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Nassauische Allgemeine Zeitung.

2Vr S r^ Freitag de« 28. ©stöber 1833.

DirNassauische Allgemeine Zeitung" mit dem belletristischen BeiblattDer Wanderer" erscheint, Sonntag« ausgenommen, täglich und beträgt der PränumerationSprei« für Wiesbaden und , nach dem neuen Posteegulaiiv nunmehr auch für den ganzen Umfang deS Thurn- und TariS'schen Verwaltungsbezirks mit Inbegriff des Postaufschlags 2 fl., für die übrigen Länder deS dcutfch-bsterretchifcken Postvereins, wie für das Ausland 2 fl. 24 kr, Inserate werden die einspaltig Pelitzeile oder deren Raum mit 3 kr. berechnet. Bestellungen beliebe man in der Buchhandlung von W. Friedrich, Langgaffe 42, auswärts bei den nächstgelegenen Postämtern, zu macken.

Amtlicher Theil.

Dienst nachrichten.

Der mit Versehung der Lehrgehilfenschule zu Lorch seither beauftragt gewesene Schulcandidat Röhrig ist zum Lehrgehülfen daselbst ernannt worden.

Dem Lchrgehilsen Heymann zu Hof ist die Stelle des beurlaubten Lehrers Winter meycr zu Dillen­burg übertragen und mit Versehung der Lchrgchilfen- stelle zu Hof der Schulcandidat Scheid von Weil­münster beauftragt worden.

Nichtamtlicher Theil.

Jeitungsschan. .

Die MandatSnieverlegungen in Preußen. Die Hambur­ger VerfaffungSangclegenheit. DaS Treiben der Um­sturzpartei.

** Die in Preußen gerade in dem Augenblick, wo man sich kurz vor dem Beginn der neuen Session zu befin­den glaubt, auf eine so umfassende Weise überhandneh- menden MandatSniederlegungen für beide Kammern scheinen durch mehr als zufällige Beweg­gründe veranlaßt. Jedenfalls, so schreibt man der A. Aüg. Ztg. aus Berlin, sind dabei Befürchtungen ins Spiel getreten, die sich neuerdings wieder stärker als je an die Fortdauer des Constitutionalismus in Preußen geheftet hoben, und die wenigstens dem bis. herigen Kammer-Organismus keinen gesicherten Bestand mehr geben wollen. Am meisten Aufsehen erregten in den letzten Tagen die erklärten Austritte des Oberprä­sidenten v. Kleist-Retzow, in dem einer der cinflußreia- ften Parteiführer der äußersten Rechten aus der Kam­mer scheidet, des Grafen v. Riltberg als Präsidenten der ersten Kammer, und des Geh. Raths Niebuhr, dessen Mandat zwar wegen seiner Beförderung zum Kabinetsrath des Königs erloschen, der aber dabei zu­gleich seine Wiederwahl ausdrücklich abgelehnt hat. Man nennt noch eine Reihe anderer durch Namen und Stel­lung bedeutender Kammermitglieder, deren Ausscheiden bevorsteht, und durch die den parlamentarischen Par­teien , die bisher auf dem Schauplatz standen, zum Theil ihre bedeutendsten Kräfte entzogen sein würden. Wahrscheinlich geht man zu weit, darin bereits ein con- stitutionelles sauve qui peut erkennen zu wollen; es leidet aber auch auf der andern Seite keinen Zweifel, daß hier ein Mißtranen gegen die nächste Zukunft un­serer parlamentarischen Institutionen, dem mancherlei bestimmtere Anzeichen zur Seite stehen, mitwirkend ge­worden ist. Als eines dieser Anzeichen, an denen man das hippokratische Gesicht unseres Kammer-Organismus erkennen will, wird der A. A. Z. besonders die factische Richtausführung des Kammerbeschlusscs über die Neu­bildung der preußischen Pairie bezeichnet. Die Unge­wißheit ist dadurch in die Rechtsbeständigkeit des einen HauptfactorS der Verfassung selbst eingetreten, und be­rührt dadurch die ganze organische Einrichtung fortwäh­rend auf einen fundamentalen Punkt, der eigentlich gar keinen Zweifel zuläßt. Bestimmte Entscheidungen in dieser Angelegenheit haben an höchster Stelle in keiner Weise stattgefunden, und auch über den neuen Vor­schlag zur Umbildung der ersten Kammer, über welchen der König vor einiger Zeit den Bericht des Minister­präsidenten einforderte, ist es wieder still geworden. Dieser Vorschlag bezweckte wesentlich die Zurückführung der Herren -Curie des Vereinigten Landtags an die Stelle der bisherigen ersten Kammer, und würde da­durch eine Reorganisation der zweiten Kammer nach ständischen Elementen in unmittelbarer Folge nöthig ge­macht haben. Wie es scheint, hat überhaupt neuerdings an entscheidender Stelle die Erwägung Platz gegriffen, daß die Neubildung der Verfassungsfactoren nicht einseitig, sondern in einem beide Kammern betreffenden princi­piellen Zusammenhang vorgenommen werden müsse, und in dieser Eventualität, auf welche jetzt auch die Anstren­gungen der herrschenden Partei vorzugsweise gerichtet sind, dürfte das liegen, was man seit einiger Zeit wie­der als preußische Verfassungskrisis zu bezeichnen an­fängt. Es fehlt aber auch plötzlich nicht an Stimmen, die eine unmittelbare Wiedcrbcrufung deS Vereinigten Landtags als einen wohlbegründeten Wendepunkt für die Verfassungszustände Preußens empfehlen und be­treiben zu müssen glauben. Diese Ansicht wird vor­nehmlich durch den inzwischen zu einer neuen Thatsache gewordenen Fortbestand der einzelnen Provinzialstânde unterstützt, die, da sie an sich selbst ihre Befugnisse wie­

