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Nassauische Allgemeine

J' SSL

Donnerstag den 10. November

1833.

DieNassauische Allgemeine Zeitung" mit dem belletristischen BeiblattDer Wanderer" erscheint, Sonntags ausgenommen, täglich und beträgt der PränumerationSpreiS für Wiesbaden und , nach dem neuen Postregulaiid nunmehr auch für den ganzen Umfang des Tburn» und TariS'schen Verwaltungsbezirks mit Inbegriff des PostanffchiagS 2 fl., für die übrigen Länder des deutfch-osterreichifchen PostvereinS, wie für daS Ausland 2 ff. 24 fr. Inserate werden die dierspaltig Petitzeile oder deren Raum mit 3 tr. berechnet. Bestellungen beliebe man in der Buchhandlung von W. Friedrich, Lauggaffe 42, auSwärtS bei den nâchstgelegeneu Postämtern, zu machen.

Wolfgang Menzel s

Geschichte Europas vom Beginne der französischen Revolution bis zum Wiener Congreß.

II.

Man hat früherhin die Ursache der französischen Revolution allein in den verderbten politischen innern und äußern Zuständen gesucht und gefunden, und sie von da aus nicht nur vertheidiget , sondern ihr Miß­lingen bejammert. Der edle Karl von Rotteck und Andere haben der jetzt lebenden Generation längere Zeit im Chore vordeclamirt:ihr Ursprung sei tiefer gewesen als nur die Freimaurerei und das lose Schrif­tenthum, die allgemeine Heillosigkeit des bür­gerlichen Zustandes und das die Nation durch­dringende Gefühl derselben habe sie erzeugt."

Wenn nun auch kein der Geschichte kundiger, unbe­fangener und aufrichtiger Mann läugnen kann, daß die Zustände Frankreichs vor Ausbruch der französischen Revolution durch die Schuld der letzten Könige vor Ludwig XIII., des Adels und des hohen Clems in der That recht trostlos waren und einer umsichtigen Heilung bedurften; so kann aber die Ursache dieser Revolution und der furchtbaren Gräuel, welche sie geboren, nicht in diesen Umständen allein gefunden werden. Die Hauptursache der französischen Revolution, ihres Blutes und ihrer Thränen, und ihrer immer noch fortdauern­den Zuckungen müssen vielmehr ,in dem Abhandenkom­men des religiösen und sittlichen Bewußt­seins gesucht und.gefunden werden. Und man kann wohl kühn behaupten, daß jene kranken Zustände ohne Blutströme auf dem Wege der Reformen hätten gründ­lich geheilt werden können, wenn nicht Religion und Moral den höheren Ständen durch die gottlos gewor­dene Philosophie und den niederen Ständen durch die Verdorbenheit und das schlechte Beispiel der höher» ge­raubt worden wären.

Die subjeetiv -individualistischen Systeme in der Rechts- und Staatslehre und der Rationalismus in der Theologie haben jenes Abhandenkommen ganz allein verschuldet. Die subjective Naturrechtslehre basirte die rechtlichen und politischen Verhältnisse nur auf den Willen des Einzelnen und sah dabei von allen objecti­ven, natürlichen sittlichen und göttlichen Gesetzen ab. Diese Naturrechtslehre, wie der Rationalismus erhob die individuelle Vernunft für jeden Einzelnen zur alleinigen Erkenntnißquelle und Richtschnur. Dadurch ward das Recht von der Moral und Religion losgetrennt, Gott und der göttliche Wille nicht mehr beachtet und ter persönliche Gott abgeschasft. Consequenzen dieser philosophischen und theologischen traurigen Verirrungen in Deutschland, England und Frankreich sind die Herrschaft des Volkswillens, der Despotismus der rohen Massen, das jedem Bürger zu> erkannte Jnsurrectionsrecht, die Abschaffung des Christen­thums, der Cultus der Vernunft und dergleichen traurige Abgeschmacktheiten mehr, wie sie der Wahnsinn der französischen Revolution der noch vernünftigen Mensch­heit damals mit Schrecken vorgeführt hat.

