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Nassauische Allgemeine Zeitung.

^ SSS Donnerstag den 29. September 1SS3.

Bestellungen auf das vierte Quartal der Nassauischen Allgemeinen Zeitung werden baldigst erbeten.

Die,.Nassauisch« Hllgcmrine Zkltlinft" mit dem bcllrkristischen BeiblattDer Wanderer" erscheint, Sonntag- ausgenommen, täglich und beträgt der PrânumeraiionSpreiS für Wiesbaden und , nach dem neuen Poftregulativ nunmehr auch für den ganzen Umfang des Lburn- und TariS'schen Verwaltungsbezirks mit Inbegriff des Postausschlag- 2 st., für die übrigen Länder des deutsch-österreichischen PostvereinS, wie für da- Ausland 2 st. 24 tr. Inserate werden die Vicrspaltig Petitjeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in der Buchhandlung von W. Friedrich, Lauggaffe 42, auSwärtS bei den nächstgklegenen Postämtern, zu machen.

Netigion und Revolution.

(Aus Wolfgang Menzel's Literaturblatt-)

Allenthalben bört man Klagen über die zunehmende Verderbniß des Volkes, und wünscht sehnlichst, das Volk möchte sittlicher und frömmer sein. Zumal seit dem Auf- tauchen der Demokratie im Jahre 1848 und 1849 sind Viele, die sonst gern mit Liberalismus kokettirten, scheu geworden und möchten gerne die wilde Flutb wieder ein- gedämmt sehen. Run hat sich die Kirche, wo sie wieder zu Ansehen gekommen ist, in beiden Confessio- nen offenbar als das wirksamste Mittel erwiesen , das Volk dem Einflüsse der unbändigen Demokratie zu ent- ziehen. Denn wo in katholischen Landen das Volk fromm und gläubig war, da war eS auch gegen den Thron ehrerbietig und loyal: Ganz dasselbe zeigte sich auf protestantischem Gebiete, wo die alte Gläubigkeit und Zucht noch nicht ganz verschwunden oder durch den so» genannten Pietismus ein neues kirchliches Leben, wenn auch nur in engeren Kreisen, aufgegangen war. Die re­volutionäre Wutb, verbunden mit Völlerei, bestialischer Roheit und Gotteslästerung, gab sich überall nur bei den Bevölkerungen kund, die der Kirche- und auch der Privatfrömmigkeit längst entfremdet und zwar zum Theile durch den Staat selbst künstlich entfremdet waren. Denn der Staat selbst hat sich die schwere Wunde ge­schlagen durch seine Diener, indem er den antichristli- chen Geist in die von ihm organisirte Schule pflanzen ließ und der Kirche direct damit entgegeutrat. Trotz allen diesen schlimmen Erfahrungen aber ist dasgebil­dete Publicum" in Deutschland auch heute noch, wäh­rend es kaum noch über die Verwilderung und Gottlo­sigkeit des Volkes geklagt hat, gleich wieder bereit, über die Bischöfe , Pfaffen, Pietisten rc. zu schreien, wenn sie sich daS Recht anmaßen, wieder bessere Zucht unter eben dieses Volk zu bringen. Und die Bureaukratie, die für das gesummte Volk Verstand zu haben präten- dirt, weiß sich eben so wenig in die Sache zu finden, und anstatt sich mit der Kirche in ein angemessenes Ver­nehmen zu setzen und Hand in Hand mit ihr die los­gelassenen Dämonen der Zeit zu bewältigen, nimmt sie die geringste selbstständige Regung der Kirche als Am­bition, hält Alles, waS von dieser Seite selbst im In­teresse des Staates geschieht, sobald es von der Kirche allein ausgehen soll, für einen Eingriff in die Befug­nisse des Staates und bekämpft es als Rebellion, zur innigsten Freude der wahren Rebellen, welchen Staat und Kirche gleich verhaßt ist und die unter loyaler Maske mit gegen die Kirche hetzen helfen.

