Nassauische Allgemeine Zeitung.
2Vr. SSL Samstag dm 29. October 1SS3.
Durch die Wichtigkeit der bevorstehenden Ereignisse veranlaßt, eröffnen wir hiermit für die Monate November' un^ Decembep ein abgesondertes Abonnement auf die Nassauische Allgemeine Zeitung. Preis: 1 fl. 20 kr.z außerhalb des Fürstl. Thurn und Taxissschen Postverwaltungsbezirkes 1 fl. 36 fr.
Die „Raffauischr jlllgtinrint Zeiinug" mit dem belletristische» Beiblatt „Der Wanderer" erscheint, Sonntags auSgenommk», rägiiL und heträpt der P änumcrativnSpreiâ für Wiesbaden und , nach dem Neuen Postregulaiiv nunmehr ench für den stanzen Umfang des Tburn» und TariS'schen Verwaltungsbezirks mit Zubegriff des Postausschlags 2 st., für die übrigen Länder des deutsch.österreiSnschen PostdereinS, wie für das Ausland 2 ff. 24 tr. — Znftra'k werben die »ieripaliist Petitjeile oder deren Raum mit 3 kr. berechnet. — Bestellungen beliebe man in der Buchhandlung von W. Friedrich, Langgaffe 42, auswärts bei den nächstgelegeneu Postämter», zu medieii
Vie Untereichtsrefoemen in Vesterreich.
Der warme Vertheidiger der Unterrichtsreformen des Grafen Thun im Lloyd hat jetzt in demselben Blatt unter der Chiffre H. F. L. einen Nachfolger gefunden, der sich die Aufgabe stellt das neue Studiensystem von den Vorwürfen riner Broschüre des Dr. H. zu säubern. Unter diesen Vorwürfen ist einer gegen die Lernfreiheit der uns höchst bedeutend erscheint, nämlich daß bei völliger Freiheit „nicht mehr die wahren Vorzüge des Lehrers, sondern die höchst wandelbare Gunst der Zuhörerschaft für seine Zukunft entschieden werde." Dieser Vorwurf ist kein oberflächlicher, denn die Erfahrung läßt sich an jeder sonst musterhaften deutschen Universität machen, daß solche Docenten die mit einem Phrasen- Klingklang um sich werfen viel mehr Zulauf haben als die nüchternen Gelehrten die mit Trockenheit ihr positives Wissen wieder geben. Allein diese Erfahrung beschränkt sich doch auf das Gebiet der sogenannten Humaniora. Bei den Fachwissenschaften aber — und ihr Studium ist jedenfalls politisch wichtiger — wirken sichtlich andre Eigenschaften des Docenten auf den Collegienbesuch. Auch hier sind es nicht immer die Lorbeeren des wissenschaftlichen Forschers welche die Jugend imponiren. Ob sich der Lehrer durch die scharfe Kritik bei Herausgabe von Quellen ausgezeichnet, kümmert den Studenten wenig. Er beginnt, er will erst lernen, wie könnte er schon die gelehrten Vorzüge des Lehrers würdigen? Wer keine Elle führt, der kann auch nicht messen. Der Student beurtheilt den Docenten nach seiner Erscheinung auf dem Katheder, und beurtheilt ihn als vortragenden Lehrer fast in allen Fällen sehr richtig. So wird er immer deur Lehrer seine Gunst schenken von dem er am meisten lernt. Und das meiste lernt er nicht etwa immer von dem gründlichstem und profundesten, sondern allein von dem Lehrer welcher das was er weiß am klarsten vorträgt. Bei den Fachwissenschaften entscheidet also die Gabe des Vortrags, und mit Fug und Recht, denn nur das . ist ein guter Lehrer der sein Wissen geschickt zu übertragen versteht. Jener Vorwurf trifft aber noch einen andern Mangel des österreichischen Studienwesens. Die Lehr- und Lernfreiheit kann nur neben den Collegiengelder« bestehen. Der unentgeltliche Unterricht, den man im Jahr 1848 von radikaler Seite zu einem Volkspostulate erhob, ist der Tod der Wissenschaft. Es muß jedem Docenten freistehen den Preis seines Collegienbesuchs festziisetzcn. Man wird dadurch einen Wetteifer unter den Docenten