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Nassauische Allgemeine Zeitung.

^ 94S. Dienstag den 18. Gelobet 1SS3*

DieNaffouische Allgemeine Zeitung" mit dem belletristischen BeiblattDer Wanderer" ertoetnt, Sonntag- ausgenommen, täglich und beträgt der Prânumerationspreis für Wiesbaden und , nach dem neuen Postregulati» nunmehr auch für den ganzen Umfang des Tburn- und TariS'schen Verwaltungsbezirks mit Inbtgriff des Postausschlags 2 fl., für die übrigen Länder des deutsch-österreichischen PostdereinS, wie für das Ausland 2 st. 24 fr. Inserate werden die bierspaltix Petitzeile oder deren Raum mit 3 kr. berechnet. Bestellungen beliebe man in der Buchhandlung von W. Friedrich, Langgaffe 42, auswärts bei den nächstgelegenen PostämtbrN, zu machen.

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Gcsterrcich und England.

Die Londoner Volksversammlung, bei welcher Lord Dudley Stuart den Vorsitz führte, und die in ihren Resolutionen aussprach, daß Oesterreich so gut als das Reich der Moskowiter von England als Feind behan­delt und bekämpft werden müsse, hat auf's neue gezeigt, was Oesterreich von jenen Parteien zu erwarten hat, die ihm in der letzten Zeit als Pflicht auferlegt hatten für Erhaltung der Türkei zu den Waffen zu greisen. Am einen Tag beweist man Oesterreich, seine ganze Armee reiche nicht aus, die widerstrebenden Elemente seiner polyglotten Monarchie zusammenzuhalten, am an­dern Tag legt man ihm ans Herz: die Hauptaufgabe jener Armee sei, dem ösmanischen Reich das Dasein zu fristen. In der Hast des Augenblicks wird in täglichen Leitartikeln ein politisch-historisches Gemengsel zusammen- gekehrt, nach Goethe's clasischem Ausdruck aus Mäuse­dreck und Coriander. ....

Gegenüber solcherlei historischen Citaten , wie gegen­über den täglichen Verketzerungen Oesterreichs in der eng. lischen und einem Theil der preußischen Presse, bringt dieA.A.Z." unter obiger Aufschrift einige Stellen aus dem kürzlich erschienenen Werke über Lord Castlereaghs Leben. (Der Herausgeber ist bekanntlich sein Bruder, der Marquis v. Londonderry. Dr. Siegmund Frankenberg läßt eben (in Hamburg) eine deutsche Uebersetzung er­scheinen.)

Castlereagh konnte gewiß nicht der Wohldienerei ge­gen Rußland oder eine andere der Continentalmächte be­schuldigt werden. Sein aus der Zeit des Wiener Con- gresses stammender Briefwechsel mit Kaiser Alexander über die von Rußland und Preußen erhobenen Ansprüche gehört zu den ehrenvollsten Denkmalen der Selbststän­digkeit und des umfassenden Blicks britischer Staats­männer. Nicht Pitt noch Fox, nicht Canning noch Wel­lington, nicht Peel noch.Palmerstou haben je gegen ei­nen auswärtigen Souverän eine stolzere, selbstbewußtere Sprache geführt als Castlereagh gegen Alexander, als dieser ihn aufforderte, ihm über die Theilung der eu­ropäischen Beute freimüthig seine Meinung zu sagen. Aber sonderbar! Zwei Punkte wurden damals von Eng- land bis auf's äußerste bestritten, ja fast als casus belli behandelt: die Absicht Rußlands ein möglichst gro- ßes Polen mit eigenem Heer, selbstständigem Parlament und gesonderter Administration zu bilden, und die von Rußland befürworteten Ansprüche Preußens auf ganz Sachsen und einen größeren Theil des Rheingebietes, überhaupt auf eine mächtigere Arrondirung. Und es gelang der englischen Politik, das Territorialgebiet Po­lens wie die von Alexander für dasselbe beabsichtigte innere selbstständige Gestaltung wenigstens sehr zu be­schränken und Preußen mit einem Minimum abzuferti­gen. Wie anders hätte die englische Politik damals entschieden wenn sie nach heutigem Maße sich gerichtet hätte! Es lehrt dieß gegen die Eindrücke des Moments etwas mißtrauisch sein, auch wenn sie noch so sehr mit dem Stempel unerschütterlicher Axiome auftreten.

