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Nassauische Allgemeine Zeitung.

TV' SSS Dienstag den 11. Vetoder 1SS3.

Die,,N«ssau,schk Allgemeine Zeitung" mit dem belletristischen BeiblattDer Wanderer" erscheint, Sonntag« ausgenommen, täglich und b-trö^t der PrännmeratiostSpreiS für Wiesbaden und , nach dem neuen Postregulaii« nnnmebr auch für den ganzen Umfang des Tdurn- und TariS'schen Verwaltungsbezirks mit Inbegriff des PostaustchiagS 2 (1., tät die >,»---«> 'ander de ' lwiitt»«#ffcn -ichischen PostvereinS, wie für daS AuSland 2 ff. 24 fr. Inserate werden die merspaiiig Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in der Buchhandlung von W. Friedrich, Langgafft 42, auswärts bei den nächstgelegenen Postämtern, zu machen.

Jur orientalischen Frage.

DieAngsb. Allg. Ztg." glaubt, auf neueste Mit- Heilungen gestützt, behaupten zu dürfen, Folgendes sei die dermalige Lage der orientalischen Frage: Man hatte in Wien und Berlin die Hoffnung noch nicht aufgcgeben, daß in Constantinopel die neuesten in Olmütz gemachten Zugeständnisse des Czaaren den Entschluß, die Zukunft der Pforte auf das Waffenglück zu stellen, rückgängig machen könnten. So schwach diese Hoffnung sein mochte, man bult an ihr noch fest, um- fomehr, als ein etwaiges Einlaufen der gelammten französisch englischen Flotte in die Dardanellen zu den größten Verwicklungen fuhren und den Streit wirklich ' zu einem europäischen machen müßte. Man urtheilte l darüber in Wien und Berlin wie in Petersburg also: I ob die Besetzung der T onansiusteuthümer eine Verletz- ung der zwilchen Rnsckand und der Türkei bestechende» Beiträge sei, modle Die Türkei, und nur sie, cuffchei- den; sie mochte mit Krieg oder Frieden darauf antwor­ten. Sie zog den Frieden und Fortsetzung der Unter- Handlungen vor. Die vier Großmächte vermittelten diese Unterhandlungen; sie erkannten also noch weniger als die Pforte in jener Besetzung einen Casus belli. Rußland nahm die ihm von den vier Großmächten ge­machten Vorschläge an und erklärte sich in Olmütz be­reit, eine weitere beruhigende Erklärung über die Worte der auszuwechselnden Note zu geben. Oesterreich und Preußen stützen auf diese Zusagen die weitern Unter­handlungen , während Frankreich und England wenig­stens ihr Miltleramt fortzusetzen versprechen. Senden sie aber, während Dieß geschieht, ihre gesainnite Flotte vor Constantinopel, so ist Dieß nicht blos eine Bedro­hung Rußlands, cs ist ein Bruch deS europäischen Ver­trags, dessen Mitcontraheuten und Mitgaranten Oester­reich und Preußen sind. Diese aber haben ihre Zu­stimmung zur Aufhebung jenes Vertrags nicht gegeben, sie protestireu gegen jede Verletzung desselben und ha­ben bis jetzt daS Einlaufen einer Anzahl Kriegsdampfer (noch ist kein Linienschiff innerhalb der Dardanellen) nur als eine Schutzmaßregel für die Christen in Con- stantiuopel und als Dcckungsmittel des Sultans gegen innere Meuterei gestattet. So wie ans dieser Handlung des Schutzes eine förmliche Occupatio» jener durch Eu­ropa für neutral erklärten türkischen Gewässer würde, so wäre dies eine Verletzung aller andern europäischen Mächte. Alle Welt ist damit einverstanden, daß das Interesse Europa's fordere, daß das colossale Rußland nicht Constantinopel und die Meerenge besetze, welche den Schlüssel dreier Welttheile bildet; aber was für Rußland gilt, gilt auch für England, da das colossale England, im Besitz jenes entscheidenden Weltpunktes, Las s. g. Gleichgewicht noch mehr stören würde als Ruß­land, denn Rußland steht vor lauter durch die Natur oder die politische Geographie geschlossenen Meeren, während England alle MecreSschlüssel der fünf Welt­theile inHänden hat. Am wenigsten in Wien darf man diese Seite der Frage übersehen, und wir können ver­sichern , daß man sie nicht Übersicht."

