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Nassauische Allgemeine Zeitung.

jV' 314. Montag Ära 12. September 4833«

DieNassauische Allgemeine Zeitung" mit dem belletristischen BeiblattDer Wanderer" erscheint, Sonntags ausgenommen, täglich und beträgt der PeäbumerânSpreiS für Wiesbaden und , nach dem neuen Postrrgulaii» nunmehr auch nr den ganzen Umfanfl des rbuin/nnd TariS'schen PerwaltungSbezirkS mit Iulngriff deâ PostausschlagS 2 ft, für die übrigen bänder re- deutsch- osterreianschsn PostnereinS, wie für daS Ausland 2 rl. u fr. Inserate werden die nierspal^g Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in der Buchhandlung von W. Friedrich, Langgasse 42, anSwärtS bei den nächstgelegenen Postämtern, zu machen.

Lkitungs'chau

Die Modifikationen des Wiener Notenenlwurfs. Wech­sel der politischen Temperatur in Berlin,

** Daß einzelne der Abänderungen, welche die Pforte in dem Wiener Vermittlungsvorschlage verlangt, eine weiter reichende Bedeutung haben, als man Anfangs zugeben wollte, wird jetzt, da dieselben in anscheinend authentischer Form Vorlieben, von keiner Seite mehr in Abrede gestellt. Nur darüber sind die Meinungen ver- schieden, ob diese Abänderungen wichtig genug sind, um ihre Verwerfung von Seiten Rußlands erwarten zu lassen. Ein englisches Blatt, dessen Urtheil wegen seiner Verbindung mit einem der einflußreichsten Mitglieder des englischen Cabinets Beachtung verdient die Morning Post" hält die Annahme der Abänderun­gen für unzweifelhaft, weil dieselben keinen andern Zweck hätten, als den wahren Sinn der Wiener Note mit grö­ßerer Klarheit und Deutlichkeit wiederzugeben. Der Kaiser von Rußland würde daher, da er sich mit der ursprünglichen Fassung einverstanden erklärt habe, keinen haltbaren Grund für die Ablehnung der Abänderungen cinführen können, weil der einzige Grund, den er anzu­geben vermöchte, der wäre, daß die frühere Unbestimmt­heit ihm einenSchlupfwinkel für Ausflüchte biete, um die Türkei zu übervortheileu!"' DieMorning Post" versichert, daß nur eine einzige der beantragten Abände­rungenmöglicherweise" ernstliche Einwendungen zu St. Petersburg Hervorrufen könne, und diese soll die fünfte fein, nach welcher bekanntlich der Sultan sich nur an­heischig machen will, den griechischen Cultus aller jener Vortheile theilhaftig zu machen, welche den übrigen der. Pforte unterworfenen christlichen Glanbeusgcnosseusckaf- ten bewilligt würden, während cs in der Wiener Note hieß, daß dem griechischen Cultus alle diejenigen Vor­theile zu Theil werden sollten, welche den übrigen christ­lichen Glaubensbekenntnissen durch Vertrag oder beson­dere Verfügung