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Nassauische Allgemeine Zeitung

^. SSS Donnerstag Den 3. November 1833.

Die,,Nassauische Allgemeine Zeitung" mit dem belletristischen BeiblattDer Wanderer" erscheint, Sonntag» ausgenommen, täglich link betragt der Pränumerationspreis für Wiesbaden und , nach dem Neuen Ueülrrwilorro nunmehr auch kür den ganzen Umfang des Lburn- und TariSischen BerwaltungSbezirkS Mit Inbegriff des Postausschlags 2 st., für die übrigen Länder des deutsch-österrtichischen Postvereins, wie für das Ausland 2 fl. 24 fr. Inserats werden die Vicrlpallix Petitzeile oder deren Raum mit 3 kr. berechnet. Bestellungen beliebe man in der Buchhaiivlung von Ä. Friedrich, Langgasse 42, auSwärtS bei den nächstgelegeneu Postämtern, zu machen.

^ Wolfgang Menzels

Geschichte Europa's vomBeginn der franz. Revolution bis zum Wiener Cong resse (17891815).

, Diesem Geschichtswerke, welches vor Kurzem in 2 Bänden im Buchhandel erschienen ist, widmet die Neue Preuß. Zeitung eine größere Besprechung, durch welche sie zu folgender allgemeiner Mahnung sich veranlaßt fühlt: Der Schluß deS Buches bringt die ganze Tendenz desselben am deutlichsten zur Anschauung und wird hoffentlich auch unsern Lesern zur deutlichen Erkenntniß bringen, daß sie nach Kräften die Verbreitung des Buches zu unterstützen haben. Denn die große Macht, welche in dem Buchhandel liegt für die sittli- che» Zustande der Nation, wird man nie aus dem Dienste der Revolution befreien, wenn man nicht lieber einmal eine Flasche Champagner u ii g e t r u n k e n läßt und dafür ein gutes Buch kauft, und endlich in den höheren und rei­cheren Classen der Wohlgesinnten jene Schäbigkeit über­winden lernt, die gute Bücher lieber ungelesen läßt, wenn man sie nicht geborgt erhalten kann. So lange die Buchhändler mit revolutionären Schrif teil bessere Geschäfte machen als mit cvnferva» tiven, stößt man Buchhandel und folgerichtig auch, das Literalenthum Muthwillig der Revolution in den Rachen und hat dann vielleicht gar noch die völlig ab­geschmackte Albernheit, sich über die Regierung zu be- Aagen, daß sie die Presse nicht zu beherschen wisse, c während man selbst zu schäbig ist, der Presse den ein­fachen und einzigen Zügel zu appliciren, der sie leiten kann. Der Buchhandel im Ganzen ist ein kaufmänni­sches Geschäft, und es ist Unsinn, vom Buchhandel zu verlangen, daß er die Aufopferungsfähigkeit und Ge- sinnunqstüchtigkeit haben solle, von der man sich selbst so leicht dispenstrt, indem man lieber TheuterbilletS kauft und an exquisite Pferde, Hunde und Weine oder Cigarren das Geld verträgt, als einen verhältnißmäßig kleinen Theil davon auf gute Bücher verwendet."

Die gänzlich veränderte Art und Weise der Ge­schichtschreibung seit den letzten Decennien gehört zu den erfreulichsten, die Verbreitung geläuterter Begriffe und Ansichten verbürgenden Erscheinungen der Neuzeit.

Während der letzten Hälfte des vorigen und der ersten Jahrzehnte dieses Jahrhundcrs tauchten, der vor. Herrschenden Flachheit dieser Periode entsprechend haupt­sächlich*) solcheGeschichtsschreiber" auf, welche sich nicht etwa die einfache Darstellung der Thatsachen und Las Anknüpfen der Reflexion an diese zur Aufgabe ge­stellt; sondern umgekehrt, unter gänzlicher Vernach­lässigung des Quellenstudiums, zuerst die Thatsachen nach ihrem s. g. philosophischen Systeme zurecht kneteten, und dann, in vitiöser Kreisbewegung, zur Begründung ihrer Lehrsätze sich wieder auf ihr eigenes Machwerk, als historische Belege stützten.

