Nassauische Allgemeine Zeitung. =~^"~ ' ■ •——-■ . .-. -■■■■• -^- -,, ^ ■ ' -. .. ■. ■■■■.■■■ r —,■- ., ... --..,-. —., ..... ,.q ^ S-z Donnerstag irrn 17. November 1833.
Die,,Naffauis<!ie SUlßemeine Zeitung" mit dem belletristischen Beiblatt „Der Wanderer" erscheint, SonniaqS an-genommen, täglich und beträgt der PränumerationSpreis für Wiesbaden und , nach dem neuen Postregulaiiv nunmehr auch ür den ganzen Umfang des äbitrix und TariS'fchen Verwaltungsbezirks mit Jnb,griff des PgstauffchlagS s fL, für die übrigen Länder des deutsch.österreichischen PostvereinS, wie für das Ausland 2 ff. 24 kr. — Jnftrate werden die vierfpalstx Petaseilc oder deren Raum mit 3 kr. berechnet. — Bestellungen beliebe man in der Buchhandlung von W. Friedrich, Langgaffe 42, auswärts bei den nächstgelegenen Postämtern, zu machen.
Zeitungslchau.
I Die Türkeiitoüheit der Franzosen. Zur Situation. — Be- i trachtungen über die Kriegsführung an der Donau. — Chancen des Kampfes. — Ein neues Königreich. — Oesterreichs Stellung. — Das Kasseler Attentat.
** Die Pariser sind auf dem besten Wege, Türken zu werden > und die inspirirten Blätter fingen um die Wette mit den republikanischen Hymnen auf die muselmännische Civilisation und auf die muselmännische Gesellschaft. Der „Constitutionnel" versichert in einem Artikel über „die beiden Civilisationen" oder den „Koran ; und daS Evangelium" , daß man dem Fatalismus, der Sklaverei und der Vielweiberei eine viel zu große Wichtigkeit beizulegen pflege, er bedauert zwar diese „drei Negationen der moralischen Verantwortlichkeit, der menschlichen Würde und der Rechte der Frauen", aber er ist überzeugt davon, daß die christliche (?) Juterpreta- oivn, welche man heute dem Koran gebe, sie früher oder später aus demselben verdrängen werde ! Das „Journal de l'Empire" zählt die türkischen Streit- j kräfte auf, welche mehr als hinreichend seicn, die Russen zu besiegen, und die „Patrie", die irgendwo gelesen hat, daß türkische Kaufleute «ach Wien gekommen I sind, um Geldgeschäfte zu regeln, ruft mit Begeisterung aus: Wer wird es hinfüro noch wagen, mit Mißachtung von Leuten zu sprechen, welche ihre Schulden bezahlen, bevor sie sich in den Kampf stürzen! — Diese enthusiastische Lobpreisung der türkischen Wirthschaft ist aber viel weniger überraschend und in den Spalten der Regierungsblätter als in den Spalten des „Sièclc" und der „Presse" und in dem Munde der liberalen Bourgeois, welche zu allen Zeiten von einem Gouvernement nichts Schlimmeres zu sagen wußten alS: c’est /Dun gouvernement â la Turquie. Omer Pascha ist der Löwe des Tages, und wer sich untersteht, an der Niederlage der Russen zu zweifeln, ist zum Mindesten sehr bvrmrt; er kann von Glück sagen, wenn man ihn nicht für einen russischen Agenten hält. Das Geschnatter und die Fanfaronnadcn auf den BoiilevardS, in den Lesekabinetten und in den Cafè'S, schreib! ein Pariser Korrespondent der „N. Pr. Z.", erinnern lebhaft an die Zeit des österreichisch sardinischen Krieges. Wie jetzt der Name Omer Pascha's, so war damals der des „Schwertes von Italien" im Munde jedes Spießbürgers, und kein Tag verging ohne die Kunde von einer Schlappe der Oesterreicher. Da hieß cs plötzlich: Novara! und das Geschnatter war zn Ende. Aber wie damals, so ist auch jetzt der Enthusiasmus nicht so kriegerisch, wie er sich stellt; der Pariser würde sich über ein Unglück der russischen Heere freuen, aber bedenklich den Kopf schütteln, wenn eè zu einem ordentlichen Kriege zwischen Rußland und Frankreich käme. Kriege kosten Geld und sind dem Handel und der Industrie eben nicht förderlich, und der Pariser Bourgeois liebt doch noch viel mehr seinen Geldbeutel