Einzelbild herunterladen
 

Nassauische Allgemeine Zeitung.

JP S// Donnerstag den 8. September 1S53.

Dit,,Naffaujschk AU»emkink Zkitiin»" mit brm telktrifHfdkn BeiblattDer Wanderer" erscheint, Sonntag« ausgenommen, täglich und beträgt der PrânumerationSpreiS für Wiesbaden und , nach dem neuen Postregulativ nunmehr auch ür den ganzen Umfang des Ldurn- und TariS'schen Verwaltungsbezirks mit Inbegriff des Postausschlag« 2 fl., für die übrigen Länder deS de»lsch«Ssterreichischen PostvereinS, wie für da« Ausland 2 st. 24 fr. gnftrate werden die vierspattig Petitjeile oder deren Raum mit 3 kr. berechnet. Bestellungen beliebe man in der Buchhandlung von SB. Friedrich, Langgaffe 42, auSwärt« bei den nächstgelegenen Postämtern, zu machen.

Die Zukunft der Äreuzzeitnng.

(Schluß.)

Als eine höchst wichtige Aufgabe, wichtig für die innern Verfassungszustände Preußens und für Preu­ßens Verhältniß zu Deutschland, erscheint ferner die Restauration der bundesgesetzmäßigen Stellung der Mediatisirtcn und Standesherrcn. Es wäre ein Schimpf für die reactionäre Partei und für die reactionäre Re­gierung, wenn beide mit solchen politischen Quadersteinen nichts solides zu bauen und nichts andres anzufangen wüßten als sie in kleine Stücke zu zerschlagen. Pul- veristrt sind sie nicht einmal zu politischen Zierbanten mehr brauchbar. Preußen ist nicht so reich an selbst­ständigen staatlichen Substanzen, daß cs irgend eine ge­sunde, geschweige denn eine so vornehme, selbständige Substanz missen könnte. Es muß auch ein nie aus den Augen zu verlierendes Ziel von Preußens deutscher Politik bleiben, das durch den Irrweg Gotha-Erfurt geschwächte Vertrauen der deutschen Fürsten im vollen Umfange wieder zu erobern. Wie soll aber dieses Ver­trauen wieder erobert werden, wenn die Bundesfürsten auf diejenigen blicken, dievormals ihccs Gleichen wa­ren", und finden, daß Preußen sie nicht zu behandeln weiß, wenn diese Herren, zu vornehm zu bloßem Prunke, aber nirgends eingefugt in den Organismus des Staats, überall im Wege stehen als lästige Ueberbleibsel einer dahin geschwundenen Vergangenheit, welche wegzuräu­men man ungeduldig die nächste Gelegenheit abwartet und wenn der Staat, wie König Jerome, in dem ehr­würdigen Haupte jenes edlen Grafen-Gcscblechts nur einen cullivaleur â Wernigerode sieht, jdessen uralter Grundbesitz, seiner adeligen Freiheiten entkleidet, den Idealen der Herren Lette und v. Patow dienstbar ist? Ihrem projectirten Eintritt in die neue Pairs'Kammer müsse die Restauration ihrer rechtlichen Stellung voran­gehen, sonst haben sie wohl keinen anderen Beruf, als daß sie als Draperien im Renaissance-Stil oder auch als gothische Ornamente den Sitzungssaal zieren helfen. Aber eS ist wohl eh«, ein Beweis für ihre Qualifica- tion zur Paine, wenn dagegen ihr altadeliges Blut sich auslehnt.

Unter die großen Hauptfragen, die hinter allen po­litischen Fragen stehen, rechnet der Rundschauer noch die hochwichtige Frage vom Eide. Menschen, die aller Gemeinschaft mit der Kirche durch förmliche gerichtliche Erklärungen entsagt haben, von denen cs völlig unge­wiß ist, ob sie als Religions- oder Jrreligions-Partei Christen, oder Pantheisten oder Atheisten sind, werden vor Gericht und sonst zugelasscn zu Eiden, welche das Bekenntniß des lebendigen. GotteS vorauSsctzcn, gewöhn­lich sogar zu Eiden, welche das Bekenntniß deS Christen­thums voraussetzen, und diesen Eiden, denen die eigent- liche Seele des EideS fehlt, nämlich der Glaube und das Bekenntniß, wird derselbe Glaube beigcmcsien, wie dem christlichen Eide, ohne irgend eine gesetzliche Grund­lage, bloß nach Maßgabe einer schlaffen, religiös-indif- serenten, gedankenlosen Praxis, welche über das positive Recht eben so sehr wie über das Wese» deS Eides sich hinwegsetzt. Die Revolution weiß was sie will, wenn sie die Eide verwirrt und entweiht. Man dürfe aber nicht vergessen, daß der Eid daS Band ist, welches die Gewissen an das Recht und den Staat bindet.

