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Nassauische Allgemeine Zeitung.

Hst: »43. Samstag den 15. ©stöber 18SH

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Fischers Adurtheilung der Jesuitensache.

T Der vormals Großberzoglich Oldenburgische Ge­heime Slaatsrath Dr. Fischer, seit Kurzem Fürstlich Lipp. Cabinetsminister, hat in den letzten Wochen ein Schriftchen erscheinen lassen, welches die Aufmerksamkeit des Publicums im hohen Grade verdient. Es führt den Titel: A b ur the i l un g der I e s u i t e n s a ck e aus dem Gesichtspunkte der historischen Kritik, des posi­tiven Rechts und des gesunden Mnischeuverstandes." Wir haben dieß interessante Werkchen mit möglichster Unbefangenheit gelesen, nach alten Seilen hin geprüft und müssen bezeugen, daß Dr. Fischer sich nicht nur als ein sehr berufener, sondern auch als ein ebenso scharfsinniger, besonnener und gerechter Richter bei Schöpfung seines Urtheils in dieser Sache bewahrt bat. Was uns am angenehmsten bei Durchlesung der Fischer'schcu Schrift berührt hat, ist der Muth mit wel> chem dieser Mann seine Ansichten in einer Zeit ausge­sprochen hat, in welcher man sich nach mehr als einer Seite hin der Verläumdung, Anfeindung und Verfolgung auSsetzt, wenn man die Wahrheit im Dienste derselben ausspricht.

Dr. Fischer hat seine Schrift, wie er selbst sagt, besonders für denMittelstand" geschrieben. Wir sind der Meinung, daß auch Leute aus dem sogenannten ge­bildeten und selbst dem gelehrten Stande dieses Luch nicht ohne Belehrung und Befriedigung lesen und 'aus der Hand legen werden. Besonders dürfte aber dieses Buch eines ausgezeichneten praktischen Staatsmannes, der die Schulen des Lebens seit einem halben Jahr­hundert mit Umsicht durchwandert hat, von leitenden Staatsmännern mit großem Vortheil gelesen werden.

Uns hat in dem Buche besonders die Absicht der religiösen Versöhnung besonders angesprochen.

Wir glauben uns die Leser dieser Blätter zu ver­binden, wenn wir aus dem Buche Einzelnes ausheben, was nicht zur speciellen Widerlegung der behandelten Anklagen gehört und allgemeine politische Ansichten und Wahrheiten enthält.

Geheimer Slaatsrath Dr. Fischer ist Protestant und erwähnt dieß mit folgenden Worten:Bei dem von mir unternommenen Wagestück, ein Richtcramt in einer Streitsache üben zu wollen, in welchem mein con- fessioneller Standpunkt von vornherein jeden Katholiken berechtiget, mir die Einrede der Juhabilität entgegen zu setzen, kommt mir gar nicht in den Sinn, auf Unpar­teilichkeit Anspruch zu machen. Im Schooße der prote­stantischen Kirche geboren und erzogen, der Abkömmling einer Reihe seit dem Beginn der Reformation im Kir- chcndienst angestellter Vorfahren, finde ich mich am we­nigsten bestimmt, meine beharrliche Anhänglichkeit an den protestantisch evangelischen Lehrbegriff zu verläugnen und werde mich jeder Zeit allen redlichen Kämpfen für die Rechte des Protestantismus treu und offen auschließen!"