selbst erwecken, denn jeder Lehrer hat 'ein fühlbares Interesse dabei, daß sein Hörsaal gefüllt sei. Er wird ihn aber nnr füllen wenn er seine Gabe des Vortrags möglichst aus- zubilden sucht. Die Collegiengeldcr sind der Tod aller schlechten Docenten, sowohl derer die viel wissen, aber schlecht vortragen, als derer die ungründlich ihre Wissenschaft behandeln. In Geldsachen hört die Gemüthlichkeit, also auch die „wandelbare Gunst" auf. Der Student wird sich besinnen ehe er seine Vorlesungen wählt, er wird sie, so ist die menschliche Natur, fleißiger besuchen wenn er bezahlen muß; er wird, um das Sprüchwort umzudrehen, dem Gaul der ihm nicht geschenkt wird ins Maul sehen. Der Ruf eines Docenten beruht auch durchaus nicht auf dem Urtheil des Studenten. Tritt der junge Mann hinein ins praktische Leben, als Beamter oder sonstwie, so merkt er recht gut wie viel oder wie wenig er dem Universitätslehrer verdankt, und sein Urtheil wird dann der Leitfaden für die jüngern Männer. Der Student steht auch nicht allein; die Eltern, wenn sie das Colleg zahlen müssen, werden sich unterrichten, von Leuten die ein Urtheil be sitzen Rath erholen. Die Collegiengelder endlich sind eine Ersparniß des Staats, der ausgezeichnete Lehrer mit einem geringen Gehalt berufen kann, wenn er ihnen einen großen Zuhörerkreis anweist. Je mehr die Un- terrichtsökonomie auf die Collegiengelder basirt ist, desto tüchtiger die Universität, und als Zeugniß dafür nennen wir bloß den Namen Heidelberg, und verweisen auf die vielen Ausländer, namentlich Preußen, die dort studiren. Dr. H. forderte aber als zweites hauptsächlich die Pflege der „katholischen Wissenschaft" für die österreichischen Universitäten. Gegen dieses Ansinnen tritt nun der Lloyd ruhig, aber sehr bestimmt auf. ES kann natürlich kein Streit darüber sein, daß es weder ein katholisches Naturrecht, noch eine katholische Osteo
logie, oder katholische Mathematik, oder ein katholisches gemeines Recht geben kann. Es kann eben so wenig der Gedanke auskommen, daß Theologie und Kirchen- recht auf österreichischen Universitäten anders vorgetragen werden als in vollstem Einklang mit den Kirchenbehor- den, denn Oesterreich ist wesentlich ein katholischer Staat und hat wesentlich eine katholische Mission. Aber eS bleiben doch einige wissenschaftliche Disciplinen übrig, die eine konfessionelle Färbung aunchmeu könne». Zuerst die Naturwissenschaften. Sie sind an sich nichts weniger als confcssioncll, die Wissenschaft geht sogar auf Abwege wo sie confessionell wird, aber Docenten befinden sich nur zu oft auf Abwegen. Am zartesten wird die Streitfrage bei dem Geschichtsvortrage. Hier sollte jeder Staat, ob protestantisch, ob katholisch, nicht die gefärbte, sondern die reine Wissenschaft begünstigen. Von ihr droht, wie die Dinge jetzt liegen, dem Katholicismus keine Gefahr. Die frühern Geschichten der Reformation z. L., die von protestantischen Federn geschrieben wurden, strotzten von einseitigem Aberglauben, Verdächtigungen, Vcrläumdungen, während gerade in neuerer Zeit die protestantiscke Geschichtforschung ange- fangen hat, viel gerechter gegen die Katholiken zu werden, und viele Vorwürfe, die mit Recht der Bewegung des sechszehnten Jahrhunderts von katholischer Seire ge- macht wurden, anzucrkennen. Diese Tendenzen sollte man doch jedenfalls bis zu dem Punkte reifen lassen, wo die protestantische Wissenschaft den Satz aussprechen wird, daß die Schäden der damaligen fichlbarcn Kirche logisch nicht zur Aenderung des Dogma, sondern