Nassauische Allgemeine Zeitung.
^ SS« Freitag den 4. November 1SS3.
Die,,Nassauische »Illgemeine ZeitunA" mit dem belletristischen Beiblatt „Der Wanderer" erscheint, Sonntag« ausgenommen, tâgiiM und beträgt der PrännmeraiionSpreiS für Wiesbaden und , nach dem Neuen Postregulâiiv nunmehr aNch für den ganzen Umfang deS Thurn- und TariS'schen Verwaltungsbezirks mit Inbegriff de« PostausschlagS r fl., für die übrigen Länder deff deutsch-bsterreichischen PostoereinS, wie für das Ausland 2 fl. 24 kr. — Anseratt werden die »ierfvaMg Petitzeile oder deren Raum mit 3 kr. berechnet. — Bestellungen beliebe man in der Buchhandlung von SB. Friedrich, Langgasse 42, auSwärtS bei den nächstgelegenen Postämtern, zu machen.
Zeitungslchau
Die Erklärung des „Moniteurs". — Preußen und seine Verbündeten in Frankfurt. — Der Hirtenbrief des Fürst- Bischofs von Breslau.
** Die Erklärung des „Moniteurs", so wird der „A. Z." aus Paris geschrieben, ist wie ein Keuleuschlag aus die politische Welt herabgefallen. Selbst von den Ministern war Keiner darauf vorbereitet, wie denn der Kaiser sie selten zu Rathe zieht, wenn es sich um eine unmittelbare Maßregel handelt. Er liebt das Ueber; raschen, und wenn er scheint für den Frieden zu sein ist es nicht unklug, einige Neigung zum Kriege bei ihm vorauszusetzen. Jemand kannte den Artikel, den der Kaiser selbst verfaßt hat, und dieser Jemand ist Herr von M o r n y. Als er am 26. October Compiegne mit dem Fürsten Poniatowski verließ, wurde er benachrichtigt, daß der „Moniteur" am anderen Tage einen derben Artikel (article en bonne encre) enthalten werde. Man theilte ihm den Text nicht mit, aber der Kaiser las ihm die schlagendsten Stellen vor, namentlich die von der vertragswidrigen Besetzung der Fürstenthümer, die von den Bedingungen, ohne welche der Friede kein Vortheil mehr ist, die, welche versichert, daß Frankreich und England auch ohne Preußen und Oesterreich vorwärts gehen werden u. s. f.. Herr von Morny, sagt man, sei sehr erschrocken, nicht blos über den Artikel, sondern über die Stimmung, in welcher er den Kaiser gefunden, der gesagt haben soll, man werde dem Czar zeigen, daß man seinen Forderungen nicht nachgebe. Die Ursache der Erbitterung des Kaisers, sagt man, sei eine von Herrn von Nesselrode jüngst an alle russischen Gesandtschaften erlassene und durch den Sohn des Herrn v. Castelbajac nach Paris überbrachte Circularnote. Diese Note behauptet, Frankreich habe die gegenwärtigen Verlegenheiten bereitet, indem es sich in der Frage der heiligen Stätten ein Privilegium ertheilen ließ, worauf es keinen rechtlichen Anspruch hatte. Ohne diesen Umstand hätte Rußland sich nicht gerührt. Diese Note ist in Bezug auf England weniger einläßlich, sie theilt Frankreich die Nolle des Sündenbocks zu. Diese Unterscheidung hat den Kaiser tief gekränkt, der, wie Sie bemerken, Rußland nicht ein einzigesmal genannt hat. Die Börse wäre von dieser Erklärung sicherlich tiefer erschüttert worden , wenn man nicht aus der Vertagung des englischen Parlamentes die Gewißheit schöpfen zu können geglaubt hätte, daß England entschlossen sei sich nicht zum Kriege fortreißen zu lassen. Allerdings hat im Anfang England nicht von Malta fort wollen, und jetzt ist cs, wenn auch noch nicht im goldenen Horn, doch im Marmorameer. Wird es der Kaiser weiter mit sich fortreißen? Das ist die Frage. Man darf sich nicht verhehlen, daß, trotz aller friedfertigen Redensarten, der Geist eines Napoleon ein kriegerischer ist. Wird nicht allen Ernstes an Errichtung eines Lagers in Metz gedacht?
