Nassauische Allgemeine Zeitung.
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Wz 290, Mittwoch len 16. November 18 »S.
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Die,,Naffau:fche Allgemeine Zeitung" mit dem beUeiristischen Beiblatt „Der Wanderer" erscknnt. Sonntag« ausgenommen, täglich und beträgt der PränumerativnSpreiS für Wiesbaden und , nach dem neuen Postregulariv nunmehr auch fit den ganzen Umfang des Tburn» und TariS'schen Verwaltungsbezirks mit Inbegriff des Po0auffchlaK« 2 fl., für die übrigen Länder des deutsch-österreichischen PostvereinS, wie für daS Ausland 2 fl. 24 kr. — Inserate werden die vierspaltrg Ketitzeile oder deren Raum mit 3 kr. berechnet. — Bestellungen beliebe man in der Buchhandlung von W. Friedrich, Langgafse 42, auSwärtS bei den nächstgelegeueu Postämtern, zu machen.
Amtlicher Theil.
Dienstnachricht.
Der mit Dersehung der Lehrgehilfenstelle zu Hahnstätten seither beauftragt gewesene Schulcandidat Schmidt ist zum Lehrgehilfen daselbst ernannt worden.
Nichtamtlicher Theil.
Wolfgang Meuzel's
Geschichte Europas vom Beginne der französischen Revolution bis zum Wiener Kongreß.
(Fortsetzung.)
Im 13. Buch seines GeschichtSwerkeS beschreibt Menzel den Untergang des deutschen Reiches und die Gründung des Rheinbundes. Wir heben davon nur Weniges aus.
„Die Fürsten des Rheinbundes — sagt Menzel — wurden von Napoleon viel abhängiger, als vom deutschen Kaiser und Reichstag gewesen waren. Napoleon wurde ihr Oberherr, sie seine Vasallen — zum Lohn für ihre Unterwürfigkeit wurden aber alle Rheinbundsfürsten innerhalb ihrer Gebiete und im Verhältniß zu ihren Unterthanen absolute Monarchen, alles ständische Wesen wurde vernichtet, eine neue Despotie eingeführt."
Wenzel bespricht nun die Zeitumstände Würtembergs zur Rheinbundszeit und sagt außer Anderem von dessen damaligem Könige Friedrich; '
„Auch glaubte er, es entspreche seiner Souverainetät nickt, Alterthümliches in den Institutionen des Landes und der Gemeinden mehr zu dulden, und schonungslos wurden gute alte Rechte und Sitten im Geiste der modernen Bureaukratie und Aufklärung vernichtet."
„3n letzterer Beziehung — fährt Wenzel fort — ging Max Joseph von Baiern noch viel weiter. Persöullch war dieser Fürst ungemein liebenswürdig und leutselig, mischte sich gern unter das gemeine Volk und genoß dessen ungeteilte Liebe. Abes uneingedenk der Eigenthümlichkeiten desselben Volkes und der uralten katholischen Politik des Hauses Wittclsbach gestattete er seinem Minister M o n t g e l a s, daS katholische Baiern um und nm zu kehren, hierin noch viel extremer, als dereinst Kaiser Joseph II. In Montgelas Auge hatte die Kirche keinerlei Recht, alles sollte in der Willkühr deS Staates beruhen; der Glaube, an dem gerade das altbaierische und tiroler Volk so eifrig hing, galt ihm nur als Aberglaube und mitte l al ter l i ch e F i n st er n i ß. Mit einem Fanatismus, der das Volk aufS Tiefste innerlich empörte, ließ er nicht nur müßige Klöster ausheben, sondern auch die altehrwürdigen Stätten der Andacht, Kapellen, Stationen, Wegkreuze, Bildstöcke Niederreißen und den Bauern, wenn sie um Schonung baten, hohnlachend ihre Dummheit vorhalten. Montgelas war es auch zuerst, der das Widersinnige ersann, Juden für ihre allerlei Dienste nicht bloS mit dem Monopol der Liefern»- gen, sondern gar noch mit christlichen Ritterkreuzen und Erhebung in den deutschen Freiherrnstand zu belohnen.
