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Nassauische Allgemeine

TV-. S »S Mittwoch Heu 26. Oktober 1853.

DieNassauisch« Allgemeine Zeitung" mit dem belletristischen BeiblattDer Wanderer" erscheint, Sonntags ausgenommen, täglich und beträgt der PränumerationSprei« für Wiesbaden und , nach dem neuen Postregulaii» nunmehr auch für den ganzen Umfang des Tdurn- und LariS'fchen Verwaltungsbezirks mit Inbegriff des PostaufschlagS 2 ft., für die übrigen Länder des dcutsch-österreichifchen PostvereinS, wie für das Ausland 2 st. 24 kr. Inserate werden die vierspaltiK Petitzeile oder deren Raum mit 3 kr. berechnet. Bestellungen beliebe man in der Buchhandlung von W. Friedrich, Langgasse 42, auSwärtS bei den nächstgelegenen Postämtern, zu machen.

Die jetzige Weltlage.

Der Lloyd sucht heute (22.) die Börse zu beruhigen. Er macht darauf aufmerksam, daß Europa seit den Ta­gen des Wiener Congresses während eines vollen Men­schenalters tiefen Frieden genossen hat. Es bat an Un­terbrechungen dieses Zustandes freilich nicht gefehlt, aber mit Recht bat man diese, als von localer Natur oder von kürzerer Dauer, nicht als wesentliche Störer der allgemeinen Friedensepoche bezeichnen wollen. Eine österreichische Armee war während jener Periode in Neapel, eine französische in Spanien, der griechische Unabhängigkeitskrieg brach aus und endete, die Schlacht von Navarino wurde geschlagen, und ein russisch-persi- scher und ein russisch-türkischer Krieg fanden Statt die Juli-Revolution ereignete sich hr Frankreich, die polnische Revolution brach aus, das Königreich Belgien entstand während eines heftigen Kampfes, österreichische Truppen besetzten die römischen Marken und französische landeten in Ancona, die syrische Frage endete nicht ohne Feind­seligkeiten und noch zu mehreren anderen Malen rüsteten die Großmächte. Dennoch brach kein euro­päischer Krieg aus. Das Jahr 1848 schloß jene Periode, eine der friedlichsten und ruhigsten, welche die Welt bisher gekannt hatte, aber selbst dieses Jahr vermochte fernen Weltbrand anzuschüren. Auch seit der neuen Epoche, welche jenes merkwürdige Jahr einläutete, ist keine Großmacht mit einer andern Großmacht in einen Krieg verwickelt worden, und der europäische Friede im Ganzen und Großen, d. i. der Friede zwischen den fünf europäischen Großmächten, ist seit dem Jahre 1815 bis heute trotz der heftigsten Provocationen und der unangenehmsten Zwischenfälle noch nicht erschüttert worden. Es war auch während jener ersten Periode, daß der amerikanische Präsident Jackson Frankreich mit einem Krieg bedrohte, daß die Pritchard Angelegenheit die beiden Seemächte in ei­nen gefährlichen Streit verwickelte, aber alle Ge­witter, welche sich über unserem Weltthcile zusammen- zogen, entluden sich, ohne den Schaden anzurichten, wel­chen man zur Zeit von ihnen befürchtet hatte. Man sollte glauben, sagt der Llovd, daß ein Geschlecht, wel­ches unter solchen politischen Erscheinungen ausgewachsen ist, sich daran hätte gewöhnen sollen, anscheinende Ge­fahren ruhig in's Auge zu fassen, ihre Tragweite kalt­blütig zu überschlagen und eine vernünftige Wahrschein­lichkeitsberechnung über den Ausgang politischer Ereig­nisse anjustellen. Aber was starke Nerven stählt, zer­stört die schwachen. Es gibt Personen, welche heftig zusammenfahren, wenn eine Kaffeetasse auf die Erde fällt, wenn eine Thüre stark zuschlägt und die sich ein- bilden, daß, wenn es donnert, der Blitz gerade sie treffen müsse. So matt und hinfällig ist nun ein großer Theil der west- und mitteleuropäischen Welt geworden. Die allgemein gewordenen Actiennnternehmungen mit ihren unerläßlichen Consequenzen und eine ungründliche belletristische Conjecturalpolitik, welche seit vielen Jahren grassirt, haben hiezu das ihrige beigetragen. Das Fac­tum selbst läßt sich nicht ableugnen. Irgend ein Leit- Hammel der Börse kann nach Belieben seine Schafe von einer Panique befallen und sie auf eine jämmerliche Weise ihre Wolle einbüßen lassen. Es kann Niemand entgehen, der die moderne europäische Geschichte mit Aufmerksamkeit studirt, daß dem Ausbruche eines allge­meinen Krieges ganz besondere Schwierigkeiten im Wege stehen. Sie liegen einerseits in Personen, andererseits in Thatsachen. Die Persönlichkeiten, welche namentlich in England und Rußland so lange sich mit dem euro­päischen Frieden identificirt haben, leben noch im Voll- genusse der Macht. In Oesterreich und Preußen Hal die traditionelle Politik wohl ihre Träger gewechselt, aber sie hat nicht ihre Identität verloren. Das That« sächliche der politischen Lage Europas verhindert es, oder macht es wenigstens außerordentlich schwierig, daß ein allgemeiner Krieg ausbreche, so lange die mächtige Slaatengruppe in dem Centrum unseres Welttheiles, so lange Oesterreich und Preußen , so lange Deutsch­land den Frieden erhalten wollen. Ein Angriff auf sic wird von England im eigenen Interesse nie geführt, und kann von Frankreich allein nie unternommen wer­den. Das enteilte cordiale zwischen den beiden See­mächten beruht auf englischer Seite stets auf der Vor­aussetzung , daß Frankreich an seiner Westgrenze sich ruhig verhalte, und würde von dem Augenblicke aufhö­ren, wo diese Voraussetzung aufhört. In einem Offen- stvkriege ist es undenkbar, daß Frankreich England, oder daß Rußland die deutschen Großmächte zu Verbündeten haben sollten. Ihre Neutralität würde an und für sich