zugestanden wären. Diese Abänderung soll deßhalb nothwendig befunden worden sein, weil der ursprüngliche Wortlaut Rußland eine Veranlassung hätte geben können, alle diejenigen Vortheile in Bezug auf die Millionen Griechen in Anspruch zu nehmen, welche der Vertrag von Sistowa Oesterreich in Bezug auf die wenig zahlreichen Katholiken eingcräumt habe. Die Vortheile, welche Oesterreich durch den Vertrag von Sistowa erlangte, beschränkten sich auf das Recht, durch seinen Gesandten in Constantinopel zu Gunsten der Ka­tholiken im osmanischen Reiche Vorstellungen machen zu lassen. Nun ist eS allerdings nicht zu bezweifeln, daß das Recht der Vorstellungen, sobald dasselbe zu Gunsten einer Zahl von vielen Millionen auSgeübt wird, bei weitem wichtiger ist, als sofern cs bloß auf eine Zahl von wenigen Tausenden seine Anwendung findet; und die Weigerung der Pforte, Rußland jenes Recht zuzugestehen, erscheine daher wohl begründet, wenn das­selbe von Rußland aus keinem andern Grunde in An­spruch genommen würde, als weil Oesterreich durch den Vertrag von Sistowa ein ähnliches Recht erworben hat. Man darf aber nur oberflächlich mit der Geschickte der Beziehungen zwischen Rußland und der Pforte bekannt sein, um zu wissen, daß Rußland daö Recht der Vor­stellungen nicht etwa heute erst Ms etwas Neues in Anspruch nimmt, sondern daß cs dasselbe seit langer Zeit thatsächlich auSgeübt hat, ohne daß es der Pforte jemals eingefallen wäre, die Berechtigung streitig zu machen. DieZeit" hält jene Abänderung für wichtig, die dem Kaiser von Rußland zwar großmüthig das Recht zuerkennt, für die grieckische Kirche im Allgemeinen Sorge zu tragen , ihm aber das Recht absprechen will, seine Sorge auch auf die Angehörigen der griechischen Kirche im osmanischen Reiche auszudehuen. Wir begreifen voll­kommen die Unbequemlichkeit, welche für die Pforte ein Schutzrecht haben muß, welches ein auswärtiger Sou­verän über Millionen ihrer Unterthanen ausübt; und wir begreifen es daher auch vollkommen, daß die Tür. ken die größten Anstrengungen machen, um sich einer solchen Unbequemlichkeit zu entziehen. Für ein durch­aus vergebliches Bemühen aber halten wir es, wenn man cs versucht, diesen Zweck durch Wortdeuteleien zu erreichen; und wir setzen deßhalb nur sehr geringe Hoff, nuug auf die Bemühungen derMorning Post" und ihrer Gönner, das St. Petersburger Cabinet zu über­zeugen, daß es sich bei den von der Pforte beantrag­ten Abänderungen des Wiener Vermittelungsvorschlages nur darum handle, den wahren Sinn desselben mit größe­rer Deutlichkeit wiederzugeben. Bemerkenswerth sind die Schlußworte des erwähnten Artikels der Morning Post.

