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Nassauische Allgemeine Zeitung.

^. SS-

Dienstag den 1. November

1833.

Bit,,Nassauische Allgemeine Zeitung" mit dem belletristischen BeiblattDer Wanderer" erscheint, Sonntags ausgenommen, täglich und beträgt der PränumerationSpreiS für Wiesbaden und , nach dem neuen Postregulatid nunmehr auch für den ganten Umfang des Lburn- und TariS'fchen Verwaltungsbezirks mit Znbigrist des PostauffchlagS 2 st., iür die übrigen Länder des deutsch-österreichischen PostvereinS, wie für daS Ausland 2 st. 24 kr. Inserate werden die Vierspaltiß petitjeilc oder deren Raum mit 3 kr. berechnet. Bestellungen beliebe man in der Buchhandlung von W. Friedrich, Langgasse 42, auswärts bei den nächstgelegenen Postämtern, zu machen.

Jur orientalische« Frage.

* DieOest. Corr." bringt in ihrer Nummer vom 29. October folgende wichtige Aeußerung in Bezug auf die orientalische Frage: Der größere Theil des Publicums, der mit berechtigtem Interesse die Entwicke­lung der orientalischen Streitfrage verfolgt, wird durch die zeitweilig hervortretenden Ereignisse um so lebhafter ergriffen, je welliger er in dem Falle ist, die Gesammt- läge überblicken zu können. Beunruhigt durch Alles, was die ungestörte Fortdauer des europäischen Friedens auch nur entfernt in Frage zu stellen scheint, den Eu ropa der Mäßigung und Weisheit seiner Souveräne ver­dankt , ergeht von Seiten der belheiligten Interessen der Wunsch und das Verlangen, an die in diplomatische Verhandlungen eingeweihten Staatsmänner möglichst oft vollständig und rückhaltlos Auskunft und Belehrung über den Stand der Verhältnisse zu geben. Ohne das Be­rechtigte in diesen Ansprüchen zu verkennen, ist es doch nöthig, die Aufgabe und den Beruf der Diplomatie, sowie die Bedingung einer erfolgreichen Wirksamkeit der­selben näher iu's Auge zu fassen, um das Maß und die Schranken fcstzustelleii, innerhalb deren sie den Wün scheu auch sofortige Veröffentlichung der durch sie ver­mittelten Thatsachen entsprechen kann. Durchaus über einstimmend mit dem allgemein und überall vorherrschen­den Wunsche erkennen die europäischen Höfe, die Er­haltung des allgemeinen Friedens als eine der höchsten und heiligsten Aufgaben. Berufen, die Einzelberechti­gung und die Sonderinteressen der verschiedenen Länder mit dem Principe und dem Gesammtwohle der allge­meinen Staatenfamilie im Einklänge zu erhalten, hat die Diplomatie zur besonderen Aufgabe, Widerstrebendes zu versöhnen, Unberechtigtes fern zu halten, nicht zu ver­meidende Uebel aber möglichst innerhalb eines Kreises zu bahnen, wo sie die Existenz der Gesammtheit nicht gefährden, und am leichtesten beseitigt werden können. In dieser verantwortnngövollen Stellung sind Rücksichts­nahmen uuabwcislich, die den Erfolg der Verhandiuu gen selbst bebiugen und ist es häufig unerläßlich, oder doch äußerst wunschenswerth nur die bereits unter den Mächten vereinte oder zur Uebereinstimmung gebrachte Auffassung der öffentlichen Discussion zu übergeben. Wie wünschenswerth es auch sei, die Meinung des Lan­des jederzeit und über jeden Jncidenzpunkt aufklären, den richtigen Sachverhalt rückhaltlos darlegen zu kön­nen, so erheischt doch das höhere Wohl des Staates, ja das allgemeine Interesse Europa's, bei obschwebcn- den Staatsverhandlungen sorgfältig zu vermeiden, durch einseitige öffentliche Erklärungen und Berichte der er­hofften allseitigen Verständigung möglicher Weise Hin­dernisse in den Weg zu legen. Diese durch die Natur der Dinge bedingte Rückhaltung wird von allen einsichts- vollen Regierungen beobachtet, und man wird bemerkt haben, daß die Staatsacten des Landes, in welchem die größte Ocffcntlichkeit herrscht, daß englische Staats- schrificn in der orientalischen Frage später zur Ocffent­lichkeit kamen, als die anderen, dabei betheiligten Regierun­gen.. Die Nutzanwendung dieser Betrachtungen ans das gegenwärtige Zerwürfniß im Oriente ist unschwer zu ziehen. Wir haben widerholt die auf Kenntniß dcrVer- Hältnisse beruhende Versicherung gegeben, daß sämmtliche Großmächte, Rußland so gut wie Frankreich und Eng­land, Oesterreich und Preußen sich die Erhaltung des Weltfriedens zur höchsten Aufgabe setzen, daß keine von ihnen, durch unbesonnenes oder verletzendes Vorschreiten dieses hohe und werthvolle Gut zu gefährden gement ist. Wir können hinzufügcn, daß durch die Kriegser­klärung der Pforte gegen Rußland an diesem Verhält­nisse nichts geändert ist; daß die Bestrebungen des ge- sammten Europa's auf Wiederherstellung des Friedens im Oriente die gleichen sind; daß die zu Paris und London gewonnene Ueberzeugung von der Aufrichtigkeit der Neutralität Oesterreich und Preußens das allseitige Vertrauen der Cabinete gehoben, nnd somit die Hoff­nung auf eine endliche, friedliche Lösung des Zerwürf­nisses zwischen Rußland und der Pforte verstärkt hat. Ungeachtet des formell eröffneten Krieges im Osten und ohne übergroße Besorgniß wegen des allerdings mögli­chen Beginnes der Feindseligkeiten zwischen den beiden Heeren welcher übrigens neuerdings a n f- geschoben worden ist, setzt die europäische Dip­lomatie ihre Friedeusbcstrebungen fort. Dieses Werk der Einigung und der Verständigung kann sich aber nicht dem Getriebe der Parthcien, noch der augenblick­lichen Discussion der Tagesblätter blos stellen. Man verdankt es der hohen Mäßigung und Rücksichtnahme des kaiserlich russischen Hofes, daß das gewonnene dip­