schon die andern drei Großmächte auseinander halten und sie auf einen Seekrieg beschränken. Ein Seekrieg ginge aber schnell, von selbst, aus Mangel an Material und Widerstand auf irgend einer Seite zu Ende und wäre schon feinem Wesen nach von einem Charakter, der keine allgemeine Combustion zulicße. Ein allge­meiner Krieg in Europa ist jetzt nur dann denkbar, wenn Oesterreich und Preußen mit einander zerfallen. Rußland ist allerdings seiner Natur und Entwickelung nach eine erobernde Macht, und diejenigen gehen nicht fehl, welche von seiner Zukunft nicht den ewigen Frie­den erwarten. Aber für den Moment ist Rußlands Interesse nicht der Krieg. Sein Interesse ist es, sich mit den ihm zunächst gelegenen Großmächten zu ver­tragen , unb das Einverständniß mit ihnen schließt von selbst solche Vergrößerungen der russischen Macht ans, welche England und Frankreich zu fürchten Ursache hät­ten. Rußland müßte heute einen Kampf rein um die Ehre und nicht um Vortheil führen, und es kann ja die erstere auf eine leichtere, wohlfeilere und seinen Ver­bündeten viel angenehmere Weise wahren. Der Schluß, welcher sich und bei Anschauung der heutigen Weltlage aufdrängt, ist der, daß ein europäischer Krieg geradezu unmöglich, daß ein Seekrieg zwischen den drei Groß­mächten unwahrscheinlich, daß selbst ein localer Krieg zwischen Rußland und der Türkei, welcher mehr als einige Scharmützel zur Folge hätte, noch immer frag- lieh ist.

Deutschland.

Aßmannshauser», 24. Oct. DerF. P. Z." wird geschrieben: Die Trauben sind vorzüglich schön und gut, besonders die rothen, wovon man sich einen bessern Wein verspricht als 1848; er wird dem 1844 nahe kommen. Obgleich die Trauben zur Lese schon reif sind, so wird man dennoch dieselbe so weit hinaus setzen, als irgend möglich, um eine recht gute Qualität zu erzielen. Hinsichtlich bet Quantität kann man aus einen Viertel-Herbst rechnen.

