Nassauische Allgemeine Zeitung.
JV-. »5/.
Dienstag den 25. Oktober
1853«
Die,,Nassauische Allgemeine Zeitung" mit dem belletristischen Beiblatt „Der Wanderer" erscheint, Sonntags ausgenommen, täglich und beträgt der PränumcratioiiSpreiS für Wiesbaden und , nach dem neuen Postregulaiiv nunmehr auch fâr den ganzen Umfang des Thurn-und TariS'schen BerwaltungSbezirts mit Inbegriff des PoftaufschlagS 2 fl., für die übrigen Länder des deutsch-österreichischen Postvereins, wie für das Ausland 2 fl. 24 tr. — Inserate werden die mersdaliig Petitzeile oder deren Raum mit 3 kr. berechnet. — Bestellungen beliebe man in der Buchhandlung von W. Friedrich, Langgasse 42, auSwärtS bei den nächstgelegenen Postämtern, zu machen.
Ueber die Möglichkeit einer Coalition gegen Rußland.
/ Es ist ein alter und bewährter Satz, daß derjenige Staat im europäischen Staatensystcm das Interesse der nächsten Zukunft in sich concentrirt, der der Sorge für seine Selbsterhaltnng im Gleichgewicht Aller nbcrhobcu ist, vielmehr die Macht dazu hat, es zu stören, diese Macht aber auch am intensivsten anspanuen muß, nm den Beweis zu liefern, daß er wirklich die vorbrnigende Spitze bildet. Derjenige Staat ist der vordringende, ber noch nicht auf die Sorge der bloßen Erhaltuilg angewiesen ist, vielmehr an die übrigen Glieder des Sy- ssems die Frage stellen darf, ob Entwicklung, Cultur und Herrsckaft für ewig zum Monopol Eines Stammes bestimmt sind, und der allein durch sein Auftreten schon die bisherigen Besitzer der Herrschaft zur Besinnung über ihre gegenwärtige Lage und zur Befragung ihrer Zukunft zwingt.
Wenn eine Macht wie die russische den ganzen Westen in dem Grade in Bewegung und Bcsorguiß setzt, daß der Ruf nach einer Coalition bereits allgemein wird, so ist die Aktivität und einwirkcnde Kraft schon auf einer Seite und wird es eine Lebensfrage, ob jene Koalition so leicht noch möglich ist. Die beiden Angelpunkte der westeuropäischen Politik, Belgien und Italien geben die Antwort.
Wenn England Oesterreich zur Seite steht, so weit dasselbe Frankreich entgegentritt und dasselbe in seiner Eoncurrenz mit Englands Handel lähmt, d. h. von Italien abhält und im Miltelmecre schwächt, so ist eS wiederum Oesterreichs Gegner, sobald dasselbe seine Macht in Italien vergrößern und an der Beherrschung des Mittelmeers selber mehr Theil nehmen will. Wenn England mit Nordddeutschland zur Behauptung Belgiens und der Rheingrenze zusammcnsteht, so erkaltet seine Freundschaft zu diesem natürlichen AÜiirteii augenblicklich, wenn Deutschland sich in sich selber einigen und consolidiren will, denn sein Interesse an demselben reicht nur so weit , als cS ihm darauf ankommt, Frankreich nicht zur Herrschaft über das Rhein- und Elb-Gebiet kommen zu lassen.