** Die F. P. Z. bringt an bevorzugter Stelle unter der Aufschrift: „Preußen und seine Verbündeten in Frankfurt" folgenden füglich nicht zu übersehenden Artikel: Wir sind zurückgekebrt zum Bunde aus den Svnderbünben, sind heraus aus den kläglichen Zeiten der preußisch-norddeutschen Union und österreichisch süddeutsche» Koalition — aus unleidlicher Unordnung zur jedenfalls leidlicher« Ordnung, wenn man wenig sagen will. Redensarten aber und Aeußerungen wie die, welche wir jetzt wiederum hören müssen: ^Preußen und seine Verbündeten am Bundestage", erneuern thöricht die Erinnerung an jene Zeiten, zeigen, daß Manche noch immer in den sonderbündlerischcn Ideen leben und auf Erneuerung der sonderbündlerischeu Bestrebungen denken, worauf auch sonst mancherlei Anzeichen hindeuten. Sie haben das eclatanteste Fiasco damit gemacht; sie haben die beschämendsten Niederlagen erlitten; sie haben durch die von ihnen betriebenen Projecte und Parteiungen verschuldet, daß das mögliche Bessere nicht, daß eben gar nichts erreicht ist und nur Gelegenheiten verpaßt sind, daß jene bedenkliche Verwirrung, Zerrüttung und Rathlosigkeit eintrat, nach welcher nur die nackte Rückkehr zum Status quo ante übrig blieb ; sie haben nur eben ihre Ohnmacht erwiesen und abermals die Gefährlichkeit und Nichtsnutzigkeit der Sonderbünde in Deutschland an den hellen Tag gebracht. Es Hal in Deutschland besondere Bünde gegeben in neuen Zeiten und in alten — wir nennen den Zollverein, die Land- sriedensbünde — welche auf relativer Nothwendigkeit beruhten, sich als nützlich und heilsam darthaten. Aber
auch dann wiesen sie auf eine Krankheit im gemeinen Wesen, auf Unordnungen im Verfassungszustande oder im Regiment, auf eine zu große Schwäche der Central- gemalt, auf die Abgeneigtheit oder Unfähigkeit der Deutsche», sich irgend einer gemeinsamen Obergewalt oder Gesetzgebung zu unterwerfen, auf Unbotmäßigkeit oder Ueberhebung der Glieder des Reichskörpers zurück. Ost sind sie dem Ganzen schädlich und gefährlich geworden, mehrfach haben sie Deutschland in seinen Grundfesten erschüttert, unsägliches Verderben gebracht, die Gefahr des Unterganges heraufbeschworen. Dieß war stets dann der Fall, wenn sie an die Stelle der Centralgewalt sich setzen, oder wenn durch sie ein »Theil dem andern in religiösen oder politischen Streitfragen seinen Willen aufzublingc», den andern zu vergewaltigen trachtete. Und nie ist durch sie etwas gewonnen, nie haben ihre Urheber durchgesetzt, was sie durch dieselben durchsetzen trollten. Warum nicht? Weil jeder besondere Bund einen eben so starken Gegenbund hervorrief. Union und Liga, Union und Koalition! So war es und so wird es sein. Die deutschen Verhältnisse brachten es eben mit sich und sind heute keine andere als gestern und ehegestern. Man ist berechtigt, die Rhetoren, Sophisten und Pamphletisten der Sonderbünde mit Gelächter zu begrüßen oder sie reden und mit Verachtung stehen zu lassen. Aber die deutsche Geschichte, von den Religionskriegen bis zu den Zerrüttungen. welche wir erlebt, lehrt deutlich, daß sie nur zu viel Macht besitzen zu schaden und zu verleiten, sie, die alle Schuld der deutschen Zersplitterung auf die Dynastien und Regenten, deren Ehrgeiz, Eigennutz in s. w. zu wälzen lieben, während sie selbst die vornehmsten Anstifter und Beförderer der Veruneinigungen und Sonderungen sind. Damit sie nicht Stillschweigen für Zustimmung nehmen, mag immerhin, bringen sie sonderbündlerische Ideen aus die Bahn: ihnen entgegengesagt und wieder gesagt werden: so geht es nicht, was ihr wollt, das wollen die Andern eben nicht, treibt ihr's zu neuen Sondcrbünden, so bleiben die neuen Gegenbünde nicht aus, und euer Vermögen reicht nur aus, dem Vaterlande Schaden und euch selber Schimpf zu bereiten.
