Nassauische Allgemeine Zeitung.
E SGS Dienstag den 15. November 1833«
Die „Nassauiscke allgemeine Zeitung" mit dem belletristischen Beiblatt „Der Wanderer" erscheint, Sonntags ausgenommen, täglich .und beträgt der PrânumerationSpreiS für Wiesbaden und , nach dem neuen Postregulaiiv nunmehr auch fit den ganzen Umfang des Zburn» und TakiS'schen BerwaltulrgSbezirkS mir Inbegriff des Postauffchlag« 2 st., für die übrigen Länder des deutschebsterrcichischen Postvereins, wie für das Ausland 2 ff. 24 fr. — Anftrate werden die vierspâliig Ketitseiie oder deren Naum mit 3 fr. berechnet. — Bestellungen beliebe man in,der Buchhandlung von W. Friedrich, Langgafft 42, auswärts bei den nächstgelegenen Postämtern, zu machen.
Amtlicher Theil.
DeKanntmachung.
(Die zollfreie Einfuhr von Reis betreffend.)
Nach einer unter den Regierungen des Zollvereins getroffenen Verabredung soll die Erhebung des Ein« gangSzolles auf Reis vom 10. laufenden Monats an bis zum Schluffe dieses Jahres eingestellt werden.
Zufolge Höchster Entschließung wird dieses hiermit zur allgemeinen Kenntniß gebracht.
Wiesbaden, den 9. November 1853.
Herzoglich Nassauisches Staatsministerium. Wittgenstein.
vdt. Bismârk.
Dienstnachricht.
(Todesfall.) Am 1. November ist der Pfarrer Ries zu Niederlahnstein mit Tod abgegangen.
Nichtamtlicher Theil.
Wolfgang Meuzel'o
Geschichte Europas vom Beginne der französischen Revolution bis zum Wiener C o n g r e ß.
(Fortsetzung.)
Auf Seite 20 fg. bespricht unser Historiker Italien. Wir heben davon aus:
„Im Kaiserstaate hütete Papst Pius VI. unter schweren und bittern Sorgen das verkümmerte Erbe der römischen Hierarchie. Zwar gelangte er durch den Einfluß der Exjesuiten zum heiligen Stuhle, allein der einst so gewaltige und weltbeherrschende Orden war einmal durch einen gemeinschaftlichen Act aller katholischen Regierungen aufgehoben, sein unermeßliches Gut con- fiscirt."
Frankreich hatte schon zur Zeit der großen Kämpfe Deutschlands mit dem Papste dem letzteren eine Art politischer Vormundschaft aufgedrungen und der „galli caniichen Kirche" Vorrechte gesichert, die sie von Rom unabhängig machten. Neuerdings aber hatte sich der deutsche Kaiser mit Rom in! offnen Widerspruch gesetzt und aus eigener Machtvollkommenheit die Klöster säcu» tarisirt. Auch die spanische und portugiesische Regierung freuten sich der Jefniteubeute und sperrten sich gegen Rom. Trotz der Anhänglichfick der Völker an die katholische Kirche war doch der höhere Elerus fast überall entweder von der weltlichen Macht bestochen oder unterlag der Verführung durch den Zeitgeist. Die Sache der Kirche wurde damals nirgends mit Geist und Feuer oder gründlicher Gelehrsamkeit vertheidigt. Die weltliche Staatsgewalt und die Aufklärung des philo- Phischen Jahrhunderts schienen allmächtig, der Papst war gleichsam nur noch mitleidig geduldet."
„Man erkennt aus diesen, wenn auch nur allgemeinen Umriffen wenigstens so viel mit Sicherheit, daß gegen das Ende des 'achtzehnten Jahrhunderts fast alle Lenker und Lehrer der Völker den alten Boden christlichgermanischer Institutionen verlassen hatten und in der absolut monarchischen Gewalt einen neuen Boden suchten, von dem aus sie nach gewissen Humanitätsideen die Völker beglücken wollten. ohne Rücksicht auf und in offenem Widerspruch gegen die Kirche, die alte ständische Gliederung und Vertretung und gegen die tief wurzelnden nationalen und provinziellen Gewohnheiten, Neigungen und Rechte."
