Nassauische Allgemeine Zeitung.
2Vr S-S Samstag Jeu 26. lloiieuilicr 1853.
Dit,,Naffau>sckk Allgemeine Zeitung" mit dem belletristischen Beiblatt „Der Wanderer" erscheint, Sonntags ausgenommen, täglich und beträgt der PränumeralionSpreiS für Wiesbaden und , nach dem neuen Postregulariv nunmehr auch ür den ganzen Umfang des Lburn- und TariS'schen Verwaltungsbezirks mit Inbegriff des PostausschlagS s ff., für die übrigen Länder des deutfch.österreichischen Poffvereins, wie für das Ausland r ff. 24 fr. — Inserate werden die vierspaltig Petitjeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. — Bestellungen beliebe man in der Buchhandlung von SN. Friedrich, Langgaffe 42, auSwärkS bei den nächffgelègeneü Pöstâintern, zu machen.
Zeitungsschau.
Die Neutralität der deutschen Großmächte. — Der von Zitz gemachte neue americanische Consul.
** Die englische Presse wird nicht müde Oesterreich und Preußen in den übel berechneten Kampf ziehen zu wollen, in den sie den friedliebenden Sultan wider seinen Willen gestoßen haben. Was liegt der Times und dem M. Chronicle daran, ob Oesterreich, wenn es einer solchen Verlockung Gehör gäbe, sich dadurch die unabsehbarsten Verwickelungen für Gegenwart und Zukunft bereitete, ohne etwas anders zu bewirken, als daß in zehn Jahren, vielleicht in zehn Monaten die Pforte und der Czar sich ebenso wieder gegenüber stünden, wie heute! Was wollen die westlichen Mächte -mit der Türkei anfangen? Seit achtzig Jahren schreibt die A. A. Z ist nicht Ein Jahrzehnt verflossen, ohne daß nicht innere oder äußere Feinde sie in Kämpfe um ihre Existenz verwickelt bätten. Ließen ihr die Russen Rube, so zerrten da die Griechen, die Serben, dort die Syrer und Aegyptier, die Drusen und Kurden an ihrem Leben, die Candioten nicht nur, selbst die Bosniaken und Bulgaren brachen in Aufstände aus, und mitten in Con- stautinopel warfen die alte Janitschareupartei und die Reformer sich gegenseitig die Schuld des Verfalls der Monarchie zu, und suchten wechselseitig ihre Stütze im Ausland. England und Frankreich selbst, die jetzt so große Worte über die Heilighaltung der türk. Integrität machen, nachdem sie Griechenland und Algier davon abgetrenut, und die türkische Flotte ins Meer gesenkt haben, berechnen lauernd schon den Moment, wo sie auf Cypern, Rho- dus, Candia und Aegypten die Hand decken werden, als Belohnung, Beute oder Zankapfel neuen Streits! Die Serben ihrerseits harren nur des Winks ihrer Häupter, um die sechs Millionen ihrer Stammesgenos sen unter die Fahne zu rufen und einen Kampf zu ent. zünden, den niederzuschlagen, der Pforte noch schwerer
Kt dürfte, als einst ben griechischen FreihcitSkampf, en sie acht Jahre ohne Erfolg ihre Flotte und ihre Heere gesetzt. Ein von Anfang an bis zu dieser Stunde barbarisches Reick, das solch innern Zerfall bietet, und dessen ganze Coustituirung auf so schreienden Widersprüchen beruht, mit europäischen Heeren, mit der Kraft christlicher Staaten aufs ungewisse hin, in eine blaue Zukunft hinein erhalten zu wollen, ist eine Thorheit; es wegen eines Blatts Papier, das Fürst Menczikoff zur Befriedigung des moskowitischen Stolzes verlangte, in einen Kampf auf Leben und Tob mit einem Gegner stürzen, der ihm seit hundert Jahren Stück sür Stück vom Leib gerissen hat, wie England den Hindus gethan hat, Frankreich den Barbareöken, Nordamerica den Indianern und Südamericanern thut, das ist eine That des Bären, der dem Schlummernden ein Felsenstück auf den Kopf wirft, damit ihm die Mücke auf seiner Stirn den Schlaf nicht störe. Und die beiden Großmächte Deutschlands sollen sich mit ihren besten Kräften in dieses Wirrsal von Napoleonisch Palmerston'scher Politik stürzen, Preussen soll es thun, zum Dank dafür, daß man seinen Zollverein seit dem Bestehen bekämpft, ihm an der Eider Halt geboten und ihm Schleswig Holzstein zerrissen vor die Füße gelegt und es