DieZeit" spricht sich an dcr Spitze ihres Blat­tes vom 7. d. wiederum unumwunden fürPreußens Neutralität" aus. Oesterreich, schreibt man der K. Z., bietet Alles auf, soweit seine Allianz mit Rußland eS eben zuläßt, einen Krieg zu hintertreiben. Das wiener Cabinet arbeitete daher gleich nach der Ablehn­ung des wiener Vermittlungs-Vorschlages einen neuen Entwurf aus, in welchem die von der Pforte gewünsch­ten Abänderung berücksichtigt waren. Dieser neu for- mirte Vorschlag wurde den Großmächten mit einer er­klärenden Note überreicht und die Zustimmung nachge­sucht. Diese ist von England nicht ertheilt. England hat den Vorschlag zum Beginn neuer, gemeinschaftlicher Berathungen gemacht. Diese werden daher wohl in Wien bereits im Gange sein.

Ueber die auf telegraphischem Wege bereits gemel­dete große Divansitzung meldet ein Korrespondent der Presse":Der Divan erklärte, daß nach den jetzigen Umständen ein energisches Auftreten gegen die Russen zwar am rathsauisten wäre, aber der Divan überlasse es dem eigenen Ermessen des Sultans, wann, und in welcher Weise dieses zu geschehen habe. Der Sultan hat in seiner Antwort keine Verpflichtung übernommen und den Divan dahin bcschiedcn, daß er für das Wohl des Reiches unablässig bemüht sei und gewiß nichts ver- nachlässigen werde, was die Ehre und Würde seiner Krone erheische."

DasJournal de Constantinopel" vom 24. sucht, wie cs scheint, auf die bevorstehende Katastrophe vor­

zubereiten. Es faßt, wie natürlich, die Lage der Dinge vom türkischen Gesichtspunkte auf. DaS russische Ca- buict, in ei ul es, naite die '^sfl-nugen aller 'lßelt g c - täuscht, indem die von ' den vier Großmäeplen als billig, folglich als a u n e h in b a r a u e r k a u u te n Modisicaiionen des Wiener Ansgleichuiigs Entwurfes z u ck ge w ie se». Es forderc die Großmächte zur Hilfeleistung auf. Die revolutiemücii Leidenschaften,

sagt das Dugimiugooigan, feien beièih auf allen Punkten losMrechcn. Die Pforte (fährt es in feinen Ent- hWungrn fort) habe, im Berl rauen auf die Ueberein­stimmung der Mäckte , geduldig die Verletzung ihres Gebiets Mud) die rnfsuchen mit angesehen und sich durch die ungcicaaen KsrdcMigen des Petersburger Hofes zu keiner anßeiordenilicheu Maßnahme hinrclßen lassen; allein die Zeit verstreiche, die Opfer steigern i ich m I r jede m Ta g e uni) die Türkei leide so empsiichlich und mehr noch, als die mit ihr verbündeten Siaaken.