Als Castlereagh nach England zurückkehrte, landete er in Dover unter dem Beifalljauchzcn des Volkes. Als er zum erstenmal wieder im Parlament erschien, erho­ben sich alle anwesenden Mitglieder und enthusiastische Checrs erschütterten die Mauern von Westminster. Die­ser Beifall machte aber die Opposition nicht verstummen und auf einen heftigen Angriff Withbreads antwortete Castlereagh mit einer sehr ausführlichen Darlegung der Wiener Ergebnisse. Zuerst wies der Minister die Vor­würfe zurück, als wäre es die Absicht des Monarchen- congresscs gewesenalle jene von der Zeit weggefegten ältern Regierungen und Regicrungöformen wiederherzu­stellen , während diese nicdcrgcworfenen rohen und ge­staltlosen Gebäude längst aufgehört haben, in faßbarer Form zu existiren. Hätte mau diese zerstreuten Frag­mente aus dem Dunkel der Vergangenheit wieder her­vorgegraben und zu einem Scheinleben zusammen gefügt ohne an die nothwendigen Folgen solcher Flickarbeit zu denken, und ohne sich zu erinnern wie jene Regierun­gen am meisten Anlaß zu den Calamitäten gegeben ha­ben durch die Europa so lange und so schwer heimge- sucht worden, so hieße dieß die Gefahren, denen man so eben entronnen , abermals hcraufbeschwören. Hätte so etwas der Kongreß bezweckt, so würde er sich schä­men , daß England zu solchem Bunde die Hand gebo­ten habe."

Nach meiner Ueberzeugung (fuhr Lord Castlereagh fort) war eine der weisesten Maßregeln von Seiten der Souveräne Europa's die zwei großen europäischen Monarchien, welche der vorige Beherrscher von Frank­

reich fast zu vernichten gesucht hatte Oesterreich und Preußen wieder herzustellen und zu reorganisiren." Uns scheint, nicht auf dem Wiener Kongreß wurden die beiden Monarchien in ihrer vollen Bedeutung wie­der hergestcllt, sondern auf den Schlachtfeldern die sich von Leipzig bis zum Montmartre erstreckten, und auf denen österreichische und preußische Feldherren vereint mit den russischen den 'Oberbefehl führten.Es war, (bemerkte Castlereagh weiter) eine Hauptbcdingnng die Flanken der zwei Staaten, welche das unmittelbare Boll­werk von Europa bilden, dauernd zu sichern, und ih­nen eine entsprechend vermehrte Macht zu verleihen. Ei­nerseits mußte man dem norddeutschen Staate, dessen Aufgabe die Sicherung jenes Theiles des Continents ist, eine genügende Stellung gewähren, andererseits war es wünschcnswerth eine starke Barriere zwischen Italien und Frankreich zu ziehen. Ein mächtiges confvderirtes Deutschland mußte als unüberwindliches Bollwerk zwi­schen den großen Staaten des Westens und des Ostens von Deutschland hingestellt werden. . . Das Parla­ment wird sich der Zeit erinnern, als Oesterreich den Alliirten bcitrat. Diese hegten damals alle die Ansicht daß die Befreiung des in Sclaverei s ch m a ch t e n d c n E u r o p a s von d e r E n t s ch l i c- ßung derjenigen Großmacht abhing welche durch ihre eigene Anstrengung damals im Stande war, der Knechtschaft ein Ende zu machen, während sie, falls sie unthätig blieb, die Freiheit und Wohlfahrt aller Nationen Europas wo nicht für immer verschwinden, doch noch für lange Zeit in Unterdrückung lassen konnte. In solcher Zeit war es ein Act politischer Weisheit von Seiten Englands und ich hoffe, mein Vaterland wird im­mer eine solche Politik verfolgen sich mit Oesterreich auf's engste zu verbinden für die För­derung der gemeinsamen Sache, für die Oesterreich schon so lange gekämpft, der cs so große Opfer gebracht hatte. Ueber diesen Punkt konnte keine andere Ansicht in England obwalten, nirgends und unter keiner Partei. Nicht bloß dieser oder jener zu­fällige Umstand, die Nothwendigkeit selbst zeichnete uns diese Politik vor. Alle Welt fühlte, daß Oesterreich die Angel war um die sich schließlich das Schicksal der Welt drehen mußte. . . . Wer einige Gran gesunder Vernunft besitzt, und die jetzige und die unmittelbar vorhergegangene Lage Europa's kennt, wird nicht einen Augenblick lang dem Wahn bcipflichten können, daß un­sere Allianz mit Oesterreich die Möglichkeit zugelassen hätte, Italien als ein besonderes Königreich unabhängig zu erhalten. Die Italiener hatten für die Sache ih­rer Unabhängigkeit nicht einen Arm erhoben; sie sind für all' die Wohlthaten , welche ihnen durch die Ver­nichtung der Autorität, unter der sie so lange geseufzt, zu Theil geworden, den Verbündeten allein Dank schul­dig. Was war dagegen unsere Verpflichtung gegen Oesterreich? Bestand fte nicht darin, Oesterreich wieder in vollem Umfang diejenige territoriale Bedeutung zu verleihen die eS vorher in Italien innegehabt hat? Eine solche Verpflichtung aber vertrug sich nicht im mindesten mit der Vision einer italienischen Unabhängigkeit."

