulativ nunmehr auch Ür den ganzen Umfang des Ldurn» und Taris'schen BerwallungsbezirkS mit Znbigriff des Postausschiags 2 ft, für die übrigen Länder des deutfchtösterreichischen Postvereins, wie für daS Ausland 2 fl. 24 kr. — Inserate werden die »ierspoltig Petitzeile oder deren Raum mit 3 kr. berechnet. — Bestellungen beliebe man in der Buchhandlung von W. Friedrich, Langgaise 42, auSwärtS bei den nächstgelegenei, Postämtern, zu machen.
^ Die Wiesbaden - Niederlahnsteiner Eisenbahn.
Seit Jahren schon ist die Eisenbahn, welche die zwischen Köln und Frankfurt noch bestehende Lücke in dem deutschen Eisenbahnsystem anszufüllen bestimmt ist, von verschiedenen Seiten her Gegenstand eifrigster Bewerbung. Auch Nassau, — bei dieser Frage wesentlich betheiligt, — war hierbei nicht müßig und war eS, nachdem das längere Jahre verfolgte Project einer Westcr- Wälder Eisenbahn definitiv aufgegeben werden mußte, wohl um so mehr gerechtfertigt, das neuerdings von einer englischen Gesellschaft angeregte Project einer rechtsrheinischen Eisenbahn, zunächst bis Niederlahnstein thun- lichst zu fördern, als eine irgend erhebliche Mitwirkung des Staats für dessen Ausführung nicht in Anspruch genommen wird.
Nachdem nunmehr die erforderlichen Vorarbeiten beendigt sind und der Bau der Bahn, welcher in dem Lande Millionen zur Verwendung bringen wird, in Kürze beginnen soll, so halten wir es um so mehr entsprechend, einige Bemerkungen in Beziehung auf die projectirte Richtung der Bahn von ihrem Ausgangspunkt — Wiesbaden aus hier niederzulegen, als wir noch selten so vielfach unrichtigen Auffassungen und Folgerungen begegnet sind, als in dieser Frage.
Von Wiesbaden aus, sowie auch von Biebrich Mosbach aus haben wir schon Klagen in dieser Beziehung vernommen. Wenn nun aber feststeht, daß Wiesbaden der Anfangs- resp. Endpunkt der Wiesbaden-Nieder- lahnsteiner-Bahn sein wird, und daß von Wiesbaden aus eine unmittelbare d. h. von der TaunuS-Eisenbahn abgesonderte und ununterbrochene Locomoliv Verbindung mit dem Rheingau und weiter wird hcrgestcllt werden, sonach auch der Stadt Wiesbaden die ihr noch fehlende unmittelbare Eisenbahn - Verbindung mit dem Westen Europas gewährt wird; — wenn weiter feststeht, daß M dem nördlichen Ende des von der projectirte» Eisenbahn thellweise durchschnittenen — Fleckens Biebrich- MoSbach eine Haltestelle wird errichtet werden, so können unserer Ansicht nach zunächst nur die an dem Rbein ufer bei Biebrich wohnenden Geschäftsmänner, welche von der Rbeincisenbahn allerdings etwa 10 Minuten entfernt bleiben, Veranlassung haben, eine Aenderung der projectirten Richtung zu wünschen.
Daß eS erfreulich wäre, wenn der mit so beträchtlichen Geldopfern des Landes geschaffene Biebricher Hafen auch in nächster Nähe von der Wicsbaden-Nie- derlahnsiciner Eisenbahn hätte berührt werden können, erkennen wir um so mehr an, als wir leider zugeben müssen,'daß die Biebricher Zweigbahn den Verkehrsbe- dülfnisscn nicht vollständig genügt, wobei jedoch immer zu erwägen bleibt, daß eine Führung der Bahn durch das Biebricher Hafengebiet voraussichtlich die Stadt Wiesbaden von der unmittelbaren Verbindung mit der Bahn, welche dann der 9tatur der Sache nach von Biebrich direct nach Kastell würde projcctirt worden sein, ausgeschlossen haben würde.