Diese, der Bildungsstufe und dem Geschmack der Halbgebildeten in jeder Hinsicht zusagende, we­nigstens in ihrer Falschheit für sie nicht erkennbaren Machination , diese förmliche und planmäßige Ge­schichtsfälschung hat mehr als irgend etwas zur Verbreitung falscher politischer Doctrinen, zur Unduld­samkeit und zum Fanatismus auf religiösem und politi­schem Gebiete geführt. Warum soll auch eine Staats- sorm, unter deren Herrschaft, nach dem Zeugnisse dieses oder jenes berühmtenGeschichtsforschers" sich dieses oder jenes Volk glücklich befunden, nicht für uns er» strebenöwerth sein? wie kann man Gegnern, welcheal­ler philosophischen und historischen Bildung" so baar und ledig sind, daß sie dengeschichtlichen Thatsachen" nicht Rechnung tragen, ja dieselben gar verabreden, Achtung zollen! Gegen dieses ebenso unwissenschaftliche wie unredliche Treiben traten jedoch in neuerer Zeit Männer auf, welche durch gründliches Quellenstudium, redliches Streben nach Wahrheit und objective Dar­stellung des Ergebnisses ihrer Forschungen gerechten Anspruch auf den Namen Geschichtsforscher sich erwarben.

Die Endergebnisse solcher ernsten Forschungen sind freilich denen der vulgärenGeschichtsschreibung" sehr unähnlich; gar manche lange und gerne geglaubte Thatsache" stürzt in ihr Nichts zusammen; gar manche für unangreifbar gehaltene Theorie zeigt sich sowohl in ihrerhistorischen" Begründung als in ihrer Durch­

*) Ehrenvolle Ausnahmen hiervon sind ». B. Heinrich Leo, Karl Avolph Menzel.

führbarkeit haltlos und falsch. Ein ganzer Wald von lieb gewonnenen Irrthümern und Vorurtheilen steht dem Durchdringen des Lichtes der Wahrheit entgegen. Nichts natürlicher daher als das Bestreben , solche un- bequeme Erscheinungen wo möglichtodt zu schwei­gen" oder, wenn dieß nicht gelang, durch Verdächti­gungen von mitunter bedauernswerther Albernheit deren Eindruck zu schwächen.

Inzwischen mehren sich die Werke berufener und redlicher Forscher; die Resultate ihrer Forschung stim­men in wunderbarer Weise überein mit den Erscheinun­gen der kaum verflossenen stürmischen Jahre, dieser viel, gescholtenen Jahre, die zwar für Manchen nicht da gewesen zu sein scheinen, von Andern gerne aus der Erinnerung getilgt werden möchten, deren Eindruck aber mächtiger und bleibender sein wird, als der mancher andern Epoche, welche von weit mehr in die Sinne fallenden Umgestaltungen begleitet war. '

Ein Werk solcher Art ist das in der Ueberschrift bezeichnete von Wolfgang Menzel.

Das Ergebniß seiner Arbeit stellt der Verfasser an dem Schlüsse des Werkes zusammen; wir lassen den­selben daher hier folgen:

Der zweite Pariser Frieden und die Beschlüsse des Wiener Congresses gewährten der europäischen Welt nur eine Neugestaltung zum Besten Englands und Rußlands und zum Nachtheil aller andern Länder. Das große Friedenswerk der Diplomatie war ein verschobenes, un­förmliches, hier festgemauert, geklammert und vernietet, dort schlotternd über den Abgrund hingepfuscht, ein Werk, welches von ungleichen Kräften durch wechsel­seitige Ausschließung zu Stande gebracht, also auch nur in der Negation begründet war, nicht durch harmonische Kräfte gefügt, noch von positiven Charakter. Und weil es ohne Menschenweisheit, ohne Rücksicht auf der Völ« ker Natur und das historische Recht, so auch ohne Gott gemacht war, hat die Verneinung es geistig beherrschen müssen bis auf diesen Tag und das revolutionäre Feuer in ihm entzündet, das nicht mehr in den Adern der Franzosen allein glühend, auch die kühleren und phleg­matischeren, ja selbst die feigeren Völker ergriffen hat und innerlich verzehrt.