Hier ging Lord Castlereagh speciell auf die Lage Genua's ein, das so arg als das arme Sicilien durch die doppelzüngige Politik Lord William Bentincks und des ihn befehligenden Cabinets mit dem Scheinbild der Selbstständigkeit verlockt und genarrt worden war. Lord Minto's italienische Jntrigueuspieie in den letzten Jah­ren waren nur die Kopie jener frühern, wurden aber mit fast so vielen Leiden als jene bezahlt. Die eng­lische Politik hat immer ein paar solcher Lieblingsob. jccte, die sie hervorhebt und nicdcrdrückt Parga, Aegypten, Hellas, Candia, die jonischen Inseln, Portu- gal, Genua, Sicilien. Mehr und mehr wird jetzt Cou­stantinopel in dieser Perlenschnur britischer Diplomatie eingefädelt. Nach jener Abschweifung auf Genua kehrte Lord Castlereagh zu Oesterreich und Preußen zurück, indem er bemerkte:In Betreff der zwei wichtigsten Hauptpunkte der Verhandlungen, nämlich der Recon- struirung Oesterreichs und Preußens ich nenne sic die wichtigsten Punkte, weil jeder überzeugt sein muß, daß ohne die Wiederherstellung des frühern Rangs und der frühern Bedeutung dieser Staaten eine empfindliche Lücke in Europa bleiben würde, daß, wenn diese nicht in angemessener Stärke wieder aufgcrlchlet werden soll­ten, kein Bollwerk gegen die zukünftigen Eingriffe Frank­reichs cxistirte; daß, ohne sie aus ihren frühern Stand zu setzen, Europa selbst sich nicht darin befände, und der zwei Hauptpfeiler seiner Sicherheit sich beraubt sähe ich sage bezüglich der österreichischen und preußischen

Monarchie, kann auch mit Genugthuung mittheilen, daß sie, gemäß der Entscheidung der Alliirten, wieder ihre frühere Stellung und Bedeutung in Europa erhalten haben..... Das bei deren Reconstruiriing leitende Princip war der Stand ihrer Besitzungen im Jahre 1805. Das Haus wird zugeben, daß bei Annahme dieser Periode mindestens Oesterreich keinen Zeitraum ausgewählt hatte, der sich irgendwie durch Vergröße- rungssucht markirt hätte. Durch Annahme des Jahres 1805, statt 1792, des Zeitabschnitts der Revolution, kamen dessen Besitzungen in den Niederlanden außer Frage. Freilich hatte es 1805 die venezianischen Staa­ten inne, aber es war damals zwei Millionen schwä­cher als 1792. Die Periode, welche Preußen bestimmte, war die Zeit, welche unmittelbar der Beraubung dieses Königreichs durch Frankreich vorhergiug. Wirft man einen allgemeinen Blick auf den gegenwärtigen Zustand beider Monarchen, so wird man finden, daß trotz der ungemeinen Anstrengungen ihre Macht zu erweitern, und trotz der ehrgeizigen Plane, die sie an den Tag legten, gemäß der Entscheidung des Congresses, keiner von ihnen im geringsten an Bedeutung mehr erlangt hat, als was sie bei der stritten Festhaltung des Prin­cips der Wiederherstellung verlangen konnten. Obgleich einige von den Territorialbesitzungen Preußens eine größere Ausdehnung darbictet, als cs früherhin der Fall war, hat es doch auf Grund genauer Berechnun­gen höchstens 50,000 Seelen mehr erlangt, als es im Jahr 1805 besessen; während Oesterreich bei seinen ge­ringern Besitzäuderungen nicht mehr als drei bis vier- malhuudcrttausrnd neue Unterthanen gewonnen hat. DaS ist das Ganze, was si» durch ihre angebliche Vergröße- rungssucht erlangt. . ."