Die Jlluminaten, einst in demselben Laierlculde verfolgt, waren jetzt Herr und Meister geworden und predigten ans allen Straßen die Berliner Aufklärung: Eine Menge protestantische Gelehrte und Schulmänner strömte nach und nach in Baiern ein, um diesen Neuerungen zu dienen und die alte Finsterniß zu vertreiben. Unter der Aegide Napoleons, der selbst die Kirche wiedcr- hergestellt hatte, wurde in Baiern die Kirche auf das Minimum ihrer Bedeutung heruntcrgcbracht und jetzt erst daS Land alter katholischer Treue von der revolutionairen Philosophie in Civiluniform erobert. Unter die alterthümlichen Vorurtheile, die damals vertilgt werden sollten, gehörten nicht blos die kirchlichen, sondern auch die nationalen Sympathien. Montgelas ließ durch fade Historiker die alte Lüge auf. frischen, die Baiern seien keine Deutsche, sondern die echten Nachkommen der keltischen Bojer, also Gallier, also Stammverwandte der Franzosen. Der gelehrte Pallhausen war eS, der diese Ansicht in einem eigenen Werke verfocht."
Im 15. Buch beschreibt Menzel den Kongreß zu Erfurt. Er sagt darin :
„Napoleon verstand sich vortrefflich darauf, den Provinzialstolz in Deutschland auSzubeuten und die bei der Ehre zu fassen, die er am meisten entehren wollte.
Mit Westphalen gelang eS ihm aber nicht so gut wie mit Sachsen, Baiern und Würtemberg. Das neu
geschaffene Resch des Königs Jerome war von Anfang an unpopulär und blieb es, seine Unterthanen waren unzufrieden und schwierig und blieben es. Alle Posaunenstöße der erkauften Presse halfen nichts, Niemand ließ sich überreden, daß es eine Ehre für Nord- deutschland sei, dem zum König eingesetzten Napo- leoniden zu gehorchen. Jerome nahm seine Resioenz in Cassel und ließ die schöne Wilhelmshöhe sogleich in Napoleonshöhe umtaufen. Ein Theil des Volkes gab sich dazu her, mit seiner Ehre die großen äußeren Vortheile der Stellung zu erkaufen, die der neue Herrscher gerne anbot. Napoleon gab seinem Bruder zwar fürs erste drei französische Staatsräthe mit, befahl ihm aber, so viel als möglich treuergebene Deutsche an sich zu ziehen, um das Volk nicht durch den Anblick von zu viel französischen Beamten aufzubringen. Zu gleichem Zwecke hatte Napoleon schon in Berlin Johannes Müller als Werkzeug ausersehen *). Dieser von den Deutschen bochgefeierte Gelehrte (eine ächte Stiefelwichscr- natur!) wurde von Jerome als Mimster-StaatSsecrctair angenommen und gab sich nun ebenso viel Mühe, den Deutschen die Napoleonische Herrschaft zu empfehlen, als er sie im Jahre vorher mit affeclirler Entrüstung bekämpft hatte. Nachdem Jerome das Gaukelspiel einer westfälischen Ständeversammlung hatte aufführen las- sen, wurden deren Sitzungen mit einer Prachtrede Müllers geschlossen (2^. Aug. 1808), worin derselbe sagte: „Der, vor dem die Welt schweigt, weil Gott die Welt in seine Hand gegeben, erkannte in Germanien die Vorwehr der europäischen Cultur. Also für gemeine Politik zu erhoben, gab er Deutschland Festigkeit. Aus zwanzig Ländern schuf er ein Reich und setzte darüber seinen Bruder. Konnte er mehr thun? Glückliches Volk, Tage des Ruhmes eröffnen sich dir, wenn alter Redlichkeit Sohn, der Geist gemeinsamen Vaterlandes, nach diesem plötzlichen und hohen Schwünge in allen Gemüthern aus immer vorherrschend wird. Das Sonderbare haben die germanischen Völker, daß so ost in Gottes Rath beschlossen war, ihnen eine neue Art oder einen,höhern Grab von Cultur beizubringen, so mußte ein Stoß von" Außen ckomme» re. Schließlich rief er den Geist des verstorbenen Professors Häberle von Helmstadt, eines in jener Gegend besonders populären Geschichtschreibers an, wie sich derselbe freuen würde, könnte er die Wiedergeburt Deutschlands unter dem neuen Karl dem Großen noch mit ansehen. So sprach Müller an dem Thron jenes Jerome, der ihn selbst verspottete •*) (und das mit Recht! Ein Stiefelwichser muß nur als Stiefelwichser behandelt werden und wäre er noch so vornehm und gelehrt.)