der erhalten haben, dadurch auch, wie geltend gemacht wird, die Fähigkeit besitzen müssen zu einem vereinigten ständischen Gesammt-Landtag wieder berufen zu werden. Die Ungewißheit der preußischen Verfassungslage muß sich solche Erwägungen unberechenbar steigern, um so mehr, da die Wicdcrcinberufung der bisherigen ersten Kammer, die jetzt allerdings zunächst in Aussicht steht, Widersprüche hervorruft, welche die Kammern nothwen­dig in einen Conflict mit sich selbst und ihrer Loyalität werfen müssen. Die Kämpfe, welche sich schon in der vorigen Session gegen die Rechtsgültigkcit der bisheri­gen ersten Kammer erhoben, müssen dicßmal in einem um so stärkeren Maße wieder ausgenommen werden, als dabei nun ein ausdrücklicher Kammerbeschluß nicht nur unausgeführt vorliegt, sondern auch der durch diesen Beschluß unzweifelhaft aufgehobene Factor in unverän­derter Geltung geblieben ist. Es ist dieß ein Wider­spruch, der den meisten Kammer-Mitgliedern unauShâlt- lich zu sein dünkt, und der für diejenigen, welche sich in diesen Kampf nicht stürzen wollen, die Hauplnrsache ihrer Mandats-Niederlegung geworden ist. Schon jetzt macht es sich bei den Ergänzungswahlen, welche für die austretenden Mitglieder angeordnet worden, bemerk­lich, daß die Regierung jenen frühern Kammerbeschluß gänzlich ignoriren zu wollen scheint, da sie sonst das alte Wahlgesetz der ersten Kammer unmöglich noch jetzt in Kraft erhalten könnte. Dasselbe wird aber nun zum Ersatz für den Grafen Rittberg, der von den 30 höchst- besteuerten Urwählern der Kreise Glogau, Grünberg, Freistadt, Sprottau und Sagan gewählt war, nach der bereits geschehenen Anordnung auf^ das vollständigste gehandhabt werden. Es geschieht aber auch dieß nur von oben her in einem Gebenlassen des faclischen Zu­standes, da, wie bemerkt, alle eigeutlichen Entschließun­gen vertagt sind, und die Angelegenheit der Kammer- berufung überhaupt noch keiner bestimmten Beschluß- nahme unterzogen worden ist. Andere Abgeordnete, die vielleicht den Kampf um die Geltung der constitu- tionellen Beschlüsse nicht scheuen, stützen ihre Bedenken, diesen parlamentarlschen Schaufplatz wieder zu betreten, auf Voraussichten anderer Art, die mehr oder weniger begründet sein mögen, und wohl in der Besorgniß cul- miniren, zu einer unfreiwilligen Rückkehr aus den Kam­mern veranlaßt werden zu können.