Diese Verwicklung der Interessen ist nicht dazu geeignet, eine Coalition des Westens gegen Rußland möglich zu machen. Was aber eine solche geradezu unmöglich macht, ist der Umstand, daß alle westlichen Mächte mit Rußland, durch Rußland gewinnen wollen. Unter sich durch den Gegensatz der Interessen zerspalte», sind sie mit Rußland durch ein sehr positives Interesse vcr- knüpft. Der Einheilspuuct dieses gemeinsamen Inter- esseS ist die Türkei und der auftauchende Gedanke, daß die Theilung der Türkei doch endlich nicht mehr verhütet werden könne, kurz, statt einer Coalition gegen Rußland ist am Ende nur eine Cooperation mit dem selben möglich. WaS aber für den Westen am schlimmsten ist, was am meisten seine Fertigkeit zugleich und seine Abschwächung beweist, ist die Uneinigkeit, die ihn wiederum in Bezug auf diese Mitwirkung entzweit, zur Unthätigkeit zwingt , die active Politik Rußland über, läßt und die letzte Entscheidung in dessen Hand legt. England vor Allem muß für sein Ucbergewichi im Mit- telmeere ernstlich besorgt werden, wenn Oestreich an dem westlichen Küstenlande der Türkei eine verstärkte Basis zur Befestigung und Erweiterung seiner Herrschaft in Italien gewinnt und im gesicherten Besitz deS adriatischen Meeres daran denken kann, die alte venetianische Seeherrschaft zu erneuern. Und Oesterreich? Zu der Rivalität, die England seinen Plänen cntgegenstellt, kommt 1 seine eigenthümliche Stellung gegen Rußland, die um so größere Schwierigkeiten bieten müßte, je reifer der obenerwähnte Gedanke der Theilung wird, und je größere Vorsicht es anwenden muß, um nicht bei einer etwaigen Gebietsvergrößerung Rußlands aus einem Bun- desgenosse» sich selbst einen Nebenbuhler am adriatischen Meere zu schaffen , je leichter sich also auch beide über ihren Ancheil an den türkischen Ländern entzweien können. Oesterreich ist daher das letzte Bollwerk der Türkei —- von England gezwungen, durch die Ungewißheit einer Einigung mit Rußland beunruhigt, muß es die Türkei so lange wie möglich zu erhalten und die Entscheidung hinanSzuschieben suchen, d. h. Rußland die ehrenvolle Stellung, daß eS als die Macht, die cS ernstlich auf die Beendigung der türkischen Agonie abgesehen hat, als der endliche Befreier der christlichen Bevölkerung der Türkei dasteht, als sein geschichtliches Monopol überlassen.
Der Westen ist fertig. Die beiden Angelpunkte seiner Politik, Belgien und Italien, stehen durch die wechselseitige Neutralisirung der Bemühungen unverrück
bar fest. Im Osten uneins, muß er Rußland stärken. In seinem Innern durch sein Bürgerthum von der activen Politik ferngehalten und zur Passivität gezwungen, ist es mit ihm so weit gekommen, daß die Frage, ob in dieser Erstorbenheit, die sich endlich als ein Verfall der Cultur beweisen muß, ein neuer Anstoß kommen könne, sich an Rußland wendet. Man drückt sich falsch aus, wenn man den Sturz der Bourgeoisie als eine Folge des Staatsstreichs vom 2. December bezeichnet. Sie ist nur von der Politik befreit, ihre unfruchtbaren Debatten über Krieg und Frieden sind ab- gebrochen — das Resultat d-r Februarrevolution, die das Monopol einer einzelnen bürgerlichen Caste stürzte, bat seine letzte Bestätigung erhalten — die Unpolilik ist das allgemeine Gesetz und der Besitzer der kleinsten Actie, des kleinsten Staatöpapiers ein eben so mächtiger Garant deö Friedens geworden, als es Rothschild ist. Daß der letztere jedesmal, wenn Louis Napoleon mit einem kriegerischen Entschluß droht, in die Sanierten eilt und den Machthaber auf friedliche Gedanken bringt, ist eigentlich unnöthig; — der kleinste Foudsbesitzer spricht eben so deutlich und überzeugend und ehe Rothschild bei Louis Napoleon eintritt, hat derselbe sich von der Börse längst überzeugen lassen, daß er nicht vor- schreiten kann und seine Drohungen unausführbar sind. Die Börse ist mächtiger als sie es unter Louis Philipp war.