„Daß alle Zeitungen im deutschen Frankreich, in Schweiz, in Holland und im Rheinbünde, sie mochten von den Regierungen selbst geleitet oder nur geduldet werden, die neuen Zustände priesen, Napoleon vergötterten und die schwachen Regungen deutschen National- stolzes, wo sie irgend zu Tage brachen, verhöhnten, verfielt sich von selbst. Aber es drängte sich auch eine Menge von Gelehrten und Literaten zu den Vortheilen und Ehren, die ihnen aus der Vaterlandsvergesseuheit erwuchsen. Gerade auf der Höhe deS Geistes und der Bildung verständigte man sich hier schwer, während das gemeine Volk viel schnöder an sich hielt und unter dem Doppeldruck der Fremdherrschaft und der neuen einhei- mischen Tyrannei tief seufzte. Denn auf dem gemeinen Mann lastete nicht nur der Feind mit Einquartirung und Kriegssteuern, sondern auch das Beamteuthum der kleinen Herrn, die von Napoleon zu absoluten Monarchen gemacht, sofern sie ihm nur jedes Opfer an Geld und Soldaten brachten, was er verlangte, ihrerseits ihr Volk mißhandeln durften, wie sie mochten. Einer der eifrigsten und unermüblid) ften Vergöttere! Napoleons und Beschöniger aller VolkSmißhandlungen im Rhein- bunde war Zschokke in Aarau, derselbe, der sich 1798 als wüthender Jakobiner geberbet hatte, jetzt aber im Solde MoutgelaS' stand. Derselbe sagte bei der 500- jährigen Jubelfeier Wilhelm Tell's in der Schweiz, Napoleon habe erst vollendet, was mit Tell begonnen.
*) Einer der eifrigsten Aufhetzer zum Kriege von 1806 hatte er Preußen in's Unglück stürzen Helten, vciließ es dann und ließ sich von Napoleon anNellen. Er folgte Demselben nach Frankreich uno schrieb von da: „Wie Gaupmcd nach dem Sitze der Götter, bin ich vom Adler nach FviilaiNibleau entführt worden, um einem Gott zu dienen."
**) v. Horiiityer, Müllers größter Vcrchrcr und sein Nachahmer im affcctirlcn Styl, sagt von ihm aus, der ganze west- phälische Hof habe Spott mit ihm getrieben und Mutter fei unter der doppelten Verachtung seiner Gönner und des Vaterlandes krank und geistesschwach geworden. Er starb schon im nächsten Zahre.
Derselbe pries in. einer Brochüre allen Deutschen das Glück an, das ihrer warte, seitdem nach dem Frieden von Tilsit Napoleon und Alexander gemeinsam die Schicksale Deutschlands in die Hand genommen hätten, Derselbe schrieb bald darauf höhnische Bücher gegen die Spanier, Tyroler und Preußen, als sie es wagten, gegen Napoleon die Waffen zu ergreifen. (Was will man mehr im Artikel „Gesinnungstüchtigkeit" ? Haben wir ähnliche Subjecte aus den letzteren Jahren nicht auch aufzuweisen?) Achnlichen Geistes bezeugte sich K.
J. Schütz in einem eigenen Werke über Napoleon; Murbard im Moniteur Westphalien; Ventunini, der in Napoleon eine Emanation des Weltgeistes, eine neue Menschwerdung Gottes zum Behufe der Welterlösung sah (hündisch!); Posselt in den europäischen Annalen, in denen die Deutschen unmündige Kinder genannt werden, welche der französischen Schule, ja sogar der französischen Sprache, als einer viel gebildeteren, be- dürsten, und in denen sogar einmal vorgeschlagen wurde, eine der höchsten Bergwände der Alpen zu schleifen, und in goldenen Riesenbuchstaben Napoleons Namen darauf zu setzen, damit er in die weiteste Ferne Deutschlands strahle; der Pfarrer und Dichter Kosegarten auf der Insel Rügen, der nach der Vertreibung derSchwe- den von dort Napoleon auf eine beispiellos schwülstige Art Weihrauch streute, und eine Menge anderer von minder erheblichem Rufe. Man hat ausgezeichnet, daß in einem Jahre 60 Autoren in Frankreich ihre Werke Napoleon widmeten, in Deutschland 90*).