als den Groß, türken. Begchtenswerther als fein Gerede und als die Schnurren der Neuigkeitskrämer, welche den Ministern und den Generalen und dem Kaiser selber Worte der Drohung gegen Rußland aufbürdcn, von denen auch nicht ein einziges gesprochen worden ist, ist die Toleranz, deren sich die türkenfreuudliche Tagespreise in ib- ren Urtheilen über die Person des Kaisers von Rußland erfreut. Eine Regierung, deren Diplomatie in Bewegung gcrälh, wenn einem ausländischen Blatte die Nase eines französischen Präfekten nicht gefällt, gibt Mißhandlungen eines alliirten Monarchen zu. Denn alliirt ist jeder Monarch mit dem Kaiser der Franzosen, der nicht Krieg mit ihm führt; wir haben aber bis fitzt von einem Kriege zwischen Frankreich und Nnßland noch nichts erfahren/ die Gesandten sind noch auf ihren Posten Hub der russische hat sogar seine Einladnng zu den Festen in Fontainebleau erhalten. Man sieht, eS fehlt nicht an Inkonsequenzen, die Republikaner und Liberalen schwärmen für das türkische Regime, die Regierung, welche mit Recht ihren Ruhm darin erblickt, der Anarchie in allen ihren Erscheinungen mit Energie entgegenzutreten, duldet eine unerhörte Preßfrewhent, sobald sie gegen daS russische Calunet gerichtet ui. — Viel strenger ist die Regierung gegen die Blätter, welche die türkischen Zustände nicht überall vortrefflich finden. Bertin („Journal des Tèbals") soll eingela- deu worden sein, aus seinen Correspondcuzen aus Con- stantinopel Alles zn streichen, was der türkischen Gesandtschaft verdrießlich sein könnte: nach einer andern Version soll er nichts mehr aus der Evrrespondcnz vcr- öffyntlicheu, was dem Credite der Psoite schädlich sein
könne, und man bringt diese Vorsicht der Regierung mit dem Anleiheprojecte in Verbindung
** Ein englischer Stabsoffizier, ein Veteran aus dem Befreiungskriege, der an den Ufern des Bodensees Vil- leggiatur hält (sein Name ist Walker) veröffentlicht in der Allg. Ztg. von Zeit zu Zeit Betrachtungen über militärische Fragen der Gegenwart. Aus seinem Briefe vom 11. Nov. bringen wir in Folgendem daS Wesentliche: Wie ich Ihnen im Laufe vorigen Monats vorausjagte, ist es geschehen. Die Russen lassen die Türken über die Donau kommen, um sie dann, mit dem Fluß im Rücken, in einer großen Schlacht zu vernichten, wie Montecuccoli am St. Gotthard, wie Prinz Eugen von Savoyen bei Zenta! Es ist ohne Zweifel das weiseste was die Russen thun können. Aber auch Omer Pascha hat einen sehr günstigen Punct gewählt, da von der Insel (bei Kalafal) bis. zum linken Donauufer nur 60 Klafter sind; während das Anlangen der Türken auf der Insel dnrch deren Wald gedeckt ist, wie auf der Insel Lobau 1809. Sodann haben die Türken mehrere Flüsse vor sich: die Schyll, die Aluta, die Dcschnesuy, den Telcrman rc., hinter welchen ihre Vorlruppen Stellung nehmen können, bis das Heer. herüber ist. Nach Abzug der Besatzungen von Nustschuk, Silistria, Varna, Schumla und Widdin, in allem vielleicht 60.000 Mann, dürfte der Pascha doch 100,000 Mann ins Gcfccht bringen. Die Russen eben so viel. Daß die asiatische Reiterei kurzen Proceß mit den russischen Lanzenreitern und Quasi-Husaren machen wird, ist gewiß. (Nach dem Urtheil preußischer Offiziere ist die Reiterei gegenwärtig die schlechteste Waffe des türkischen Heers.) Aber die russischen Jnfanteriemassen sind erprobt gegen Feuer und Stahl. Schon im siebenjährigen Kriege sah man dieß. Obgleich die von den preußischen Offizieren gebildeten türkischen Kanoniere gut sein mögen, machen diese doch nur wenig Batterien aus; die andern dürften sehr wenig werth fein. Und an den Fähigkeiten der türkischen Infanterie darf, wohl gezweifelt werden. Aber