Ebenso in England. Das Bürgerthum herrscht schon. Die Aristokratie des Oberhauses ist so geschwächt und entartet und auf die Politik der Ruhe und der Erhaltung angewiesen, wie es die herrschende Aristokratie Venedigs zur Zeit des Verfalls dieses StaateS war. Das Capital, welches das Bürgerthum deS Unterhauses in seiner Gewalt hat, ist allerdings ungeheuer groß, größer als dasjenige, über welche die Pitts geböten — aber cs ist politisch todt, seitdem es der Greif der bürgerlichen Angst bewacht und cs nicht mehr in auswärtigen Unternehmungen auf das Spiel fetzen will. Vor einiger Zeit fragte eine londoner Zeitung, die noch an den alten aristokratischen Traditionen festhält, ob die Minister mit ihrer Passivität und Unentschlossenheit England zu einer Macht zweiten Ranges herabsinken lassen wollen, — ein gefährliches Wort, welches ein Engländer nicht aussprechen sollte, aber in der That ein Wort, welches die Gefährder Situation ausdrückt. Doch was helfen die aristokratischen Ueberlieferungen? Kann denn England wirklich vorschreiten? Droht nicht schon die Kriegspartei in Nordamerica, droht nicht selbst der neue Präsident mit den Gebietserweiterungen, die das Interesse der Union erfordert? Gehört znr infula- rifchen Ausbreitung der Union im Osten nicht als nothwendige Ergänzung die Eroberung im Westen? Wenn die Union auf Cuba ein Anrecht hat, weil die Spanier cs nicht gebörig auSbenten können, gehören ihr dann nicht auch die Inseln des indischen Archipelagus, weil die Holländer aus denselben nicht machen können, wozu sie bestimmt sind — Vorposten gegen die Herrschaft Englands in Asien — eine Fortificationsreihe, die die Union bis Japan erweitern . und in ihre Gewalt bringen muß, um neben England und Rußland sich ihren Antheil an Asten zu sichern? England ich nicht nur von Rußland, sondern auch von Nordamerica bedroht — der Führer der letzten europäischen Coali' tion, die Macht, die durch ihre insnlarische Stellung zum Coalitionshaupt bestimmt ist, ist nicht mehr Herd ihrer Entschlüsse, die Impulse, denen sie gehorcht, kommen von außen, sie hat die politische Initiative verloren— damit ist aber auch die letzte Stütze einer Coalition gegen Rußland gefallen.
Deutschland.
^ Vom Lande, 21. Octbr. Ueber die Tbeue- rungsfrage, die vor einiger Zeit noch so sehr die Presse beschäftigte, sind fast alle Stimmen verstummt nud dennoch gehen die Preise der Lebensmittel fast täglich in erschreckender Weise höher und höher. Es scheint fast, daß alle guten Rathschläge erschöpft sind, und daß man, da sie alle für unzureichend und unpraktisch erfunden wurden, in ergebener Ruhe das Aeußerste abwarten will. Man muß in her That bekennen, daß der große Lärm und die Gehässigkeit, mit welcher die Theuerungsfrage immer behandelt wurde, wahrscheinlich viel dazu beige- tragen hat, grade die Katastrophen berbeizuführen, die man damit zu beschwören gedachte. Die Mittel, welche geeignet erscheinen können, dem Uebel gründlich zu begegnen, sind nicht der Art, daß sie in einem kurzen Zeitraum wirksam gemacht werden können — und wird cS
demnach Aufgabe der Regierungen sein, in geeigneter Zeit diejenigen gesetzlichen Maßregeln zu ergreifen, die vor der öfteren Wicdcikehr desselben bewahren. -^- In der Politik haben wir gegenwärtig ein merkenswerthes Beispiel, wie durch ein kluges neutrales Verhalten der deutschen Großmächte der ganzen Kriegsgefahr bezüglich der orientalischen Frage vorläufig die Spitze abaebro- chen ist — und wie grade dadurch, daß diese Mächte mit stiller Aufmerksamkeit das Weitere abwarten, das aufgetodcite Feuer sich in sich selbst zu verzehren scheint, ohne das übrige Europa weiter anzustcckem
#5 ran Pfu rt, 23. Oct. Der k. preußische Bnndes- tagsgejandle, Herr v. Bismark - Schönhausen , ist von seiner Rike wieder zinückgekehrt. Die noch abwesenden Herren Gesandten werden fast sämmtlich bis zur Mitte dieser Woche hier fein, so daß am nächsten Donnerstag der Bundestag wiederum seine Sitzungen eröffnen wird.