Frankfurt, 24. Oct. Die neuen Banken geben Lebens­zeichen. Direktorium und Verwaltungsrath der Darmstädter Bank traten am 22. b. M. zu einer Generalversamm­lung zusammen. Den Gegenstand der Berathungen bil­deten, wie wir vernehmen, innere Verwaltungsangclegen- heiten. Die neue Bank zu Weimar hat in den letz­ten Tagen ein erstes großes Discontogeschäft an unse­rer Börse zu 5% pCt. gemacht.

Darmstadt, 25. Oktober. (D. Z.) Die Groß­fürstin Cäsarewna (Prinzessin Maria von Hessen, Toch­ter des verst. Großh. Ludwig II. von Hessen) von Ruß­land ist am 17. l. M. von einer Prinzessin glücklich entbunden worden, welche den Flamen Maria empfan­gen hat.

Worms, 23. Oct. Gestern wurde auf der besst. scheu Ludwigsbahn das Geleise der seither noch unvoll­endeten Strecke zwischen hier und der königl. bayeri­schen Grenze geschlossen, und in wenigen Tagen wird dieselbe in betriebsfähigem Zustande sein. Leider sind die Arbeiten auf der königlich bayerischen Bahnstrecke durch die verzögerte Ablieferung der Schienen einiger­maßen aufgehalten, man gibt sich aber der Hoffnung hin, daß die Fahrten nach Ludwigshafen am 15. No­vember werden beginnen können.

Bruchsal, 22. Oct. In Heidelsheim, auf der ersten Station der badisch-württembergischen Eisenbahn, eine Stunde von hier entfernt, war beute beim Einfah­ren des Güterzuges in den Stationsplatz die Weiche von dem Bahnwärter unrichtig gestellt. Der schwere Gütcrzug, welcher von zwei Locomotiven gezogen wurde, war auf den sogenannten mit starken Mauern umgebe­nen Viehverladungsplatz gerichtet und rannte mit solcher Gewalt an eine dieser Mauern, daß die vorderste Loco« Motive total zertrümmert, die zweite und noch einige Wagen stark beschädigt wurden. Durch die schwere Last und die Schnelligkeit des Zuges muß der Stoß sehr stark gewesen sein, denn die entgegenstehende Mauer und die hinter dieser aufgehäufte Erde wurde wie Spreu auseiuandergerissen und die zertrümmerte Locomotive auf den erhöhten Platz geworfen. Znm Glück wurde dabei niemand beschädigt. Personen werden nämlich mit die­sem Zuge nicht befördert und das Maschinenpersonal rettete sich durch die Flucht. Der Schaden an Maschi­nen, Wagen und Gütern ist bedeutend.

Karlsruhe, 34. Oct. Se. k. H. der Regent ist heute Vormittag von hier nach Stuttgart abgereist.

Stuttgart, 23. Oct. Zu Ende dieses Monats soll Prinz Napoleon Bonaparte zum Besuch bei seinen königlichen Verwandten hier eintreffen. In dem

Befinden des Grafen Neipperg, Schwiegersohns des Königs, ist eine ganz entschiedene und so erfreuliche Bes­serung eingetrcten daß er bereits täglich einige Stunden außer dem Bett zubringen kann. Heute find die An­stalten getroffen worden , morgen seine Transferirung nach Stuttgart zu bewerkstelligen.

München, 23. October. Die Einladungsschreiben an die einzelnen ZollvereinS-Regierungen, die im künfti­gen Jahr hier stattfiadende Industrie-Ausstellung, resp, die Theilnahme an derselben betreffend, find, wie man vernimmt, bereits von hier abgegangen. Gleichzeitig ist auch die Einladung an die österreichische Regierung, nach dem deßfallsigen auf der Berliner Zollvereins-Con- fcrcnz gestellten und znm Beschluß erhobenen Antrag, erfolgt.

Kassel, 21. Oct. Dem Vernehmen nach soll es in der jüngsten Sitzung des Gesammtstaatsministeriums über die Entlassung der 17 Eiseubahnbeamten, welche ohne allerhöchste Genehmigung geschehen sein soll, zu so ernsten Debatten gekommen sein, daß der Premier- minifter Hassenpflug seinen Abschied verlangte, welchen er jedoch nicht erhielt.

