Nassauische Allgemeine Zeitung.
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2¥' 269, Samstag dm 12. November 1853.
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— Schule und Erziehung
Schule und Erziehung liegen heutzutage so weit auseinander, daß /s endlich an der Zeit scheint, die aus einem naturgemäßeren Zustande noch übrig gebliebenen Redensarten von den Schulen als Er- zie hungS a nstalt en, von dem Unterrichte, der zugleich erziehend wirken soll rc. als leere Pbra- sen zu bezeichnen oder in das Lexikon der Schlagwörter zu verweisen, mit denen, wie in Politik und Religion, so anch in der Pädagogik immer noch Unfug getrieben wird und Tröpfen imponirt werden soll.
Die Schule hat ihren erziehenden Einfluß verloren. Manche Eltern wissen davon zu reden, die Regierungen fangen an, diesen Krebsschaden der öffentlichen Schulen zu erkennen und auf Heilung zu denken, und selbst die Lehrer, die sich herkömmlich doch gern auch als Pädagogen geltend machen, können dem thatsächlichen Verhältnisse gegenüber die traurige Erscheinung nicht mehr in Abrede stellen.
Unter den zahlreichen Stimmen, die sich seit Kurzem aus dem Lehrerstande in dieser Beziehung vernehmen lassen, heben wir beute die von Scheib ert, dem Director 'der Friedrich-Wilhelms-Schule zu Stettin und Mitherausgeber der von Mayer begründeten pädagogischen Revue hervor. In einer Abhandlung: von der Beschränkung der Schule in ihren Zuchtmitteln legt er das offene Geständ- niß ab, daß die Schulen um die Mitwir,- kung bei der Erziehung gekommen sind, sucht die Ursachen des Uebels auf und sieht sich nach Mitteln der Abhülfe um. Er bezeichnet als „die hauptsächlichste Ursache die Gla u benSl o sig - keil oder auch E n t ch r i stli ch u n g des sogenannten gebildeten Volkes." „Die Thatsache — fährt er fort — braucht dem nicht bewiesen zu werden, der auch nur mit halbem Auge die Entwickelung der mittlern Staatsstände und der höheren bürgerlichen Stände, ihr Trei- Jâ, Denken, Dichten und Trachten betrachtet oder auch nur den Gang der Literatur verfolgt hat. Das ganze geistige Sein ist g l a u b e n s l e e r, und so das Leben selbst aller höheren Ideen verlustig geworden. Diese innerste Leerheit suchte einen Gegenstand, und den hat die Zeit in den Kindern finden lassen. Diese sind Gegenstand der zärtlichsten Sorge; an ihnen beweist man seine Häuslichkeit und seinen Reichthum ; an ihnen hat man das Object, auf das sich das liebebedürftige Herz ergießt; für sie lebt, arbeitet, kämpft man. In ihnen spiegeln sich Vater und Mutter, und je dürftiger beide an höheren Ideen sind , desto größer wird die Selbstbespiegelung u ch Selbstvergötterung in den eigenen Kindern. Je näher der Mensch dem Affen kommt, desto stärker wird diese Art der Liebe zu den Kindern. Daß die Eltern an den Kindern ein göttliches Amt zu verwalten haben, daß diese von den Eltern zu Kindern Gottes erzogen und so Dem zugeführt werden sollen, der sie ihnen anvertraute: das Alles sind entweder leere Phrasen für solche Leute oder gar mystische und pie tistische Nebeleien. Ein Verständniß können sie dafür nicht haben, weil ihnen die christliche Idee abhanden gekommen ist, welche allein das Verständniß gibt. Sv hat sich denn diese Liebe in die allerfleischlichste ver- wandeln müssen, die wirklich an dem Kinde oft nur noch das Fleisch liebt. Wem die Ellern der Art noch etwas Anderes am Kinde zu lieben scheinen und läut die Bescheidenheit, Sittsamkeit und jegliche andere Tugend ihrer Kinder preisen , so sehe man doch nur recht! genau zu : eS ist darin dieselbe Liebe des Fleisches der Kinder. Sie machen sich dadurch bei Andern wohlgelitten. Wenn wir nicht mit diesen wenigen Zügen den Vorhang weit genug aufgerollt haben, der lege sich selber etwa folgende Fragen vor: Warum mögen wohl die Hausärzte die Hausgeist- litten verdrängt haben? Ist nicht der Fleisch- dortor auch in den meisten solcher Familien der einzige Beichtvater? Fragt man je den Erzieher um Rath, wenn der Knabe sittlich zu Grunde geht, obwohl man den Arzt um jedes Rißchen am Finger ruft? — Ge. nug, die Emancipation des Fleisches ist ja bis zur ästhetischen Verklärung gesteigert. Dieß Fleisch — im weitesten Sinne des Worts — wird von jeder Strafe und so auch von der Schulstrafe ge- tvoffffe n Und darum der Widerwille gegen die Schul- straft-, welchen Kämen sie auch haben möge. Die strenge Kinderzucht hat überall gleichen Schritt gehalten mit dem strengen christlichen Glauben, und hält- heute- MW# mit ihm gleichen Schritt.