nur zur Heilung jener Schäden hätte führen sollen. Nun sagt der Lloyo: „Theologen und Geschichtschreiber fast nicht weniger als die Masse der Gebildeten sind noch gewohnt, den Begriff der Reformation als dem Katho licismus selbst feindlich anzusehen. Dazu haben sie sich auch noch nicht von der Gewohnheit losgemacht, die Reformation als einen hauptsächlich konfessionellen Kempf zu betrachten; höchstens räumen sie dem politischen @(e» ment einen wesentlichen Antheil ein; seit eine kritischere Quellenbcnützung die dabei in so reichem Maße mit» spielenden und zum Theil tonangebenden politischen Antriebe aufgedeckt hat." Der Verfasser dieser Worte sieht nun in der kirchlichen Reformation eine berechtigte Bewegung, „die nur deßwegen in Revolution und Kirchenspaltung ausschlug, weil eine solche âcht katholische Reformation nicht rechtzeitig vorgenommen wurde." Der Verfasser behauptet ferner, es sei ein Postulat der jetzigen Wissenschaft, daß die Jiiiigkeit in die christliche Kirche zurückkehren könne. Durch Waffengewalt war sie nicht zu erzwingen. Der Protestantismus macht, wenn nicht in unserm Welttheil, doch jenseits der Wasser unglaubliche Fortschritte durch die Fruchtbarkeit und Assimili- rungskraft der angelsächsischen Race. Diese Vereinigung könnte also nur dann statlfindcn, wenn die protestantische Welt in völligen JndifferentiSmus versänke, waS kein guter Katholik wünscht. Wie aber, wenn gerade die Wissenschaft hier den Vermittler spielte? Die katholische Kirche war jedenfalls der angegriffene Theil, sie hat also nur bei Ergründung des Sachverhalts zu gewinnen. Der bigotte Protestant wird ihr nichts zu- gestehen, das Zugeständniß des indifferenten Protestanten ist nichts werth, um so viel mehr aber was der Gelehrte, der guter Protestant ist, freimüthig bekennt. Es wird niemand entgangen sein, wie merkwürdig die protestantische GeschichtSerforschung sich geändert hat. Wir berufen uns z. B. auf Macaulay's Essay über Ranke's Geschichte der Päpste, aus Ranke's ältere und neueste Arbeiten selbst, auf die überraschende Opposition eines Protestanten und Amerikaners, wie PrlScott am Schluß seiner Geschichte Isabellens, gegen die Anschwärzungen eines Spaniers und Katholiken wie Llorente iu Bezug auf die spanische Inquisition, sodann auf Gefrö. rers Gustav Adolph, auf Adolph Menzels deutsche Geschichte. Dieß können Vorläufer eines Umschwungs der Ansichten sein, sie werden aber Vorläufer bleiben, so wie die katholischen Staaten die konfessionelle Seite verschärfen. Wird katholischrrseits anerkannt, daß der Protestantismus der Urheber der katholischen Reformation, daß der Anstoß, wenn auch nicht der Ausgang berechtigt gewesen, dann rücken sich die Ansichten schon viel näher. Die katholische Kirche sollte vor allem die Wissenschaft für sich gewinnen, und sie ist zu gewinnen. Statt dessen aber hat man, wie der Lloyd bemerkt,
ni Oesterreich den Protestantismus zu bartweggestoßen, „es fehlte das zur Verhütung der Stagnation unentbehrliche Ferment eines auf wissenschaftlichem Gebiet wetteiferndem Protestantismus". Oesterreichs Stellung ist hier beinahe eine providentielle. Gewiß ist, daß ein romanischer Katholik und ein germanischer Protestant nie und nimmer zu einem Verständniß gelangen werden. Aber der deutsche Katholik und der deutsche Protestant stehen sich viel näher. Wird in Oesterreich nickt die deutsche Wissenschaft gewonnen, so wird sie es nirgends. Oesterreich ist die einzige katholische Macht, die zugleich eine deutsche Macht