Es war ominös, daß bald nach dem Abschluß des Pariser Friedens die Monarchen von Rußland, Oester, reich und Preußen eineheilige Allianz" gründeten, die den neuen Zuständen gleichsam eine religiöse Weihe geben sollte, aber an der nicht einmal der Papst Theil nahm. Weder die Diplomatie noch die Bureaukratie hatte irgend etwas Heiliges. Vielmehr wurde die Kirche von ihnen geradezu als feindliche Macht oder mit Ver­achtung behandelt und fast überall kamen jetzt die Vor- aussetzungen Joseph II. zur Geltung, daß durch Schul­bildung und Volksaufklärung die Kirche eigentlich ganz erübrigt werden könne. Es versteht sich von selbst, daß die nationalen und liberalen Oppositionsparteien diese verkehrten Ansichten überall ausbeuteten und für ihre Zwecke benutzten, weil d>e Mißachtung der Kirche un* zertrennlich ist von der Geringschätzung der göttlichen Gebote und diese wieder von der Verhöhung auch aller weltlichen Gesetze. Die Regierungen haben in dieser Beziehung der Revolution die Waffe selber in die Hand gegeben.

Dieses Mißverhältniß der Staasregierungen zur Kirche, fährt der Verfasser fort, hat der Revolution binnen wenigen Jahrzehnten unglaublichen Vorschub ge­leistet. Die Treue des Volkes gegen feine Regierung stand überall im gleichen Verhältnisse mit seiner Gläu­bigkeit. Wo die Letztere durch die Fehler und falschen Maximen der Regierungen selbst, durch Schule und Presse bereits zerstört oder tièf untergraben war, da brach die Revolution unaufhaltsam herein; aber auch die Revolution vermochte da, wo sie unbestritten herrschte, nicht fruchtbar zu werden, nichts Positives, nichts Dau­erndes zu gründen. Auch sie nämlich entfernte sich über­all, wo ihr eine gute Berechtigung zur Seite stand, wo in ihr nur der tiefere Jnstmcl der Völker einen gewalt­samen Ausweg suchte-, von dem Wege der Kirche und suchte bald in einer der altjübischen ähnlichen Ausschließ- üchkeit einer einzigen Nationalität, bald in einer neuen socialistischen Natur - Religion ihr Heil. Und so ist nirgends Segen, weder bei der Reaction noch bei der Revolution, und nirgends eine Möglichkeit, weder für die eine noch andere, endlich zu siegen. Nur immer in demselben Kreise der Negation laufen Beide herum und verdrängen sich wie die Speichen des roiircnden Rades an einer unbeweglichen Achse Trotz alles Fort­schritt-Geschreies kömmt man nicht vorwärts. Reicht versinken und schmelzen im Vulkane der Revolution,

Dynastien verdrängen sich, Republik und Kaiserthum jagen einander in Frankreichs und selbst im ehrwürdigen Wien, der Wiege uralter hoher Kaiser-Politik, sahen wir Studenten und Judenjungen mit dem Scepter spielen. Der Restauration im Jahre 1815 folgte die Revviu- tionsperiode von 1830, dieser abermals die Reaction, dann wieder die Revolution von 1848, dann wieder Reaction , die unfehlbar in eine neue Revo­lution umschlagen wird, und so gebt c^ stimmt' wirrend fort ohne Ziel, ohne irgend eine GtanßhÄt der Zukunft. Da beginnt man nun endlich ui erkennen, daß die Kirche noch auf Erden steht und daß sie, wie Gottes Gebote, so auch GotteS Verheißungen bewährt hat, und daß in ihr ein Trost zu finden und Heilung aller klaffenden und tief geheim brennenden Wunden dec Völker, weil sie den Bedrückten und Grkueckteten einen König über allen Königen zeigt und den Wildempörten eine Brüderschaft, die inniger unk schutzreiärer ist, alS die der Clubs, und weil sie allein rbre malten Mittel besitzt, um das sociale Wehe der Zett zu lindern, dem kein Staat, keine Armensteuer mehr abbeifen kann; end. lich weil bei ihr allein die Autorität ist, der die empör­ten Geister in der Gedankenwelt und Presse sich wieder unterwerfen können und werden. Diese Wahrheiten sind in den letzten Jahrzehnten von um so mehr Menschen und um so klarer und fester begriffen worden, je ärger die Revolution um sich getobt hat. Die Kirche ist nicht mehr stumm und wehrlos, sie hat ihre Stellung zu den Kämpfen der Gegenwart, sie hat ihre Zukunft begrif­fen. Da sie nicht revolutionär werden kann, so liegt eS in der Natur der Dinge, daß sich früher oder später die Staatsregierungen und alle con- servativen Schattirungen mit i hr vertragen und sich ihrem höheren Gesetze unterwerfen müssen, wenn noch irgend ein Schutz und Halt im allgemeinen revc* lutionärrn Brande für sie bleiben soll. Alle Zwischen- zustande und Mittelparteien werden am Ende verschwin­den, und es wird nur noch die Kirche der Re­volution gegenüberstehen."