Endlich kommt Menzel auf Frankreich und sagt Seite 23 fgg.
„Frankreich hatte unter Ludwig XIV. eine großartige Energie entwickelt, in lange dauernden Kriegen dem Uebergewicht des in Deutschland, Italien und Spanien herrschenden Hauses Habsburg siegreichen Widerstand geleistet und Spanien und Neapel seinem, dem bourbo- nischen Hause erworben. Sein Nachfolger Ludwig XV. hatte nichts von diesem Ehrgeiz, von dieser Thatkraft. Nur mit Befriedigung der niedrigsten Wollust beschäftigt und dadurch frühzeitig blasirt, geist- und herzlos, machte dieser König sein Cabinet zum Bordell und sein Ministerium zu einer Bediente n ft a b e. Maitressen vergeudeten die Schätze des Staals, wie die Ehrej der Monarchie."
„Die Unstttlichkeit, die vom Hofe ausging, durchdrang die ganze höhere und einen Theil der mittleren Gesellschaft in Frankreich, ja selbst des höheren Elerus. Sie hatte je mehr und mehr die Scham von den Augen der Welt und die Scheu vor der Kirche abgelegt.
Paris prostituirte sich nicht nur thatsächlich, sondern spiegelte seine Prostitution noch in einer unglaublich frechen Presse und eben so auf dem Theater und in der bildenden Kunst. Es gab ganze Fabrikstätten, wo nichts als obscöne Bücher und Bilder in ungeheuerer Masse erzeugt und durch ganz Frankreich und über Frankreich hinaus verbreitet wurden. Das PalaiS royal war der Miltelpunkt dieses scheußlichen Vcuuscultus und der Besitzer dieses berüchtigten Palastes, der Herzog Philipp von Orleans, sein erster Priester. Natürlicher Weise konnte in Gemüthern, die einmal von dieser Korruption ergriffen waren, keine Achtung der Religion mehr wurzeln. Daher war die unzüchtige Presse eine Bundesgenosse der modernen gegen den alten Kirchenglauben gerichteten Philosophie."
„Das Hauptgewicht lag in der Idee der Freiheit und Gleichheit, die zuerst in jener Unsittlichkeit des Hofes praktisch durchgeführt und zum Beispiel aufgestellt wurde. Der stolze Baron, Graf, Herzog, der König selbst, ja der Bischof und der Eardinal gesellten sich der niedrigsten Dirne (Ludwig XV. und die du Barry); nicht minder sanken die vornehmsten Damen zu den ihrer unwürdigsten Liebhabern herab. Fast aller Witz der chronique scandaleuse von Paris und der sie zu Romanen, Gedichten und Satiren verarbeitenden Presse lief auf solche Antithesen deS Ranges und Betragens, auf solche natürliche Ausgleichungen aller Standesunterschiede in den abenteuerlichsten liaisons hinaus."
„Je mehr nun durch so lockere Sitten und durch so frivole Neigungen das Princip der Gleichheit bei den Franzosen, zunächst bei den Parisern befördert wurde, um so unnatürlicher mußten die noch durch Gesetz und Herkommen feststehenden Schranken, um so härter der Druck erscheinen, den die höheren Klaffen iiocb auf die untern ausübten. Das Volk unter kg allen Uebeln des modernen Despotismus und dem der ältern klericalen undFeudalaristokratie zugleich. Die letztere hatte nur nach oben ihre Rechte und ihre Macht a« die Monarchie verloren, sie aber nach unten gegen das Volk noch wohl bewahrt. Während das Volk nun die ungeheure Steuerlast tragen mußte, die ihm die Verschwendung der Monarchie auflud, war es zugleich noch dem Adel und der Kirche leibeigen Und mußte durch seinen Schweiß auch noch diesen die Mittel immer wachsender Genußsucht gewähren."