sammt Dänemark zum gehorsamen Ostseepförtner der russischen Macht gemacht hat; Oesterreich soll es thun, das man kaum allen seinen Feinden preisgegeben und über dessen Nationen schützenden Kaisermantcl man bereits die Würfel geworfen hatte. Oesterreich soll seine Heere vereinigen mit dem Heere, das — von Renegaten geführt, und recrutirt wird von Flüchtlingen aller Nationen, die — sammt ihren Prvtec- toren in England — keinen heißeren Wunsch hegen, als den kaum wieder aufgerichteten Kaiscrstaat aus's Neue in Trümmer zu schlagen — ein Werk, das sie im Gefolge dieses Krieges zu vollbringen hoffen , und um so besser, je weiter er seine Funken wirst und seine Flammen verbreitet. Gewiß, Oesterreich hat seine großen Interessen bei der unabwendbaren Katastrophe der Türkei, und diese Interessen, zum Theil in schwerem Widersprüche mit dem Gang der russischen Erbpolitik P.lers und Kaiharina's, legen seinen Lenkern Pflichlrn auf, zu denen eben so viel Klarheit und Fernsicht des Blickes, als Entschluß und Muth gebört. Beide — wir haben die Proben — fehlen nicht im Rathe des Kaisers, nicht in seinem Heere, noch in seiner Diplomatie. Wenn aber in England und Frankreich davon gesprochen wird, um Ruhe vor Rußland za haben, müssen der Türkei alle seit dem Tractat von Kutschuk-Kainardschi geschlossenen Verträge zurückgegeben werden, so darf das in Petersburg und Wien so gut als ein Tollhäuslerrath betrachtet werden, wie in Lon
don die Zumuthung ausgenommen würde, in Indien und China alle seit den Tagen Clive's und Warren- Hastings errungenen Verträge zu zerreißen, damit dort die Trümmer der Mongolen- und Mahrattenherrscker so lustig wieder aufleben könnten, als man in dem „illyri- schen Dreieck" die Nachkommen Osmans und Mohammeds 11. noch durch Jahrhunderte fröhlich fortblühen zu sehen hofft.
** Ueber die ErnennungdesHrn. Müller-Melchiors aus Mainz zum Consul der Vereinigten Staaten für das Großherzogthnm Hessen, das Kursürstenthum Hessen und das Herzogthum Nassau wird dem „Mainzer Journal in einem Schreiben auS New-Aork vpm 2. November folgende Aufklärung gegeben : In Folge der Koßta Affaire und der orientalischen Wirren schmeicheln sich die hiesigen politischen Flüchtlinge und die Ultras unter den Amerikanern selbst, daß ein allgemeiner Krieg vor der Thür sei, welcher dann zu einer neuen Revolution führen werde. Der destructiven Partei und ihren Führern liegt deßhalb Alles daran, sichere Punkte in Deutschland, namentlich in Baden, Hessen und Nassau zu gewinnen, welche Staaten man hier am empfänglichen für einen neuen Umsturz hält. Zur Förderung solcher Pläne hält man die dortigen americanischen Con- sulate am geeignetsten, in deren Archive man ohne Furcht vor Haussuchungen die wichtigsten Papiere niederlegen könne, und unter deren offiziellen Siegeln man zu cor- respondiren und mit den Gesinnungsgenossen die Verbindung zu unterhalten beabsichtigt. Deßhalb mußte man suchen, wenigstens die Consulate in Baden und Hessen neu und mit präsumtiven Gesinnungsgenossen zu besetzen, wozu die Spaltung unter der demokratischen Partei selbst die Gelegenheit bot. In Folge der radi- talen Richtung des jetzigen Cabinels hat sich nämlich die democratische Partei, welche dem General Pierre zur Prästdentur verhalf, gesvalten, iu eine democra- tisch-conservative und in eine destructive , welche sich selbst die „Furchtlose" (unterrified) nennt mib gerne die ganze Welt mit einer demokratischen Univerfalherr- schaff beglücken möchte. Der Staatssecretär Marcy, welcher bei der nächsten Präsidentenwahl den Sieg da- vonzutragen hofft, hat sich dieser letzteren Partei zugewandt; es liegt ihm deßhalb auch sehr daran, daß bei der nächsten Wahl der Staatsgesetzgebung und der Behörden des Staates New-Aork, welche in acht Tagen stattfindet, die Candidaten seiner Partei die Majorität erhalten. Dazu sollen ihm die Stimmen der