In seinem Vorwort sagt Fischer:Zwei Schlag­wörter, U l t ramo n ta uis m n s und Iesuitis - muS so unklar in ihrem Begriff.als aufreizend in ihrem Ausdruck, haben sich in feindlicher Steigerung teutscher Zwietracht zu wirklichen Machtwörtern erhoben. Die politische Partei, welche sich mit dem Aushänge­schild der alleinigen geistigen wie bürgerlichen Freiheits- Vertretung brüstet, hat diese Wörter als Schreckens- rufe benutzt, um für die Erregbarkeit des Volkes, bei welchem die früheren Lärmrufe: Absolutismus und V o l k s k n e ch t u u g ihre Resonanz verloren haben, durch ein neues Schiboleth zu sorgen, welches durch seinen mystischen Klang das Volk in ewiger Spannung erhält. Diese Partei hat ihre Macht verstärkt durch den Bei­tritt einer nicht geringen Zahl Scheinkatholiken, die sich in ihren äußeren Formen zwar zur katholischen Kirche hält, mindestens nicht ihren Austritt aus der­selben und Uebertritt in eine andere offen ausspricht, aber es vorzieht, nur eine Negation des römischen Kirchenthums mit einer beliebigen Dosis Nationalismus sich zum Glaubensbekenntniß zu machen und zur Schau zu tragen. Die kirchlich conservativen Katholiken finden in diesem Anschlusse ihrer nominalen Glaubensgenossen an die protestantische Schilderhcbung nur einen frivolen Versuch, der sich unter dem Scheine einer abgedrungenen Vertheidigung und Nothwehr gegen specielle ge­hässige Organe der römischen Kirche, das herrsch, süchtige Papst- und Priesterthum verbirgt, und sehen dann in dem Protestantismus nur eine mit ihren Ab­trünnigen verbundene Partei, um die Altäre wie Throne umzustürzen. Das sind ebenso betrübende als Hochbe- sorgliche Erscheinungen in einer Zeit, wo ohnehin der

Zwiespalt der politischen und materiellen Interessen das Wohl des teutschen Vaterlandes von allen Seiten mit bedrohenden Gefahren umgibt. Zu verkennen ist nicht, daßUltramvutauiSmu^ und Jejuitismus" zwei unter das Volk geschleuderte Kraftworte sind, deren Laut bei der dem Laienstande so ganz uucrfaßlichen Bestimmung deS Begriffs nur ein verworrenes Ncbelbild von zwei die geistige Freiheit und den Protestantismus gefähr- denden Zuständen audeutet, und wie alle Schreckbilder die Gemüther um so mehr zu ergreifen geeignet ist, als dadurch mehr der ^bau Liste wie der nüchternen VerstaudeAanschauung Spielraum gegeben wird. Darum ist Klarheit und Enthüllung der Wahrheit aus dem Wirrsal einer phraseureichen Polemik in dieser Materie dringendes Bedürfniß."

In einer Anzabl von Schriften und Brochüren ist von einer nicht geringen Zahl aufdringlicher Sach­walter des Protestantismus eine Reihe Anklagen gegen die kalh. Kilchenpartkl erhoben worden. In der Form hat man sich in Ausdrücken der gemeinsten Schmäh- sucht fast erschöpft. Ich habe die unbegreiflichsten Er­fahrungen erlebt, welche gespenstige Zauberkraft das Wortultra montan" auf die billigsten und gc- mäßigsten Männer üben, wie es selbst auf die beson­nensten Staatsmänner störend einwirken kann, und doch möchte ich bezweifeln, cb man sich darüber eine klare Rechenschaft zu geben weiß, worin denn eigentlich daS Schreckliche dieser Eigenschaftliege. Noch nie standen die Päpste auf einer niedrigeren Stufe der Macht, und dennoch ist in der Jetztzeit die Aeugstlichkeit vor der päpstlichen Hierokratie zu einer wahren Idiosynkrasie gestiegen, die in jedem päpstlichen Breve eine Citation nach Canossa zu einer Steigbügelpartei argwöhnt."

Ich mache mir über den Erfolg dieser Schrift keine Täuschung. Ich kann nicht erwarten, durch diese Dar­stellung den unseligen Jesuitenlärm beschwichtigen zu können, der öffentlichen Meinung eine» Umschwung zu geben, den RechtSsinn im Volke anzuregen, denn da will man nicht Gerechtigkeit, sondern Opfer. Allein ich hoffe doch auf einen und den andern Leser'zu stoßen, dessen Gemüthsmilde für die Sorge empfänglich ist, was daraus entstehen soll, wenn man jetzt, wo die drohenden Umgebungen alle Regierungen und teutschen Stämme zur Eintracht mahnen, die leichtsinnigste Fri­volität walten läßt und durch Spott und Hohn die Gemüther zur Erbitterung treibt, die man doch so lange mit der in der deutschen EinhcitSidec verbundenen Brüder­lichkeit gar schmeichlerisch zu kirren suchte."

