Nassauische Allgemeine Zeitung.
^ S«S Montag den 14. November 1833.
Dit,,Naffauifcke ?lllflemeine ZeltiiNft" mit dem bcUerristiscken Beiblatt „Der Wanderer" erstürmt, SonntaqS ausgenommen, läftli» und beträgt der PränumerationSpreiS für Wiesbaden und , nach dem neuen Poslrequlaiiv nunmehr o«d) für den ganzen Umfang deS Ldurn- und TaiiS'schen BerwaltungSbezirlS mit Jnbigr^ff des PoUaufscklagS 2 ft, für die übt men Konter deS deutsch.bsterreichischen PostdereinS, wie für daS -InSlond 2 N. 24 fr. — Jnferate werden die vierfpallig Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. — Bestellungen beliebe man in der Buchhandlung von W« I st edr i ch , llanggaffe 42, auswärts bei den nächstgelegenen Postämtern, tu machen.
Amtlicher Theil.
Dienstnachricht.
Schulkandidat Kröck zu Caub ist mit Versetzung der daselbst neu errichteten Lehrgehülfenschule beauftragt worden.
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Nichtamtlicher Theil.
KP»,l-gang Menzels
Geschichte Europas vom Beginne der französischen Revolution bis $um Wiener CoNgreß.
(Fortse^ung.)
„Oesterreich, obgleich die älteste und mächtigste Mo- «archie in Deutschland, war im Zeitbewußlsein hinter Preußen zuruck geblieben und hatte an dasselbe die moralische Macht verloren, um so mehr, ,alS es trotz seiner Anstrengungen und der Hülfe Rußlands und Frankreichs im siebenjährigen Kriege doch das vom großen Friedrich eroberte Schlesien nicht hatte zurück erkämpfen können.--
Die Monarchie war geeint wie in der Person des Kaisers, so durch die katholische Kirche, denn der Protestantismus war nur in einigen Gegenden Ungarns und Siebenbürgens gewährleistet.- Dagegen bestand eine außerordentliche Verschiedenheit unter den Nationalität!, Sprachen und Sitten in den Erbstaaten und demgemäß auch in der Verwaltung und Gesetzgebung. Die meisten Provinzen batten alte wohlverbriefte Rechte und eigene Stände, welche dieselben wahren sollten. Nun batten aber die oft wiederholten Niederlagen der Stände Ui den Glaubenskämpfen des vorigen Jahrhunderts und eine bequeme Gewöhnung unter dem erschlaffenden und patriotischen Regiment cher letzten Kaiser jede Opposition ein geschläfert und das Volk war in ein behagliches Sinnenleben versunken, das ihm wenig Lust zum Nachdenken übrig ließ.
Da fing Kaiser Joseph plötzlich an, sein Volk aus dieser vergnügten Passivität herauszureißen, und alles Oberste zu unterft zu kehren. Nirgends kamen ihm dabei die Wünsche des Volks oder Vorstellungen der Stände entgegen, im Gegentheil alles war überrascht und betreten. Die Neuerungssucht wurzelte einzig und allein im Herzen des Kaisers, es war eine Revolution, die vom Thron allein ansging. Ohne Zweifel trug das glänzende Beispiel des königlichen Nachbars in Berlin das meiste zu den Maßregeln in Wien bei. Es galt diesen gefährlichen Feind und Nebenbuhler im Reiche zu überstrahlen. Joseph aber hoffte das zu erreichen, indem er in Concessionen an den Zeitgeist noch viel weiter ging als Friedrich, und die öffentliche Meinung durch verschwenderische Wohlthaten gleichsam im Sturme erobern wollte. Man hätte meinen sollen, um Preußen, die junge und von dem modernen Geist der Aufklärung getragene Macht einzuschränkey und wirksam zu schwächen, hätte er die Geister und Mächte des Alten, und inson- derheit der Kirche heraufbeschwören müssen; allein er glaubte selbst nicht mehr, weder an die innere Wahrheit noch an die äußere Macht der Alten und hielt den modernen Zeitgeist für eben so berechtigt als nnwider- stehlich. Deßhalb ging er darauf aus, Preußen mit dessen eigenen Waffen zu besiegen, indem er noch aufgeklärter war und den Völkern noch mehr Freiheiten ausdrängte, als Friedrich.