** Aus dem Hirtenbriefe des neuen Fürst-Bischofs von Breslau hebt die „Neue Pr. Zeitung" folgende Stellen lobend hervor: „Saget nicht, das Fleisch hat immer sich aufgelehnt wider den Geist und die sinnliche Natur immer ihre Macht geübt; das soll nicht geleugnet werden. Aber die Erziehung zur Sinn- lichkeitj, die Predigt der Sinnlichkeit, das Schwimmen in dem Meere der Sinnlichkeit, dabei des Menschen Haupt ganz und gar vom Himmel hinweg und allein auf die Erbe gerichtet wird, die er nur mit seinen Füßen berühren soll — das gehört unsrer Zeit. Saget auch nicht: es hat immer Irrthümer gegeben, die ihre Jünger gehabt und ihren Anhang gewonnen haben; das soll nicht geleugnet werden. Aber der Schutz des Irrthums , die Gleichberechtigung des Irrthums mit der Wahrheit, die Verbreitung des Irrthums durch alle Schichten der Gesellschaft — das gehört unsrer Zeit. Saget auch nicht: es hat immer Verbrechen gegeben , und Verbrechen der rohesten, himmelschreiendsten Art; das soll nicht geleugnet werden. Aber die Un- bußfertigkeit des Verbrechens, die Vertheidigung des Verbrechens, der Stolz des Verbrechens, das Hinauflügen des Verbrechens zur Tugend — das gehört unsrer Zeit. Saget endlich nicht: cs hat immer Empörungen gegeben wider Gott, wider die Kirche, wider die Fürsten und rechtmäßigen Gewalten; auch das soll nicht geleugnet werden. Aber der in civilisirten Staaten ge- duldete Heerd der Empörung, die systematische Organisation der Empörung, die Verschwörung düscSSatanS- engcls, der, feig und frech, zügellos und tyrannisch, glaubensleer und fanatisch, Lebensfähiges nicht zu schaffen und Lebensfähiges nicht zu dulden vermag — das gehört unsrer Zeil." — Und später heißt cS: „Auf- wärts die Herzen, Ihr Handwerker und Landbebauer! Die Zeit ist noch nicht so lange her, da Einfalt deS Glaubens und kindliche Frömmigkeit das kostbare Erbtheil Eures Standes waren, da auch unter der Last der Mühen Euer Blick nach oben ging und das schweiß- bedeckte Angesicht den Stempel Eurer Gottberufenbeit trug. Das war die Zeit, da Ihr sechs Tage der Arbeit und den siebenden Gott gabt; da Eure Werkstätten wiederhallen von frommen Liedern; da Eure Ae- cker Zeugen des Gebetes waren, mit welchem Ihr den Samen ausstreutet und die Garben sammeltet; da Meister und Gesell eine Familie bildeten und Arbeit, Gottesdienst und Erholung theilten; da der Bauer seinen Knecht nicht nur fragte, hast Du einen starken Arm,
sondern auch: hast Du ein gottesfürchtiges Herz? Damals hatte das Handwerk einen goldenen Boden, und der Acker war die Brodtamwer, aus welcher die Väter sich gesättigt hatten, und welche auf Kind und Kindeskind sich vererbte. — Ist es bester mit Euch geworden und seit Ihr glücklicher, seit die Einfalt des Glaubens und der èitten aus Eurer Mitte entschwunden und das neue Losungswort: „Licht, Ftei- beit und Gleichheit" in Eure Hütten und Herzen gedrungen ist? seit der Spott wider das Heilige und der Fluch in Euren Werkstätten widertönt? feit Ihr ohne Aufblick zu Gott Eure Saat bestellt und Eure Ernten heinuührt? seit der Meister seine Gehülfen wohl fragt: Wie arbeitest, aber nicht: wie lebst Du? seit der Landmann seinen Knecht wohl auf den Acker, aber nicht in die Kirche schickt?" — „Von Bürgersinn, Bürgerpflicht und Bürgertreue — so heißt es endlich — wird in unseren Tagen viel geredet, auch geschrieben, und oft von Denen am meisten, die in der Zeit der Gefahr gar keine Stimme vernehmen ließen und sich am kläglichsten erwiesen haben. Auch Schein und Flitterwerk wird viel getrieben mit dem, was sie ihre Vaterlandsliebe nennen. Aber in prunkhaften Vereinen, in Zweckessen, Reden und Gelagen offenbart sich diese Liebe nichts auch noch nicht in der Herrichtung von Statuten und Ehrendenkmalen. Aber darin zeigt sich.ein Patriotismus, daß Ihr Euren König liebet J und qür'eu zn ihm haltet in Noth und Tod; baß Ihr Eure Obrigkeit ehrt in guten und schlimmen Tagen und für Gesetz und Ordnung eintretet auf jede Gefahr hin; daß Ihr immer und überall auch wo es Opfer und die schwersten Opfer kostet, dem allgemeinen Wohle Euren persönlichen Vortheil nach- sctzet 2C." Die „Neue Pr. Zeitung" bemerkt hierzu: Wird das Hirtenamt in diesem Geiste heiligen Ernstes und christlicher Duldsamkeit wie ein geleit et, so geübt, so geht dieDlöccse des neuen Fürstbischofs wohl guten Tagen entgegen.