Dr. Fischer bespricht in dem §. 1 seines Buches den Geist der politischen Volksstimmung in Bezug auf Religiosi­tät und Kirchenwcsen und sagt hier namentlich:Der Geist deS Ucbermuthes und der Hoffarth, der sich seit 25 Jahren der Mittelstände Teutschlands bemächtigt und im Gebiete der Politik einen so recht wilden Tum- melplatz gefunden hat, ist, Dank sei es der Ermaunung der Machthaber, ziemlich in seine Schranken gewiesen. Im Bunde aber mit seinen bösen Gesellen, der Zwie­tracht und Volksverführung, sucht derselbe jetzt auf dem religiösen Boden seine menschenfeindliche Macht zu üben und die Entzweiung, welche ihm in den st a a t- l i ch e n Zuständen im Wesentlichen mißlungen ist, nun auf die kirchliche« zu übertragen.

Daß der sittliche Verfall des Volkes größtentheils der gesunkenen Macht der Kirche und deS positiven Re­ligionsglaubens beizumessen ist, darüber sind die Män­ner, welchen die Leitung der Staatsrüder auf dem Grund einer von dem göttlichen Gesetz angeordneten Autorität verliehen ist, die rechten Thronbesitzer von Gottes Gnaden wohl durch reiche Erfah­rungen hinreichend belehrt worden. Daß in der Er­starkung der Kirche auch die Festigung der Throne und Obrigkeiten einen sichern StlWpunkt erhalte, gilt seit 1000 Jahren selbst als erpreßter Erfahrungssatz und besonders ist es die monarchischè Regierungsform, welche im treuen Bunde mit der Kirche in wechselseitiger Stütze immer den sichersten Halt gefunden hat."

Das von dem Demokratenkampf in den Zustand der Ermüdung gesetzte und kaum zur Ruhe gebrachte Volk wird nun aus's Neue auf einen andern Tummel­platz gefordert; die politische Zwietracht, aus das Ge­biet der consessionellen geleitet, ist bereits bis zur Stärke eines religiösen Fanatismus gesteigert, der in seiner tollen Verbissenheit der Vernunft wie dem Recht jeden Eingang verschließt. Es sind nicht mehr jene theologi­schen Zänkereien, von welchen nur im Kreise deö theo- . logischen Gelehrtenstandes Notiz genommen wurde, so«, dern der Kampfplatz ist geflissentlich in die Regionen des halbgebildeten Mittelstandes verwiesen, wo der an-

maßliche Halbverstand nur noch einer Dosis feimj Eitelkeit schmeichelnder Gemeinplätze und vulgärer R^ densarten von geistiger Fesselung, systematischer Volk^ oeibnmmiing ii. dgl. bedarf, um sich in den cömplete Unverstand zu verkehren.

Zu keiner Zeit können Religionszwiste unbequeme und unheilvoller für das Wohl deS Ganzen wie Einzelnen auftreten, als in der UebergangSperiodc an^ dem Zustande gewaltsamer Bewegungen in den d^ Ruhe, wo noch zuviel Säure in den Gemütbern d Parteien vorhanden ist, um nicht durch den Zutri' neuer Reizmittel Reaction, wenn auch in anderer For^ besorgen zu lassen. Es dürfte daher um so mehr / der Zeit sein, daß jeder, dem cs gegeben ist, solche- gefährlichen Richtungen der Gegenwart mit der Wafi des Geistes und der Erfahrung entgegen tritt."