Den gemischten Eben, sagt die Rundschau, wird jetzt mit Recht von Evangelischer Seite mit ähn­lichem Ernste wie von Römischkatholischcr Seite entge­gen getreten, ein mächtiger Fortschritt gegen die zwanziger und dreißiger Jahren, wo Preußen, eben so politisch- als kirchlich kurzsichtig die gemischten Ehen be­günstigte. Aber statt bei dieser Gelegenheit ohnmächti­gen Zorn, wie tagtäglich geschieht, gegen Rom auözu- lassen, öffnet sich für uns Evangelische ein besserer Weg, der nicht zu confessioucllcm Hader führt, sondern zum Hader nur mit Sünde und Fleisch, und zur eignen confessionellen Läuterung und Kräftigung. ES ist christ­licher, ja, es ist selbst klüger, statt mit Rom zu zanken, lieber an die eigene Brust zu schlagen und bußfertig zu gestehn was wir selbst wir Evangelische aus un­sern Ehen gemacht haben! Mit welcher Stirn können wir den Römern unser Connubium aufdringen, an sich schon kein uns ehrender Versuch ! so lange wir das Schriftwort, welches die Ehescheidung verbietet, fre­ventlich brechen, so lange Preußen, und mit ihm ein großer Theil des Evangelischen Deutschlands, also die Länder, welche ihrer schriftmäßigen Reformation am lau­testen sich rühmen, durch häufige und leichtfertige Ehe­scheidungen vor allen Ländern sich auszeichnen, vor dem protestantischen England, wo so gut als gar keine, eben

so wie vor dem römisch-katholischen Frankreich, wo gar keine Ehescheidungen stattfinden, so lange die Ge­setze und die Gerüchte sanctioniren und die Diener der Evangelischen Kirche täglich als Ehe einsegnen, was nach dem klaren Schristwort nichts anderes ist als Ehebruch? Nicht über den Verfall der Sitten, nicht über unsere kirchlichen Niederlagen Rom gegenüber soll­ten wir niis wundern, sondern vielmehr darüber, daß unsere Sitten nicht noch viel mehr verfallen und daß unsre Niederlagen nicht noch viel entscheidender sind. Wunder der Gnade find eS, nichts geringe­res, die uns, gegen unser Verdienst, bis hiehcr er­halten haben. ,Jm September tritt der Evangelische Kirchentag in Berlin zusammen. Wir können, wie die Sachen stehn, nichts dagegen haben, daß dann Mei­nungs-Differenzen aller Art auf einander platzen und daß man tüchtig argumentire und disputire, echt theo­logisch und echt protestantisch. Aber schön wäre es doch, wenn unter so vielen Dissonanzen Ein mächtiges uni­sono erklänge, Ein einträchtiges Zeugniß für die christ­liche Ehe und gegen jene argen Befleckungen, voll Er­barmens für das arme von Staat und,Kirche verlassene Volk, welches den Namen:evangelisch" führt, welchem aber wenig Antheil bleibt au Staat und Kirche, wenn die christliche Ehe ihm' profauirt und genommen ist. Ein solches Zeugniß würde ein Thatbeweis sein, daß wir, als Kirche, noch leben, und ein Weheruf, dermäch- tig cindringcn würde in die Ohren und in die Gewis­sen aller Evangelischen Staaten und aller Evangelischen Kirchen in Deutschland.

Deutschland.

* Wiesbaden, 8. Sept. Morgen und übermor­gen wird in einem Saale des PalaiS am Berge der Trousseau Ihrer Durchlaucht der Prinzessin Helene zur Besichtigung ausgestellt sein. Die hierzu nöthigen Ein­laßkarten werden vom Hvfmarschallamt ausgegeben.