In der That kann der Revolution, die den Staat wie die Kirche Umstürzen will, nichts will­kommener sein, als der Conflict zwischen Staat und Kirche. Daraus folgt aber, daß für den Staat nichts mißlicher ist, als sich mit der Kirche zu überwerfen und wegen Dingen zu überwerfen, in denen die Kirche nicht nur wenigstens zu einem guten Theile, (wenn man die Frage auch nur als gemeine Rechtsfrage behandelt) Recht hat, sondern auch (wenn man von einem höheren politischen Gesichtspunkte aus­geht) noch insbesondere dem Staate dient. Denn durch das Ansehen der Kirche allein vermag auch daS des StaateS aufrecht erhalten zu werden. Jede Herabwürdigung und Mißhandlung der Kirche durch den unverständigen Eifer der Bureaukratie schwächt den Einfluß, den die Kirche auf das Volk im wohlverstande­nen Interesse dcö StaateS ausüben soll.

Wenn nicht Wunder geschehen, so wird die revolu­tionäre Bewegung abermals anschwellen und die Zeiten werden w i e d e r k o m m e n, in denen die Regierungen abermals erfahren werden, daß die Treue bei den Gottesfürchtigen ist. Dann wird wohl mancherStaatsmann" bereuen, gegen das Phantom der Hierarchie gefochten zu haben, während die Revo­lution hinter seinem Rücken hohnlachend neue Waffen schmiedete. Die Staaten werden nicht eher Ruhe haben, bis die Kirche wieder hinreichendes Ansehen er­rungen hat, um Gottesfurcht und Gottvertrauen zurück­zuführen. Die Kirche allein ist der Arzt, durch welchen dieStaatskrankheit" geheilt werden kann. Nun warnt aber der in der Krankheit verborgene Dämon eifervoll Mid schadenfroh vor dem Arzt, und eS gibt Staaten,

die sich noch ängstlich an die Krankheit anklammern, nur um dem Ärzte zu entgehen!

Die Macht der Kirche ist in den letzten zwanzig Jahren außerordentlich gewachsen und zwar gerade durch die Revolution, denn je mehr diese ansschweifte, je frecher sie wurde, je mehr sie sich wider Gott selbst auflehnte, um so mehr Mußten reinere und bessere Ra- turen sich wieder zur Kirche hingezoM fühlen, Andere aber aus Entsetzen noch am Rande des Abgrundes reuig zu ihr ümkebren. Die Staaten haben diesem kirchlichen Auf s ch w u n g e Wenig V o r- s ch n b geleistet, ihn viel m ehr g e b e in m t. Die Revolution hat all ihr Drachengift gegen sie ans- gespieen. Die Kirche ist nur wieder mächtig geworden durch die Gaben des heiligen Geistes in ihren wiedcr- erweckten Bekenner». Sie konnte auf keine schönere Art ans ihren Ruinen wieder neu erbaut werden. Gott ist mit ihr, darum werden Alle, die wider sie sind, zu­letzt unterliegen.