Der englische Premierminister bewies also dem Par­lament, daß Oesterreich und Preußen für die Ströme von Blut, womit sie Napoleons Weltherrschaft gebro­chen und England von dem auf ihm lastenden Alp be­freit hatten, keine Quadratmeile mehr erhielten, als sie schon zu Anfang des Jahrhunderts inne hatten. Im Vergleich damit ward Frankreich, das besiegte, viel günsti­ger behandelt, denn cs behielt mehr als es 1792 be­sessen hatte. England dagegen konnte den unermeßlichen Gewinn, den cs in allen Welttheilen und auf allen Meeren erhielt, kaum übersehen. Es sah sich im Be­sitz aller Wccresschlüssel der Welt, während Preußen und Oesterreich von der Wiedererlangung der Küsten OstfrieSlaud und Belgiens geschickt hinwegmanövrirt, und selbst der Rhein, die Maas und die Mosel so zer- stückt wurden, daß die au diese Flußgebiete sich knüpfen­den politischen und commcrcieüen Vortheile in möglichst kleine Theile sich zersplitterten. An diese Dankbarkeit Englands, und die, welche es 1848 bewies, muß man sich erinnern, wenn es bei irgendeiner Weltfrage von Recht und Gleichgewicht spricht. Man braucht deßwe­gen nicht blind zu sein gegen das kolossale Anwachsen Rußlands eS gilt eben, beide Augen offen zu haben.

Deulschlnnd

V Lorch a. R., 15. Oct. Heute hatten wir das Vergnügen Sc. Hoheit den Herzog in Begleitung Sr. Hohen Gemablin hier zu sehen. Er kam in einem Kahn von RüdeSheim den Rhein herab. Am Ufer bestieg das hohe Paar sogleich die schon in Bereitschaft stehenden Pferde, um von hier durch das Wisperthal nach Kammerberg und von da über das Forsthaus weißen Thurm" nach Johannisberg zu reiten. Als der Kahn, worin sich daS hohe Paar befand, in die GesichtSweite von Lorch kam, begrüßten ihn Böllerschüsse und das Geläute aller Glocken.,

Darmstadt, 15. Oct. Durch AuSschreibcn des Ministeriums des Innern an sämmtliche Kreisämter deS Großberzogthnms ist wegen des geringen Ertrages der KartDelernte in einigen Gegenden des Landes der An­kauf von Kartoffeln zum Branntweinbrenne» und zur Starkemehlbcrettüug, gleichviel ob solche Verwendung innerhalb oder außerhalb des Landes geschehe, bei Strafe verboten. Dieses Verbot tritt augenblicklich in Kraft. (Ein ähnliches Verbot wurde vor zwei Jahren erlassen.)

Weinheim, 14. Oct. Die Weinlese wird vorbe­reitet. Man erwartet einen trinkbaren Wein, aber, mit Ausnahme des rothen, nichts prcisbarcs. Aepfelwein gibt viel, aber nicht erster Qualität. Von den im El- scnbahnprozcß Angeklagten sind mehrere ärmere Leute der Haft entlassen, dagegen wurden jMuzig Entflohene in öffentlichen Blättern ausgeschrieben. Dieser Aus- schrcibuug gemäß handelt es sich um eine Hochverraths-