Wir glauben auch versichern zu können, daß in voller Würdigung dieses Verhältnisses nichts versäumt worden ist, um die projectirte Bahn auch für den Biebricher Hafen möglichst fruchtbringend zu machen. Wenn jedoch die deßfallsigen Bemühungen erfolglos geblieben sind, so hat dieses einerseits in den sehr erheblichen und von Nichttechnikern gewöhnlich viel zu genug angeschlagenen Terrainschwierigkeiten, welche die ohnehin großen Baukosten, wie auch die Kosten des demuächstigen Betriebs um eine sehr bedeutende Summe würden gesteigert haben, anderntheilS aber darin seinen Grund, daß die Concessionäre auch nicht geneigt waren eine von Wiesbaden nach Niederlabnstein bestimmte Bahn auf einem nicht unbeträchtlichen Umweg über Biebrich zu führen und dadurch die demnächstige Frequenz und Rentabilität der Bahn, welche letztere schon durch die große Steigerung der Baukosten wurde gelitten haben, noch weiter zu beeinträchtigen.
In Beziehung auf die bei diesem Babnbau zur Sprache kommenden Interessen der Stadt Wiesbaden kann allerdings zugegeben werden, daß der Vortheil der Bahn für Wiesbaden ein noch größerer werden würde, wenn die Ein- und Ausmündung der Bahn in die Taunus-Eisenbahn bei der Armeuruhmühle ganz ausgeschlossen wurde.
Ha delt eS sich aber darum, ob deßwegen die Bahn überhaupt aufzugeben sei, — weil der größte Vortheil nicht zu erreichen ist — so kann die Entscheidung dieser Frage jedem Unbefangenen, mag er das' Inten sie von Wiesbaden noch so hoch, und das Interesse der Rhein
orte bis Niederlahlisiein noch so gering anschlagen, mit Beruhigung überlassen werden. Das eingehaltene Ver- fahren kann hiernach nm so mehr die Zustimmung und Anerkennung des Landes in Anspruch nehmen, als es sich überhaupt — was wir nicht genug hervorheben können — hierbei nicht blos darum handelt, ob in Folge deS bei dem Bestehen auf jener Forderung un ausbleiblichen Scheiterns des Unternehmens das Land der Vortheile einer Eisenbahnverbindung mit dem Niederrhein noch auf einige Zeit zu entbehren hätte, fon» der» darin, ob überhaupt eine solche Eisenbahn »daS Herzogthum durchziehen, oder — auf der andern Seite des Rheins einmal hergestellt — das Laub von d e m europäischen Eisenbahnnetz ganz und für immer a u s s ch l i e ß e n soll.
Schließlich glauben wir den Anwohnern des Biebricher Hafens gegenüber die feste Ueberzeugung aus- spreche» zu können, daß die gleichzeitige Herstellung einer Locomotiv-Verbindung mit den nahe vorübergehenden Eisenbahnen gewiß nicht außer Acht gelassen, sondern auch dafür nach Kräften wird gewirkt werden.
Deutschland
* Wiesbaden, 28. Nov. Durch die Eröffnung der Eiscubahnstrecke von Worms bis Ludwigshafen sind wir der französischen Haupistadt so nahe gerückt, daß Briefe und Zeitungen, welche Abends um 7y2 Uhr in Paris aufgegeben werden, am andern Tage um 4 Uhr Nachmittags hier in Wiesbaden eintreffen können. Anstatt dessen gehen uns die Pariser Briefe und Blätter, wie früher, erst am zweiten Tage nach der Aufgabe Morgens acht Uhr zu. Dieselben werden nach wie vor über Frankfurt spedirt. Billig könnte man fragen, ob denn neue Verbindungsmittel nicht vorzugsweise von der Post benutzt werden sollen, wenn dadurch eine schleunigere Beförderung zu erzielen ist. ES scheint dies jedoch zu den frommen Wünschen zu gehören, da auch deM oft besprochenen Uebelstand noch immer nicht abgeholfen ist, daß die Vormittags rechtzeitig um noch mit den, Frankfurter 11 Uhr Zug auf der Taunusbahn weiter befördert werden zu können in Frankfurt eintreffenden Berliner, Wiener 2C. Blätter, erst auf das Postbureau in die Stadt gebracht, dort umgepackt werden und erst dann mit dem 2% Uhr Zug hierher abgehcm
□ Dillenburg, 24. Nov. (Assiscnverhandlung gegen Joseph Keul aus Oberelbert, wegen Schrift- fälschung. Die Verhandlungen finden ohne Zuziehung der Geschwornen statt.