Tei Nat.-Ztg. wird aus E o "stau t l n ope l vom 26. v. M., im theilwcisen Widersprüche mit Mn Nach­richten der ofsiciellcu österr. Correspoudciiz, geschrieben: Die Würfel sind geworfen und bald wird auch der Rubicon Merfchlltten sein. Morgen erwartet man die amtliche Kundmachung der Kriegserklärung an Ruß­land, die Verlesung des betreffenden Fe-mans in den Moscheen und die Mittheilung desselben an die Gesandl- schaften. In die Lager der beiden großen Arineccorps soll er bereits abgegangen sein. Dieser vcrhängnißvolle Schritt ist daS Ergebniß wiederholter Minister - Bern thungen, die im Laufe dieser Woche einander folgten und in der großen Divans-Sitzung, welche gestern ab­gehalten wurde, ihren vorläufigen Abschluß erhielten. Derselben wohnten gegen 300 Würdenträger geistlichen, bürgerlichen und militärischen Standes bei, die alk ein­stimmig den Beschluß faßten, an den bekannten Modi- ficationcn des Wiener Notenentwurfes unter allen Um­ständen und um jeden Preis festzuhallen. Auch der Sultan hat bereits seine Zustimmnug gegeben, freilich mit schwerem Herzen, aber der sich immer unabweis- licher aufdrängenden Ueberzeugung nachgcbend, daß er nur an der Spitze der KriegSpartei noch Oberhaupt des Staates bleiben könne. Indessen sind, so unglaublich es klingen mag, alle L8ege friedlicher Verständigung noch immer nicht verschlossen. Herr Argyrovulos weilt hier und man weiß, daß er den Auftrag hat, auf die Entschließungen des türkischen Ministeriums direct ciu- zuwirken. Für die Sicherheit der Fremden ist, falls der Krieg wirklich anöbricht, durch die Anwesenheit zahlrei­cher Kriegsdampfcr aller Flaggen (im Ganzen mögen es 14 sein, darunter auch eine preußische Dampffrcgattc) hinlänglich gesorgt. Nach einem anderen Schreiben d. Bl. dauert der Uebergang von russischen Truppen über den letzteren Strom, nach der Moldau, ohne Unter- brechung fort. Man schätzt die in diesem Augenblicke zwischen der unteren Donau und dem Pruth versam­melte russische Waffenmacht auf weit höher als 100,000 Mann , was, unter Einrechnung der Reserven auf die Anwesenheit von mindestens zwei bis drei Jnfanterie- CorpS schließen läßt. Die Witterung, die bereits recht herbstlich geworden war, und unS vielfach Regen und skhr kalte Winde aus Norden und Nordosten beschrerte, ist seit einigen Tagen in ein mildes Herbstwekter umge­schlagen und verspricht militärische Operationen noch aus sechs Wochen hinaus zu begünstigen. Rußland wird sich darum, wenn es seine Operationen noch in diesem Jahre zu eröffnen gedenkt, demnächst entschließen müssen; zwei Monate später werden die Wege sowohl in der Bulgarei, als ganz besonders im Bereich des Balkans, unpracticabel geworden sein. Darum scheint auch der Schluß gerechtfertigt zu sein, daß ein etwaiger Krieg in diesem Jahre nicht mehr zur Entscheidung gebracht wer den kann.

Ein Berichterstatter der Wiener Presse meldet aus Constantinopel, 26. Sept.:Reschid Pascha hat dem französichen und englischen Gesandten in ciner Konferenz erklärt, daß der Sultan geneigt wäre, die Wiener VermittelungSnote nach dem Vorschläge des Czaren anzunehmen, wenn die Gesandten den Kai­ser zu folgenden Bedingungen bewegen würden: 1) Der Czar verpflichtet sich in Zukunft nicht in die Angelegen­heiten der griechischen Unterthanen des Sultans einzu- mischen, wogegen natürlich der Sultan die bisherigen Rechte der griechischen Kirche in der Türkei unangetastet läßt. 2) Rußland steht von jeder Forderung zum Er- satz der Kriegskosten ab. 3) Der Kaiser versuchtet sich, ungesäumt die Fürstenthümer räumen zu lassen, zum mindesten die Truppen in die Moldau zurückzuziehen. Die Gesandten der Westmächte, die während der letzten

i Tage öfter Konferenzen mit dem österreichischen und ! dem »reußischen Gesandten gehabt Hattefi, sandten in I Fache dieser Eröffnmigeu Reschid Paschas Couriere an . ihre Negierungen, und es ist nicht felfr wahrscheinlich, j daß die Kriegspartei, trotzdem daß sie gestern im Divan eine e i u st i m miße Ausforderu ii g an den Sultan, sich in keine Untei Handlungen Mehr ciuzulassen, durch- gesctzl bat, es dahin bringen sollte, daß noch vor An­kunft dieser Rückantworten aus Paris und London ir­gend ein entscheidender Schritt gewagt würde. Würde

statt des gegenwärtigen Siiltai s sein Vater auf dem ? Thron sitzen, so hüte eine solche Aufforderung schon f zu einem ^ufiUrfen der heiligen Fahne, oder zu einer < offenen Krie^seikmrung gefühlt, bei Abdul-Med- : i ch I d k a II n m a N a b e r b e r f i ch c r t s e i n , daß, j o l a u g e nicht a l! c ii u r möglichen Mittel d e r A u s gIei ch u n g erschöpft sind, auch der K r i e g n i ch t b e g i u it e u w i r d.