eben die Infanterie ist der Kern einer Schlacht. Sodann dürfte wohl Paskewitsch selbst kommen, nah sein schon bei Borodino (1812) geübtes Ange wird wohl dem des Türken (des Renegaten) überlegen sein: Uno Das Auge des Feldherrn ist zwei Drittel des Siegs. „On est né Général, en ne peut le devenir“ sagt Napoleon. — Die russische Vorhut steht bei Krajowa, zwölf Stunden vom UebergangSpunkt. Ins Hauptquartier haben die Ordonnanzen zwölf Stunden, oder (bei Gallop und Ablösung sechs Stunden. Und die geschlagenen Türken hätten dort fünf Flüsse hinter sich. Donau, Deschnesuy, Schyll, Oltri, Aluta. Wer kann au dem Ausgang zweifeln? Und daß die geflügelten Kosaken zur Verfolgung da sein werden, 1812 ist Zeuge. Jährlich manövriern die russischen Armeccorps zusammen, Uebung ist alles, practice makes perfect. Also werden ihre Bewegungen dort in der. Ebene wie ein Gedanke gehen. An Tapferkeit wird's zwar bei den Streitern Moham- meds nicht fehlen, und Russeuköpfe werden genug fal (tn. Aber die Massen der russischen Infanterie werden wie Mauern in der Verwirrung des Allahhu dastehen. Doch dann steht ihnen die Donau, der Marsch nach Sophia und nach Adnanopel bevor. Schwerlich wird dieser Marsch diesen Winter auögcsührt werden. Und in Adrianopel werden sie hoffentlich ganz andere Türken findcil, die gut englisch und französisch verstehen. Die Redaction der „A. A. Z.", bemerkt hierzu: So weit unser englischer Vcteran...Jeder der sich die Karte ansieht und den Gang des.letzten russischen Türkenkriegs kennt, wird ungefähr ebenso wie dieser englische Beobachter geurtheilt haben. Im Jahr 1828 waren die Russen an Stellen der untersten Donau (Saturnowo, Tultscha, Hirjowa) über den Strom gegangen, und es ist bekannt, auf welche Schwicrigkeiten sie stießen, und wie wenig der Ausgang des ersten Feldzugs ihren und den Erwartungen Europas entsprach. Dießmal deutete nichts auf die Absicht, die untere Donau zu überschreiten, ja man schien rujfischcrscils den Donau-Utzbergang bis zum Frühjahr verschieben zu wollen, wohl in der Hoffnung, daß bis dahin die türkischen Truppen zur Hälfte auseinandergelaufen oder von Klima und Seuchen vernichtet sein werden. Aber dieselbe Be- sorgniß mußte man auch im türkischen Hauptquartier hegen; der Fanatismus des Heeres ließ sich man fünf, sechs Wintermonate hindurch warm erhalten, und der in der Osmanlibevölkerung einmal aufgeregte Geist trieb vorwärts. Auch dieß schien nur günstige Folgen für die Russen haben zu können. Mit dem Verlassen des rechten Donau-Ufers verließen die Türken ihre festen Stellungen, und es ist bekannt, daß sie, wie die Grit-'
chen und alle Orientalen, hinter Verschanzungen viel tapferer fechten als im offenen Feld. Gortschakoff hatte monatelang Zeit gehabt, sein Heer, von dem man zum Theil in fabelhaften Zahlen sprach, aufs vortheilhafteste aufzustellen. Er entblößte die kleine Walachei (Widdin gegenüber) von Truppen und vertheidigte auch die übrigen Douauübcrgänge nicht, was so leicht gewesen wäre. Die Absicht schien also klar: er wollte die Türken über die Donau herüber locken. Theilten sie ihre Macht und gingen an drei, vier von einander entfernten Stellen über, so schien auch dieß den Russen günstig: diese konnten dann mit ihrer Hauptmacht die türkischen Streit- Haufen einzeln schlagen, und sie in die Nebenflüsse und ihr» Sümpfe und in die Donau werfen. Diese Hauptmacht hatten die Russen ja nach Belieben concentriren können ; von diesem Centrum aus mußten sie ja nach Belieben die nöthigen Corps entsenden und die Türken in @m» pfang nehmen können, die ihnen gleichsam in die Arme liefen. Nun wird gemeldet, daß die Russen und Türken sich drei Tage bei