Wenn der Kaiser von Rußland versuchen, sollte, diese Abänderungen zu vernichten, so irre er sich, wenn er glaubt, daß dieselben nickt die Unterstützung der Groß-- machte für sich haben. Die Türkei hat nicht mehr ver­langt, als sie zu verlangen berechtigt war. Ihre Rechte werden mit un c r s ch ütt cr l i ch er Fe­stigkeit unterstützt werden. Die Pforte würde übrigens wahrscheinlich $11111 zweitenmale erfahren, wie gefährlich es sei, den Drohungen Englands gegen Ruß­land Gewicht beizulegen.

**Es ist etwas in der Luft, schreibt man der A. A. Z. ans Berlin, was ans einen baldigen Wechsel der politischen Temperatur deutet. Wir werden kaum so bald das haben was man eine Ministerkrisis nennt, ob­gleich die heterogenen Elemente unseres Ministeriums sich auch noch nicht zum kleinsten Theil assimilirt haben; selbst wenn aber der fortwährende GähruugSproceß das eine oder das andere Element ausstößt, so hat ein Wechsel der Personen .bei uns keine konstitutionelle Bedeutung mehr. Wir werden nicht einmal eine Preß- ccutralstcllenkrisis haben, obgleich die Krcuzzeitung sie $um Hundertstenmale verkündigt, und obgleich das- menti dieser Ankündigung zunächst und ausdrücklich nur der Person des angeblich designirten Nachfolgers in dem dornenvollsten aller Aemter gilt. Der blinde Eifer der Krenzzeitung ist selbst schuld, daß eS für den Minister- Präsidenten eine persönliche Ehrensache geworden, den gegenwärtigen Inhaber nicht fallen zu lassen, der außer­dem wenigstens ein gewissenhafter und im eigentlichen Sinne des Wortes unermüdlicher Arbeiter und bei al­len seinen Schwächen und Menschlichkeiten weit besser ist als sein Ruf. Aber dennoch geht etwas vor, und wir werden mehr erfahren wenn die Beendigung der großen militärischen Uebungen, die mit dem Schluß der Saison znsammcufällt, das weniger geräuschvolle Treiben der inneren Politik wieder vernehmlicher macht. Jetzt horcht und lauert und späht man auf allen Seiten; das stille Putbus hat manchen Entschluß gereift; die Eröffnung der nächsten Kammer, von welcher noch einige Monate uns trennen, kann leicht einen neuen Wende­punkt unserer inneren Entwickelung bezeichnen. Was es aber auch sei, wir werden damit überrascht werden. Die officiöse Presse spricht, seit sie ihr Schweigen wie­der gebrochen, nur noch in Gemeinplätzen und von Commnualsachen; die große Politik hat sie anfgegcben. Sie weiß offenbar nichts, und sie soll nichts wissen, man will es vermeiden frühere Mißgriffe zu wiederholen und wissentlich vielleicht das Gegentheil von dem an- küudigeu zu lassen, was wirklich geschehen wird. Schwei- gen läßt daö Feld offen. Die alten Parteien sind, wenn nicht verschwunden, doch bis zur Unkenntlichkeit verändert. Die constitutioncllc Partei, die seit dem Abtreten der Demokratie von dem parlamentarischen Kampfe zur äußersten Linken vorgeschoben war, ist nur noch eine Ruine ihrer frühern Größe; ihre meisten Kapacitäten haben sich gleich der Demokratie, die vor­zugsweise sie zu Grabe tragen halfen, zu freiwilliger Entsagung verurtheilt; was zurückgegeblicben ist, hat, außer einem kleinen trotzigen Kern, nur die breite und sentimentale Schönrednerei der einstigen Beherrscher der Tribüne sich erhalten, und wird nicht verlegen sein eine beschönigende Formel zu finden, wenn sie sich jedem ernst und bestimmt ausgesprochenen Willen der Krone beugt. Ihr gegenüber steht als wirkliche und ihres Zieles bewußte Partei nur die Partei der Krenzzeitung da, und zu ihr wird sich, darauf deutet schon die Stel­lung, welche ihr Organ in dem Conflict der Regierung und der Bischöfe dcr oberrheinischen Kirchcuprovinz im­mer entschiedener zu Gunsten der letzten ein nimmt, das Gros der Katholiken schlagen. Was zwischen diesen beiden Parteien steht, ist nicht der Rede werth. Gerlach und Belhmann-Hollweg sind mit ihrem Programm nicht soweit auseinander; sind mehr persönliche als sach­liche Fragen die sie trennen; aber freilich ist in die persönlichen Beziehungen eine Bitterkeit gedrungen, welche Aussöhnung unendlich schwer macht. Mit solchen Elementen wird cs der Krone leicht werden zu operiren sobald sie, was sie bisher in fast unerklärlicher Weise vermieten hat, das ganze Gewicht ihres Einflusses für ihre Vorlagen einzusctzcn sich berbciläßt. Keine preußi­sche Kammer, und die jetzige Kammer am allerwenigsten würde den Muth haben sich in direkte Opposition gegen die Krone zu setzen, sobald das Thema um welches sich handelt so deutlich formuliri ist, daß die Oppo­sition sich nicht mehr hinter eine Loyalität, die könig­licher zu sein behauptet als der König selbst, verstecken kann. Es ist nichts leicktcr als in Preußen zu regieren, aber freilich regiert muß werden.

Denlschlnttd.