lomatische Terrain unverkürzt bleibt, und wenn von der anderen Seite Elemente, welche staatsmännischen Ein­flüssen entgehen, der baldigen und von ganz Europa gewünschten Ausgleichung widerstreben, so wird doch die der materiellen Uebereinstimmung der Cabinette, so wie bei ihrem einmütigen Bestreben, jedenfalls allgemeine Conflicte fern zn halten, die besonnene Haltung der Diplomatie in den Augen jedes Unbefangenen und Ein­sichtsvollen vollkommen motivirt erscheinen. Vergeblich bestreben sich Parlhcivrgane oder Privatabsichten unter dieser oder jener Farbe, mit oder ohne Ansprüche auf Glaubwürdigkeit ihrer einseitigen Angaben, das gegen­seitige Vertrauen der europäischen Höfe zu untergraben. Die Cabinete der großen Mächte unterhalten mit Ge­wissenhaftigkeit und Sorgfalt das gegenseitige gute Cin> Verständniß und wenn dieses, wie wir vertrauen, zur endlichen Herstellung eines festen und dauernden Frie- dcnszustandcö auch im Oriente führt, so wird damit den Staaten und Nationen eine Woblthat erwiesen sein, die mit der Befriedigung augenblicklicher Neugierde oder auch der zeitweiligen Beschwichtigung beängstigter Interessen entfernt nicht in Vergleich zu ziehen ist.