** DieN. Pr. Z." bespricht die Hamburger Ver- fassungsaugelegenheit. Sie stellt den Satz auf: Die freien Städte dürfen keine Freistaaten werden. Derselbe erscheint paradox oder inhaltlos, er ist keines von beiden. Als von den Fürsten Deutschlands der deutsche Bund gegründet ward, da ließ man jene Städte in ihrer Selbstständigkeit stehen und nahm sie als Bun- deSglieder auf, theils aus Schonung für diese altehr­würdigen Zeugen einer eigenthümlichen Richtung deut­schen Lebens, theils aus Rücksicht aus dasallgemeine Beste". Man that dies aber nur, weil man überzeugt war, daß die Institutionen der freien Städte den Für­sten die Sicherheit gewährten für eine solide Bundes- gcnossenschast. Hamburg namentlich, die Stadt der Städte, bot dem Bunde eine Verfassung als Mitgift dar, deren reiche Ausstattung durchaus gediegen war und ächtdeutsch zugleich. Hatte sie doch die welsche Herrschaft des Peinigers Davoust überdauert und konnte in unverwirrter Reinheit vor die Bürgerschaft treten, sobald die fremdländische Knechtschaft zerbrochen war. Davoust ging; 1848 kam. Nun wollten fremdgesinnte Hamburger durchsetzen, was den Fremden nicht gelungen war, und der trunkene Pöbel, von einer festen Hand mit klarem Bewußtsein geleitet, trotzte eine Con- stiluanle, um das alte Deutschthum nach dem moder­nen Dictionnaire von Ledru Rollin zu üdersetzen. Sie beschloß zwar Vieles; aber sie verschwand dann plötzlich bald nach der Zeit, als irgendwo davon die Rede war, die stolzen Wohnungen von Alster - Bassin in Kasernen umzuwandeln. Den Baumeistern, die sich deutlich R e p u b l i c a n e r nannten, war nun wohl zunächst das Handwerk gelegt; aber in ächt cou stilut to­ne l l e m Gewände traten nun neue Künstler auf, um auf ihre Weise bas Werk zu schaffen. Diesen neun Musen verdankt Hamburg das tragt - komische Lehrge­dicht, das sie dort jetztVerfassung" heißen. Hat Hamburg gesundes constitutionelles Leben nicht genug? und ist' es diesen modernen Verfassungsfabricantcn nicht klar, daß, wenn sie ihre Pläne durchsetzen und die freie Stadt nach ihren Phantasieen in einen Frei­staat umschaffen, daß eS dann eine Republik würde, die im deutschen Bunde ihren Platz nicht mehr haben könnte? Würde eS einem deutschen Fürsten gestattet sein, seine Regierung niederzulegen, um statt der Mo­

narchie irgend eine andere Regierungsform in seinem Lande zu etabliren? Nimmermehr. Eben so wenig kann in jenem Bünde der Fürsten ein Freistaat sich placiren, der gar keine Garanlieen mehr bietet, als eine mehr oder minder urwählerische Legislative. Als der Brand von Hamburg erloschen war, da hoffte ein deut- scher Dichter, daß aus demselben eure deutsche Einigkeit erwachsen werde, alskorinthisch Erz für alle Zeiten". Hüten wir uns, daß sich jetzt dort nicht ein neuer B r au d entzünde, der mehr als die Häuser, der die Grundvesten der ganzen Stadt verzehre und eine wüste Ställe schaffe für alle unreinen Schlacken in Deutschland. Noch ist es Zeit, daß man umkehre von dem falschen Wege.