^ Wiesbaden, 6. Septbr. Die Feldarbeiten gehen zu Ende, mit diesen für einen großen Theil der Bedürftigen die Gelegenheit, Brsd zu verdienen. Es beginnt die Thätigkeit der Hilfsvereine und Arinencafsen, doch können diese für so viele der Brodlosen nur eine sehr kärgliche Hilfe darbitten. Wirksamer und sicherer als durch solche nur temporäre Unterstützungen wird den Armen geholfen, wenn man ihnen Beschäftigung zu­wendet. Viele der diesfalls vorgeschlagenen Erwerbs­zweige geben keinen ausreichenden Verdienst oder sind mit großen Mühen und Anstrengungen verbunden, so daß der Mittellose, der in unserer philantropischen Zeit so gerne auf dem Pflichtgefühl ober der Wohlthätigkeit seiner Mitmenschen auSruht, sich entweder krank stellt oder diesen oder einen andern EntschuldigungSgruud hat. Aus diesen Gründen machen wir auf den neu entstandenen Industriezweig der Strohflechterei aufmerk­sam. Diese bietet eine Winterbeschäftigung für die Armen, welche von Leuten jeden Alters von Kindern und von Greifen verrichtet werden kann, guten Ver­dienst bringt und mit sehr geringen Mühen verbunden ist. Nur in der fortgesetzten Uebung liegt die ganze Kunst dieses Industriezweiges und der immer steigende Verdienst. Aus den benachbarten Orten von Wies­baden beschäftigt die Filauda jetzt schon beständig Mäd- chen mit der Strohflechterei aus gebleichtem Stroh, welche täglich 15 Kreuzer verdienen. Dafür liefern diese Mädchen Geflechte so schön, wie sie nicht aus den Belgischen, Schweizer oder Schwarzwälder Fabriken ge­liefert werden. Die Familien der Armen sind sehr oft die zahlreichsten. Wenn sich nun vier Glieder einer solchen Familie mit der Strohflechterei während deS so langen Winters beschäftigen, wo sie keinen andern Ver­dienst haben, so wird damit täglich 1 fl. verdient und davon kann man schon leben. Vom 1. Mai bis 1. October war die Central-Flechtschule der Filanda geschlossen, weil die Strohflechterei nur eine Wiuterbe- schäfligung für die Armen i|t, und im Sommer die Strohbleicherri sowie das Ausschneiden und Sortiren des Strohes wieder Hände in der Filauda beschäftigt. Die Magazine in der Filanda lind nun mit dem besten Geflechtsstroh gefüllt. Das beste Kornstroh, das sich in den Feldern der Gemarkung Wiesbadens finden ließ, wurde dazu augekauft, bald nach der Blüthe ge­schnitten und gebleicht. Außerdem hatte der Revisions- rath Wagner für den Ankauf direct aus Italic» be­zogenen WaizcuS zu Geflechtsstroh gesorgt und das landwirthschaftlichc Institut auf dem GeiSberg hatte die Gefälligkeit, dcuselbeu auszusäen. Auch hiervon wurde ein Theil dieses herrlichen Geflechtstrohes an die Filanda abgegeben, de» größere» Theil aber ließ man zur Ge­

