Nassauische Allgemeine Zeitung.
^ 949, Donnerstag den 20. Oktober 1853.
Die,«Nassauische Allgemeine Zeitung" mit dem belletristischen Beiblatt „Der Wanderer" erscheint, Sonntags ausgenommen, täglich und beträgt der PrânumerationSpreiS für Wiesbaden und , nach dem neuen Postregulaiiv nunmehr auch für den ganzen Umfang deS Thurn- und TariS'schen Verwaltungsbezirks mit Inbegriff deS Postausschlag« 2 fl., für die übrigen Länder deS deutsch-österreichischen PostvereinS, wie für daS Ausland 2 fl. 24 fr. — Inserate werden die vierspaltig Petitzeile oder deren Raum mit 3 kr. berechnet. — Bestellungen beliebe man in der Buchhandlung von W. Friedrich, Langgasse 42, auSwärtS bei den nächstgelegenen Postämtern, zu machen.
Fischers Zlmrtheilung der Iesnitensache.
(Schluß.)
Betrachten wir dagegen den Jammer des katholi- sche» Herrn Sylvester Jordan über die Unbilden und Leiden, welche die „Forderungen des Jesuitismus" seit der Bulle Sollicitudo omnium über die Völker herbeigeführt haben.
1. Die Jesuiten beförderten die Täuschung (?), daß man die Revolution der Aufklärung, so wie dem Verfall des frommen Kirchengebäudes zuschrieb. Man setzte daher der neuen auf dem Volkswillen (sic!) beruhenden Herrschaft die Legimität entgegen; — der neuen Philosophie den Obscuran- tismus, d. h. „Beschränkung der Wissenschaft auf die positiv angenommenen Zwecke und Grundsätze des Staates und der Kirche (!);" — der freien Glaubensmeinung den positiven Offenbarungsglauben, wie ihn die Kirche auffaßt. Man empfahl, die Ständekasten durch besondere Vorrechte zu unterscheiden; die Restauration war ein vositiver Zerstörer der seit der Revolution, beziehungsweise Rcfor- mation entstandenen Zustände und Ansichten re."
2. An die Wiederherstellung der Jesuiten reiht Hr. Jordan die Erweckung der Grundsätze der heiligen Allianz, welche er dahin bezeichnet:
a) „Die Herrschermacht wird auf göttliche Verleihung gegründet (entsetzlich!) sohin
b) die Vertragslehre als unchristlich ver worfen; deshalb
c) den Völkern jedes Recht der Theilnahme an der Ausübung der Staatsgewalt (?) oder der sonsti- &en selbstständigen Einwirkung auf Verfassung oder Regierung abgesprochen (und zwar sehr zum Heil und Frommen des eigentlichen Volks);
d) ber Wille der Herrscher für mittelbaren G o t t e s w i l l c n, sowie der bürgerliche Gehorsam für eine R e l i g i o n s p f l i cht (Römer 13) erklärt;
e) die Toleranz gegen Nichtchristen ausge- schlosien (?);
f) die Wissenschaft der Religion, sohin mittelbar auch den Abgeordneten der Vorsehung, da diese denselben mit der Herrschaft auch die höhere Weisheit verliehen haben muß, untergeordnet, also (!) die freie wissenschaftliche Forschung gehemmt und
g) den Unterthanen nicht Industrie, Thätigkeit u. s. w., sondern christliche Frömmigkeit als die Hauptsache empfohlen." (Gräßlich!) Nein, Herr Jordan ist kein Jesuit! Wem aber bei dem Anblick dieser Sätze kein Licht über die Tendenzen HerrnJo» dans und seiner Genossen aufgeht, der kann nur als ein unrettbar den finstern Mächten Verfallener betrachtet werden."