* Das Halle'sche Volksblatt für Stadt und Land bringt zur orientalischen Frage ein spaßhafte Geschichte mit ernsthaftem Ende, über welche sich der Köln. Ztg. und den übrigen halbmondsüchtigen Blätter das türken­freundliche Herz vor Jammer und Entsetzen im Leib herumdrehen wird. In meiner Jugend, sagt das VolkS- blatt, hörte ich die Geschichte von dem abgerichteten Pudel, der seinem Herrn in einem Korb eine Wurst holte, von seinen Freunden angegriffen und außer Stand die Wurst zu vertheidigen, über die Wurst herstürzte, und selbst in aller Eile soviel davon, als noch möglich, verschlang. Diese Geschichte ist keine Fabel, sondern eine wahre Geschichte, die als ein merkwürdiger Beitrag zur Thierseelenkunde erzählt wird; und was gills, daß wir sie nächster Tage sich wiederholen sehen werden? Eng­land ist der Pudel, die Türkei die Wurst, und der Unter­schied nur der, daß der Püdel anfänglich die Wurst wirklich aus Treue vertheidigte, England, die Türkei aber einverstandenermaßen lediglich aus Neid gegen die Camcraden vertheidigt , und insofern ist der Fall in der Menschenwelt bei weitem nicht so interessant, als der in der Thierwelt. Das Ende von beiden aber wird dasselbe sein, und wir können nur guten Appetit wünschen. Gehören die Donaufürstenthnmer doch längst Rußland ebensogut als der Türkei, und wir würden cs herzlich bedauern, wenn sie jemals wieder von den Russen, geräumt würden. Von Eng­land wenigstens ist eS sicher, daß wenn erst sein HülfscorpS auf Widia landet eS auf nimmer wie­der scheiden geschieht. Was kann alsdann Oestreich passender liegen als Bosnien? Und der Rest des europäischen Theiles wird billig zum Königreich Grie cheuland geschlagen, damit endlich die Schande aushöre, eines der gesegnetsten Länder von Europa tu den räu­berischen Händen eines ebenso ohnmächtigen als bar­barischen Hcidcnvolks zu sehen, das keinen Tag vergehen läßt, ohne an der unterjochten Bevölkerung unserer Glaubensbrüder seine Brutalität zu erproben, und nur in seinen Diplomaten und Ministern mit einer schlecht ten Civilisation übertüncht ist, das polizeilich erlaubte Maaß des burlesken und Zwerchfell-erschütternden aber völlig überschreitet, wenn eS französischeNoten" wie die neueste von Reschid Pascha erläßt. Aber was soll dann Frankreich? was Preußen bekommen? Einer antwortete: Frankreich dieEhre," und Preußen das gute Gewissen. Da aber daS wenig substantielle Portionen sind, so schlng ein anderer vor: Frankreich möge Tunis nehmen, und Preußen das gelobte Land. Hat der Schach von Persien nicht übel Luft, bei der Gelegenheit gleich Besitz von Bagdad zu er­greifen das kümmert uns nicht. Wir sind zufrie­den, wenn diese Türkenhorde vorläufig von christlichem, europäischem Poren ausgefegl wird. Wird sie aber gleich ganz nach ihrer richtigen Heimath der Tarlarci zurückspedirt, so haben wir auch nichts dagegen.

DeuNchlattd.

U Wiesbaden, 28. Oclober. Die Steinkohlen­händler von hier und Biebrich waren bis vor Kurzem uneinig, nämlich in heißer Concurrenz, von der die Folge war, daß die Steinkohlen um billige Preise und in guter Qualität an'ö Publicum gelaugten, während die Händler sich mit einem mäßigen aber dennoch loh­nenden Gewinn begnügen mußten. Diese Concurrenz, bei welcher stets das Publicum gewinnt ohne daß der Händler verliert, ist jetzt verschwunden und hat einer

seltenen Einigkeit und Uebereinstimmung im Preise Platz gemacht, der jedoch leider wie der Preis des Brodes unverhältnißmäßig Hoch-ist. Im vorigen Jahre'bezahlte man für das preußische Scheffelmalter Ruhrer Stein­kohlen frei hier 1 fl. 36 kr.; heute kostet das kleinere Nassauische Kohlenmalter 1 fl. 48 kr. Der Vorwand, daß an den Zechen die Kohlen heuer einen Aufschlag erhalten hätten, ist dadurch widerlegt, daß ein Mainzer Kohlenhändler, der doch auch mit seinem Handel etwas verdienen will, der Militärverwaltung hier und in Bieb­rich das preußische Scheffelmalter guter Ruhrkohlen für 1 fl. 18 kr. franco Nbeinufer Biebrich liefert. Da der Traneport von dort bis hierher bekanntlich nur 10 kr. per Malter kostet, so stellt sich der Preis franco hier auf 1 fl. 28 kr. Also Differenz wenige 20 kr. per Malter, ungerechnet die Differenz der Gemäße!