Deutschland.
P Wiesbaden, 3. Nov. In Folge einer bei den hiesigen Bäckern vorgenommenen Revision wurde dem Vernehmen nach einem derselben eine bedeutende Anzahl von Laiben Brod, welchen an dem vorgeschriebene» Gewicht von 4 Pfund ein halbes Pfund und darüber fehlte, weggenommcn und an Arme vertheilt.
Vorgestern wurde einem im „grünen Wald" wohnenden Rechtscandidaten die ganze Garderobe gestohlen. Ferner wurden aus mehreren Gasthöfen die Armenbüchsen entwendet. Die Nemesis hat jedoch den Frevler schon erreicht und ist der Thäter bereits in Gewahrsam gebracht. Sämmtliche Diebstähle wurden von einem kürzlich aus dem Correctionshaus nach Abbüßung einer Diebstahls wegen gegen ihn verhängten zweijährigen Strafe entlassenen Burschen Namens Heinrich Dezcke von hier verübt. Die Kleider wurden in einem Graben an der Erbenheimer Chaussee gefunden.
^ Von der Aar, im Oktober. Ich freue mich, die Mittheilung machen zu können, daß an der neuen Chaussee durch das Aarthal rüstig gearbeitet wird, und daß die Strecke von Langenschwalbach bis zur HöhN- cheusmühle in kurzer Zeit beendet ist. Sehr wünschens- werth wäre es, wenn der übrige Theil bis Wehen, sowie die Strecke von Hahn bis Wiesbaden recht bald in Angriff genommen würde. Abgesehen von dem unserer armen Gegend dadurch werdenden Verdienste halten wir die Ausführung dieser Straße im Interesse deS allgemeinen Verkehrs für höchst nothwendig. Die Verbindung von Schwalbach und Wiesbaden, für den Postcours zwischen Coblcnz und Frankfurt von besonderer Wichtigkeit, sowie diejenige von Neuhof (i- e. Limburg) und Wiesbaden ist im Winter durch den starken Schneefall auf den Höben, und ^baS Glatteis oft äußerst beschwerlich zu erhalten, und wer den bedeutenden Verkehr zwischen den genannten Orten während der Sommermonate kennt, kann gewiß den Wunsch nicht unterdrücken, daß die Zeit bald da sein möchte, tu der dem reisenden Publicum die Mühe der Ersteigung der Hohen Wurzel und der Platte erspart ist. Die Anlage der Straße muß als eine in jeder Beziehung vorzügliche bezeichnet werden, indem sie zwischen den beiden genannten Höhen des Taunus in einem üppig bewaldeten Thale von Wiesbaden in die neue Chaussee führt, welche von Schwalbach nach Usingen gebaut wird. Die Steigung derselbe» soll höchst gering werden. — Für Schwalbach wäre diese Straße namentlich von großem Vortheile. Zu einer Zeit, in der man die Welt im Fluge zu durcheilen gewohnt ist, gehört es zu den wesentlichsten Requisiten eines Badeorts, daß er von den HauptverkehrSbahnen