Im Eingang deS §. 2 sagt Dr. Fischer:D^ die entschiedenste Zahl der von ächter Vaterlandslies beseelten Männer die Belebung des religiösen Gefüh, der Staatsbürger als daS nächste Bedürfniß deS so tf verwundeten Staatskörpers anerkennt, leidet so wenigs Zweifel, als die Ueberzeugung, daß sich für solche B, lebung in dem Einfluß der Kirche das ersprießlichs Hülfsmittel findet und daher jede die Kirchlichkeit' dcrnde Maßregel möglichste Unterstützung erwarten dar

Gottes Rathschlnß hat cS zugelasseii, daß die chrix, liche Kirche sich in Teutschland in mehreren Richtung!^ gespalten hat, deren jede ihre Bekenner verpflichtet, ir ihren Eigenthümlichkeiten festzuhalten. Alle stützen si' auf die heilige Schrift als einer göttlichen Offenbarung ' quelle, und unterscheiden sich nur in der Auslegung dc^ selben, je nachdem die eine mehr dem gläubigen G wüthe, die andere mehr der urtheilenden Vernunft b Uebcrgkwicht einräumt. Keine Partei sagt sich vo^ Glauben, keine von der Vernunft los, nur r Auffassung einzelner Lehren wird in den verschieden^ Lchrsystcmcn auf verschiedenen Wegen gesucht.

Das Gebot der, christlichen Liebe und Demuth, b' beide Parteien nach Vorschrift des Christenthums a' das Höchste anerkennen, sollte aber jeden aufrichtig' Anhänger der Christuslehre zur Achtung jedes Kirche' systcukcS nöthigen. In diesem Geiste wird der Pror staut in der Glaubenslehre der katholischen Kirche eic seit 18 Jahrhunderten in ihren wesentlichen Satzung' unverrückte feste Gestaltung zu ehren haben, für der' Wahrheit Millionen der verständigsten und edelE Menschen Gut und Leben eingesetzt haben und meld bis diese Stunde noch Millionen im tiefsten ®run[ der gewissenhaftesten Ueberzeugung bewahren."

(Fortsetzung folgt.)

Lur arientalischen /rage.

* Nach den nunmehr vorliegenden Mittheilinigen i ministeriellenOesterreichischcn Korrespondenz" und d officiellenDresdener Journals" steht eS fest, daß 1 Aufforderung an Fürst Gortschakoff, binnen vierze Tagen die Donaufürstenthümer zu räumen, widrige falls der Krieg beginnen werde, am 4. October Di Constantinopel abgegangen ist. Das Kriegsmanif wurde am 5. in Constantinopel veröffentlicht, und b türkische Courier mit demselben am 13. in Wien e wartet. Ob die mittlerweile in der türkischen Hauptsta eingetroffeiicn Nachrichten aus Olmütz eine günstige Wendung der Dinge bervorzurufen geeignet waren, wr den unS wohl erst die nächsten Berichte lehren; die t heute darüber verlauteten Gerüchte dürfen daher eb nur als solche hingeuommen werden.

Die letzten Nachrichten aus der Türke sagt dieN. Pr. Z.", geben nichts NeueS. Die eige, liche Kriegserklärung gegen Rußland ist noch nicht ( folgt; zunächst hat die Pforte nur die Räumung d Donaufürstenthümer gefordert. Diesem Verlangen wi Rußland natürlich nicht Nachkommen. Wenn dann no 15 Tagen die Pforte eine Kriegserklärung wirklich c folgen läßt, so wird sie doch schwerlich die Dona überschreiten und die russische Armee angreifen wollet gewiß aber würde sie cs nicht können. Rußland ab wird nicht daran denken, weiter vorzudringen, denn se Kaiser will, wenn irgend möglich, den Frieden erhalte Was Frankreich augeht, so glauben wir nach zuverläs gen Nachrichten versichern zu können, daß auch Lou Napoleon dringend wünscht, daß der Friede n i ch t g stört werde. Zunächst steht also kaum ein localer, g wiß kein europäischer Krieg bevor.

Nach den von der Patrie veröffentlichten Mitthe nngcn aus Constantinopel vom 1. Oct,