Ollenitza schlagen (am 3., 4. und 5.), daß die Türken dabei das Feld behaupten, und die Russen außerordentliche Verluste erleiden. Zu gleicher Zeit soll bei Giurgewo gekämpft, und sollen die Abtheilungen Türken, die bircct bei Silistria übergesetzt, bis Ka« larasch vorgedrungen sein. Fürst Gortschakoff soll, nach der Depesche des „Moniteur", von Bukarest nach Ol- tenitza geeilt sein, um dort einen Hauptschlag gegen die Türken zu führen. Von da bis zum 9. ist eine Lücke in den Bukarester Meldungen; wir erfahren aus Wien nur, daß man am 9. seit drei Stunden Kanonendonner in Bukarest hörte, und daß unfern der Stadt bei Bu- deschli, die Russen 35,000 Mann stark im Lager standen. Damit im Einklang steht, was uns aus gut nn- terriebteter Quelle heute ans Wien (vom 12. Novber.) gemeldet wird: bei Dnkaiest werde es wohl zur Schlacht kommen, welche für den Winterfeldzug entscheidend sein werde. Die Türken scheinen sonach von drei oder vier Puncten aus concentrisch gegen das russische Hauptquartier sich gezogen zu haben, was ihrerseits eine Uebcrle-- genheit an Zahl und Kraft, russischerseits — keine Ue« berlegenheit des Talents des Fürsten Gortschakoff vor- aussetzr. Die nächsten Tage, vielleicht die nächsten Stunden werden Klarheit in dieses Halbdunkel bringen. Bereits aber zeigt's sich, daß die Russen 1853 keine geringern Schwierigkeiten auf dem Weg zum Balkan finden werden als 1828, wo Kaiser Nicolaus erst im zweiten Feldzug einen seiner Heerführer , den später gegen die Polen so unglücklichen Diebitsch, mit dem Namen Sa- balkansky krönen konnte. Je länger aber die Türken den Russen die Wage halten, desto kleiner dürfte für die Westmächte die Lockung sein sich einzumischen.
** Bekanntlich, schreibt die „N. Pr. Ztg.", wird die Annahme: daß R u ß l a u d bei dem jetzigen Zerwürs- niß an keine Eroberung denke, obwohl durch das Wort des Kaisers verbürgt, von den Publicistcu mit einem vornehmen Lächeln abgefertigt. Dennoch liegt ein thatsächlicher Beweis dafür in der vcrhältnißmäßigen Geringfügigkeit der Strcitkräfte vor, welche den Pruth überschritten haben. Zwei sogenannte Infanterie- (Armee-) Corps waren unweit der Südgrenze des Reiches vereinigt, zusammen 100 Bataillone, 64 Schwadronen, 28 Batterien, oder 110,964 Streitbare mit 24 Geschützen. Damit den Krieg gegen die Türken zu beginnen wäre nicht rathsam, wie die Erfahrungen des Jahres 1828 gelehrt hatten. Dennoch blieben mehr als drei Viertheile der activen Armee, nämlich das Garde-, Grenadier-, vier Infanterie - Corps nebst bei gestimmten Reserve - Kavallerie , unbeweglich in ihren Friedens - Standorte». Sogar jene Masse übersä rill^ den Pruth nur theil weife; das vierte Corps, eine Division und die Reiterei- des fünften, im Ganzen nu- gcfähr 77,000 Streitbare. Zwei Divisionen des letz lern machten unweit Odessa Halt, und neuerlich ist eine bei selben nach der südöstlichen Küste des schwarzen Meeres eingeschifft worden. Dieser Sachverhalt erklärt Manches in beu bisherigen Begebenheiten auf dem Walacki- scheu Kriegsschauplätze. Wahrscheinlich von der Schwäcke deS Feindes unterrichtet, wollte der türkische Heerführer seine numerische Ueberlegenbeit benutzen, um vor Eii- tritt des Winters festen Fuß am linken Donau Üf.r zu fassen. Unter 'bkfcr Voraussetzung ist der Uebergang von R ust sä) uk und Tur tu ka i aus vollkommen begreiflich, weniger der bei Kalafat, dessen Besitz von ganz untergeordnetem Werth sein dürfte. Anderer Scifs laße sich das Verhalten der Russen wohl erläutern Sic halten nichts als starke BeobachtungS Posten an der Donau, welche Widerstand leisteten, weil die Wasien- chre cs fordert, und wobei einzelne sich mehr verbissen.