Er täuschte sich. Wenn die Schule VoltaierS mit- jxp im katholischen Frankreich nicht durch witzige Verspottung der wirklich eingerissenen Mißbräuche, sondern -qych durch freche Verhöhnung alles Heiligen, den kirchlichen Glauben bereits tief untergraben hatte, wenn in England und dem protestantischen Deutschland auch schon allgemein die Meinung vorherrschte, die katholische Kirche werde dem mächtigen Strome philosophischer Ausklärung nicht lange mehr widerstehen können; wenn endlich auch die bereits erfolgte Aushebung des Jesuitenordens, sowie die Stimmuyg der Bischöfe im deutschen Reiche, die sich im Jahre 1768 in den durchaus anti- römischen Verabredungen zu Ems kund gab, Josephs Voraussetzung zu bestätigen schien, man werde seine kirchlichen Reformen überall nur mit Beifall aufuchmen, so hatte er sich doch in der Natur deS Volks verrechnet. Das Volk lebte noch im guten alten Glauben und wenn es auf denselbenj, wie auf ein gewöhn» les Alltagskleid, keinen besondern Werth zu legen schien, und nicht daran dachte, ihn gegen die Angriffe der aufgeklärten Presse zu vertheidigen , von der es keine
Kunde erhielt, so wurde es doch gerade erst durch Josephs Neuerungen a us seiner Ruhe und Unwissenheit aufgeschreckt, erkannte jetzt erst die dem alten Glauben drohende Gefahr und waffnete sich jetzt erst, ihn zu beschirmen. Joseph hob die 6—700 Klöster und die geistlichen Seminaren als Bollwerke der dicksten Geistesverfinsterung auf und behandelte die daraus vertrie- denen mit einer kaum mitleidig zu nennenden Verachtung, wobei die ganze aufgeklärte Presse ihm Beifall zujauchzte, wie einem: der Fledermäuse und Eulen am hellen Tage aus dunkler Höhle treibt.
Joseph führte die Preßfreiheit in seinen Staaten ein, als Mittel, rasch alle seine Provinzen mit den Proklamationen der Aufklärung und Vertheidigungen seines Systemes zu überschwemmen. Papst sPius IV. kam über die Alpen, um den Kaiser in seiner eigenen Hauptstadt um Schonung der alten Kirche auzuflehen. Vergebens, er wurde nicht angehört und mit stubirter Geringschätzung wieder heim manövrirt. Aber das Volk dachte anders und — Hunderttausende lagen am Wege des Papstes auf den Knieen, um seinen Segen zu empfangen.
Der Widerstand gegen Josephs Reformen erstarkte durch den Zorn der von ihm tief beleidigten und gekränkten Nationalitäten. Er verwarf und schaffte ab alle alten Privilegien der Provinzen chnd Stände als ebenso piech Hemmschuhe der neuen Bolksfreiheit und Aufklärung Er drängte Ungarn den^Gebraueb der deutschen Spuute auf und entführte dem stolzen Volke die nationale Krone. Er achtete nicht mehr die beschworenen Privilegien der Niederländer, die sich offen gegen ihn empörten. AIs nun Joseph aus Eifersucht gegen die im Türkenkriege immer glücklichen Russen auch seinerseits unvorsichtig einen Feldzug gegen die Tiuken eröffnete, aber wegen Unfähigkeit und Uneinigkeit seiner Generale keine Erfolge halte und einen ziemlich schlechten Frieden abschließen mußte, traten ihm die Ungarn so idmrf mit ihren Reklamationen entgegen, daß er auch diesen nachgeben mußte und im Jahre 1790 im Grain über das Mißlingen aller seiner Plane. starb."