Indem Hof und Adel in ihrer Verblendung selbst die Corruptwu nährten, die ihr Ansehen untergrub, und thöricht hofften, von der neuen Aufklärung alle Genüsse sich aneignen zu können, ohne auch nur eins ihrer alten Vorrechte auszugeben, das gemeine Volk auf dem Lande aber an seine Lasten gewohnt und noch der Kirche treu, weit entfernt war, einen allgemeinen Umsturz zu erwarten oder zu wünschen, nahm der bürgerliche Mittelstand in Paris und in den Provinzialstädtcn je mehr und mehr eine, wenn auch noch zuwartende, doch offensive Stellung nach oben ein. Ihm gehörten die meisten Denker und Dichter an, die mit ihrem Geist die öffentliche Meinung lenkten. Eine Zeit lang war dieser Geist fast ausschließlich im Solde der höhern aristokratischen Gönner. Bald aber ward er freier und kühner, emancipirle sich und begann mit Bewußtsein seine Opposition. Auch mehrte sich die Zahl der ésprits, sie konnten nicht alle mehr vornehme Gönner finden und suchten sich nun Gunst und Boden im größeren Publicum. Den ersten Rang unter den Geistern nahm Voltaire ein, dessen Witz eben so viele Liebhaber bei Hose fand, als in der Opposition der Mittelklassen. Ihm huldigte Alles, mit Ausnahme des Klerus, so weit dieser noch Glauben hatte. Der Triumph, den der greise Voltaire bei seinem letzten Besuche in Paris seierte, war eine Vergötterung bei lebendigem Leibe. Rousseau dagegen war ein plebejisches Talent, sand keine vornehme Gunst und war ausschließlich für den Mittelstand Träger der Ideen, deren Verwirklichung in der Zukunft gehofft wurde."
Menzel schildert nun in wahren Zügen den tugendhaften, jedoch schwachen und stets unentschlossenen König Ludwig XVI., welchen die Sünden seiner Vorgänger, eigner Mangel an aller Energie, hauptsächlich aber die Sittenlosigkeit und totale Irreligiosität der demokratischen Machthaber und Dränger des französischen Volkes zu dessen ewiger Schmach und Schande mit seiner gleich ihm unschuldigen Gemahlin Maria Antoinette, der Tochter der großen Maria Theresia. auf das Blutgerüst geführt haben.
Die Leidensgeschichte des unglücklichen Ludwig XVI. und die Geschichte der ihr unmittelbar vorauSgrgange-
nen Zeit enthalten so eindringliche und beachtungswerthe Lehren für die Völker und Könige, wie sic kein anderes Zeitalter der Menschheit darbietet. Man scheint sie an vielen Orten wieder vergessen zu haben und es ist daher ein großes Verdienst, wenn sie von fähigen, das Volk ebenso liebenden, als den Fürsten treuen Männern in wohlverstandenen, sich wechselseitig bedingendem Interesse beider mit Offenheit und Muth von Zeit zu Zeit in das Gedächtniß zurückgerufen werden. Dieses Verdienst hat sich nun auch unser Wolfgang Menzel in vollem Maaße erworben und er darf des aufrichtigsten Dankes aller derer vollkommen versichert sein, welche der Monarchie treu anhangen, aus denen das wahre Volkswohl und die Grundpfeiler dieser beiden: Recht, Moral und Religion am Herzen liegen.