„Die ehrenvollste Ausnahme von der damaligen Regel machten Jean Paul (Friedrich Richler) in dem jetzt bairischen Bayreuth, der 1808 in einer Friedenspredigt an Deutschland schöne und warme Worte redete; ferner Moritz Arndt aus Schwedisch-Pommern (später erst in Preußen angesiedelt), der schon 1807 in seinem Buche „Geist der Zeit" die freimüthigsten Hoffnungen äußerte und Napoleons Sturz voraussagte; der wie Arndt fast ruhelos umwandcrnde Seume, der einst mit den Hessen an die Engländer verkauft worden war, bei den Nordamerikanern aber, gegen die er fechten mußte, Vaterlandsliebe gelernt hatte und von Haß gegen die Verderber Deutschlands glühte, jedoch zu sehr in antiker Bildung befangen blieb. Klar in das Verderben der Zeit sah, obgleich wenig beachtet, Adam Müller, in dessen im Frühjahr 1809 angegebener kleiner Schrift „von der Idee des Staats" hervorgehoben war, wie die moderne Lüderlichkeit und Empsindsamkeit mit der strengen alten Sitte die heidnische Schule und Philosopie mit dem guten alten Glauben und der französische Geschmack mit der guten alten deutschen Natur im Widersprüche sei und wie Deutschland nicht vermöge, sich zu emancipiern , so lange es seine alten National- tugcnden nicht wieder gewonnen habe. Er bezeichnete die ganze moderne Bildung als „Religion der Schl affb eit und Feigheit". (Dieß Urtheil ist auch für die heutige Zeit noch vielfach passend!) Ein bedeutsamer Umschwung erfolgte in deutschen Philosophie, indem Schelling das bisher herrschende Fichte'fche System durch das naiurphilosophische verdrängte und die Abstraction von ihrer äußersten Verirrung wieder zur Natur und zu Gott zurückführte. In der Benr- theiluug der Geschichte verließ damals zuerst Friedrich Schlegel den rationalistischen und classischen Slandpunct unb kehrte zum christlichen zurück."
„Die Ursachen, aus denen Napoleon den Kncchtungs- versuch am Papste machte, lag in den Consequenzen der römischen Kaiseridee, deren Verwirklichung Napoleon immer näberrückte, und vielleicht in der Erwägung, wie. beucidenswerth und nachshmungSwürdig Kaisc Alexander
") Görrcö legte Napoleon selbst Folgendes in Den Mund : „Zwiespalt durfte ich nicht stiften unter Wien, denn die Einigkeit war aus iorer Mille längst gewichen. Nur meine Netze surfte ich stellen und sie liefen mir wie scheues Wild von selbst hinein. Ihre Ehre habe ich innen weggenommen und ter meinen sind sie oarauf treuherzig nachgelaufen. Uutereinanrer ha- beu sie sich erwürgt uno glaubten redlich ihre Pflicht zu thun. Aberglauben haben sie mit mir getrieben und als ich sie unter meinen Fuß zertrat, mit verhaßter Gutmütbigkeit mich als ihren Abgott noch verehrt. Als ich sie mit Peitschen schlug und ihr Land zum Tummelplatz des ewigen Kriegs gemacht, haben ihre Siebter als den Friedensstifter mich besungen. Ihr müßig gelehrtes Volk hat alle seine hohlen Gespinnste in mich hinewge- tragen unt bald als das ewige Schicksal, den Wcltbeglückcr, die sichtbar gewordene Idee mich auS Herzensgrund verehrt. Ihre feine Welt, Die immer um französische Leichtigkeit gebuhlt, hat an Dem Stachel meiner Rauheit so unermüdet ohne Unterlaß geleckt, bis sie ihr als tie glatteste Artigkeit erschien. Nachdem ich sie hundertmal betrogen, haben sie mir immer ihr Köstlichstes in Verwahr gegeben. Nachdem ich ihnen Teufel und Gift gewesen, haben sie in ihrer Einfalt sogar liebenswürdig mich gefunden." Rhein. Merkur 1814 Nr. 54.