„Mr für dieß AAS noch einen Beweis verfängt,
der sehe doch einmal die gepriesenen Neuorganisationen der Staaten an. Sie wollen Vertretung der materiellen Interessen, Berathung , Sicherung, Hebung der materiellen Interessen, kurz, sie haben nicht bloß die ästhetische, sondern nun auch die staatsrechtliche Emancipation nicht allein, sondern Herrschaft des Fleisches ausgesprochen. Diese JnstaUirung datirl aber nicht etwa vom März 1848, sondern dieser Tag mit seinen Folgen war nur der Schlußstein eines Entwickelungsganges in Schule und Kirche, in Zucht und Lehre, in Gesetzgebung und StaatSveranstaltungen; es war der deutlich beschriebene Grabstein über der christlichen Idee."
„Die Irrlehren der Zeit, die unchristliche Entwickelung haben natürlich ihren Einfluß auch auf die Schule geäußert und die Schulen in die Lage gebracht, dem unchristlichen Principe recht den Boden in den jungen Seelen zu beackern und die etwa schon auf« gegangenen Saaten noch gehörig zu begießen."
Scheibert ist auf dem rechten Wege; aber — wie wird es ihm ergehen? Er arbeitet der Revolution nicht in die Hände; er schlägt allzu Vielen allzu grob ins Gesicht; aus den bloßen Lehrschulen will er wieder Erzle hun gs anstalten und als Hauptzuchtmittel in den Schulen will er wieder Auto r ität; er verlangt eine christliche Erziehung. Den Vorwurf der altfränkischen Christlichkeit — sagt er selbst — fürchtet er nicht; wird er aber nicht bald den Vorwurf des protestantischen Ultramontanismus hören müssen, zumal wenn er sogar der Jesuitenschulen zu gedenken wagt und gewiß ohne Arg bemerkt, daß diese darum einen so großen Einfluß und bei ihren Zöglingen einen dauernden behalten, weil in der Jcsniten- schule nicht bloß Le hrwind wehe? Er mag sich darüber trösten; die Zahl derer, die ihm im Wesen der Sache beistimmen, wenn sie auch bezüglich der Ausführbarkeit seiner Rettungsvorschläge vielleicht etwas anderer Ansicht sind, wird mit jedem Tage größer; vielen Eltern gehen die Augen allmählich wieder auf; sie weisen die ihnen zu einer besseren, d. h. christlichen Erziehung ihrer Kinder dargebotenen Mittel nicht mehr zurück.
Zu diesen Mitteln gehöreu auch die Internate oder Convicte, Einrichtungen, durch welche mehrere in Einem Hause unter einer geregelten Aufsicht lebende junge Leute eine bessere körperliche und besonders auch geistige Pflege, mit einem Worte — eine bessere Erziehung erhalten sollen.
Diese in andern Ländern gebliebene, bei den Nassauischen Schullehrerseminarieu neu getroffene Einrichtung paßt schlecht zu den verschwommenen Ansichten der Zeit von Aufklärung, Intelligenz und Humanität und hätte wohl schon bei den Schullehrerseminarieu offen den bittersten Tadel erfahren, wäre sie hier nicht vom Staate selbst ausgegangen. Ueber das Convict zu Hadamar dagegen glaubt man Gift uvd Galle in reichem Maße ausgießen ■ zu dürfen. (Vergl. Mittelrheinische Ztg. Nr. 246). So lange das „klericalische" Unternehmen sich in bescheidenen Gränzen hielt, schwieg man; aber — es nimmt einen „ungehinderten und raschen Fortgang," und nun wird die Sache bedenklich: die internirten jungen Leute, deren Ettern, das Gymnasium, der Staat und — die Bürger von Hadamar sind in ihren Interessen bedroht. In der That — eS ist entsetzlich I Die „Convictaner" werden durch eine geregelte Aufsicht zur Ordnung, zum Gehorsam, zum Fleiße gewöhnt; sie geben sich der Arbeit wie der Erholung, weil beide ihre bestimmte Zeit haben, ganz hin; sie gehen, ihrer Sache gewiß, vergnügt ins Gymnasium ; sie bekommen auch, weil sie keine klingende „Rente" abwerfen sollen, eine gute, vielleicht zu gute Kost: die armen Convictaner! werden sie nicht revoltiren? Die barbarischen Eltern der Unglücklichen dürfen sich Abends ruhig mit dem Gedanken schlafen legen, daß ihre Kinder nicht mehr beim Bier und Kartenspiele sitzen: ist das zu ertragen? Das Convict soll daS Seine dazu beilragen, die Fälle seltener zu machen, daß eine arme Mutter am Krankenlager des von der Universität heimgekehrten, an Leib und Seele verdorbenen Sohnes jammert und in ihrer unbegrenzten Liebe noch wähnt, daß daS Kind durch allzu vieles Studiren (!) sich ruinirt habe; eine christ- l ich e Z u ch t soll den wahrhaft christlichen Sinn, der zu allen, auch den schwersten Opfern für die Mensch- Heu bereit ist, wecken, pflegen und bis' zu einem Grade stärken- daß die Convictaner, welche sich zum Studium der Theologie entschließen- auch dabei bleiben und wür- digk Priester werden: find das nicht höchst gefährliche Tendenzen? Da» Gymnasium kann und soll in den