Wolfgang Menzel berührt in seinem überschriebenen Buche häufig diese Verirrungen und zeigt in einer all­gemein verständlichen Sprache, wohin eine verkehrte philosophische Richtung, eine Vernachlässigung und Ver­achtung der Moral und der Religion die Staaten, ihre Beherrscher und Völker führen kann und muß.

Wenn nun auch die religiösen Verhältnisse in ganz Europa, und namentlich auch in Deutschland, in der christlichen Kirche sich täglich günstiger und erfreulicher gestalten, wenn auch die Philosophie in ihren würdig­sten Pflegern in neuester Zeit die Wunden wieder zu heilen sich bemüht, welche sie seit mehr als zwei Jahr­hunderten dem Staate und der Kirche geschlagen hat; wenn wir Deutschen namentlich mit Stolz und Selbst­gefühl auf eine Reihe katholischer und protestantischer Theologen, Philosophen, Historiker und Juristen zeigen können, welche den aus den Fugen gerissenen Staat und die mißhandelte Kirche mit Kenntniß und Muth wieder einrichten, kräftigen und vertheidigen helfen: so ist aber leider in Deutschland immer noch eine große Anzahl vorhanden, welche sich von dem nunmehr durch die Wissenschaft bewältigten vulgären Liberalismus und seichten Rationalismus noch nicht losreißen können und in deren schmählichen Banden gefangen liegen. Sogar leitende Staatsmänner huldigen ihnen noch; ein Theil, weil er sich mit den neuesten Ergebnissen der Wissen­schaft nicht vertraut machen kann oder will; ein anderer Theil aber hauptsächlich aus dem Grunde, weil er ver­

meint, die Volksgunst zu verlieren, wenn er sich über das Niveau des' Rotteck' - Welcker'schen Staatslexicons erhebe. Der aufmerksame Beobachter wird hierin haupt­sächlich die Quelle der erbärmlichen Zustände suchen müssen, welche sich in einigen Staaten Deutschlands der­malen noch vorfinden.

Nach diesen einleitenden Worten geben wir den Le­sern dieser Blätter einige Probe» auS Menzel's Ge­schichtsbuche, mit dem Wunsche, daß viele derselben es ganz lesen möchten.

'Die halbe Welt so sagt Menzel in dem Vor­wort glühte für Freiheit. Unermeßliche Kräfte wur­den für sie in Bewegung gesetzt, aber ihre Vorkämpfer überschritten weitaus das Maaß, in welchem die Frei­heit möglich ist, und machten aus ibr eine unnatürliche unerträgliche Tyrannei. Ein Mann vom seltensten Ge­nie, wie ihn die Weltgeschichte in tausend Jahren nur einmal hervorbringt, erbte alle Begeisterung, die sich von dem Ideal der Freiheit abgewendet hatte, und brachte abermals unermeßliche Kräfte in Bewegung, um alle Völkerfamilien Europas unter seinem Scepter zu vereinigen und eine neue Ordnung der Dinge für eine lange Dauer zu begründen; aber auch er überschritt das Maaß und seine Alleinherrschaft wurde eine eben so unnatürliche als unerträgliche Tyrannei. Im ersten Act jener großen welthistorischen Revolutionsepoche war es eine scheinbar allmächtige Zeitidee, welche die Natio­nen aus ihrem alten Naturell herausreißt; im zweiten war es ein Charakter, ein persönlicher Wille, dec den Nationen Gewalt anthat. Aber in einem wie im an­dern Falle bewährte sich die Macht der Natur in den Völkern, indem sie alle Stürme überdauerte, al­len widernatürlichen Zwang wieder abschüttelte. In der Revolution sollten alle Menschen plötzlich jo würdige, gebildete und vollkommene Wesen sein, wie die Philosophie sich dieselben träumte; aber ihre Natur paßte nicht für diese Schule und duldete den Zwang derselben auf die Dauer nicht, um so weniger, als viele Tugenden im Volke wurzelten, die von jener einseitigen Philosophie nicht gewürdigt wurden. Die Grundideen der Revolution gingen aus Axiomen hervor, die eine vorübergehende Modeangelegenheit der gebildeten Clas­sen geworden waren und nichts mit den wahren Be- dürfnissen noch mit den Fassungskräften des eigentlichen Volkes gemein hatten, und mißkannten zugleich auf's Blindeste die religiösen und sittlichen Grundzüge im Volksleben. Darum konnten sich alle Voraussetz­ungen der Gebildeten beim gemeinen Volke nicht be­währen und die Revolution mußte als eine falsche Spe« culation auf das Volk bankrott machen. Aber auch Napoleon versah es lediglich in seiner Beurtheilung der Völker und zog sich seinen Sturz durch nichts anders zu als durch die Unnatur. die er denselben zumulhete und ausdrang, bis sie ihnen unerträglich wurde."