Präsident- Herr Hofgerichtsrath v. Bierbrauer, Staatsanwalt: Hr. Staatsprocurator Lautz, Vertheidiger: Hr. Procurator ThöngcS. Joseph Keul, 41 Jahr alt, ist angcklagt im Anfänge dieses Jahres zwei falsche Schuldscheine über die Summe von 11 und 13 fl. ausgestellt und diese hierauf an Gumbrich Kahn in Montabaur für 17 fl. verkauft zu haben, ferner: daß er in einer Quittung, die ihm vom Gemcinderech- ner seines Orts über i fl. 25 kr. qusgeferugl worden war, die Zahlen in 11 fl. 25 fr. umgeändert habe, um hiermit die geschehene Bezahlung einer schuldigen Summe von jenem Betrage zu beweisen. Er wird schuldig erkannt, und von dem Gerichtshöfe zu einer Zmonätlichcn CorrectionshanSstrafe verurthcilt. Mit diesem Falle wurden die Verhandlungen für das IV. Quartal d. J. geschlossen.
Limburg, 26. Nov. (Mittclrh. Ztg.) Am gestrigen St. Katharinentag, der alljährlich bei prächtig illu- minirtem Dom festlich begangen wird, geleitete die Gemeinde das Domcapitel, den Bischof an der Spitze, mit brennenden Kerzen durch die Straßen. An dem bischöflichen PalaiS angekommen, wurde dem Bischöf ein Hoch gebracht, worauf dieser die auf dem Pflaster knic- ende Menge segnete und sie ermahnte, „in der bedrängten für die katholische Kirche so g efahrv olle n'Zeit" an dem Glauben festen gälten und mit ihm auszuharren.
Frankfurt, 27. Nov. Die „Fr. P. Z." enthält folgendes: Die Berichte über die Fusion der beide» Linien der Bourbonen cnthaltcn^manches Ungenaue. Von einigen Blättern wird die Sache dqrgesteüt, als habe der Herzog von Nemours bei seinem Besuch in Froschdorf als Vertreter der sämmtlichen Mitglieder der Familie Orleans gehandelt und gesprochen. Wir können dagegen nach einer uns zugekommenen ganz zuverlässigen Mittheilung versichern, daß die Herzogin von Orleans dieser Fusion fremd geblieben und also nicht denjenigen Mitgliedern deS HauseS Orleans beizuzählcn ist, in deren Namen der Herzog von Nemours verhandelt Lud das Wort geführt haben mag. (Hiermit zer
fielen die gestern mitgelheilten Bemerkungen der A. A. Z. über die Grundlagen der Fusion.) Ein zweiter Artikel lautet: Ihr Blatt vom gestrigen Tage bringt einen, der Neuen Preußischen Zeitung entuommenen Artikel aus Wien vom 23. Nov., welcher sich über die angeblich zur Thatsache gewordene Einigüug der beiden bours bolnschen Linien in den Worten ausspricht, daß dadurch in den allerhöchsten Kreisen eine tiefe Befriedigung her^ vorgerufcn worden fei. Die sogenannte Fusion ist eine Familienangelegenheit, über welche seit Jahren unter den Bctheiligien verhandelt worden, der aber der Kreis, von welchem die Neue Preußische Zciiüng spricht, ganz fremd geblieben ist. Es wird ihr darum auch schwer werden, die Beweise für den Eindruck beizubringen, den sie unterstellt und behauptet.