Zur Verständniß über den angeblich erfolgten Act der Älissteckung der Prophetenfahne in Constantinopel Nhite Folgendes dienen; Die Prophcteufahnc (Blut­fahne) wild auf der Sophien Moschee anfgepflanzt, sie ruft nach dem Koran zum Hungen Vernichtn ngskaMpse gegen alle Ungläubigen (Christen) auf. Jeder waffen­fähige Mann ist verpflichtet, in den Kampf zu ziehen. Der Todtschlag eines Christen ist von diesem Augen blick an eine geheiligte Sache. Nach einer schon vor längerer Zeit hierher gelaugten Mittheilung einer ®C' sandlschafk wird diesmal der Mufti in allen Moscheen verkünden, daß die Piophctenfahne nur gegen die rus­sischen Ungläubigen zum Kampfe rufe. Diese Maßre- ! gd wurde durch die Nothwendigkeit der Schonung der türkischen Bundesgenossen geboten. Nach verläßlichen Berichten aus der Türkei glaubt man, daß die Fahne bis zum 30. auSgesteckt sein werde. Der im Hafen von Constantinopel befindliche österreichische Kriegsdampfer hat die Bestimmung, alle österreichischen Unterthanen in diesem Falle in Sicherheit zu bringen. Nach ei­ner , einem Wiener Großhandlungshanse zugekommenen Depesche von Constantinopel (29. Sept.) hat sich, wie dieCvp. Ztgs. Corr." berichtet, schon an diesem Tage ein großer Theil der in Constantinopel befindlichen Oe­sterreicher und Preußen auf die bereitgehaltenen zwei Kriegsdampfer cingeschifft. Dem entsprechend behaup­tet ein Wiener Correspondent derK.Z.": Wie ich be­reits unterm 3. d. Mts. Sie vorbereitete, flattert feit dem 29. Sept, in Constantinopel die heilige Fahne des Propheten von der Sofia herab, die Gläubigen zum Vernichtungokampfe gegen die Gianrö rufend; in allen Moscheen aber predigen die Mnezzims, daß die heilige Fahne diesmal nur darum aufgesteckt worden sei, um die Vertilgung der moSkowitischen Giaurs zu bewirken, welche auf die übrigen Bundesgenossen der hohen Pforte Engländer und Franzosen, sich nicht zu erstre- cken habe. Der österreichische Juternuntius, Baron v. Bruck soll sich mit dem Gesaudtjchafts-Persoual auf den im Hafen vor Anker liegenden österreichischen Dampfer Custozza zurückgezogen haben, (?) der auch alle übri­gen österreichischen Unterthanen in Sicherheit bringen wird. Die eiste Depesche über alle diese Vorgänge er­hielt Sonntag den 2tcn Octobcr schon der hiesige eng­lische Gesandte, Lord Westmoreland, der sie den übri­gen diplomatischen Kreisen miklheilte, wo sie die allge­meinste Ucberraschnng um so mehr hervorgerufen haben als kaum einige Stunden vorher ein beruhigender offt* cicller Artikel derOesterreichischeu Corrcspondenz" er­schienen war.

Wir müssen diese Nachrichten abermals als leere Gerüchte bezeichnen. Auf außerordentlichem Weg in Wien angelangten Nachrichten aus Con­sta n t i u o p e l v o m 30. S c p t. melden nämlich, wie der A. A. Z. berichtet wird, daß der Sultan der vom Diva» beschlossenen Kriegserklärung die Sanction zwar noch nicht ertheilt hatte, daß man sich aber im Ministerrath daselbst mit der Redaction und dem Er­laß des betreffenden Manifestes eifrig beschäftigte das zugleich mit der förmlichen Kriegserklärung veröffentlicht werden soll. Ferner machen wir darauf aufmerksam, daß die Oest. Corr., wie wir gestern mitgetheilt haben, noch am 7. d. einen zweiten die Friedenshoffnungcn als begründet darstellenden Artikel veröffentlicht hat, nach welchem eine Kriegserklärung noch nicht erfolgt)esp. bis zum 7. Oct. von einer solchen in Wien ofßciell noch nichts bekannt war. Zum Ueberfluß verweisen wir auf die oben erwähnte Nachricht derPreffe" über den Beschluß des Divans und die vom Sultan hierauf er­theilte Antwort. Die.democratische Nat.Z. und die russisch- feindliche Köln. Ztg., welche im Geiste die Fahne des