Weimar, 21. October. Der Landtag hat sich bis heute mit der Revision der Gemeinde-Ordnung be­schäftigt. Einer ihm vorgclegten Petition einiger Ge> werbs- und Handclstreibcnden, welche die vormärzlichen Beschränkungen der Juden wieder in Kraft gesetzt haben wollte, wurde keine Folge gegeben, da wie der Aus­schußbericht hervorhob, gerade die volle rechtliche Gleich­stellung der Israeliten sich als das beste Mittel auch ihrer geistigen und sittlichen Emancipation bewährt habe.

Hainm, 23. Oct. Die Verhandlungen zwischer dem Fiscus und der Direclion der Münster-Hamme! Eisenbahn sind so weit gediehen, daß letztere mit den 1. Januar k. I. an den Staat übergeht, welcher da, Aktien - Capital mit 4 pCt. verzinset. Es wird nich bezweifelt, daß die General-Versammlung der Aktionäre welche in den nächsten Tagen Statt findet, dem Ver gleiche zustimmen werde.

Hamburg, 23. October. Der neue österreichisch Minister, Freiherr v. Menshengen, hat bereits sei, Crebitive überreicht; sein Vorgänger, Graf v. Lützor scheidet in diesen Tagen von hier. Heute starb na längerem Unwohlsein der kaufmännische Senator, He Heinr. Joh. Merck, Vater des ehemaligen Reichsmin stcrS, jetzigen österr. General * Consuls Ernst Meri und des Syndikus Merck, in einem Alter von 81 Jahre

Berlin, 24. Oct. Se. Majestät der Köu! sind gestern Abend 7% Uhr von Magdeburg in San souci wieder eingetroffen. Der Königl. Großher ObergerichtSrath von Scherff und der K. Gr. E neral-Zoll-Administrator Jurion aus Luxembui befinden sich seit einigen Tagen hier, um auf die be mögliche Gestaltung der Verhältnisse des Großherzc thums Luxemburg zum Zollverein Hiuzuwirken, Arti 3 des am 4. April d. J. zur Fortdauer und Erweit ung des Zollvereins abgeschlossenen Vertrages bestiw bekanntlich, daß in den Gesammtverein auch diesem« Staaten einzubegreifen seien, welche schon früher gl oder theilweise dem Zollsysteme eines der coutrahiren Staaten beigetreteu waren, und zwar unter Berücks tigung ihrer besonderen Verhältnisse zu dem Stm mit welchem sie einen solchen Vertrag abgeschlossen l ten. Unter diese gehört auch Luxemburg vermöge sei Vertrages mit Preußen und den übrigen Mitglied des Zollvereins vom 2. April 1847, die Fortdauer Anschlusses des GroßberzogihnmS an das Zollsys Preußens rt- betreffend. Schon die vorige Regier! Luxemburgs hatte mit der diesseitigen Verhandln« in dieser Angelegenheit wegen Anschlusses an den P r ßi s ch -Ocsterreichischen Haudelövert, angeknüpft, dabei aber zunächst kein Resultat erre Die gegenwärtig hier anwesenden Bevollmächtigten neuen Regierung sind beauftragt, diese Unterhandlur wieder ar!fzu>>ehmcn. Beide Herren halten heute eine längere Conferenz mit dem Ministerpräsidenten. Wie der K. Z. mitgetheilt wird, sollen die theil« schon bekannte Rückäußcrungen der Regierungen den letzten Entwurf deS Bundes-Preßgesetzes noch I Aussicht bieten , daß dasselbe angenommen werde. In Bezug auf die Verhandlungen wegen der W zölle ist, bemC.-B." zufolge, von der Fürstlich Li scheu Regierungen schon beim Abschluß der Verh hingen über den Beitritt zum Zoll-Verein im Vo erklärt worden, daß sie bereit fei, auf die Erhel des Weserzolles zu verzichten, sobald die rigeu vom 1. Januar k. J. zum Zoll-Vereine geh.