Nach dem authentischen und amtlichen Protocoll über die Zusammenkunft, welche in Frobsdorff zwischen dem Herzog von Nemours uud dem Grafeu von Chambord staltiand, traf am Mittwoch den 16. Novbr. der Escadrons - Chef Reille, ehemaliger Adjutant des Herzogs von Nemours und Sohn des Marschalls von Frankreich, mit dem Herzog von Levis in Wien zusammen. Am folgenden Tage schickte der Graf von Chambord den Grafen Monti mit einem seiner Wagen nach Wiener-Neustadt ab, um den Herzog von Nemours abzuholen. Als der Wagen vor dem Schlosse ankam, empfing der Herzog von Levis den Herzog von Nemours am Wagenschlag und führte ihn in die gräflichen Gemächer. Im Hauptsaale befand sich die ganze Umgebung deS Grafen. Als dieser die nahenden Schritte hörte, eihob er sich, erschien an der Thür seines Ca- binets in dem Augenblicke, wo der Herzog von Nemours eintrat, reichte ihm beide Hände und sprach: „Mein Vetter, wie erfreut bin ich über Ihren guten Besuch!" Der Herzog erwiderte: „Mir vielmehr, mein Vetter gereicht es vor Allem zur Freude, daß ich heute einen Schritt habe thun können, nachdem ich mich schon so lange sehnte, und ich erkläre Ihnen, in meinem Namen und im Name n meiner Brüder, daß wir in Frankreich hinfort nur ein Königthum erkennen, nämlich das Ihrige, und nur einen Thron, nämlich den, welchen wie wir Höffen, bald der Aeltestc unseres Hauses einnehmen wird." Diese Worte wurden in Gegenwart vieler Zeugen ausgesprochen, die sich in den Gemächern des Prinzen befanden. Der Graf von Chambord und der Herzog von Nemours traten hierauf in das Cabinet, wo sie drei Viertel Stunden allein blieben, die wichtigsten Fragen erörterten und sich darüber vollständig verständigten. Bei seinem Hcraustretcn aus dem Cabinet schien der Herzog von Nemours in zufriedener Stimmung zu sein und sagte: „Dieser Tag ist der schönste meines Lebens; er erinnert Mich daran, daß gerade heute der JahrcStag jenes Tages ist, wo ich von Karl X. zum Obersten ernannt wurde." Als er den BaroU von Montbel bemerkte, äußerte er: „Mit welcher Freude wünsche ich Ihnen Glück, Hr. Baron, zu der stand- basten Trcue, welche sic dem Königshause bewahrt haben !'^ Als der Herzog von NemourS den Wunsch ausdrückte, die Gräfin von Chambord zu sehen, führte der Prinz ihn sofort zu ihr, und als der Herzog äußerle, cr wünsche seine Frau und seine Kinder dem Grafen von Chauchord vorzustellen, entgegnete dieser: „Ueber den Besuch wollen wir in Wien sprechen und dort die Zeit Ihres Besuches in Frobsdorff verabreden!" Außerdem soll der Herzog von NemourS gesagt haben: „Ich habe eine Brücke über den Graben geschlagen, welcher uns trennte, und diese Brücke wird uns nach Frankreich znrückführen!" Am folgenden Tage, am 18« wollte der Graf vom Cbambörd ursprünglich den Besuch deS Herzogs von Nemours erwidern. Da aber der Herzog bei seiner Rückkehr nach Wien eine Einladung deS Kaisers zum Diner für denselben Tag vorfand, so schickte er Hrn. Ncille nach Frohsdorff ab, um den Prinzen davon zu benachrichtigen, daß er sich an diesem Tage nicht nach Wien hinbcmühèn möge. So stattete denn der Graf von Chambord seinem Detter den Gegenbesuch erst am 21. ab. Der Herzog von NemourS hat einen seiner Adjutanten beauftragt, die Generale Cbangarnier, de Lamoriciere und BeLeau von der staltgehübtc» Zusammenkunft in Kenntniß zu setzen. Unter den hervorragendsten Ministern Ludwig Philipp'S haben namentlich der Herzog v. Broglie, Guizot, Molè und Salvandy Schritte gethan, um die Eintracht zwischen den beiden Zweigen deS Hauses Bourbon wieder« herzustcÜui. Hr. Thiers ist der Fusion gänzlich fern geblieben, außer ihm aber nur noch wenige Orlcanisten von Bedeutung, so namentlich die Hrn. Victor Cousin, Roger du Nord und Jules de Lasteyrie.