Convictanern Schüler erhalten, die sich durch Schüler- tugenden auszeichnen und auf den Geist der ganzen Anstalt wohlthätig einwirken: ist das nicht bedenklich? muß der Director nicht höheren Orts Vorlage machen? Die Gymnasiallehrer, denen „die Führung eines Theils ihrer Schüler außer der Schule entzogen ist," werden künftig, wenn sie an langen, stürmischen Winterabenden die Schülerstuben inspiciren, um nichts zu finden, über die geringe Mühe betrübt, an dem Convicte mit dem traurigen Gedanken vorübergeben, daß da wohl Alles in Ordnung sei: haben sie nicht gerechten Grund zur Beschwerde? Der Staat soll christliche, einer höheren Autorität und darum auch der Obrigkeit sich willig unterwerfende Bürger erhalten, auf welche die Revolution vergeblich specnlirt: muß er nicht gegen das Convict einschreiten? Und endlich die Hadamarer Bürger, „denen doch eine bedeutende alljährliche Rente für Wohnung und Verköstigung entzogen wird," verlieren eine Rente, auf die sie keinen Anspruch haben: müssen sie nicht Prozeß anfangen? —
Das Convict zu Hadamar verdankt sein Entstehen und Gedeihen einem von Tag zu Tag fühlbarer werdenden Bedürfnisse nach einer besseren Erziehung, das von der Schule nicht mehr befriedigt wird, und ein gesunder, nicht von Vorurtheilen geblendeter Sinn dürfte trotz allem Geschrei über „Absperrung, Clausur, spanische Wände, Carthaus" rc. ähnliche Einrichtungen bei den Gymnasien zu Weilburg und Wiesbaden mit Freude« begrüßen.
Deutschland.
* Wiesbaden, 12. November. Bei der im IV. Quartal des Jahres 1853 dahier stattfindenden AssiseS kommen nachstehende Anklagen zur Verhandlung:
A. mit Zuziehung von Geschwornen.
Am 14. Novbr. Georg Heuser von Eppstein, wegen Körperverletzung.
Am 15. Nov. die Ehefrau des Philipp Wilhelm Welker 2r von Ems, wegen Verletzung des Offen« barungseides.
Am 16. Nov. Christian Harz von Ruppertshain, wegen Diebstahls.
Am 17. Nov. Peter Joseph Wollmerscheid vo« Nastätten, wegen Meineides.
Am 18. und 19. Nov. Heinrich KowalV von Würges, wegen Mordes.
Am 21. Nov. Anton Winter und besten Ehefrau von Oberwalluf, wegen Verletzung des Offen« barungseides rc.
B. ohne Zuziehung von Geschwornen.
Am 22. Nov. Johann Pötz (auch genannt Pütz) von Dietkirchen, wegen Schriftfälschung.
Am 23. Nov. Johann Maag von Heddernheim/ wegen Ableistung eines falschen HandgelöbnifseS.
Am 23. Nov. Friedrich Fick eis von Heddernheim, wegen Diebstähle rc.
Am 24. Nov. Peter An ton Roth von Zeilsheim, wegen Schriftfälschung.
Am 24. Nov. die Ehefrau deS Caspar Hohn von Geisenheim, wegen Schriftfälschung.
Am 25. Nov. Wilhelm Müller von Breithardt, wegen Schriftfälschung.
* Wiesbaden, 12. Nov. Im „Pariser Hof" zeigt heute und morgen, Nachmittag- von 1—4 Ubr, ein Herr Ernst gegen den Eintrittspreis von 12 fr, eine von Herrn Sänger in Mw Atzrk erfundene und erbaute Nähmaschine.
Das Tagesgespräch bildet die sinnreiche Erfindung eines Bäckers in dem benachbarten Bierstadt, welche denselben in die angenehme Lage versetzte, billiges Brod bei hohen Fruchtpreisen zu liefern. Wie anderwärts so auch in Bierstadt machen die Landlâtte in der Regel ihr Brod selbst und lassen es bei dem Bäcker nur aus«' machn: und backen. DaS Brod, welches sie erhielten, war jedoch stets im Verhältniß zu dem verwendeten Quantum Mehl zu klein. Die Leute stellten sich an den Backtrog und an den Backofen; aber trotz ber aub merksamsten Controlle blieb das Resultat dasselbe. Endlich machte ein Gensdarme, der doch noch klüger wat alS der Bäcker, sich etwas in dem Backhaus zu thun und bei dieser Gelegenheit die Entdeckung, daß bet Bäcker auf dem Boden des Backtroges, in welchem er den Teig bearbeitete, einen Schieber angebracht hatte, welchen er während der Arbrtt hob Md durch welchen er so viel Teig al# ihm beliebte, in den unterhalb befindlichen doppelten Boden durchlaufen ließ. Wie jener Besettbinder, der die Reiser jü seinen Besen stahl, sonnte der Bäcker auf diese Weise sei« Brod »llerdin-s