In weiterer Schilderung der deutschen Zustände kurz vor Ausbruch der französischen Revolution kommt Menzel an die geistlichen Kursürstculhümer und sagt Seite 12:
„Deutschland hatte damals auch noch seine geistlichen Kurf ü r st e n in Mainz, Köln und Trier und andere geistliche Gebiete, das Erzbisthum von Salzburg, die Bischöfe von Würzburg, Bamberg, Speyer, Lasel rc. Sie waren, je nach ihrem Umfang, Minorate der benachbarten Fürsten oder des bischöflichen Lehenadels, und größtentheils von der Korruption des französischen höhern Clerns und Adels angesteckt. Die geistlichen Kurfürsten und die reichen Bischöfe hielten Höfe mit ' vielen Kammerherren und sogar Hofdamen, Bällen, Theatern und Jagden. Gerade an diesen Höfen nahm die Aufklärung sehr überhand, und sie stimmten Josephs Reformen um so mehr-zu, als für manche Familie, deren Angehörige nur zeitweise einen erzbischöflichen Stuhl inne hatten, Aussicht vorhanden war, durch Säciilarisiruug zum bleibenden Besitz eines Fürstenthums zu gelangen. Unter diesen Umständen war cs möglich, daß sich von Bayern aus der geheime Bund der Jl- luminaten (Erleuchteten) bilden konnte, der noch viel weiter gehen wollte, als der unter den uorbdent scheu Protestanten ausgebrcitete Bund der Freimaurer, denn während die letzteren loyal und gemäßigt blieben, gingen die Jüuminateu auf gewaltsame Durchführung aller der Pläne aus, die dem Kaiser Joseph mißlangen. Ihr Grundprincip war in Voltaires berühmter Phrase enthalten: écrasez Einsame, d. h. die Kirche, welche durch die ausschließliche Herrschaft der Per- nunft ersetzt werden sollte." (Fortsetzung folgt.)
* Wiesbaden, 14. Nov. Vorgestern übersiedelte der Herzogliche Hofstaat von Biebrich in das hiesige Residenzschloß. Se. Hoh. der Herzog und I. Hoh. die Frau Herzogin werden im Laufe des heutigen Tages aus Arolsen, wo Höchstdieselben in letzter Zeit bei Ihren Hohen Verwandten zu Besuch waren, zurückerwartet.
Limburg, 12. Nov. Gestern Nachmittag gegen 4 Uhr brannte das sogenannte Beinhaus auf dem Kirchhofe ab.
□ Dillenburg, 10. Nov. (Assisenverhandlung gegen Friedrich Hahn aus NiederShause»,, Amts Weilburg, wegen Todtschlags) Präsident: Herr Hofgerichts- directpr Ebhardt, Staatsanwalt: Herr Substitut
Schröder, Vertheidiger: Hr. Proc. Braun. Friedrich Hahn, 61 Jahre alt, evangelisch, Landmann, ist angeklagt, am 27. April l. J. den Ludwig Weber von Niedersbansen mit einer 5 Fuß langen und 2 Zoll dicken Jochstange dergestalt auf den Kopf geschlagen zu haben, daß dies die Ursache seines sehr bald darauf erfolgten Todtes gewesen sei. Wie aus den Zeugenaussagen hervorgeht, fand schon früher einmal zwischen Beiden eine nicht unerhebliche Schlägerei statt, und bliest hierbei, wie cs den Anschein hat, der L. Weber Sieger. An dem oben genannten Tage hatte nun Weber dem Hahn an seinem Karren, ob absichtlich oder aus Unachtsamkeit ist ungewiß, etwas entzwei gefahren, 'und war aus diesem Grunde schon Hahn auf Weber erzürnt. Am Nachmittage des genannten Tages pflügte Hahn unweit des Dorfes. Weber kam, wie angegeben wird Schaafe suchend über den Acker des Hahn gegangen, sie gerieten in Streit, und Hahn von seiner Jochstange Gebrauch machend, schlug denselben dermaßen damit über den Kopf, daß er tödtlich getroffen niedersank. — Zwar ist dieser Vorfall nur höchst spärlich erwiesen, da ein 13 Jahre alter Knabe alleiniger Zeuge dieses Auftrittes war, doch schwindet nach Anhörung des bald hierauf herbcigckommencn weiteren Zeugen jeder Zweifel. — Der Leumund des Hahn ist kein guter, er wird als ein böser grober und jähzorniger Mann geschildert, der schon früher wegen arger Mißhandlung seines eignen Vaters eine vierteljährige Correctionshansstrafe, und spater wegen Schlägereien zweimal Gefängnißstrafe erlitten hat. — Er leugnet heute alles und sucht jede gegen ihn vorgebracht werdende Thatsache zu bemänteln. Von den Geschworenen nach einer %ftün6iget Berathung schuldig erkannt, wird er von dem Gerichtshöfe zu 8 Jabren Zuchthausstrafe, wovon indessen 2 Monate unverschuldete Haft in Abzug kommen, und zum Ersatz der entstandenen Kosten verurtheilt.