Unser Verfasser hat hier den Artikel des durch sein Lehrbuch des deutschen und allgemeinen Staatsrechts, durch die Herausgabe der philosophischen Gespräche über Staat und Kirche und durch seine lange Untersuchungshaft bekannten bei der 1830er Revolution betheiligt gewesenen, in Folge dessen im März 1848 zum Geheimrath avan- cirten und als Gelehrten s. Z. überschätzten früheren Marburger Professors Dr. Sylvester Jordan im Rotteck- und Welker'schen Staatslexicon „Jesuiten und Jesuilismus" im Auge, welchem Artikel er im ganzen Verlauf seiner Schrift die wohlverdiente Kritik hat angedeihen lassen. „Katholisch nennt ihn Fischer nur ironisch; Jordan ist in der Religion, wie in der Politik ein Altliberaler."
Der specifisch protestantische Cabinetsminister Fischer sagt weiter:
„Wäre übrigens der den Jesuiten beigemessene Einfluß nur auf den zehnten Theil der hier bezeichneten Erfolge gegründet, so würde ich für meine Person allerdings auch dahin stimmen, sie aus ihren Profeßhäusern zu vertreiben, aber nur um sie in die (noch sporadisch vorhandenen) M ä r z m i n i st e r i c n zu versetzen ! "
„So viel steht fest, bis jetzt hat sich die Wirksamkeit der Jesuiten auf keine weitere in die Augen fallende Weise mamfestirt als durch das Missionswesen. Wie- wohl dieses nur auf die untersten Volksclassen , hauptsächlich den Bauernstand, berechnet war, so führte die Neugierde bei der Ungewöhnlichkeit der Sache eine ziemliche Anzahl aus den gebildeteren Ständen und nicht selten entschiedene Gegner unter die Zuhörer. So mißbilligend sich die liberale Presse über diese „ Gaukelspie le" — „Verleitung zum Abergt a u b e n " — » ultramo u t a n c Verdum
mungspolitik" u. s. w. aussprach, so konnte doch Niemand sich täuschen, daß es diese Jesuiten recht treff, lich verstanden, die niederen Volksclassen am rechten Punkt, am Gemüth, zu erfassen; — das vorher den obscurantistischen Wanderbrüdern prophezeite FiaSco trat nicht ein; — das Volk lauschte mit Andacht auf die Worte der Begeisterung, die ihm in seiner Sprache dargeboten wurden."
„So sehr von gewissen Seiten das Volk vorher bearbeitet und gegen diese Leute eingenommen war, so erstanden sie doch allenthalben als Besieger der gegen sie zum Angriff gerufenen öffentlichen Meinung. Das ist eine sehr erfreuliche Erscheinung, sie gibt die Hoffnung, daß in dem Volk noch immer gute Keime der Religiosität vorhanden sind, die nur der Aufregung und Entwickelung bedürfen, um dem in den neuesten Zeiten so s e e l e n ve rd e rb l i ch in ihm aufgeregten Trieb der gröbsten Selbstsucht und des ausschließlichen Trachtens nach dem Irdischen einen soliden Damm entgegen zu setzen."
Aus dem Schlußresultate heben wir die folgenden interessanten Stellen aus:
„Der Jesuitenorden ist, abgesehen von jedem con- fessionellen Standpunkte, in seinem Princip eine der bewunderns- und achtungswürdigsten sittlichen Institutionen, der wir keine ähnliche an die Seite zu stellen vermögen. Eine Gesellschaft, welche der Idee, für die Ehre Gottes in der Erweckung der Gottseligkeit unter ihren Mitmenschen, — unter Entsagung aller irdischen Lebensgenüsse, der Befriedigung des Ehrgeizes, der persönlichen Willensfreiheit und der edelsten Freuden des Familienlebens, — selbst auf Gefahr des Lebens unermüdet wirksam zu sein, einzig und allein ihr Leben widmet, muß die Hochachtung selbst Derjenigen verdienen, welche mit dem Wege, wie diese Förderung ächter Gottseligkeit zu erreichen sei, nach ihren confessio- nellen Ansichten nicht einverstanden sein können."