nationali- strten Deutschen verhelfen, und um diese zu erhalten, hat er sich mit Zitz, Fröbel, Förster und aude- ren rothen Notabilitäten verbünde, so daß diese, welche zwar selbst noch kein Stimmrecht besitzen, für ibn werben, wofür er die gewünschten Covsulats-Erneunuugen zu machen sich verpflichtete. Beide Parteien haben ihr Wort gehalten, alle deutsche demokratische Blätter mit Ausnahme der Staatszeilung bringen Artikel übe Artikel zu Gunsten der „furchtlosen" Partei; Zitz Fröbel, Förster und Konsorten wandern von einem Wirthshause zum andern und predigen. daß man die Partei und dadurch die Staatsregierung unterstützen müsse, damit diese letztere wie bei Koßta auch sie in Deutschland unterstütze, und so ist es denn, nachdem die Ernennung für Mannheim schon frührr als eine Abschlagszahlung erfolgt war, um auch die für Hessen in der Person des Herrn Müller-Melchiors ausgekertigt worden. — DaS Consulat in Mannbeim für Baden war wegen der damit verknüpften unbedeutenden Einnahme seit mehreren Jahren unbesetzt geblieben, die Partei gewann dafür einen reich gewordenen Wirth in Baltimore, auS Lich in Oberhessen gebürtigt, wo er früher Metzger war, und da dieser neue Consul mit der Feber nicht um gehen kann, so ist ihm ein Secretär von hier aus mit- gegeben worden. Die Cousulargeschäste in Mannheim nehmen sicher keine Viertelstunde des Tages in Anspruch, was also der eigentliche Zweck des Sekretärs ist, liegt klar am Tage. Mit der Besetzung des Con sulates sür Hessen hatte es mehr Schwierigkeiten. Der dortige Consul steht bei der nordamericauischen Staatsregierung zu gut eingeschrieben, als daß man ihn einfach beseitigen könnte. Da derselbe aber auch Consul für das Königreich Hannover ist, und seit längerer Zeit das amencanischc Consulat in: Frankfurt zu vergeben hat, und ihm, wie es scheint, diese Geschäftölast zu schwer war, so kam er um Entbindung davon ein, was man nun benutzt hat, um ihn seiner Stellung im Groß- Herzogthum Hessen und Kurhessen zu entheben, und das Consulat in diesen beiden Ländern nebst Nassau, nach dem Wunsche der Partei der „Furchtlosen" zu besetzen. Die Ernennung ist, wie alle bisherigen, nur provisorisch,
da es zu einer definitiven der Genehmigung des Senates der Union, welcher nächsten Monat zusammenkommt, noch bedarf. Man scheint indessen die Zustimmung des Senates nicht für gesichert zu halten, sonst hätte man mit dieser Ernennung nicht so geeilt, sondern bis zu dessen Zusammentreten gewartet. Wahrscheinlich will aber, der Staatssecretär dem Senate die Sache als ein fait accompli vorlegen und Hal sich deßhalb so beeilt, denn nach den Gesetzen der Union bleibt immer der früher ernannte Consul oder sonstige Beamte so lange im Amt, bis der neu ernannte das Exequatur von der betreffenden Regierung erhalten hat; es muß deßhalb der Partei daran liegen, für die beiden Con- suln in Mannheim und Hessen das Exequatur zu erhalten, ehe der Senat Notiz von der Ernennung nimmt, worüber bei der Menge von Ernennungen aller Art und den laufenden Gegenständen der Gesetzgebung immer mehrere Monate hingehen. Uebrigeus muß bei der Ernennung von HauS aus ein schwerer Irrthum — um nicht einen ärgeren Ausdruck zu gebrauchen — vorgegangen sein. Nach den Grundsätzen der Bereinigten Staaten müssen nämlich die Consuln Bürger derselben sein; man hat also ohne Zweifel sehr ungenügende Papiere nach Washington gesandt, worin Herr Müller-Melchiors als Bürger und Resident von New- Uork aufgeführt ist, wodurch sich auch erklärt, daß er als „von New-Iork" bezeichnet wird. Auf den Cha- nietet der Partei, welcher der neue uncxcquirte Consul seine Ernennung zu verdanken hat, wirft dieser letztere Umstand ein ganz eigenthümliches Licht. (Hr. Müller- Melchiors kann ja nach der neuen Koßtalheorie das Bürgerrecht der Bereinigten Staaten bereits erworben haben. Ab uno discimus omnes! Cur non Melchiors a Costa.)