** DieOesterreich. Korrespondenz" enthält in ih­rer Nummer vom 26. October folgenden Artikel:Die zahlreichen Verhaftungen in Frankreich und die unruhi­gen Bewegungen in einigen außerösterreichischen Theilen Italiens beweisen mehr als zur Genüge, mit welch' unermüdlichem Eifer die Partei des Umsturzes ihre ver­derbenbringende Thätigkeit fortsetzt und freuen muß man sich, daß die beteiligten Regierungen mit rascher und energischer Entschlossenheit den verwegenen Versuchen zur Störung der öffentlichen Ruhe und Ordnung ent­gegentraten. Wir sind, wie die zu Paris erscheinende Patrie", allerdings auch deS Glaubens, daß die anar­chische Partei weder die Lage des Landes, noch die Stimmung deö europäischen Publicums überhaupt kennt. Wir sind überzeugt, daß cs in Frankreich wie in Ita­lien im ungünstigsten Falle nur zu einem wüsten Tu­mult ohne Aussicht auf irgend erklecklichen Erfolg ge­kommen wäre. Allein gerade weil diese Partei nicht nach den Regeln des gewöhnlichen, gesunden Menschen- Verstandes rechnet, und weil sie bei der Wahl ihrer Mittel weder Rücksichten der Loyalität noch der Huma­nität zu beachten pflegt, thut cs wahrhaft Noth sich ge­gen ihre Ausbrüche fest zu verschanzen, um nicht den Mangel an Vorsicht mit zwecklosen, die Interessen der ruhigen Bürger immerhin empfindlich berührenden Ver­heerungen zu büßen. Man hat bei diesem Anlässe die Wahrnehmung machen müssen, daß auch Piemont, wel­ches den politischen Flüchtlingen bisher so gastfreundlich sich erwies, von jenen verbrecherischen Versuchen nicht verschont blieb. Denn wie aus Kundmachungen der dortigen Behörden mit unzweifelhafter Bestimmtheit her. vorgeht, lieferte die Getreidetheuerung den Anarchisten bloß den willkommenen Vorwand, um an diesen Faden die Durchführung ihrer eigentlichen Absichten anzuknüp sen. Das Benehmen der Flüchtlinge einer Regierung gegenüber, welche sich nur allzusehr und aus Kosten so mancher wichtigen Rücksicht hcrbcilwß, ihnen Duldung, Vertrauen, ja mannigfache Unterstützung zu bieten, muß als handgreiflicher Undank bezeichnet werden, obschon diese Erscheinung Niemanden befremden wird und kann, welcher die Grundsätze und Elemente der complotren- den Partei einigermaßen kennen lernte. Sie läßt sich mit bloßer Duldung nicht abfinden, nicht nur vorüber gehend als Mittel zum Zwecke benutzen, denn sie will herrschen auf den Trümmern der alten, geheiligten Ord­nung der Dinge. Sie wird auch durch keine wie im­mer benannte, regelmäßige Verfassung befriedigt, beim sie will im Innern der Staaten nicht eine veränderte Form des staatlichen Lebens, sondern den Sturz allge­mein gütiger politischer, religiöser und gesellschaftlicher Satzungen, nach Außen aber eine neue utopische Staaten- gliederuiig ohne bestimmtes Maß und Ziel. Es läßt sich nicht verkennen, daß die orientalische Krise die bö­sen Wünsche und Hoffnungen der revolutionären Frac- tionen belebt. Das Feuer wilder Leidenschaften hat sich im Stillen entzündet und glimmt unter der Decke mannigfacher Vorwände fort. Allein wir wiederholen mit Zuversicht und ohne Furcht, durch die Ereignisse Lügen gestraft zu werden, diese frevelhaften Hoffnungen werden sich nicht erfüllen; die Weisheit aller Regierun­gen im Bunde mit der unermeßlichen Mehrheit aller Freunde eines geordneten und friedlichen Bestandes wird sie zum Schweigen bringen, mit der zwingenden Noth­wendigkeit deö Rechts, des anerkannten Guten und der gesetzlichen Gewalten."

Vcirtschlaud.

* Wiesbaden, 27. Oct. Se. Durchlaucht der regierende Fürst Georg Victor zu Walkeck hielt am 18. b. mit seiner jungen Gemahlin I. Durchlaucht der Prinzessin Helene seinen Einzug in Arolsen. Die Hauptstadt hatte dem neuvermählten hohen Paar den festlichsten Empfang bereitet.

9) Wiesbaden, 27. Octbr. Auf die in diesen