„Insofern nach den Grundsätzen ihrer Kirche der Begriff der Religiosität in dem des Katholicismus aufgeht, gibt eine Vergangenheit von 300 Jahren der Verbindung das Zeugniß, daß sie, als Corporation be- trachtet, nie von ihrer ursprünglichen Verpflichtung abgewichen ist, wenn auch einzelne Glieder sich nicht probehaltig bewiesen haben, und der menschlichen Gebrechlichkeit unterlegen sind. Aber alle aus der verfehlten Richtung Einzelner der Corporation aufgewälzte Vergehen erscheinen vor dem Richterstuhle der Geschichte als unbegründet. Was das Auftreten der Kongregation in der Gegenwart anlangt, so kann kein unbefangener Beobachter bei Zeitereignisse verkennen, daß in der heutigen Tags sichtbaren Erkaltung des religiösen Sinnes im Volke die Hauptquelle der StaatS- zerrüttung, die Empörung gegen alle Au- torität im Sta ats-, Gemeinde- und selbst Familienleben zu suchen ist, daß daher jedes Mittel zur Erweckung und Stärkung der Religiosität und Pic. tät, von welcher consessiouellen Seite es auch zur Anwendung kommt, die größte Unterstützung aller der Negierungen verdient, welche sich von dem Wahne frei halten: „durch Beschränkung und Aufgabe eines Theiles ihrer Regentengewalt ihre Autorität und dynastischen Berechtigungen retten zu können." Indem in der Thätigkeit des Jesuitenordens ein solches Mittel erkannt werden muß, welches vorzugsweise in seiner unmittelbaren Wirkung auf die Belebung der Religiosität in allen Staats- bürgerclasseu den staatsgefährlichen Verlockungen der Umsturzpartei planstörend in den Weg tritt, ist es natürlich, daß dieses Wirken den ganzen Haß aller Derjenigen auf sich laden wird, welche sich offen oder versteckt jener Partei zugeweudet haben. Daher finden sich auch die Hauptschreier gegen die Jesuiten unter den ersten Koriphäen der Revolution, denen sich noch eine Reihe Deorum minorum gentium, Teutsch- katholiken, Pamphletisten und dem GothaiSmus fröh- uender Zeitungöredactcure angeschlvsseu haben, und indem sie in einem uralten Volksvorurtheil einen günstigen Boden für sich haben, eine große Zahl harmloser Leute, welche in Dingen dieser Art kein Urtheil besitzen, blindlings mit sich fortreißen , besonders da sich keine unbe- theiligte Stimme dagegen erhebt."
„Es gehört aber unter die schmachvollen Erscheinungen unserer Zeit, daß der revolutionäre Terro- r i s m u s gerade die sachkundigen Männer, deren Autorität solchen Zeitirrthümern der öffentlichen Meinung mit dem gewichtigen Wort der Wissenschaft am eindringlichsten entgegen zu treten vermöchte, allenthalben ein schüchtert. So muß das Volk irregeleitet und mit Anklageschriften zum Ueberdruß überladen werden, ohne
daß eine Vertheidigung und Berichtigung ihm vor die Augen tritt."
So weit Dr. Fischer. Wenn auch frühcrhin schon einzelne ausgezeichnete Protestanten, dem Katholicismus und seinen „wunderb.>ren" Einrichtungen in ihren Schriften und Vorträgen alle Gerechtigkeit widerfahren ließen, so kam dieß im Ganzen genommen doch nur vereinzelt vor. Die neueste Zeit ist gegen den Katholicismus toleranter und gerechter geworden. Man verdankt diese erfreuliche Erscheinung außer dem gründlichen Studium der katholischen Theologie, namentlich klassischer Werke, wie die eines Möhler u. A., ferner der Geschichte des Mittelalters und der Reformationszeit, hauptsächlich auch den Schriften co n se r va t iv e r Protestanten auf dem Gebiete der Geschichte und Staatswissenschaften, ja selbst einzelnen Producte» der orthodoxen protestantischen Theologie. Die conservativen Protestanten sind den katholischen Historikern und Staatsgelehrten, welch' letztere sich lange Zeit bloß vertheidigend DcrbictHi, nun versöhnend entgegen gekommen. Außer der bessern Einsicht und dem bessern Verständnisse hat aber offenbar auch die gemeinsame und wohlbegründete Gefahr, welche von Seiten der Revolution drohte und nur Blinde jetzt schon beseitiget zu sein .scheint, diesen Geist der Versöhnung herbei- geführt. Ob nun die neueste Literatur der katholischen Theologie derselbe Geist der Mäßigung und Versöhnung durchdringt, vermögen wir nicht zu beurtheilen, da wir darin fast gänzlich fremd sind. Im höchsten Grade wünschenswerth wäre es aber und das zum Heile aller christlichen Confessionen und der monarchischen Staaten. Vielleicht findet sich ein Sachkundiger bewogen, sein Urtheil über diese Literatur in diesen Blättern abzugeben.