Die Geschichtschreibung soll die Völker studiren und sich auf den Standpunct der Völker stellen gegen­über nicht nur ihren ausgesprochenen Feinden und Drängern, sondern auch gegenüber ihren angeblichen Freunden und Rettern, die im Namen der Völker auf- treten, ohne zu dieser Mission bevollmächtigt und berech­tigt zu sein, ja ohne das Volk zu kennen und zu ver­stehen. Auch da, wo sich die Geschichtsschreibung von Parteiftellungen frei zu halten wußte und mit wissent- schaftlichem Ernste nach Unparteilichkeit und nach dem beliebten Ideale der Classicität strebte, blieb sie dennoch meist in den Vorurtheilen einer dem Volke fremden Aufklärung und Bildung befangen, huldigte hauptsäch­lich allem, was mit der Geistescuttur der höheren Classen zusammen hing, erörterte daneben mit größtem Scharfsinn die staatlichen Verhältnisse, behandelte aber das eigentlich Volksthümliche, die kirchlichen und socia­len Zustände und die einer falschen Cultur allezeit wi­derstrebenden Grundzüge im Nationalcharakter als ver­meintlich barbarische Nebenparthien mit Verachtung. Mit diesem Schulvorurthell, dem traurigen Erbe des philosophischen Jahrhunderts, muß die Wissenschaft der geschichtlichen Erfahrung endlich brechen. Der große Zug der Zeit selber führt dazu. Die Fruchtlosigkeit aller Anläufe, die man von rein politischen und philosophischen Standpunkte ans so oft und lange unternommen hat, um zum Ziele des Völkerglücks zu gelangen, hat nach und nach dahin geführt, daß die bisher vergessenen, für die Völker aberj unend­lich wichtigen nationalen, kirchlichen und so­cialen Fragen in den Vordergrund getreten sind. Die Nutz- und Heillosigkeit des Experimentireus mit den Völkern hat nach und nach zur Wiederanerkennung des unerschöpflichen und nachhaltigen Fonds von Fröm­

migkeit, alter Sitte und gesunder Kraft und Tüchtigkeit im Volke geführt, der zum Glück noch vorhanden ist. In dieser Richtung und in keiner andern wird endlich der Völkerfriede überall gesucht und auch gefunden wer­den." (Fortsetzung folgt.)

Dentschland

Wiesbaden, 10. November. Die letzthin bei den diesigen Bäckern vorgenommenen Visitationen sind im Publicum mit um so größerer Befriedigung ausge­nommen als das Resultat derselben wenn auch nur in einem vereinzelten Falle gezeigt hat, wie nothwendig und zweckdienlich diese Maßregel war. Gegen Ueber- vortbeilung im Gewicht wäre das Publicum gesichert; indessen scheint uns noch zwischen den Brodpreisen und den Fruchtpreisen ein Mißverhältniß obzuwalten, auf welches wir hiermit aufmerksam machen wollen. Im Octbr. v. J. kostete das Malter Korn 8 fl. u. 40 fr., das vierpfündtge Kornbrod 12 u. 11 kr.; jetzt kostet das Malter Korn etwas über 11 fl. und der vierpfün- dige Laib Kornbrod 18 u. 18% kr. Das vierpfündige Schwarzbrod, zu welchem ein Theil Waizenmehl, an­geblich die Hälfte genommen wird, kostete damals 12 kr. jetzt kostet es 20 kr.; dieser höhere Preis rührt zuM Theil daher, daß der Waizen im Verhältniß zum Korn weit höher gestiegen ist und das Malter Waizen, wel­ches im Oct. vorig. JrS. um 1 bis 2 fl. theurer war als das Mir. Korn jetzt um 4fl. höher zu stehen kommt. Ob indessen diese Preisdifferenz einen Aufschlag von 2 kr. für den vierpsündigen Laib nothwendig machen, darüber wird uns wohl von Sachverständigen eine Auf­klärung und Belehrung zu Theil werden.