Aus der Beschreibung des conftitutioueden Anfangs der Revolution heben wir Folgendes aus:
„Um den Widerstand des Elerus zu brechen, wurde» am 16. Juni (1790) alle Geistliche verpflichtet, der Nation Treue zu schwören und denselben am 12« Juli eine Civilconstitution gegeben, wofür der Abgeordnete Camus, ein seichter Schwärmer für Aufklärung, besonders thätig war. Drei Tage später (19. Juni) brachte der preußische Baron Klotz, der fichAna- charsis Cloots nannte und dessen Hirn verbrannt war, ein zum Theil aus der Theatergarderobe in dieCostüme aller Nationen verkleidetes Gesindel vor die Schranken der Nationalversammlung, angeblich als eine Deputation des gejammten Menschengeschlechts und fand mit dieser Comödie einen lauten, vorher verabredeten Beifall. Bei dieser Gelegenheit trug ein gewisser Lambel darauf an, um die Gleichheit aller Menschen zunächst in Frankreich zu bethätigen, sollten alle Erb- und Adels- titel und Standesunterschiede verschwinden. (Anno 1849 wollte der Club der Kammerlinken auch bei uns den Adel abschaffen!) Lafayette, der sich längst nur als Bürger ansah, unterstützte den Antrag und so verlor der Adel alle seine äußeren Vorrechte, Namen, Stellen und Livreen, was den größten Theil der noch in der Versammlung sitzenden Edelleute nun ebenfalls zum Austritt bewog. Während auf diese Weise das aufgeklärte Bürgerthum die Kirche und den Adel tief erniedrigte, bewies es sich im Sinne der couststutionellen Monarchie dem Könige günstig. Derselbe erhielt 23 Millionen Livres CivlUiste und die Initiative auf Krieg und Frieden, was durch Mirabeau's Redekraft ertrotzt wurde.
Ohne Zweifel mißkannten diese philosophischen Gesetzgeber das Wesen der katholischen Kirche und die Natur deS französischen Volks. Sie durften in einer Nothzeit vom übermäßigen Reichthum der Kirche, was zu viel war, wegnehmen. Sie durften wo die Geistlichkeit de- moralistrtwar, auf reinere und einfachere Sitten dringen. Aber sie durften dem Priester nicht befehlen, seinen Kirchen eid zu brechen, umsofort Staats diener zu werden. Sie konnten, wie später folgerecht geschah, die ganze Kirche aufheben, aber nicht die römische Kirche in eine Sta alskirche verwandeln. Bor Allem mußten sie dem gläubigen Landvolk Rechnung tragen, dem sie doch niemals ihre Philosophie beibriti- gen konnten. Es war möglich, die alte Kirche nmzu- schaffen durch eine Reformation; durch eine blos politische Revolution dagegen konnte diese alte Kirche nur vorübergehend unterdrückt werden, um dann ganz als die alte und mächtiger als je wieder aufzustehen. Nicht minder täuschten sich die Philosophen im Naturell der Franzosen, indem sie alle Rangunterschiede, Titel und Auszeichnungen aufhoben. Die Franzosen sind viel zu eitel, um dieselben auf die Dauer entbehren zu können.
Ueber die Einnahme von Mainz durch Custine schreckst Menzel:
„Der franz. General Custine benutzte den Rückzug der Preußen, um im Rücken derselben nach Mainz vor- zudringkn. Friedrich Carl von Erthel, Erzbischof und Kurfürst von Mainz, ein sehr üppiger Herr, an dessen Hofe die Freigeister nicht fehlten und dessen Coadjutor, Hr. v. Dalberg ein Jllununat gewesen war, halte die Mainzer Hochschule zu einem Mittelpunct der Aufklärung gemacht. Hier wirkte der Naturforsch«« Forster, ein gelehrter aber höchst befangener Mann, der Schweizer Geschichtsschreiber Johannes Müller, der mit Eid-' genossenthum und Wilhelm Tell koketlirte (seiner wird iiochiuals gedacht werden); der Dichter Heiuje, dessen Werke von Unzucht strotzten re. Als Custine annufte, floh der Hof, die aufgeklärten Gelehrten blieben aber zurück, zettelten mit einem großen illuminatlstlschen Anhänge in der Stadt und mit dem Jngenieurmajor