Deutschland.
Frankfurt, 18. Oct. Der k. k. BundeSpräsidi- algesandte F.M.L. v. Prokesch - Osten wird im Laufe dieser Woche zurückerwartet.
Mehrere hiesige Speculanten hatten große Kar- toffelvorräthe in Rüsselsheim und Raunheim aufgekauft, durften aber dieselben auf Befehl des Kreis raths nicht ausführen.
Karlsruhe, 16. October. Man spricht hier voi einer in Aussicht stehenden Verbindung Sr. Hoh. bei Prinz-Regenten mit der ältesten Tochter Sr k. Hoh des Prinzen von Preußen. — Von den Grundherrn unter der Murg wurden zu Abgeordneten in die erst Kammer die Frhrn. v. Kettner, K. v. Gemmingen un Frbr. v. Rüdt gewählt.
Stuttgart, 18. October. Von dem Grasen ! Neipperg sind wieder günstigere Nachrichten ring, laufen, indem das so sehr gefürchtete nervös scheinen! Fieber ausgehört hat und dadurch wieder ein mehr b friedigender, die fortschreitende Genesung befördernd Zustand kingetreten ist.
Ulm, 15. October. Gestern ist daS Gewölbe b mittelsten Bogens unserer neuen Donaubrücke glückst geschlossen worden, nachdem vor kaum 14 Tagen e der eine Pfeiler desselben, dessen Fundamentirung lange dauerte, mit den größten Anstrengungen verbu dene Arbeiten verursachte, fertig geworden ist. 2 vier andern Bogen werden sicher noch in diesem Moi geschlossen.
Kassel, 20. Oct. Diesen Morgen erhielten n meldet die „Kasseler Zeitung" unter der Adresse: die Expedition der Cassler Zeitung zu Cassel, mit d Postzeichen Bremen ^om 17. Oct. 1853, unfrank folgende interessante Zusendung: Bremen, den 17. £ 1853. Geehrter Heir Redacteur ! Auch Sie ver! neu das Leben nicht und Ihr Lügenblatt sollten ( auch nur dem Fegfeuer zur Nabmng, Bessern ( sich es ist noch Zeit bedenken Sie wie es mit JH steht. Es warnt Sie ein Mitglied des Neuen T e t e n b u n d e s.
Koburg, 14 Oct. (Dr. I.) Se. Hoheit Herzog hat vorgestern die Reise nach den bayerisi Alpen in Begleitung einiger Cavaliere angetreten, daselbst die herzoglichen Gemsenjagden abzuhalten. Hoheit wird nach ungefähr vierzehn Tagen wieder f her zurückkehren.
Flensburg, 15. Oct. So weit sich das Vr teu-Berhältniß aus dem Schleswigschen Provin Landtage übersehen läßt, wird die Deutsche Majo auf 23, die Dänische Minorität aus 20 Stimmen geschätzt.
Belgard, 10. Oct. (Die Cholera) forder bieftger Stadt noch immer neue Opfer, wiewohl Abnahme der Krankheit sich seit einiger Zeit beme