Stuttgurt, 21. Oct. (N. K) Die StaudeS- Herrn, welche sich wegen Wiedereinsetzung in die ihnen durch Art. 14 der BnndcSacte verliehenen Rechte an die Regierung gewendet hatten, haben den von letzterer gebotene» Vergleich, der, wie man hört, u. A. die Auf- rechthallung der Ablösungsgesetze in sich schloß, nicht angenommen und sich besckwerciid an den Bundestag gewendet. Sie verlangen die vollständige Restauration aller ihrer frühern Privilegien. Der Bundestag hat sich über biefe Angelegenheit mit unserer Regierung bereits in Unterhandlung gesetzt.
Milnchen, 21. Oct. (B. Bl.) In Possenhofen wurde gestern nach dem AbschiedSmable, welches dem Kaiser gegeben wurde, ein Festball abgehalten, bei welchem das Musikcorps deS Jiifailtcrie Leibregiments lauter von Sr. k. H dem Herzog Max componirte Tänze spielte. Unter den Gästen befand sich auch der Herr Ministerpräsident Dr. v. b. Pfordten, dem Se kais. Majestät das Großkreuz des St. Srrphansorden verliehen hat. Die Abrerse des Kaisers wurde namentlich durch einen gestern in Possenhofen eingetroffencn Courier beschleunigt und deshalb die Route über Tegernsee ausgegeben. Eine Zusammenkunft zwischen Kaiser Franz Joseph und König Max in Possenhofen fand nicht mehr statt, da sich beide Majestäten bereits verabschiedet hatten. ^~ Die bevorstehende Einberufung des Landtags steht nunmehr nicht in Zweifel. Der Tag des Zusammentritts der Kammern ist zwar noch nicht bestimmt, allein von Personen, die in dieser Angelegenheit unterrichtet sein müssen, vernimmt man, daß der Landtag auf die Mitte des- nächsten Monats werde berufen werden; im StändehauS werden bereits die nöthigen Vorkehrungen getroffen.
Der bisherige apostolische Nuntius in München, Monsigiior Sacconi, ist zum Nuntius in Paris befördert. Zu seinem Nachfolger soll der durch seine juridische und theologische Gelehrsamkeit ausgezeichnete Bischof von Aversa im Königreich Neapel, Mons, de Luca, ein gehonter Siciliauer, bestimmt sein.
Friedrichshafen, 21. Oct. (A. A. Z.) Vorgestern eilte Hr. v. Grenus ans Genf hier durch nach Konstanz, um Nachforschungen über das ihm von seiner geschiedenen Frau geraubte Kind anzustelle», welches, »acv den Mittheilungen die ihm von einer Genfer Somnambule geworden, sich in der Nähe von Konstanz, in einem am See gelegenen Laudhgufe, befinden sollte Hr. v. Grenus entdeckte wirklich an einem bezeichneter Orte seine ebenfalls von der Somnambule signalisirb Schwiegermutter; sein Kind war indessen abermals diircl die Mutter von hier aus entfuhrt worden. -
Kassel, 22. Oktober. Gestern ist die Anklag gegen die Mitglieder der aufgelösten Ständeversamm kling wegen angeblichen Aufruhrs durch Steuerver w e i g c r ii n g an das hiesige Criminalgericht gelangt nachdem die Untersuchung bereits seit einem halben Jahr geschlossen ist.
Alle Fragen, selbst die orientalische, treten hier i den Hintergrund Vor der L e b e n s mi t t e l fr a g e hierum dreht sich alle und jegliche Unterhaltung, seither sich, wie dem N. C. geschrieben wird, mit Gewißhei herausgcstcllt hat, daß die Kartoffelernte, wenigstens ir hiesigen Kreise, gänzlich mißrarhen ist. Die Familie, welche die Mittel dazu aufbringen können, so wie da Militär und die öffentlichen Anstalten, lassen die Kai toffelu theils aus Thüringen, theils vom Main kominei und so haben wir täglich daS Schauspiel, ganze Eiser bahnzüge damit beladen ankomme» zu sehen. Auf meld Art für die ärmere Klasse Hilfe geschafft werden wir! ist freilich noch nicht bekannt, und nur darüber herrscl kein Zweifel, daß etwas geschehen muß. Da im bi stehenden Kriegszustand alle Vereine aufs Strengste ui