Deutschland.
* Wiesbaden, 25. Nov. (Assisenverhandlung gegen Wilhelm Müller von Breithardt, wegen Schrifffälsckuug.) Der Angeklagte wurde von dem Assisenhofe des Verbrechens für überführt erachtet und zu einer Correctionshausstrafe von zwei Monaten, als Zusatz zu der ihm bereits früher von dem Criminal- senale dahier wegen Diebstahls zuerkannten viermonat- licken Correctionshausstrafe, sowie zur Bezahlung der Untersuckungskosten verurteilt. —. Wilhelm Müller war angeklagt, daß er auf die Namen der Gebrüder Michael und Rufus Waltber dahier zwei Quittungen über Sandliefernngen ausgestellt und den Herrn Regierungsrath v. Rößler und Steucrrath Bigelius, welchen letzteren er irrtümlicher Weise für den H-n. Geh. CabinetSraty Götz hielt, zum Grldempfang producirt habe, ohne indessen seinen Zweck zu erreichen.
(Hiermit sind die Assisenfitznngen für das IV. Quartal 1853 geschlossen.)
Aus dem oberen Rheingau, 19 Rov. Im Rbeingauer Bürgerfreund ist zu lesen: Gestern brannte die Bloch'sche Gerstenmühle in Scklangcnbad .bis auf den Grund ab; dieselbe ist Erbleibe und steht auf Herzogl- Domauialboden. Für die Verschönerung Schlangenbads war dieser Brand sogar Vortheilhaft, denn man hofft, da c- bicse Saison so sehr an Logis fehlte und diese Mühle gerade der erste Punkt ist, der dem ankommenden Fremden int Auge fällt, statt eines Gebäudes auS dem löten Jahrhundert ein Prachtexemplar zum Empfange der Fremden zu erhalten. Für den Eigenthümer war eS sehr gut, daß er von Hause abwesend und sich in Coblenz und dem Rbeingau auf dem Handel befand. — Hr. Marx, der reiche Gutsbesitzer in Eltville hat in bi in östlichen Ende seines Gartens das türkische Siegeszeichen den Halbmond, und zwei Roßschweife von blauer und roter Farbe aufstellen lassen, unten sind 5 herrlich geflochtene Körbe in Form von ovalen Käfigen angebracht, es macht, dieses einen frohen Eindruck auf d,e Türkenfreunde und viele denken sich diese schönen Käfige als russische Arresthäuser für die Gefangenen en ininiature. (Herr M. hat leicht den Türken spielen ) — Es ist keine Frage, daß wir einen guten Wein die- .ses Jahr erzielt haben; aber wahr und Manchem vielleicht auffallend ist es, daß wir voriges Jahr doch ein besseres Pröbchen durch den AuSlas gewonnen hatten. Von dieser Crescenz kann ich Ihnen keinen feststehenden oder durchschnittlichen Preis berichten. Die Leute thuen wohl, wenn sie bei dem allgemeinen Mangel au Weinen sehr znrückbaltcnd mit der Verwerthung sind.
Mainz, 23. Novbr. (F. Postztg.) Die Großh. Staalsregierung läßt eben auf dem Rbeiue neue Vermessungen anstellen zum Zweck der richtigen Auffindung der sogenannten Arche (früheren steinernen Brücke) unter-