Imgebildeten deutschen Publicum" aber und bei einem sehr großen Theile der Bureaukratie ist immer noch eine Abneigung gegen alles specifisch Christliche (in protestantischen wie katholischen Formen) bemerklich und das Vorurtheil, man könne auch ohne Kirche mit bloßer Humanität und Moral auSkomme», waltet immer noch vor. Im Namen des Protestantismus eifert man sich in einen glühenden Haß gegen die katholische Kirche hinein. Im Namen der Bildung glaubt man eben so das specifisch Christliche im Protestantis­mus selbst perhorresciren zu müssen. ES ist das meist nur die üble Gewohnheit einer im Nationalismus aus­gewachsenen Generation, die aus Bequemlichkeit nicht tiefer über die Sache nachdenken will. Viele find so verständig einzusehen, der gemeine Mann bedürfe noch der Kirche, wenn er nicht gällzUH verwildern solle, und nur diegebildeten Classen" seien berechtigt, sich von allem Kirchlichen zu emancipireu. Andere aber wollen noch immer nicht die Hoffnung aufgeben, auch den ge­meinen Mann durch Volksunterricht noch bis auf die Höhe des gebildeten Publicums schrauben zu können. Diese Stimmung kommt den destructiven Tendenzen um getneiij gut zu statten und ist der Revolution bisher noch in jeder Ruheperiode förderlicher als alles Andere gewesen. Mit offener oder geheimer Zustimmung des gebildeten Publicums" wird nämlich der Unglaube fort und fort in den tieferen Schichten der Gesellschaft ver­breitet, theils durch den Volksunterricht (wurzelnd in den meist vom nnchristlichen Geist durchdrungenen Schul- lehrerseminarien), theils durch die Presse, besonders durch die nichtswürdigen Localblätter. Die Zahl Derer, die nichts mehr glauben, wächst im Volke und nament­lich in der Jugend immer ungeheuerlicher an und ibr Unglaube äußert sich, wie es nicht anders möglich ist, in den rohesten und brutalsten Formen. Was katholi- sche und protestantische Gläubige dagegen wirken, wird vom Philisterthum nicht weniger als von der destructiven Partei verdächtigt. Wirkt die Kirche allein, ohne Zn- stimmung des StaateS, so glaubt man die fürchterlichste Hierarchie im Anzuge. Wird die Kirche vom Staate unterstützt, so schreiet das ganze Philisterium unisono mit der Demokratie über Reaction und Gewissenszwang. Unter diesen Umständen erklärt sich, wie nicht nur in der vormärzlichen Zeit Dr. Strauß, Ruge, Bruno Bauer das Christenthum bereits in Abgang decretiren, sondern auch. noch in der nachmärzlichen Zeit Männer wie Diesterweg, Gervinus rc. ihre Utopien nochmals zur Schau stellen konnten. Das Philisterinm, welches solchen Richtungen fort und fort seinen Beifall schenkt, weiß selber nicht, was cs thut, denn es will keine Revolution und arbeitet ihr doch in die Hände. Es gleicht der armseligen Grasmücke, die vor dem riesenhaften Kukukskiud in ihrem Reste beständig zittert und es doch mit dummer Liebe groß und immer größer füttert.

Von einem höheren Gesichtspuncte aus erscheint die­ses Treiben ganz rastlos und wie ein Wahnsinn. Man wird dabei an Schilderungen erinnert, welche uns die Propheten vom Volke Gottes hinterlassen haben. Dieselbe Verstocktheit und Blindheit, derselbe Trotz die­selbe Bequemlichkeit, dieselbe sich klug dünkende Thor­heit, derselbe falsche Eiser kehrt in unseren Tagen wie­der. Ueberall dient man fremden Götzen und Hofirt falschen Propheten. Daß eine große Zukunft bevor­stehe, glaubt Jeder, und man sucht den Messias, nur

da nicht, wo er ist. Man rechnet sich die Sünde als Tugend, die Gottlosigkeit als Religion an. Die Sün­den gegen den heiligen Geist waren noch zu keiner Zeit der Weltgeschichte so frech, als in her heutigen. Noch über hat jede Gottlosigkeit der Völker ihre furchtbare Strafe gefunden, und wird sie wieder finden. Der Tanmelkelch der Völker birgt in seiner Hefe den bitte red Tod. Man wild sehen, wie man ohne Gott und ohne Kirche anokommt, wenn die Revolution ihre letzten plntonischen Hebungen unter den Füßen der selbstgerechten Philister bcgin* n c n w i r d.

Deutschland.