Weitere Auszüge aus dem Werke behalten wir uns vor, in den folgenden Blättern zu bringen.

Dcutlchlnnd

Wiesbaden, 30. Oct. Vor 4 Wecken fand bekanntlich der erste Spatenstich der hiesigen Eisenbahn- Gesellschaft (Rechts-Rheinische) bei MoSbach statt. Fragt man nun was seitdem geschehen, io erfährt man mit Bedauern, daß die schon angefangenen Arbeiten sofort wieder haben eingestellt werden müssen und zwar wegen den übertriebenen Forderungen einiger Grundeigentbü- mer. Die Gesellschaft sah sich demnach genöthigt, daS ihr zustehende Recht der Expropriation in Anwendung zu bringen und hat nunmehr wie wir crsâcn, die deß. fallsigen Anträge bei den betreffenden Behörden gestellt. Die hierdurch eingetretene Verzögerung ist nicht allein aus dem Grunde zu beklagen, weil sie den Uebcrneb* mern das Geschäft überhaupt verbittert, sondern weil sie auch leicht Veranlassung werden konnte, daß die Ar. beiten nicht vor Frühjahr, wenigstens nickt in großem Maßstabe, begonnen werden können. Dies wäre sehr hart für die vielen Arbeitslustigen, die in diesem Jahre der Theuerung gute Verdienste und stete Beschäftigung während des (Winters gefunden batten. Es wäre wohl überhaupt an der Zeit, einige Worte der Eimahnnug an Diejenigen ergehen zu lassen, welche durch ihrs un« sinnige Habgierde jedem größeren Unternehmen hemmend in den Weg treten. Niemand wird eS leugnen können, daß eS fast zur Sitte geworden ist, so rf eine neue Straße oder sonstige gemeinnützige Untern .'immngctt, sei es durch Privaten oder durch den Snut selbst, ausge- führk werden sollen, die zunächst Betheiligten mit Fvr. deruNgen auftreten , die mehr Belohnungen für ausge- zeichnete erwiesene Dienste, atè Ästschäd igüngen für erlit­tene Verluste gleichen. Die fabelhaftesten Ansprüche wer­den mit einer Frechheit erhoben, welche, wäre es nicht zeitraubend und gemeiuschädlich sie auf VH übten , gewiß ihrer Lächerlichkeit wegen das Pnhlicutn belMtgeh wür­den. Bei Anlegung der Tauimsbahu trat bekanntlich auch eine fokbe" Schamlosigkeit an den Tag, die aber ihre wohlverdiente Vergeltung nach sich zog. So soll z. B. in der Mosbacher Gemarkung ein Grimdeigenthü- mer, von dem man circa fünf Morgen Land auf güt­lichem Weg kaufen wollte, die gewiss bescheidene Forde« rung von nicht mehr als füuftaufeub Gulden für den Morgen gemacht haben. Zu diesem Preise wollte er sich für daS Gemcinewohl opfern und um sein Verdienst oder seinen Verdienst noch zu erhöhe», soll- er den Versuch gemacht haben, in aller Eile einige entfernt liegende