Die Sache verdient Beachtung, weniger für das be­mittelte Publicum, welches in der Lage ist, den Forder­ungen der Herren Kohlenhändler auszuweichen, als viel­mehr bezüglich der Unbemittelten, die eben mit ihrem Kohlenbedürfnisse an die Magazine zu Wiesbaden und Biebrich verwiesen sind.

Sollte da gar nichts zu machen sein; sollte nicht etwa die Anlegung von Gemeinde-Magazinen sich em­pfehlen ??

f Mainz, 31. Oct. Hofrath Buß hat ein aus­führliches Werk über den Jesuitenorden hier bei Kunze erscheinen lassen, welches auch die Stellung des Ordens zum Protest rutiSmus bespricht.

Frankfurt, 31. Oct. Der k. k. Bunvesprâsidial- gesandte, gibt. v. Prokesch-Osten, ist heute Vormit­tag wieder hier cingctroffen; der Rückkehr dcö k. preu­ßischen Bundestagsgesandten, Frhr. v. Bismark- èchön Hausen, wird noch entgegengesehen.

Frankfurt a. M Der Ä. A. Z. wird vom 26. Oct. geschrieben: Der vereinsländisch-belgische Handels­vertrag gehl mit dem 31. Dec. d, J. zu Ende, und zu einer Erneuerung desselben scheint die Aussicht lei­der gänzlich schwinden zu wollen. Von preußischer Seite soll nämlich, wie man von gutunterrichteter Seite vernimmt, in der gegenwärtig in Berlin tagenden Zoll- vereittsconfcrcnz erklärt worden sein: daß Preußen die Erneuerung des Handelsvertrags zwischen dem Zollver­ein und Belgien von dem Eingehen der übrigen Zoll« Vereinmitglieder auf die von ihm gestellten Anträge zur Ermäßigung der Eisenzölle als unbedingt betrachtet habe. Da nun die betreffenden Anträge, wie bekannt, im wohl­verstandenen Interesse der vereinslänbischen Eisen -Jn- bnstric abgelehnt wurden, so wird die Erneuerung des Vertrags mit Belgien, dem Wunsche wohl aller übri­gen ZoUvereinSmitglicder entgegen, an der Opposition Preußens scheitern müssen. Wenn man früher einen handelspolitischen Zusammenhang zwischen der Frage in Betreff der Ermäßigung der Eisenzölle und jener an­dern Frage in Betreff des UebergangSzolls auf süddeut­sche Weine vergebens suchen mußte, so ist dieß in Be­zug auf das fernere Fortbestehen eines Handelsvertrags mit einem auswärtigen Staat gewiß in noch schlagen­derer Weise der Fall davon gar nicht zu reden, daß cs doch gerade die preußischen Rheinlande find, denen die durch den fraglichen Handelsvertrag entstan­denen Vortheile des Verkehrs mit Belgien hauptsächlich zu gute kommen. Die Notizen, welche aus Berlin über die Angelegenheit kommen, sind geschraubt und ungenau. Nach denselben sollte es scheinen, als ob die Erneue­rung des Handelsvertrags mit Belgien nur verschoben, nicht aber principiell in Frage gestellt sei. Die Sache verhält sich aber genau jo wie oben bezeichnet. Preus­sen hat die betreffende conditio sine qua non nach­träglich ausgesprochen, und an ein Fortbestehen der Han­delsverbindung ist darum nicht zu denken, wenn Preus­sen in der negativen Stellung, die eS eingenommen, beharrt. Daß eS in derselben nicht verharre, wünschen wir von Herzen, denn neben dem handelspolitischen wäre eS auch noch ans einem andern Gesichtspunkte , zu bedauern, wenn Belgien in handelspolitischer Beziehung von Dentschland ab - und nach einer andern Seite hin gedrängt werden sollte.

Augsburg, 28. Oct. Seit vorgestern weilt hier Hr. Professor und CanonicnS Baltzer ans BreSlau, welcher in Sachen Gnnlhcr'S nach Rom geht und von hier aus von dem durch mehrere philosophische Schrif­ten bekannten Abte des hiesigen BenedictinerstiftS, Hrn. Theodor Gang auf, ebenfalls einem Anhängerder Günther'schen Schule, begleitet jwird. Morgen treten die beiden Herren ihre Reise nach Rom an.

München, 27. Oct. Das königl. Staatsministc- rinm der Finanzen hat unterm 23. d verfügt, daß zur