* VöieSbaden, 29. Septbr. Gestern wurde zu Ehren Sr. Durchl. des Fürsten Georg Victor zu 2V a l d e ck eine große Parade abgehalten. Die Truppe» waren vor der alten Cvlvnnade, vor dem Kursaal, vor der neuen Colonnade und in der Wilhelmsstraße aus­gestellt. Nach 1 Uhr traf Se. Hoheit der Herzog, Höchstihm zur Rechten Se. Durchl. der Fürst zu Wal­deck in Begleitung des Prinzen Woll ad zu Wal­deck, der österreichischen Generale v. Pa umgarten und v. Langenau, des. Prinzen Wittgenstein und einer zahlreichen Suite ein. In zwei sechsspännigen Hofwagen befanden sich I. Durchl. die Fürstin Emma, I. k. Hoheit die Frau Herzogin Pauline, J. Durchl. die Prinzessin Sophie sodann I. H. die Frau Herzogin Adelheid unb I. Durchl. die neuvermählte Fürstin zu Waldeck; in zwei anderen Hofwagen die Hofdamen der Hohen Frauen. Se. Hoheit der Herzog ritt hier­auf gefolgt von den Equipagen und Seiner Begleitung die Fronte ab. Hierauf folgte der Vorbeimarsch der Truppen im Parade-- und Geschwind sch ritt. Die Ord­nung des Vorbeimarsches war folgende: Die Tete bil­deten die Schützen. Hierauf folgten die beiden Batail­lone der Wiesbadener, das Bataillon der Biebricher Garnison, die Pivuirabtheilnng und die Artillerie. Nach der Parade begaben sich die Hohen Herrschaften in das Palais am Berge.

Karlsruhe, 24. Sept. Nach einem Bericht dex Köln. Ztg." von hier zweifelt man nicht daran, daß der bevorstehende Landtag sich in der kirchlichen Frage zu Gunsten der Staatsregierung aussprechen wird. Der Zusammentritt der Stände erfolgt Mitte November.

Kurlsriihe, 26. Sept. DaS neue Regierungs­blatt bringt eine Bekanntmachung des Ministeriums des Innern vom 12. d., wonach 19 großherzoglich badische Tischtitnlaren am 10. v. M. zu Priestern geweiht und hierauf als Gehilfen in der Seelsorge angestellt wor­den sind. ,

Augsburg, 26. Sept. Heute Morgen ging der von München angekommene Eisenbahntrain zum ersten Male direcr nach Ulm ab, womit nunmehr die Ver­bindung mit dem Westen durch den Schienenweg factisch eröffnet ist.

Schweinfurt, 26. Sept. (Würzb. Anz.) Ein furchtbares Unglück traf heute die Bewohner Schonun- gcnS, eine Stunde von hier. Gegen 9 Uhr Vormittags brach in der Stallung des Maurermeisters Lorei Feuer aus. Durch den auS Nordwest wehenden Sturmwind augefacht, verbreitete sich das Feuer mit so außerordent­licher Schnelle, daß an ein Löschen nicht mehr zu den­ken, obgleich Hülfe schnell zur Stelle war. In vier Stunden lag Kirche, SchulhanS und alle Gebäude, Scheunen und Stallungen dieses schönen Dorfes bis auf 2 Wohnhäuser, welche vor dem Winde lagen, in Asche. Soeben verlautet es, daß beim Einsturz der Kirche 17 Personen verunglückt seien, sowie eine Wöchnerin mit ihrem Kinde, welche sich nicht retten konnte.

Aus Thüringen, 26. Sept. (Kass. Z.) Dieser Tage fand abermals eine Conferenz in Sachen der Werra-Bahn in Eisenach statt. Der Zweck der jetzigen Conferenz war, der Einladung zufolge die Aufstellung eines Planes wegen Beschaffung der nöthigen Geld­mittel durch Actienzeichnungen. So sehr mau übrigens in Thüringen die Realisirung jener Bahn wünscht, so ist man doch nicht ohne Sorge darüber, daß die Actien­zeichnungen so lange nicht in dem erforderlichen Um­fange stattsinden dürften, als nicht die betreffenden Staaten einige Garantie übernehmen, zu welcher aber dieselben bisher sich nicht verstehen wollten, und auch