winnung einer größeren Quantität von Saamen zur Reife gelangen. Es ist weit über ein Malter dieses Saanr^nS gewonnen worden und eS kann daher das nächste Jahr schon eine sehr belangreiche Quantität von Geflechtsstroh davon bezogen werden. Auch Spelzstroh wurde von dem landwirthschaftlichen Institut an die Filauda vor der Reife abgegeben. Während die 6entrabg(fd;tfd)u(e in der Filauda geschlossen war, be­schäftigte der Revisionsrath Wagner den direct an ihn gerichteten Anforderungen entsprechend, seine Flecht- Meisterinnen im Auslande. Durch sie wurde schon die Strohflechterei ciugeführt ztl BenSheiM an der Berg­straße, zu Solm-Braunsfels, zu Unna in Westpfahlcn, in der Fabrik der Straf- und Correctionsanstalt zu Köln, zu Marburg, zu Treysa, zu Gelnhausen und zu Allendorf in Kurhessen. Am 1. October beginnt wieder ein neuer Lehrcursus in der Central - Flechtschule dcr Filanda. Die ausgezeichnetste Qualification der Flechtmeisterinnen, die sie insbesondere der jüngsten Tochter des Revisionsraths Wagner verdanken, welche fortwährend bemüht ist, die Flechtmeisterinnen der Filanda zu perfectionireu, bürgt dafür, daß bei dem neuen Lehr­cursus wieder sehr erfreuliche Resultate erzielt werden. Als im vorigen Frühling die Ccntral-Flechtschlllc ge- schlosseu wurde und die Schülerinnen worunter auch mehrere Ausläuderinueu in ihre Heimath entlassen wurden, ward dem Revisionsrath Wagner die erfreuliche Anerkennung zu Theil, daß man ihm aus dem Aus­lande schrieb, die Erwartungen seien weit übertroffen worden. Die vorzüglichen Leistungen der Flecht- Meisterinnen im Auslande hatten zur Folge, daß sie oft­mals außer ihrem Lohne, noch durch ansehnliche Ge­schenke, theils in Geld, theils in Kleidungsstücken erfreut wurden. Mögen nun auch die Herzoglichen Kreisämter darauf einwirken, daß die von dem Revisionsrath Wagner im Lande eingerichteten 32 Local-Flechtfchulen bei dem Eintritte des Winters ihre Thätigkeit beginnen. Der Central-Gerverbeverein hat sich ja erboten, für den Ver­kauf der gefertigten Fabrciate Sorge zu tragen und eS wird dadurch mancher armen Familie Verdienst und damit Brod verschafft werden.

X Von der Lahn, 4. Sept. Es ist sehr er­freulich zu sehen, welchen erfolgreichen Aufschwung die Bergbau-Industrie in unserem Lande nimmt, seit der ZoUvcreinsverband gesichert und erweitert worden ist. Von allen Seiten drängen sich ausländische Specula- tionen zur Ausbeutung der reichen Naturschätze Naffau'S wobei die Eisenerze immer den ersten Rang behaupten. Die zahlreichen und großartigen Unternehmungen zur Roheisenproduction, welche bei den Steinkohlengruben an der Ruhr in neuerer Zeit gegründet wurden oder in Ausführung begriffen sind, dürften in kurzer Zeit den Bedarf des Zollvereins vollständig befriedigen und je­den Schutzzoll auf Eisen überflüssig machen; wodurch die Behauptungen den Freihändler, die trotz allen gegen- theiligen Erfahrungen nicht müde werden, von ihrem einseitigen Standpuncte aus die Schutzzölle als den Ruin der Industrie zu verschreien, auch bezüglich des Eisens factische Widerlegung finden werden.

Mit der raschen Erweiterung, welche der nassauische Bergbau erfahren hat, macht sich naturgemäß auch daS Bedürfniß einer geregelten Gesetzgebung für denselben immer mehr geltend und die Mängel, welche bisher bestanden, treten um so deutlicher hervor. Es soll nun zwar das, von der Regierung in Aussicht gestellte neue Berggesetz zur Vorlage'bald reif sein; wodurch hoffent­lich dem wichtigste» unserer Industriezweige die geeigne­ten gesetzlichen Garantien gegeben werden: eine gute Anzahl Judustriellcu scheint indessen der Ansicht zu sein, daß ihnen und den Interesse» des Bergbaues bisher nicht diejenige Berücksichtigung zu Thcil geworden sei, die diese Industrie verdiene; womit sich die Befürchtung verbindet, daß auch das neue Berggesetz, welches nicht aus den Elementen der praktischen Erfahrung und deS großen staatswirthschaftlichen Umschwungs, dcr sich im Berg­bau in den leitenden Grundsätzen Geltung verschafft hat, hervorgehe, diesen Interessen nicht die gebührende Rech­nung tragen werde. Unter diesen Umständen ist cs er­klärlich, daß die Bergbautrcibeudcn sich rüsten, ihren Wünschen Gehör und'Eingang zu verschaffen. Hierbei wird eS sich denn auch zeigen, ob die Ausstellungen, welche schon öfter gegen unsere Bergverwaltungen er« hoben wurden, aber stets als unbegründet zurückgewie- sen worden sind, aus Wahrheit beruhen oder nicht; woraus sich eine xichtige Würdigung des bisherigen Verwaltungs-Systems von selbst ergeben wird.

O Montabaur, 4. Septbr. Pfarrvicar Hein hat heute seinen AnStrit ans unserer evangelishen Lau-