Frankfurt 9. Nov. (F.P.) Dem General Grafen v. Walderfee ist als zweiter Bevollmächtigter Preußens bet der Bundesmilitärcommission der k. preußische Obrist­lieutenant v. TwarkowSky beigegeben worden. An die Stelle des vor einiger Zeit an das Gymnasium versetzten Prof. Eberz ist der seitherige Conrector Becker von Hadamar als Lehrer an die hiesige Selectenschulè berufen worden. Herr Becker ist in der gelehrten Welt als einer der ausgezeichnetsten Philologen, der vertrau­testen Alterthumsforscher und als bewährter Erklärer altrömischer Steinschriften bereits rühmlich bekannt. Seine Hierherberusting gereicht der Behörde, von der sie ausging, zu hoher Ehre, der Anstalt zu wesentlichem Vortheil und die Verbürgerung dieses ausgezeichneten Gelehrten hiesiger Stadt zum Nutzen. Schon in ganz Kurzem wird Herr Becker seine Stelle, welche seither von Herrn Dr. Huthmacher in tüchtigster Weise ver­waltet wurde, antreten. Wie man hört, hat sich hier eine Gesellschaft zum Ankäufe größerer Getreide- vorräthe gebildet, um der Noth der ärmeren Elasten einigermaßen zu steuern. In Folge der Aufhebung deS Einfuhrzolles auf Reis im ganzen Umfang des Zoll­vereins sind von hier aus bedeutende Aufträge auf ReiS nach Holland abgegangen.

Dem Nürnb. Corr. wird geschrieben: In mehre­ren Blättern ist eines Gerüchtes Erwähnung gethan worden, nach welchem die jüngst stattgehabte Reise deS Prinzen Napoleon Bonaparte nach Stuttgart nicht ohne Zusammenhang mit einem Vermählungsprojecte gewesen wäre. Diese Angabe ist eben so ungegründet, wie an­dere Behauptungen, welche der Anwesenheit jenes Prin­zen am würtcmbcrgischen Hofe politische Beweggründe unterstellen. Von einer Seite, welche als zuverlässig bezeichnet werden kann, wird in bestimmtester Weise mltgethcilt, daß die Reise des Prinzen nach Stuttgart lediglich durch den Wunsch des hochbejahrten Königs veranlaßt wurde, seinen Neffen nach vieljähriger Tren­nung wiederzusehen.

München, 6. Novbr. (N. C.) Der Entwurf eines neuen Strafgesetzbuchs für das ganze Königreich ist nunmehr vollendet und dem Drucke übergeben. Der Verfasser desselben ist Professor Dr. Dollmann.

Fulda, 7. Nov. (F. I.) Gestern sollte auf höhere Anordnung der Graf von A. auf seiner bevorstehenden Durchreise hier verhaftet werden. Derfelbe mochte aber hierüber Nachricht erhalten haben, denn von Hersfeld auS folgte er, ungeachtet der auf der Route bestellten Pferde, nicht der Straße nach Fulda, sondern nach dem Darmstädtischen über Niederaula.

Greiz, 1. Nov. Der hier bestandene Turnverein Erwachsener ist durch ein fürstliches Regierungsrescript aufgelöst.

Köln, 8. November. (Fr. I.) Vor einiger Zeit kam eine englische Gesellschaft um die Concession ein, eine Rheindampfschiff- Gesellschaft bilden zu dürfen. Nach­dem diesem Wunsche nicht entsprochen wurde, wendete