* Wiesbaden, 12. Septbr. (Assisenverhandlung gegen Carl Reuter von Heddernheim wegen ausge­zeichneten Diebstahles.) Wir haben s. Z. des in Frankfurt an dem Bnreandiencr der Versicherungsge­sellschaft ,',Phönix" Fritz am 3. Mai l. I. verübten Mordes Erwähnung gethan. Dieses Verbrechens ist der am Tage daraus in Sachsenhausen verhaftete August Leichter schuldig und geständig. Derselbe hatte mit dem Carl Reuter die Verabredung getroffen, in daâ Comptoir der erwähnten Versicherungs-Gesellschaft ein« zusteigen und sich-des dort anfbewahrten Geldes zu be­mächtigen. Zu diesem Zweck hatte August Leichter am Abend des 30. April ein Fenster in der Werkstätte deâ Schlossermeisters Pistor in Frankfurt erbrochen und anâ derselben das Sperrzeug, 30 bis 40 Sperrhacken und Hauptschlüssel gestohlen. Carl Reuter hatte während der Verübung dieses Diebstahls vor dem Hause Wache ge­standen. Die drei darauf folgenden Tage trieben sich die beiden Genannten nm daS Börsengebäude herum, um die Gelegenheit zu dem beabsichtigten Diebstahl zu erspähen. Am Abend des 3. Mai schien denselben die Gelegenheit günstig. Sie schlichen gegen halb acht Ubr in daâ Börsengebäude und verbargen sich int Höfchen. Um halb 9 Uhr als alles still war, gingen sic in den HauS- gang. Rënker holte eine Latte aus dem Keller, an 'welcher Leichter in das offenstehende Fenster des Ab­trittes stieg. Die Abtrittthüre war verschlossen, Leichter versuchte dieselbe zu öffnen, indem er mit einem Hohl­bohrer Löcher um das Schloß herumbohrte, um dann eine Locksäge -benutzen zu können. Gegen halb li Uhr sei Jemand in die Börse gekommen und in das Local der Assecura zgesellschaft gegangen. Leichter fürchtete ge­hört ru werden und hörte auf an der Thür zu arbeiten. Er­gibt an, er habe sich auf den Fußboden niedergelegt um dort zu schlafen und Morgens sich fortznsckleichen. So habe er bis */212 gelegen, da sei Fritz nach dem Ab- tiiit zngckommen. In dem Augenblick, als derselbe dir Thüre geöffnet, sei er aufgesprungen; Fritz habe ihn ge­packt und um Hilfe gerufen. Um sich zu erwehren habe er sein Messer gezogen und nm sich gestochen. Er habe Fritz mehrere Stiche versetzt, derselbe habe mehrercmal geschrieen und sei dann zu Boden gestürzt. Als Fritz todt war, sei er in dessen Zimmcr gegangen. Dort habe er vom Tisch Geld und Schlüssel wegge- nommen, habe Egebens versucht mit dem Schlüssel die Thür zu öffnen, er habe nun an der GlaSthnre des Comptoirs eine Scheibe eingebrochen, habe dann ein Fenster geöffnet und fei aus dem ersten Stockwerk auf die 'Straße gesprungen. Die Umstände, unter

welchen Leichter verhaftet wurde, sind bekannt. Er wurde entdeckt, als er in Sachsenhausen eine Pistole kaufen wollte; als er e,griffen wurde, machte er den Versuch, sich mit seinem Dolchmesser zu tödten. Eine Mitschuld an dem Mord hat sich gegen Carl Dientet in der Untersuchung nicht ermitteln lassen.

Die Verhandlung leitet Assisenprästdent Forst; als Staatsanwalt fungirtStaatSproeurator-SubstitutReich­mann; als Vertheidiger Procurakor v. Arnoldi.

X Vom Lande, 8. Sept. Ueber Medicin al« Reform und Verbesserung des AvothekerwesenS ist bei unS schon so viel geschrieben und so wenig erreicht wor­den, 'daß jetzt alle Stimmen verstummt sind. Ich er­laube mir nur auf etwas aufmerksam zu machen, waâ ich schon öfter in Erinnerung brachte, und zwar aus dem Grund, weil ein anderer Staat eingesehen, daß dieser Vorschlag richtig war. In der neuen Medica« meutentaxe vom 16. Juli 1853 in Baden heißt eS:

8. 3.Ärzneirechnungen, welche von öffentlichen Kassen oder milden Fonds zu zahlen sind, crleiden einen Ab« zug von einem Zehntel des Betrags. Bei Arzneien für Thiere beträgt dieser Abzug ein Zwanzigstel." §. 6. Ergeben sich bei Taxirung der verschiedenen einzelnen Bestandtheile eines Recepts Bruchkrenzer, so sind die unter einem halben Kreuzer außer Rechnung zu lassen, die halben und mehr betragenden Bruchkrenzer aber al- ganze Kreuzer anzusetzen." Von wie großer Wichtig­keit diese Bestimmungen bei unserer Taxe und Einrich­tung wären, ist. früher schon öfter dargcthan worden. ES genügt hier, zu bemerken, daß sie anderwärts gesetz­lich eingefubri worden sind.

Frankfurt, 9. Septbr. Ans das Gerücht, daß bei der Einzeichnung für die hiesige Bank 25pCt. Baar zu erlegen seien, unterzeichnete heute der Handelsstand eine Eingabe an den Senat, daß auch Werthpapierr angenommen werden mögen.

Der an die Stelle des Frhrn. v. Menshengen zum f. f. Gesandten bei den Höfen von Darmstadt und