ist, sie allein vermag der DoUmet- scher zwischen der katbolischeu und der protestantischen Welt zu werden. Aber sie entfernt sich von der protestantischen Welt, sowie sie die Wissenschaft in streng coiifessivneUe Bande schlägt. Niemand hat an den Erfolgen der lautern Wissenschaft mehr Freude und Nutzen als die christliche Kirche. Nur der seichte Protestant kann noch behaupten, der apostolische Stuhl habe sich gegen die Lehrsätze Galilei's erklärt. Nicht gegen die Erkenntniß, sondern gegen den Mißbrauch bey Erkennt- iiiß zu Agitation gegen die Autorität der Bibel erfolgte das Verbot des Sant' Uffizio, wie neuerlich wieder Hr. v. Reumont nachgewiesen hat. Nie hat ein katholischer Orden mehr Verdienste um die Naturwissenschaften sich erworben als die Jesuiten. Es kaun also in der Erkenntniß selbst kein Gegensatz zu der christlichen Lehre gefunden werden, sondern einzig nur in der Nutzanwendung dieser Erkenntniß. Die katholische Kirche kann den banalen protestantischen Vorwurf, sie suche ihre Hierarchie nur durch Verdummung des Volkes zu erhalten, tticht besser widerlegen, als dadurch, daß sie die Wissenschaft befreie, die befreite aber dann streng überwache, daß sie nicht ihrer Aufgabe untreu werde. Die Freiheit der Wissenschaft ist das beste Mittel gegen das Weltlichwerben der christlichen Hierarchie, und gerade dieses Weltlichwcrden ist die größte Gefahr der Kirche, wie gerade dadurch die größten Gefahren über sie gekommen. Dem Staat allein aber kommt die Disciplinargewalt über die Wissenschaft zu. Er hat dafür zu sorgen, daß der Unterricht nicht die Erkenntniß mißbrauche, und zu uiichristlichen Tendenzen sich verirre. Der Staat aber ist zugleich in dieser Sache der beste Hüter, denn er geht zu Grunde mit der Kirche, die er preisgeben würde.
Deutschland.
* Wiesbaden, 28. Oct. Gegen die Behauptung des Franksurter Correspondenten der „Nat.-Ztg.", als flössen die Frankfurter Correspondenzberichte einer Anzahl deutscher Journale auS der gemeinsamen Quelle eines bei dem k. k. Bundespräsidium bestehenden literarischen Bureau, welches sie den Redactionen jener Journale gratis zuseube, haben nebst der Redaction der „Nass. Allg. Z." auch noch die Redactionen der „Leipz. Ztg" der „N. Münchner Ztg.", deS „Dresd. Journals", der „Hannoverschen Ztg.", des „Hamburger unparteiische» Korrespondenten" und der „Karlsruher Ztg." erklärt, daß sie dergleichen Berichte nicht empfangen. Unseres Wissens war noch die „Kassler Ztg." mitgc- nanut, deren Redaction wohl nicht zögern wird, dieselbe Erklärung abzugebe«.
Dillenburg, 23. Oct. Bei den am 7. Novbr. beginnenden Schwurgerichlssitzungen deS vierten Quartals für den Hofgerichtöbczirk Dillenburg werden wie man hört, mehrere schwere Verbrechen zur Aburtbeilung kommen, darunter zwei Kinbcsinorke, Todtschlag, Raub, Verbreiiung falschen Papiergeldes und Meineid.
Mainz, 27. Oct. Nächste» Freitag und Samstag, den 28. und 29. d., wird bei Worms daS Drahtseil zu der von Aschaffenburg über Darmstadt in die Pfalz zu führenden Te le gra p hen lini e durch den Rhein gelegt werden, wodurch die Fahrt der Schlepp- züge und größeren Segelschiffe (vielleicht auch die der Pcrsonendampsboote) auf einige Zeit unterbrochen werden muß.
Frankfurt, 28. Oct. Heute ist das Verbot des Aufkaufs von Kartoffeln zum Branntwcinbrenneu und zur Bereitung von Stärkemehl durch das Amtsblatt 'publicirt.
Aus Frankfurt a. M. wird den „Hamb. geschrieben: „Nicht geringes Aufsehen haben hier Auf- sätze der „Hannover'schen Zeitung" (vom 7. bis 10«