R Mainz, 12. Nov. Morgen treffen zu einem mehrlagigelz Aufenthalt Ihre kvnigl. Hoheilen, der Großherzog und die Großherzogin von Hcjsell, hier ein. Höchstdieselben werden der feierlichen Eröffnung der Ei» scnbabnstrecke bis Ludwigshafen beiwohnen.
Frankfurt, 12. ' Nov. Die Frankfurter Bank soll, wie das „Fr: I." berichtet, um Neujahr in das Leben treten. Nur Bürger der Stadt sollen zur Aktien zeichnung zugelassen werden. Die Zeichnungssumme würde auf je einen Bürger mit 60,000 fl. beschränkt, so daß bei der Repartition, wenn jeder Bürger so viel zeichnete, um 5000 fl. Aktien durchschnittlich auf einen kämen. Baarerlegungen sollen sogleich bei der Zeichnung nicht staltfinden.
„Dem Nürnb. Corr." wird von hier geschrieben: Der Graf Dsenburg - Wächtersbach trat vor mehreren Tagen von Kassel, wo er das bekannte, unter allen Umständen bcdaucrliche Begcbniß mit dem Ministerpräsidenten Hassen Pflug gehabt, mit Extrapost in Frankfurt ein. Er hielt sich jedoch nur einige Tage hier auf und verfügte sich sodann auf sein Gut Wächtersbach. Wie in hiesigen Kreisen, wo der Graf zu verkehren pflegte, mitgetheilt wird, war an demfelbcii schon seit mehreren Wochen eine auffallende Gcmütdserregang bemerkt worden. Bereits am Nachmittage des TageS, an welchem sich der Vorfall mit Hrn. Haffenpflug zu- trug, hatte der Graf auf einer Jagdparlie eine ernste Affaire mit dem Hofoberjäge, meister; er nahm sich gegen diesen so schwere Beleidigungen heraus, daß siemit einer Herausforderung erwidert wurden, welche indeß wieder rückgängig ward, indem man den Grafen zur ^rtbeilung mündlicher Genugthuung veranlaßte. Der Vorfall mit Hrn. Haffenpflug wird auf dieselbe Weise angegeben, wie wir ihn nach der „N. Pr. Z." berichtet haben. Der Graf eilte unverzüglich mit Extrapost nach Frankfurt. Dem Vernehmen nach befindet er sich jetzt in Wächtersbach in Folge seines aufgeregten GemüthS- zustandes unter besonderer Beaufsichtigung und in ärztlicher Pflege. (S. u. Fulda.)
Der erwähnte Auftritt, welchen Graf Meiibyrg in Hersfeld herbeiführte, war folgender: Graf v. Pseii- burg hatte durch Staffelte vier Pferde bestellt. Als er vor dem Posthause aukam, ohne die Pferde bereit zu sehen (sie standen aber bereit in einem Sciteugäßchen neben dem Posthause), sing er einen solchen Lärm an, daß sich eine Menge Menschen versammelte. Der Postmeister, ein Greis von 72 Jahren, der allgemein für einen der tüchtigsten und pünktlichsten $o fi beamten gilt, kam sofort au- den Wagen. Er zog den Hpt, setzte llü aber auch wieder auf. „Hut ab!" donnerte ihm der Graf zu. Der Postmeister wollte sich entfernen um selbst nach den Pferden zu sehen. „Hier geblieben!"